Unternehmen und Behörden werden auch intern überwacht NSA: Backdoors in 80.000 strategischen Servern weltweit

Redakteur: Jürgen Sprenzinger

Nachrichtendienste haben eine Infrastruktur geschaffen, mit der sie das gesamte Internet und jede über öffentliche Netze abgewickelte Telefon- und Handy-Kommunikation überwachen sowie gespeicherte und übertragene Daten manipulieren können.

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Echte Sicherheit gibt es (noch) nicht
Echte Sicherheit gibt es (noch) nicht
(Bild: intellihub.com)

Unternehmen und Behörden werden auch intern überwacht und Daten und Dokumente können manipuliert werden. Davon sind nicht nur vernetzte Computer betroffen; über Datenträger sowie über optische und akustische Ausspähung beispielsweise das Abhören von Tastenklicks) sind auch nicht vernetzte Rechner potenziell verwundbar.

Edward Snowdon plaudert weiter ...

Der Präsidiumsarbeitskreis „Datenschutz und IT-Sicherheit“ der Gesellschaft für Informatik e. V. (GI) warnt deutsche und europäische Unternehmen, Behörden und Private vor der von der NSA vorgenommenen Installation von Hintertüren auf den wichtigsten Internet-Servern. Das Ziel ist es, auch in die angeschlossenen Unternehmens- und Behördennetze einzudringen. Dies belegen jedenfalls die von Edward Snowden vorgelegten Dokumente. Wenn wir davon ausgehen, dass ausschließlich die G8-Industriestaaten davon betroffen sind, entspricht das durchschnittlich 10.000 Servern pro Nation.

Fast alle Branchen sind betroffen

Die angegriffenen strategischen Computer sind neben den Vermittlungsrechnern der Telekommunikation weltweit die zentralen Server und Router der wichtigsten Unternehmen und Branchen wie Automobil, Energie (Kraftwerke, Strom- und Gasversorgung), Nahrungsmittel, Finanzen und Versicherungen, Telekommunikation, Medien, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasserversorgung, Chemie- und Pharmaproduktion.

Hartmut Pohl, Sprecher des Arbeitskreises: „Wir müssen davon ausgehen, dass diese Angriffstechniken auch von anderen Ländern wie England, Frankreich, Schweden, Russland, China, Japan und Korea, aber auch von der organisierten Kriminalität eingesetzt werden.“

Die Angriffe nutzen bisher nicht bekannte und unveröffentlichte Sicherheitslücken (zero-day vulnerabilities) in weit verbreiteter Standardsoftware und auch Individualsoftware aus. Betroffen ist insbesondere Sicherheitssoftware wie Firewalls, Virensuchprogramme, Verschlüsselungs-Software, Systeme zur Intrusion Detection/Protection, außerdem (Open Source und proprietäre) Betriebssysteme. Daneben liegt die Vermutung nahe, dass auf „Anraten“ der Nachrichtendienste bereits von den Herstellern Sicherheitslücken eingebaut werden, die jederzeit gezielte Angriffe ermöglichen (beispielsweise die „Security Updates“ zu Betriebssystemen).

Während dieser Angriffe – die praktisch nicht erkannt werden können – werden Backdoors installiert, die einen sofortigen oder zukünftigen Zugriff auf alle gespeicherten und kommunizierten Daten in Echtzeit ermöglichen. Alle Kommunikationsvorgänge können dann protokolliert, aufgezeichnet und zur Auswertung an die Nachrichtendienste übermittelt werden. Inhalte werden genauso gespeichert wie Verkehrsdaten: Sender, Empfänger, Datum, Ortsangaben und vieles mehr.

Gefährliche Intelligenz im Background

Mit einem Aufwand von jährlich etwa 250 Millionen US-Dollar können mit HTTPS, PGP, GnuPGP, Skype, SSH, VPN/IPSec, Public KeyEncryption verschlüsselte Daten offenbar auf drei Wegen entschlüsselt werden:

  • Die Algorithmen „schwacher“ Verschlüsselungsverfahren werden gebrochen.
  • In „starken“ Verschlüsselungsverfahren werden Hintertüren oder unveröffentlichte Sicherheitslücken eingebaut oder ausgenutzt.
  • Standardsoftware wie Skype wird dazu benutzt, Spionagesoftware auf dem Zielrechner zu installieren, um mit deren Hilfe die Kommunikation abzuhören, bevor sie verschlüsselt wird.

Zu den damit möglichen Angriffen gehören Überwachung, Ausspionieren und Manipulation von:

  • Banken – insbesondere von Kontendaten, Überweisungen und Geldanlagen (SWIFT) sowie Kurs- und Börsendaten.
  • vermittelten und durchgeleiteten Nachrichten (Mails, Dateien, Dokumente) auf Servern von Telekommunikationsunternehmen.
  • Kraftwerken, Strom- und Gasversorgung, Pipelines, Chemieprozesse, Wasserversorgung, Fehlsteuerung von Robotern.
  • In Clouds gespeicherte Daten (bis hin zur Löschung), Benachteiligung bestimmter Benutzer, Abschalten von Clouds.
  • Eindringen in die Rechner von Zeitungen, Zeitschriften und Sendern: Auslesen geplanter Sendungen, Manipulation von Dokumenten, Kommunikation mit Informanten.

Einige Fälle könnten sogar eine akute Gefahr für Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger bedeuten – so besteht etwa.die Möglichkeit der Manipulation von Steuerungsdaten in Kernkraftwerken.

Angesichts dieser Fakten empfiehlt der Arbeitskreis „Unternehmen und Behörden sowie Privatpersonen“ dringend die folgenden Maßnahmen:

  • Die wichtigsten Programme – insbesondere Sicherheitsprogramme – müssen systematisch auf Sicherheitslücken überprüft und gepatcht werden.
  • Ausschließlich hoch abgesicherte Computer und Netze dürfen an andere interne und externe Netze oder gar an das Internet angeschlossen werden.
  • Sicherheitsmaßnahmen wie Grundschutz und Umsetzung der Normen der ISO 27000 Familie (inklusive Verschlüsselung) stellen nur absolute Mindeststandards dar.
  • Nur betrieblich notwendige Daten sollen erfasst, gespeichert und übertragen werden (Datensparsamkeit).
  • Unverzichtbar sind systematische Security-Tests der wichtigsten Anwendungen zur Identifizierung von bislang nicht erkannten Sicherheitslücken (Zero-Day-Vulnerabilities), Covert Functions und Back Doors.

Der Präsidiumsarbeitskreis fordert insbesondere die deutschen Unternehmen, aber auch die Behörden auf, stärker in Forschung und Entwicklung wirksamer IT-Sicherheitstechnik zu investieren. Nachträgliche Betrachtungen von Angriffen oder der reine Austausch über bereits erfolgte IT-Angriffe und Sicherheitsbedrohungen zwischen Wirtschaft und Regierung reichen heute bei Weitem nicht mehr aus.

Ergänzendes zum Thema
Gesellschaft für Informatik e.V. (GI)

Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ist eine gemeinnützige Fachgesellschaft zur Förderung der Informatik in all ihren Aspekten und Belangen. Gegründet im Jahr 1969 ist die GI mit ihren heute rund 20.000 Mitgliedern die größte Vertretung von Informatikerinnen und Informatikern im deutschsprachigen Raum. Die Mitglieder der GI kommen aus Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung, Lehre und Forschung.

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