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Open-IT-Summit 2013 - Frust und Lust Open-Source-Förderung? Nein, danke.

| Autor / Redakteur: Thomas Drilling / Ulrike Ostler

Am Wochenende ist in Berlin der diesjährige Linux-Tag – die in Deutschland neben der CeBIT wichtigste Veranstaltung im Open-Source-Umfeld – über die Bühne gegangen, flankiert vom ersten Open-IT-Summit. Er soll den Vorstellungen von Open-Source-Herstellern und professionellen Anwendern Rechnung tragen. Hier stand die Open-Source-Förderung auf der Agenda. Doch das Thema erzeugt Frust.

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Dr. Jutta Kreyss, Landeshauptstadt München im Vortrag: "LiMux - Mehr als 12.000 Clients im Betrieb: Lessons Learned"
Dr. Jutta Kreyss, Landeshauptstadt München im Vortrag: "LiMux - Mehr als 12.000 Clients im Betrieb: Lessons Learned"
(Bild: Open IT Summit)

Während sich der Linux-Tag, heuer zum siebten Mal auf dem Berliner Messegelände, traditionell der Community verpflichtet fühlt, soll der erste Open-IT-Summit, der parallel von der Open Source Business Alliance und der Messe Berlin organisiert worden war, mit einem hochkarätigen Vortragsprogramm den Vorstellungen von Open-Source-Herstellern und professionellen Anwendern gerecht werden. Im Rahmen eines politisch orientierten Tracks ist die Open-Source-Förderung in der EU platziert gewesen, mit einem für Deutschland immer noch ernüchternden Ergebnis.

Mit Blick auf eine von vielen Protagonisten der Open-Source-Szene seit Jahren geforderte politisch und gesellschaftlich motivierte Förderung des Einsatzes von Open-Source-Software in Behörden, Schulen und öffentlichen Einrichtungen ragte besonders der erste Veranstaltungstag mit einem Politik-Track heraus. In diesem Rahmen fanden sich Politiker, Vertreter von Behörden, Unternehmen und Spezialisten zu Vorträgen und einer anschließendem Podiumsdiskussion zusammen.

Thema war häufig die OSS-Förderung in Deutschland. Doch das Fazit der Experten ernüchtert. So hielten sich laut Karl-Heinz Loeper, einem ehemaligen IT-Leiter der Stadt Berlin gerade deutsche Behörden viel zu häufig mit „genehmigungsorientiertem Denken" auf, obwohl es seitens der EU spätestens seit 2009 in dieser Frage klare Regelungen und Richtlinien gäbe.

Der gute Wille

Bereits seit 2001 spricht die EU in unterschiedlichen Formen und durch unterschiedliche Fürsprecher oder durch die Anfertigung von Studien nimmer wieder Empfehlungen zur Verwendung von Open-Source-Software in den Mitgliedsstaaten aus. Fürsprecherin war etwa 2008 die damalige EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes.

Doch in Deutschland geht es im Vergleich zum europäischen Ausland nur schleppend bis gar nicht voran. Wohlwollende Initiativen gibt es genug, wie das eigens vom Bundesverwaltungsamt gegründeten Kompetenzzentrum Open-Source-Software. Dazu kommen immer wieder Aufrufe von dem Business-Einsatz von Open-Source-Software zugetaner Vereine, wie der Open Source Business Alliance oder der Free Software Foundation Europe. Laut Loeper gäbe es sogar einen Beschluss, der Open Source, Transparenz und offene Daten nicht nur empfehle, sondern vorschreibe.

Was in Frankreich geht

Auch Referent Gijs Hillenius vom News-Portal der europäischen Kommission Joinup stimmte in diesen Tenor ein. Laut Hillenius liegt was Open-Source-Nutzung und die gesetzlichen Rahmenbedingungen angeht „Deutschland ganz weit hinten“. Die ganz großen Open-Source-Projekte fänden derzeit in Frankreich und in Spanien statt.

So stellt etwa die französische Gendarmerie zur Zeit 90000 Arbeitsplätze auf Linux um. Ferner möchte Frankreichs Senat seine Grundschulen und weiterführenden Schulen dazu bringen, mehr offene und freie Software für sämtliche Angebote zu verwenden, die öffentlich zugänglich sind. Das hat ebenfalls Joinup erst gestern in einer Pressemitteilung unter Bezugnahme auf französische Quellen berichtet.

Gijs Hillenius, IT-Journalist, Belgien: „Deutschland liegt ganz weit hinten“.
Gijs Hillenius, IT-Journalist, Belgien: „Deutschland liegt ganz weit hinten“.
(Bild: Opem IT Summit)
Demnach will der französische Senat die Richtlinie an die Nationalversammlung übergeben, die bereits am 3. Juni darüber abstimmt. Im September letzten Jahres hatte, ebenfalls einer Meldung auf Joinup zur Folge, der seit 2012 amtierende französische Premierminister Jean-Marc Ayrault in einem Schreiben die Behörden aller Verwaltungsebenen aufgefordert, wo immer möglich Open-Source-Software einzusetzen.

Viva Espania!

Weitere Vorzeige-Projekte zur Förderungen des Open-Source-Einsatzes in der EU fanden und finden außerdem in der autonomen spanischen Region Andalusien und in der Region Estremadura statt. Andalusien beispielsweise stattete bis zum Ende des vergangenen Jahres 4.000 Schulen mit Linux-Desktops aus, denen laut Canonocal noch 220.000 weitere folgen sollen.

Die spanische Region Extremadura hat erst im April diesen Jahres damit begonnen, ihre Desktop-PCs auf die selbst entwickelte, auf Debian basierende Linux-Distribution Sysgobex umzustellen. Das Vorhaben, Extremaduras Regierungs-PCs auf Linux umzustellen, ist nach der Umrüstung der französischen Gendamerie eines der weltweit größten Open-Source-Migrations-Projekte und das derzeit zweitgrößte in Europa.

Italien und Skandinavien

An dritter Stelle folgt zwar bereits das LiMux-Projekt der bayrischen Landeshauptstadt München mit rund 15.000 bereits umgestellten PCs. Allerdings nimmt München unter den deutschen Migrations-Projekten zweifelsohne eine Sonderrolle ein, während vergleichbare Projekte wie Freiburg bewusst oder unbewusst an die Wand gefahren wurden, obwohl Vereine wie OSBA und die Document Foundation in einem offenen Brief eindringlich für den Verbleib bei Open Office anstelle der beschlossenen Rück-Migration auf MS Office plädiert hatten.

Das Münchener LiMuxProjekt sei laut Hillenius zwar wichtig für Duschland, aber nahezu einmalig. Er verwies indes auf weitere Positiv-Beispiele etwa im Baskenland. Die autonome Region dort hatte bereits in 2012 beschlossen, dass jede für öffentliche Behörden und Organisationen entwickelte Software als Open Source der Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden muss.

Die italienische Region Puglia hatte bereits 2011 den Open-Source-Einsatz in den öffentlichen Verwaltungen der Region per Gesetzt verordnet. Red Hats Landesgeschäftsführer Gianni Anguilletti war laut „Computerworld Italy“ von dem neuen Gesetz begeistert.

Die positiven Beispiele aus dem europäischen Raum ließen sich laut Hillenius beinahe beliebig fortsetzen und so brachte er noch Portugal, Norwegen, Finnland und Griechenland zur Sprache. Dafür, dass es in Deutschland dagegen als einzigen der EU Länder noch immer kein Gesetz zur Förderung von Open Source gäbe, habe er keine Erklärung.

Die deutschen Parteien

Zum Abschluss des Vortragstracks referierte Matthias Kirschner von der Free Software Foundation Europe über die zahlreichen Versuche der FSFE Deutschland, den deutschen Parteien in Bezug auf Ihre Open-Source-Affinität auf den Zahn zu fühlen. So habe man in den vergangenen Jahren zahlreiche Initiativen und Kampagnen gestartet, um Entscheider auf die Bedeutung freier Software für Behörden und Politik insbesondere unter dem Gesichtspunkt Nachhaltigkeit aufmerksam zu machen. Die FSFE will in diesem Zusammenhang in Kürze die Ergebnisse seiner sehr erfolgreichen PDF-Readers-Kampagne präsentieren.

Stefan Gelbhaar, stellvertretender Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Grüne im Abgeordnetenhaus von Berlin, Sprecher für Verkehrs-, Medien- und Netzpolitik auf der Podiumsdiskussion: "Gestalten statt verwalten: Open IT von der Gemeinde bis zur EU",
Stefan Gelbhaar, stellvertretender Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Grüne im Abgeordnetenhaus von Berlin, Sprecher für Verkehrs-, Medien- und Netzpolitik auf der Podiumsdiskussion: "Gestalten statt verwalten: Open IT von der Gemeinde bis zur EU",
(Bild: Open IT Summit)
In der sich den Vorträgen anschließenden Podiums-Diskussion gesellten sich auch Peter Hofmann, IT-Leiter der Stadt München und Stefan Gelbhaar aus dem Berliner Abgeordnetenhaus der Grünen hinzu und bestätigten unüberhöhrbar, wie weit in Deutschland Wunsch und Realität in der politischen Gesetzgebung auseinander sind. Laut Hofmann schreiben Juristen ihnen vor, man dürfe Open-Source in einer Ausschreibungen nicht zur Bedingung machen, weil das gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoße. Stefan Gelbhaar kündigte daraufhin an, dass die Berliner Grünen planten, das einmal exemplarisch einmal durchzufechten.

Der Autor:

Seit der Jahrtausendwende gilt seine Begeisterung als Buch-Autor, Journalist und freier Redakteur fast ausschließlich der IT-Bericht-Erstattung.
Seit der Jahrtausendwende gilt seine Begeisterung als Buch-Autor, Journalist und freier Redakteur fast ausschließlich der IT-Bericht-Erstattung.
(Bild: Thomas Drilling)
Thomas Driling ist seit Abschuss seines Informatikstudiums Anfang der 90ger Jahre selbstständig auf den unterschiedlichsten Gebieten im IT-Sektor, etwa als Trainer, Consultant und Administrator tätig und befasst sich seit 1998 schwerpunktmäßig mit Open-Source. Aktuell konzentriert er sich überwiegend auf Business- und Enterprise-Themen im Bereich Linux/Open Source, Cloud, Virtualisierung, Netzwerk und Client-Managenent/Monitoring und Unified Communications. Seit Kurzem schreibt er Tipps und Tricks in unserem Blog "Drillings Open Source Eck"

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