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Zwei Firmen, ein ähnliches Geschäftsmodell So tickt das Open-Source-Business

| Autor: Stefan Riedl

Gambio bietet eine Webshop-Lösung. DMK E-Business ist neben E-Commerce auch in Sachen CRM und CMS unterwegs. Gemein ist beiden Firmen der Open-Source-Ansatz. Hier gelten eigene Regeln, Geschäftsmodelle, Erfolgsfaktoren und Herausforderungen.

Firma zum Thema

Open-Source-Software ist stehts mit Teamwork verbunden.
Open-Source-Software ist stehts mit Teamwork verbunden.
(Bild: © Nelos-stock.adobe.com )

DMK E-Business ist seit zehn Jahren auf dem Markt, war von Anfang an als Software- und Beratungshaus ausgerichtet und hat vom Start weg auf webbasierte Open-Source-Software gesetzt. In den letzten 15 Jahren konnte sich die Firma vom Zwei-Mann-Startup zu einem Unternehmen mit 35 Vollzeitmitarbeitern an den drei Standorten Chemnitz, Potsdam und Köln entwickeln.

Tim Neugebauer, Geschäftsführer, DMK E-Business
Tim Neugebauer, Geschäftsführer, DMK E-Business
(Bild: DMK E-Business )

Tim Neugebauer, einer von drei Geschäftsführern und einer von zwei Gründern, beschreibt: „DMK E-Business ist keine Garagen- sondern eine Studentenbuden-Story, wenn man so will. Wir haben uns damals während des Studiums – bei mir war es BWL mit Schwerpunkt Marketing und Wirtschaftsinformatik – den Lebensunterhalt damit verdient. Am Ende des Studiums waren bereits etwa 15 Mitarbeiter an Bord.“

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Daniel Schnadt, Geschäftsführer, Gambio
Daniel Schnadt, Geschäftsführer, Gambio
(Bild: Gambio )

Gambio wurde von Daniel Schnadt in Oldenburg gegründet, bevor das Unternehmen später nach Bremen zog. Angefangen hat das so ab 2004, als gerade das Abitur anstand. „Schon während der Schulzeit ­habe ich teilweise Waren aus China importiert und über Ebay verkauft. 2002 waren es Elektroroller. Zum heißen Sommer im Jahr 2003 waren es Ventilatoren. Später kam ein eigener Online-Shop hinzu“, so der Unternehmer.

Ein Bekannter von Schnadt – der jetzt nicht mehr an Bord ist – war damals mehr für die Programmierung und er selbst eher für den Einkauf zuständig. Im Laufe der Zeit kamen Leute auf ihn zu, die Interesse an einem ähnlich strukturierten Online-Shop hatten. „Wir hatten unseren relativ hemdsärmelig auf Basis der Open-Source-Lösung ‚OS Commerce‘ realisiert, der, wenn man so will, Mutter aller Shop­systeme“, so Schnadt.

Später nach dem Abi hat er, um diese Nachfrage zu befriedigen, zusammen mit einem weiteren Bekannten, der gut programmieren konnte, die erste Gambio-Version entwickelt. „Angeboten haben wir die Software über Ebay, was ­relativ gut funktioniert hat. Unsere Firma ist langsam aber stetig gewachsen, ohne großen Kostenapparat und ohne Bankenfinanzierung oder Investoren.“

Schnadt blickt zurück: „Den ersten Angestellten haben wir 2006 ausgebildet, und wir hatten Glück: Moritz Bunjes ist ­immer noch an Bord und heute Leiter der Entwicklungsabteilung.“ Inzwischen arbeiten 52 Vollzeit-Mitarbeiter bei Gambio, davon ungefähr ein Viertel im Support. Dieser spielt im Konkurrenzkampf im Geschäftsmodell wegen seines Flatrate-Charakters eine ­besondere Rolle im Sinne eines Alleinstellungsmerkmals.

Erfolg mit Open Source

Bei Open-Source-Software arbeitet eine große Community kleinteilig am selben Ziel.
Bei Open-Source-Software arbeitet eine große Community kleinteilig am selben Ziel.
(Bild: © Antrey - stock.adobe.com )

Beide Geschäftsführer, Neugebauer und Schnadt, haben ihren unternehmerischen Erfolg im Open-Source-Umfeld ­gesucht und gefunden. Die Open-Source-Basis bei Neugebauers DMK E-Business bildet im CRM-Bereich das „Oro CRM“, während in Sachen E-Commerce auf „Oro Commerce“ und im CMS-Umfeld auf den Klassiker Typo3 gesetzt wird.

Die Basis bei Gambio bildet die Open-Source-Software „XT Commerce“, dem Nachfolger von „OS Commerce“, den Schnadt heute als Wettbewerber bezeichnet: „So läuft das im Open-Source-Umfeld manchmal: Du nimmst etwas und entwickelst es weiter und wirst ein Konkurrent“, so der Unternehmensgründer.

Das Thema Konkurrenzdruck spielt daher durchaus eine wichtige und teilweise anders gelagerte Rolle als bei klassischer Software: „Auch Gambio ist Open Source, und wir könnten niemandem verbieten, etwas neues daraus zu entwickeln. So unterliegt jeder Anbieter einem natürlichen Zwang, besser zu sein als der Wettbewerber, Nischen zu finden oder Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln“, fasst Gambio-Chef Schnadt zusammen.

Support verursacht Kosten

Tim Neugebauer betont: „Wir bauen bewusst nicht auf ein Geschäftsmodell rund um proprietäre Software mit Lizenzkosten et cetera. In der Open-Source-Welt bieten sich bessere Möglichkeiten, System und Plattform anzupassen und zu wachsen. Beispielsweise durch den Ansatz, dass Kunden mit einer kostenfreien Community-Version starten können, um dann auf ein kostenpflichtiges Enter­prise-Modell mit Support zu wechseln.“

Außerdem bietet der offene Quellcode in Kombination mit der breiten Schnittstellenauswahl mehr Möglichkeiten, was die Flexibilisierung und die Anpassungs­fähigkeit angeht, verglichen mit „Software von der Stange“, so der Firmengründer. Beispielsweise habe DMK E-Business für die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) eine Lösung zum Daten- und Kundenmanagement entwickelt, die es so oder ähnlich kein zweites Mal gibt.

Keine Server-Infrastruktur vorhalten

Zu Open Source zählen zahlreiche Programme – von Firefox über Ubuntu bis hin zu OpenOffice.
Zu Open Source zählen zahlreiche Programme – von Firefox über Ubuntu bis hin zu OpenOffice.
(Bild: © ONYXprj-stock.adobe.com )

Schnadt bringt einen weiteren Punkt ins Spiel: „Auch im SaaS-Bereich spielt Open Source seine Vorteile aus. Denn der Umstieg raus aus der Cloud zurück zum eigenen Server-Betrieb ist kein Problem, da die Software im Hintergrund sehr ähnlich ist.“ Der Unternehmensgründer spricht damit den Einstieg seines Unternehmens in die SaaS-Welt an: Neben dem klassischen On-Prem- und Support-Modell bietet Gambio inzwischen ein SaaS-Modell, bei dem der Kunde ­keine Server-Infrastruktur bei sich mehr ­bereithalten muss. „Wir haben das seit 2017 mehr oder weniger im Stealth-­Modus getestet und sind seit einem Jahr richtig aktiv“, so Schnadt.

Inzwischen wurde das Angebot von einer vierstelligen Anzahl an Händlern angenommen, und viele weitere steigen auf die Cloud um. „Es gibt hier zwei Tarife: Standard ist 19,95 Euro, und große Händler können für 99,95 Euro eine Version, die für sie ausgelegt ist, mieten. Hierbei geht es beispielsweise um einen erweiterten API-Zugang“, führt der Geschäftsführer aus. Im Grunde ist die Zielgruppe klar: „Händler, die schnell wachsen oder solche, die Peaks abzufangen haben, beispielsweise im Weihnachtsgeschäft. Sie müssen das im SaaS-Modell nicht mit ­eigener Hardware abbilden, was große Kostenvorteile mit sich bringt“, erläutert der Gambio-Chef.

Weg vom Image „Bastel-Lösung“

Als „Open Source“ wird in der Regel kostenlose Software bezeichnet, deren Quelltext öffentlich und von Dritten eingesehen, geändert und genutzt werden kann.
Als „Open Source“ wird in der Regel kostenlose Software bezeichnet, deren Quelltext öffentlich und von Dritten eingesehen, geändert und genutzt werden kann.
(Bild: © MacX - stock.adobe.com )

Die Einstellung zu Open-Source-Software hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, findet sein Kollege in Sachen offener Quellcode, Tim Neugebauer. Wurde sie vor ein paar Jahren von vielen CIO-Köpfen noch als „Bastellösung“ unterhalb echter „Enterprise-Software“ angesehen, sei inzwischen die strategische Bedeutung von Open Source in den Vordergrund gerückt. Neugebauer geht so weit zu sagen: „Letztlich lässt sich nach meinem Dafürhalten echtes Ownership nur mit Open Source erreichen.“

Auch unter Security-Aspekten seien die Vorteile von Open-Source-Lösungen nicht zu verachten. Neugebauer führt aus: „Open Source steht in Hinblick auf die Beseitigung von Fehlern oder Security-Schwachstellen der Nicht-Open-Source-Welt in nichts nach. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Software, die auf freiem Quellcode basiert, gehärteter daherkommt, als die aus dem Closed-Software-Bereich.“

Denn nichts sei einfacher für Hacker, als den Code herunterzuladen und nach Schwachstellen zu durchsuchen. Wird ­etwas gefunden, sei die Community aber genauso schnell beim Schließen der Sicherheitslücke. Proprietäre Software sei in ­diesem Sinne vergleichsweise eher als Blackbox zu sehen, die zu unbekannten Härtegraden führt.

Extended Long Term Support Versionen

Wenn der Quellcode offen ist, hat das Auswirkungen auf das Geschäftsmodell, bei dem eher Support und technische Unterstützung monetarisiert werden. Auch das Bereitstellen von gepflegten Versionsständen über längere Zeiträume hinweg, während die Community weiterentwickelt, ist ein Mehrwert, für den bezahlt wird.

Tim Neugebauer, erläutert in diesem Zusammenhang anhand eines Beispiels, wie im Open-Source-Umfeld mit verlässlichen Versionen gearbeitet werden kann, während die Community laufend weiterentwickelt. „Wir sind Gold-Partner der Typo3 Association, die als organisatorische Klammer für die Weiterentwicklung in der Open-Source-Community dient“, so der Firmengründer. Diese Association stellt beispielsweise zusammen mit der Typo3 GmbH so genannte ­„Extended Long Term Support Versionen“ zur Verfügung, um trotz fortschreitender Entwicklung langlaufende Versionen mit fälligen Patches bereitzustellen.

„Außerdem bietet das Unternehmen Consulting-Dienste an und bietet ein Partnermodell für Unternehmen wie DMK E-Business.“ Firmen wie DMK E-Business und Gambio sowie deren Kunden können so die vielen Anpassungen und Features durch die Community in einem verträglichen und planbaren Maß adaptieren.

Kostenfreie Vollversionen

„Wir bieten Support, Patches und Updates für die Gambio-Nutzer an“, so Schnadt. „Seit 2004 gab es nur eine Preiserhöhung, und seitdem kosten Software und Support 150 Euro im Jahr. Der User kann aber eine Vollversion ohne Leistungsbeschränkungen auch zunächst kostenfrei herunterladen und kostenlos nutzen.“

Theoretisch kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt X eine aktuelle Vollversion heruntergeladen werden, sodass jederzeit ­eine aktuelle Version neu installiert werden könnte. „Allerdings sind dann Konfigurationen, Erweiterungen, Module und Schnittstellen neu einzurichten. Daher wird der Weg über Updates gewählt“, so Schnadt. Diese sind aus lizenztechnischen Gründen auch Open Source und beeinträchtigen, richtig bereitgestellt, den laufenden Betrieb nicht.

Support-Flatrate

Letztendlich zahlen die Kunden für professionelle Unterstützung, damit das System im Tagesgeschäft rund läuft. So ist bei den 150 Euro Jahresgebühr für einen Gambio-Webshop auch ein unbegrenzter Telefonsupport eingepreist. „Viele Nutzer haben gerade zu Beginn keine Ahnung und sind froh, wenn ihnen geholfen wird“, so der Gambio-Chef. „Manche überstrapazieren die Support-Offerte, andere kommen ganz ohne aus, sodass sich das ausgleicht. Wir fahren dieses Modell jetzt seit 15 Jahren und es hat sich bewährt, vor allen Dingen als Alleinstellungsmerkmal.“

Vor diesem Hintergrund hat Gambio damals viele kleine Kunden bekommen, „um die sich sonst keiner gerissen hat“. Inzwischen sind jedoch viele davon groß geworden und durch das Support-Modell dankbar und treu.

Community-Basisversion und Enterprise-Version

Das klassische Modell im Open-Source-Umfeld ist jenes, das zwischen kostenfreien Versionen ohne Support und kostenpflichtigen Versionen mit Support unterschieden wird. Das kann sich über mehrere Stufen in der Wertschöpfungskette fortsetzen. Neugebauer, Chef von DMK E-Business, ­erläutert: „Oro Inc. setzt zur Finanzierung auf das klassische Modell mit einer Community-Basisversion und einer Enterprise-Version mit Support. Diese bildet wiederum die Basis für unsere individuell angepassten Lösungen und Dienste.“

Früher sei der Nerd-Faktor im Open-Source-Umfeld noch erheblich höher gewesen. „Da hat sich viel professionalisiert“, bringt es Neugebauer auf den Punkt. Das zeigt sich beispielsweise an der Entwicklung von Github, ein Online-Dienst, auf dessen Servern viele Open-Source-Projekte angeboten und weiterentwickelt werden. Anhand des breiten Sammelsurium für Entwickler kann die Dynamik der Branche sehr gut nachvollzogen werden.

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