Ob sie wollen oder nicht ....

Microsoft zwingt Dynamics-Anwender in die Cloud

| Autor / Redakteur: Jürgen Frisch / Ulrike Ostler

Wenn es nach Microsoft geht, stehen die Kunden der „Dynamics“-Produktreihe schon längst auf der Startrampe für den Abflug in Microsoft-Cloud-Angebote - auch ohne, dass diese es entschieden hätten.
Wenn es nach Microsoft geht, stehen die Kunden der „Dynamics“-Produktreihe schon längst auf der Startrampe für den Abflug in Microsoft-Cloud-Angebote - auch ohne, dass diese es entschieden hätten. (Bild: Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay)

Eine Hybrid-Variante bietet Microsoft für die „Dynamics“-Systemreihe nicht mehr an, und die Inhouse-Variante existiert lediglich auf dem Papier. Anwenderunternehmen müssen daher bald in die Cloud migrieren – oder zu einem Wettbewerber wechseln.

Ursprünglich war alles ganz anders geplant: Für „Dynamics 365“ hatte Microsoft im Frühjahr 2016 in drei Varianten angekündigt. Neben der favorisierten Online-Version sollte der Nachfolger von „Dynamics AX 2012“ ein halbes Jahr später noch mit einer On-Premise-Version und einer Hybrid-Variante an den Start gehen, die Elemente aus beiden Betriebsarten kombinierte.

In die Praxis wurde dieser Plan nie umgesetzt: „Die Probleme, den für den Online-Einsatz konzipierten Dynamics AX Nachfolger auch im On-Premise Betrieb anzubieten, schienen größer als erwartet“, berichtet Frank Naujoks, der von April 2013 bis Juni 2019 bei Microsoft Deutschland als Lead für Microsoft Dynamics aktiv war und seitdem als Managing Consultant beim Beratungshaus Trovarit fungiert. „Zu komplex waren und sind immer noch die Hardware-Anforderungen. Hybrid hat nie das Licht der Welt erblickt, eine On-Premise-Version gibt es lediglich auf dem Papier, und die Unterstützungsleistungen von Microsoft wie beispielsweise das Fast-Track-Programm sind auch ausschließlich auf die Online-Variante ausgelegt.“

Microsoft-Anwender vermissen im Inhouse-Betrieb Testing-Tools

Die Anwender von Microsoft Dynamics, die zum allergrößten Teil noch die On-Premise-Varianten von Microsoft Dynamics AX und „Microsoft Dynamics NAV“ nutzen, fühlen sich regelrecht in die Cloud gezwungen, wie Martin Drude, Leiter der Arbeitsgruppe Dynamics AX in der Benutzervereinigung Microsoft Business User Forum (mbuf) berichtet.

„Die On-Premise-Version von Microsoft Dynamics 365 halte ich für schwer umsetzbar“, erläutert Martin Drude, Leiter der Arbeitsgruppe Dynamics Ax in der Benutzervereinigung Microsoft Business User Forum (mbuf). „Zum einen ist die dafür notwendige Server-Landschaft enorm, zum anderen stellt Microsoft Services wie das automatisierte Testing ausschließlich für die Cloud-Variante bereit. Wir untersuchen dennoch, ob sie aus Kostengründen attraktiv sein kann.“
„Die On-Premise-Version von Microsoft Dynamics 365 halte ich für schwer umsetzbar“, erläutert Martin Drude, Leiter der Arbeitsgruppe Dynamics Ax in der Benutzervereinigung Microsoft Business User Forum (mbuf). „Zum einen ist die dafür notwendige Server-Landschaft enorm, zum anderen stellt Microsoft Services wie das automatisierte Testing ausschließlich für die Cloud-Variante bereit. Wir untersuchen dennoch, ob sie aus Kostengründen attraktiv sein kann.“ (Bild: mbuf)

„Microsoft investiert mit Hauptfokus in die Cloud-Variante. Die On-Premise-Version gibt es nur deshalb, weil Kunden gedroht haben, dass sie sonst zu einem anderen Anbieter wechseln. Diese Variante ist aber mit einigen Einschränkungen verbunden. Zum einen ist die dafür notwendige Server-Landschaft enorm, zum anderen stellt Microsoft verschiedene Services wie das automatisierte Testing ausschließlich für die Cloud-Variante bereit. Ich kann nicht erkennen, wie Unternehmen On-Premise-Betrieb ohne dieses Werkzeug fahren sollen“, so Drude.

Angesichts der hohen laufenden Kosten für die Cloud-Variante wägt der Textilmaschinenhersteller Trützschler, bei dem Drude im Hauptberuf tätig ist, dennoch beide Optionen ab. Ähnliche Überlegungen laufen auch bei anderen Produktionsunternehmen aus dem mbuf.

Für Dynamics AX-Anwender, die auf die aktuelle Version umsteigen wollen, ist der Weg in die Cloud allerdings praktisch alternativlos, wie Naujoks bestätigt: „Microsoft bietet zwar formal eine On-Premise-Variante an, liefert dafür aber keinerlei Unterstützung über das Fast-Track-Programm, das den Go-Live steuert. Die Empfehlung kann daher nur lauten, die Cloud-Variante genauer zu betrachten.“

Der Extended Support lohnt sich nur im Einzelfall

Für das Evaluieren der Betriebsvariante Cloud haben Unternehmen nicht mehr sehr viel Zeit. Dynamics AX 2012 R3 ist noch im Standard-Support, die Varianten R2 und älter sind bereits im Extended Support. Für die On-Premise-Versionen 2009 und 2012 endet der Extended Support im Oktober 2021. „Der Extended Support ist mit der normalen Wartung nicht vergleichbar“, warnt Naujoks. Microsoft entscheidet nämlich auch unter wirtschaftlicher Betrachtung, ob Fixes überhaupt angeboten werden. Ob sich der Extended Support lohnt, muss daher im Einzelfall sehr genau betrachtet werden.“

„Bei ´Microsoft Dynamics` gibt es die On-Premise-Version lediglich auf dem Papier, und die Hybrid-Version hat nie das Licht der Welt erblickt“, berichtet Frank Naujoks, der von April 2013 bis Juni 2019 bei Microsoft Deutschland als Lead für Microsoft Dynamics aktiv war und seitdem als Managing Consultant beim Beratungshaus Trovarit fungiert. „Anwender müssen daher über kurz oder lang in die Cloud oder zum System eines Wettbewerbers migrieren.“
„Bei ´Microsoft Dynamics` gibt es die On-Premise-Version lediglich auf dem Papier, und die Hybrid-Version hat nie das Licht der Welt erblickt“, berichtet Frank Naujoks, der von April 2013 bis Juni 2019 bei Microsoft Deutschland als Lead für Microsoft Dynamics aktiv war und seitdem als Managing Consultant beim Beratungshaus Trovarit fungiert. „Anwender müssen daher über kurz oder lang in die Cloud oder zum System eines Wettbewerbers migrieren.“ (Bild: Trovarit)

Allerdings stehen die betriebswirtschaftlichen Systeme nicht still, wenn der Support ausgelaufen ist: „Für die gesetzlichen Änderungen in der Buchhaltung ist ein aktuelles System sicher von Vorteil“, erklärt Naujoks. Bei einer Produktionsplanung, die seit Jahren läuft, macht es allerdings kaum einen Unterschied, ob das System im Support ist oder nicht.“

Preiserhöhung spielt dem Wettbewerb in die Hand

Sofern sich der Extended Support nicht lohnt oder die Wartung ganz ausgelaufen ist, bleiben Unternehmen streng genommen nur zwei Möglichkeiten: entweder sie beugen sich Microsofts Cloud-Zwang oder sie wechseln zu einem anderen Anbieter: „Microsoft hat die Cloud als Zukunftsweg ausgewählt und bietet de facto für den Nachfolger von Dynamics AX keine On-Premise-Variante an“, erläutert Naujoks. „Damit unterscheiden sich die Redmonder fundamental von SAP, die zwar auch in die Cloud drängt, aber die Inhouse-Variante weiter aktiv verkauft. Wenn für Bestandskunden die Cloud keine praktikable Alternative darstellt, bleibt über kurz oder lang nur der Wechsel auf das System eines anderen Anbieters.“

Vom Aufwand her dürfte der Wechsel von einer On-Premise-Installation in die Cloud einer Neuimplementierung entsprechen. Von daher ergibt sich laut Naujoks kein großer Unterschied, wenn das Unternehmen zu einem anderen Anbieter wechselt. „Mit dem Cloud-Zwang und der Preiserhöhung vom Oktober 2019 hat Microsoft sicherlich dem Wettbewerb in die Hand gespielt.“

Bis Oktober 2019 konnten Unternehmen das Komplettpaket aus ERP (Enterprise Resource Planning) und CRM (Customer Relationship Management für 210 Dollar pro Monat und Full User erwerben. Heute kosten alleine die Module Finance und Supply Chain Management 210 Dollar. Das entspricht einer Preiserhöhung von 10 Prozent, und wenn der vergleichbare Leistungsumfang des ehemaligen Dynamics 365 Plans für CRM auch noch gewünscht wird, werden 365 Dollar fällig“, rechnet Naujoks vor.

SAP-Anwender fahren geschäftskritische Systeme inhouse

SAP-Partner nehmen die Schützenhilfe seitens Microsoft gerne an; denn sie gehen nicht davon aus, dass ERP-Systeme in den nächsten Jahren komplett in die Cloud wandern. Lars Landwehrkamp, CEO des SAP-Systemhauses All for One Group benennt als ersten Hinderungsgrund die Stabilität von Amazon & Co: „Bislang sind die Hyperscaler für geschäftskritische Systeme noch nicht stabil genug, und es laufen dort hauptsächlich Systeme etwa für Testing und Backup. Das dürfte sich in den kommenden Jahren aber ändern.“

Als zweiten Grund benennt der All for One-Chef die Vertraulichkeit: „Hat ein Unternehmen seinen Wettbewerbsvorteil im Fertigungsprozess, dann besteht wenig Interesse, die Systeme in einer Public Cloud mit anderen Unternehmen zu teilen. Daimler dürfte kaum mit VW oder Toyota auf der gleichen Plattform arbeiten.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass ERP-Systeme in den nächsten Jahren komplett in die Cloud wandern“, erläutert Lars Landwehrkamp, CEO des SAP-Systemhauses All for One Group. „Sinnvoll ist die Cloud vor allem für Fachbereichslösungen wie Personalthemen oder Kundenbetreuung. Wettbewerbskritische Systeme hingegen teilt kaum ein Unternehmen in der Public Cloud mit potenziellen Mitbewerbern.“
„Ich gehe nicht davon aus, dass ERP-Systeme in den nächsten Jahren komplett in die Cloud wandern“, erläutert Lars Landwehrkamp, CEO des SAP-Systemhauses All for One Group. „Sinnvoll ist die Cloud vor allem für Fachbereichslösungen wie Personalthemen oder Kundenbetreuung. Wettbewerbskritische Systeme hingegen teilt kaum ein Unternehmen in der Public Cloud mit potenziellen Mitbewerbern.“ (Bild: All for One Group)

Die dritte Cloud-Hürde sieht Landwehrkamp in der Komplexität: „Die Unternehmen haben sehr viele Speziallösungen im Einsatz, beispielsweise Konfiguratoren oder Systeme für Qualitäts-Management. Die Schnittstellen dorthin sind für die Cloud zu komplex.“

Die schnelle Innovation in der Cloud ist laut Landwehrkamp sowohl ein Vorteil als auch eine Hürde: „Wenn die Reisekosten-Lösung „Concur“ eine neue Hotelkette integriert, wollen und können Mitarbeiter das sofort nutzen. Das ist auch gut so. Hat ein Unternehmen hingegen in seinem ERP-System eine komplexe Hochregalsteuerung abgebildet, dann soll diese im Idealfall zehn Jahre lang ohne große Änderungen laufen. Eine Public Cloud-Lösung wäre an dieser Stelle nicht sinnvoll.“

* Jürgen Frisch ist freier Journalist und lebt in Stuttgart.

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posted am 03.02.2020 um 15:06 von Unregistriert


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