Vorsicht Falle!

Was ist Lock-in?

| Autor / Redakteur: Otto Geißler / Ulrike Ostler

Lock-in-Effekte galten lange als Kostentreiber und Innovationsbremsen in der IT. Im Cloud-Zeitalter drohen viele Unternehmen erneut in diese Falle zu tappen.
Lock-in-Effekte galten lange als Kostentreiber und Innovationsbremsen in der IT. Im Cloud-Zeitalter drohen viele Unternehmen erneut in diese Falle zu tappen. (Bild: © djama - stock.adob.com)

Unter „Lock-in“ wird eine enge Bindung eines Kunden an die Produkte eines Anbieters verstanden, die zu einer starken Abhängigkeit führt. Dadurch wird der Wechsel zu einem anderen Anbieter auf Grund zu hoher Transaktionskosten unwirtschaftlich.

Die Neukunden-Akquisition gehört zu den wichtigsten Aktivitäten von Unternehmen. Wobei es in der Regel kostengünstiger und einfacher ist, den bestehenden Kundenstamm enger an ein Unternehmen zu binden. Der systematische Aufbau von Lock-in-Effekten ist – aus Sicht der Anbieter - eine zielführende Maßnahme, um das Ziel der Kundenbindung zu erreichen.

Dies geschieht, indem der Anbieter dem Kunden im Laufe einer Kundenbeziehung versucht, einen immer größeren Mehrwert zu liefern. Bei einem Wechsel zur Konkurrenz, würde der Kunde diesen wieder verlieren. Eine solche fortschreitende Abhängigkeit spiegelt sich letztlich in zunehmenden Umsatzchancen für den Anbieter wider.

Aufbau von Wechselbarrieren

Kundenbindungen und damit Wechselbarrieren können durch folgende Maßnahmen erzielt werden:

  • Spezifisches Fachwissen, das nicht auf Konkurrenzprodukte übertragbar ist.
  • Vertragliche Bindungen.
  • Die Suche nach einem neuen Anbieter würde Zeit und Kosten beanspruchen.
  • Privilegien des Anbieters, die nicht auf andere Dienste oder Produkte übertragen werden können.
  • Die Individualisierung des Angebots bindet den Kunden immer stärker an den Anbieter.
  • Miteinander verbundene Produkte werden von einem Anbieter nur kompatibel angeboten.

Lock-in bei IT-Systemen – nichts Neues

In der IT sind Lock-in- oder Vendor-Lock-in-Effekte schon so vertraut, dass sie vielleicht nicht immer ganz bewusst wahrgenommen werden. So mussten sich Kunden stets für ein Betriebssystem wie „Windows“, „OS X“ oder „Unix“ oder Entwicklungsplattformen wie „.Net“, „Java“ oder „Rails“ oder Datenbanksysteme wie „Oracle“, „SQL Server“ oder „Informix“ entscheiden. Mit der Abkehr von On-Premises-Hardware und -Software gelang es den Unternehmen jedoch, Lock-in-Effekte von einzelnen Technik-Anbietern zu durchbrechen.

Wer sich früher auf proprietäre Lösungen eines Anbieters stützte, kam aufgrund hoher Wechselbarrieren nur schlecht als recht wieder von ihnen los. Dieser Vendor-Lock-in, der sich als große Innovationshürde erwies, scheint nun der Vergangenheit anzugehören.

Sind Lock-in-Effekte im Cloud-Zeitalter ebenfalls passé? Ganz im Gegenteil: Es drohen neue Abhängigkeiten. In diesem Falle von den APIs und Services des jeweiligen Cloud-Anbieters.

Lock-in in der Public Cloud

Die Cloud ist heute vor allem für kleine Unternehmen und Startups ein großer Segen. Im Vergleich dazu mussten beispielsweise Unternehmensgründer früher fast das gesamte Startkapital für Hardware und Software-Lizenzen ausgeben, nur um eine Konzept-Demo zu erstellen. Außerdem dauerte es oftmals Monate, bis das IT-System beschafft und eingerichtet war. Dagegen ist heute eine Cloud-Lösung wesentlich agiler!

Studien zeigten, dass viele Unternehmen heute mehr als einen Cloud-Provider nutzen. Das heißt, für neue Projekte können sie je nach den Anforderungen frei zwischen den Anbietern hin und her wechseln. Doch wenn auch die Verschiebung der Workloads in die Cloud zu flexibleren Arbeitsprozessen führt, droht auch hier der Lock-in. Denn bei Public-Cloud-Providern sind Standardschnittstellen und offene API immer noch Mangelware.

Unterschiede bei Datenformaten, Containern und virtuellen Maschinen behindern gut gemeinte Migrationsvorhaben. Da die einzelnen Provider mit jeweils spezifischen Strukturen und Oberflächen arbeiten, kann die Einrichtung und Verwaltung der Cloud-Ressourcen nur von geschultem Personal effizient ausgeführt werden. Probleme können ebenfalls in folgenden Bereichen auftauchen: Sicherheit, Management, Continuous-Integration-/Continuous-Delivery-Pipelines, Container-Orchestration, Content-Management, Suche, Datenbanken, Data-Warehouses oder Analytics.

Lock-in-Effekte vermeiden

Laut dem Prinzip der „Data Gravity“ kann es schnell passieren, dass je mehr Daten an einem spezifischen Ort vorgehalten werden müssen, es umso schwieriger wird, sie an einen anderen Ort zu verschieben. Möchte ein Unternehmen mit seiner On-Premise-Infrastruktur auf eine Public Cloud umziehen, sollte es sich vielleicht zweimal überlegen, ob es die dort angebotene Datenbank tatsächlich nutzen will oder ob es sich damit nicht zu sehr der Kontrolle eines einzelnen Anbieters aussetzt.

Besser wäre es, wenn Unternehmen in Technologien investierten, die sie nicht dauerhaft an einen Public-Cloud-Anbieter-Anbieter bindet, sondern eine möglichst hohe Flexibilität garantiert. Sonst droht auch hier der Cloud-Lock-in – mit allen negativen Folgen für IT und Innovation.

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