Rechenzentrum in Gefahr

Wenn die Sirenen Festplatten crashen und Ameisen Kabel attackieren

| Autor / Redakteur: Erika Waibel / Ulrike Ostler

Wer hätte das gedacht? Der Warnton der Brandmeldanlage kann Festplatten zerstören.
Wer hätte das gedacht? Der Warnton der Brandmeldanlage kann Festplatten zerstören. (Bild: © chocolatefather - stock.adobe.com)

Das Hupen einer Gaslöschanlage verformte im Frühjahr 2018 einige Festplatten in einem Rechenzentrum und brachte damit den Datenverkehr des NASDAQ-Börsenhandels im schwedischen Raum zum Erliegen. Der Vorfall ist längst nicht so skurril, wie er anmutet. Datacenter-Betreiber kämpfen auch gegen Dreck und kabelkillende Ameisen.

Im Alltag ist die Verfügbarkeit von Daten längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Die in der täglichen Datenwelt verborgene Hauptrolle spielt dabei das Rechenzentrum. Es hat die Aufgabe, Daten sicher und verlässlich aufzubewahren. 7Alliance, ein Expertengremium aus sieben IT-Unternehmen, hat sich auf die Planung, Errichtung und Pflege von Rechenzentren spezialisiert. Die Experten raten für einen reibungslosen Ablauf in Rechenzentrum in erster Linie im täglichen Betrieb Vorsicht walten zu lassen.

„Rechenzentren sind in manchen Fällen einfach nicht aufgeräumt, wodurch die Daten gefährdet werden. Das kann schon an falsch verlegten Kabel liegen, die sich durch mangelnde Vorsicht verknoten oder sogar um Rohre gewickelt werden“, heißt es aus den Reihen der IT-Experten.

Gerne würden auch Dinge wie Tische und Stühle im Server-Raum gelagert. „Ein Rechenzentrum ist aber absolut kein Lagerraum. Um ein Rechenzentrum täglich erfolgreich am Laufen halten zu können, hängt vieles also von der Aufmerksamkeit bei der Wartung, Instandhaltung und Betrieb ab und von dem Bewusstsein, dass auch ein Rechenzentrum gepflegt werden muss.“

Schmutz, Staub und Dreck

Doch auch äußere Einflüsse bieten quasi täglich enorme Angriffsflächen und sorgen für unerklärliche Ausfälle im Betrieb. Einige davon wurden noch vor wenigen Jahren eher mythisch erklärt: 1947 nahm man zum Beispiel an, dass Motten oder Käfer Kabel angefressen haben sollen, da Ausfälle verzeichnet wurden, die sich anderweitig einfach nicht erklären ließen. Grund für diese Lücken im System könnten allerdings auch Staubkörnchen gewesen sein.

Nicht nur für Allergiker eine Gefahr ...
Nicht nur für Allergiker eine Gefahr ... (Bild: gemeinfrei- Free Photo/Pixabay / CC0)

Staub, Hautpartikel oder Fasern lagert sich nicht nur zuhause, sondern auch im Rechenzentrum überall ab und sorgen hier für enorme Probleme. Einer der Gründe: Je weiter der Staub in eine Lüftungsanlage vordringt, desto mehr Energie braucht die Anlage, um die im Server-Raum entstehende Wärme abzuleiten.

Der zusätzliche Verbrauch mehrerer Megawatt-Stunden kostet Unsummen und kann im schlimmsten Fall sogar das System schädigen. Auch Kühlkörper auf Computer-Chips arbeiten durch die Ablagerungen von Staubpartikel langsamer und laufen heiß. Hardware-Ausfälle sind vorprogrammiert.

Zur Sauberkeit verpflichtet

Dank dieser hohen Bedrohungslage sind Verantwortliche im Rechenzentrum dazu verpflichtet, nach der DIN EN ISO Norm 14644-1 Klasse 8 die Einhaltung der Luftreinheit sicherzustellen. Die Norm definiert die erlaubte Partikelkonzentration pro Kubikmeter.

Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik beschäftigt sich im IT-Grundschutzkatalog explizit mit dem Thema. Das BSI weist darauf hin, dass bereits kleinste Verunreinigungen schwerwiegende Folgen haben können und nimmt den Betreiber in die Pflicht, genau das zu verhindern.

Um den Schäden vorzubeugen, müssen Filter regelmäßig gewartet werden und Lücken, etwa an Türen richtig verdichtet werden. So soll verhindert werden, dass Partikel von außen eindringen. Doch auch der Putz von den Wänden kann sich lösen und in den Schmutzkreislauf gelangen.

Ist eine Reinigung der sensiblen Umgebung geplant, sollte diese in jedem Fall durch Profis unternommen werden. Diese nutzen keine konventionellen Säuberungsmaschinen, da sie beispielsweise Staub aufwirbeln können, der sich dann erst wieder absetzen muss, sondern professionelle und auf die Bedürfnisse des sensiblen Rechenzentrums abgestimmte Trockenreinigungsgeräte.

Angriff durch die Luft

Gegen diverse Gase kann allerdings auch die Reinigung nichts ausrichten. Doch auch sie sind für die Technologie ein Problem. Auspuffgase können beispielsweise durch die Klima-Anlage in das Rechenzentrum gelangen. Batterien, metallische Partikel – sie alle können Ablagerungen verursachen, die empfindliche Verbindungen stören, Ausfälle und Fehler verursachen.

Gase kommen in Rechenzentren allerdings auch bei Bränden zum Einsatz. Entsteht im Rechenzentrum ein Schwelbrand, darf dieser natürlich nicht mit Wasser gelöscht werden, welches die Elektronik schädigen würde. Diese Aufgabe übernehmen Gaslöschanlagen. Hierbei entzieht Löschgas einem auftretenden Feuer den Sauerstoff.

Damit Menschen dabei nicht zu Schaden kommen, stößt die Löschanlage einen enorm lauten Ton aus. Dessen Frequenz hat nun in Schweden die Festplatten geschädigt, da diese zu Verformungen führte. Ein Schaden, der in deutschen Rechenzentren nicht auftreten sollte, hier werden üblicherweise gedämpfte Alarmtöne eingesetzt.

Kondenswasser an der flaschen Stelle kann der IT gefährlich werden.
Kondenswasser an der flaschen Stelle kann der IT gefährlich werden. (Bild: gemeinfrei - DerNaut / CC0)

Angriff durch Wasser

Auch Wasser kann die Elektronik empfindlich schädigen. Dabei ist genau dieses Wasser der sensiblen Server-Umgebung gefährlich nahe: Eine Klima-Anlage ist beispielsweise in der Regel mit Wasser befüllt. Eine undichte Stelle kann also schnell zu einer unkontrollierten Überschwemmung führen. Dazu kommt, dass die Klimageräte Kondenswasser bilden können.

Auch veraltete Gebäude werden schnell zum Problem, wenn alte Regenabwasserleitungen enorme Wassermengen nicht mehr tragen können und bersten. Dazu kommen noch enorme Unwetter, die in letzter Zeit weiter zunehmen und nach neuen Lösungen verlangen.

Auch Ameisen können den Datacenter gefährlich werden.
Auch Ameisen können den Datacenter gefährlich werden. (Bild: gemeinfrei - Virvoreanu-Laurentiu/ Pixabay / CC0)

Belagerung auf sechs Beinen

Doch mit den Naturgewalten scheint es noch nicht getan: Beispielsweise existiert in Texas eine Ameisenart, die gerne elektrische Geräte besiedelt. Die Ameisen fressen die Kabel in den elektrischen Geräten an, was zu Kurzschlüssen und damit im Zweifel auch zu Bränden führen kann. In Texas haben es die Ameisen bereits geschafft, eine ganze Chemiefabrik lahmzulegen und sollen Schäden von 145 Millionen Dollar verursacht haben.

Betreiber von Rechenzentren sehen sich damit vor allem unsichtbaren Gefahren gegenüber. Der Aufbau eines Backup-Systems ist daher unerlässlich, um im Falle eines Unglücks die sensiblen Daten zu retten und den Betrieb aufrechterhalten zu können. Tägliche Backups gelten auch vor dem Gesetz als Standard. Entsprechend gehört die regelmäßige Datensicherung zur Pflicht einer ordentlichen Unternehmensführung und zur Einhaltung von Compliance-Richtlinien.

Expertenwissen

Für eine effiziente und wirtschaftliche Arbeit müssen Rechenzentren nicht nur von Experten geplant und erbaut, sondern anschließend auch regelmäßig gereinigt und gewartet werden. So können Performance-Einbußen etwa durch Ablagerung von Staubpartikeln vermieden werden. Eine IT-Haftpflichtversicherung kann übrigens Schäden absichern, die bei der Reinigung entstehen können und schützt so den Betreiber zusätzlich.

Für die eigene Sicherung ist es sinnvoll, Garantie- und Wartungsverträge ebenso regelmäßig zu prüfen, wie die technische Gebäudeausrüstung. So können eventuelle Leckagen möglichst rechtzeitig entdeckt und einem potenziellen Schaden vorgebeugt werden.

Für eine höchstmögliche tägliche Sicherheit rät die 7Alliance dazu, regelmäßig den Ernstfall zu proben. Nur ein solcher Black Box Test könne zeigen, an welcher Stelle Nachbesserungen nötig werden oder Reparaturen verpflichtend werden können.

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