Digitale Souveränität KI macht abhängig – Unternehmen sollten ihre Infrastruktur neu bewerten

Ein Gastbeitrag von Alexander Nichau* 4 min Lesedauer

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KI wird zum festen Bestandteil geschäftskritischer Prozesse. Damit wächst auch die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Multi-Sourcing, Open-Weight-Modelle und europäische Angebote schaffen neue Handlungsspielräume.

KI wird für Unternehmen zur Schlüsseltechnologie, während zugleich die Abhängigkeit von wenigen Anbietern wächst. Digitale Souveränität gewinnt an Bedeutung.(Bild: ©  SVasco - stock.adobe.com)
KI wird für Unternehmen zur Schlüsseltechnologie, während zugleich die Abhängigkeit von wenigen Anbietern wächst. Digitale Souveränität gewinnt an Bedeutung.
(Bild: © SVasco - stock.adobe.com)

Die Einführung generativer Künstlicher Intelligenz (KI) verlief in vielen Unternehmen nach einem ähnlichen Muster: Zunächst stand die Frage im Mittelpunkt, welches Modell die höchste Qualität liefert.Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit und Innovationsgrad bestimmten die Auswahl. Aspekte wie Resilienz, Anbieterunabhängigkeit oder digitale Souveränität spielten dagegen oft nur eine untergeordnete Rolle.

Inzwischen verändert sich diese Perspektive: Die politische Diskussion über den Einfluss nationaler Regierungen auf KI-Technologien, Exportbeschränkungen und regulatorische Vorgaben macht deutlich, dass Unternehmen ihre KI-Strategie nicht allein nach technischen Kriterien ausrichten sollten. Vielmehr stellt sich zunehmend die Frage, wie abhängig zentrale Geschäftsprozesse von einzelnen Technologieanbietern sind.

Gerade in Deutschland gewinnt dieses Thema an Bedeutung. Viele Unternehmen verfügen über hochspezialisiertes Know-how und sensible Unternehmensdaten. Entsprechend steigt das Interesse an Lösungen, die technologische Leistungsfähigkeit mit größerer Kontrolle über Daten und Infrastruktur verbinden.

KI ist längst Teil der kritischen Unternehmensinfrastruktur

Generative KI wird heute nicht mehr nur für einzelne Experimente eingesetzt. In vielen Unternehmen unterstützt sie bereits den Kundenservice, automatisiert interne Abläufe, erstellt Dokumentationen oder hilft bei der Analyse großer Datenmengen. Dadurch wird sie Schritt für Schritt Bestandteil geschäftskritischer Prozesse.

Je stärker Unternehmen diese Technologien in ihre Arbeitsabläufe integrieren, desto größer werden allerdings auch die Folgen einer einseitigen Abhängigkeit. Werden Modelle eingestellt, ändern sich Nutzungsbedingungen oder steigen Preise deutlich an, kann dies unmittelbare Auswirkungen auf bestehende Prozesse haben. Ebenso können geopolitische Entwicklungen oder regulatorische Entscheidungen dazu führen, dass Technologien nicht mehr im bisherigen Umfang verfügbar sind.

Unternehmen stehen deshalb vor einer klassischen Risikomanagement-Aufgabe: Sie müssen nicht nur die Leistungsfähigkeit eines Modells bewerten, sondern auch dessen langfristige Verfügbarkeit.

Multi-Sourcing erhöht die Handlungsfähigkeit

Ein möglicher Weg besteht darin, KI-Anwendungen von Beginn an anbieterunabhängig zu entwickeln. Statt sämtliche Prozesse auf ein einzelnes Modell auszurichten, werden mehrere Systeme parallel berücksichtigt.

Voraussetzung dafür sind standardisierte Tests, mit denen sich die Qualität unterschiedlicher Modelle kontinuierlich vergleichen lässt. Auf dieser Grundlage können Unternehmen schneller auf neue Entwicklungen reagieren. Erscheint ein leistungsfähigeres oder kostengünstigeres Modell, lässt es sich deutlich einfacher in bestehende Prozesse integrieren.

Gleichzeitig entsteht mehr wirtschaftliche Flexibilität. Unternehmen können Preisentwicklungen verschiedener Anbieter vergleichen und ihre Anwendungen dort betreiben, wo Leistung und Kosten am besten zum jeweiligen Anwendungsfall passen.

Nicht jede Anwendung benötigt Spitzenmodelle

Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich häufig auf die leistungsfähigsten Sprachmodelle. Tatsächlich unterscheiden sich die Anforderungen in Unternehmen jedoch erheblich.

Viele Aufgaben im Vertrieb, Kundenservice oder in administrativen Prozessen lassen sich bereits mit kleineren oder spezialisierten Modellen zuverlässig automatisieren. Entscheidend sind häufig weniger die letzten Prozentpunkte Modellleistung als vielmehr strukturierte Daten, klare Prozesse und ein gut definierter fachlicher Kontext.

Anders stellt sich die Situation beispielsweise bei der Softwareentwicklung dar. Hier führen neue Modellgenerationen derzeit regelmäßig zu deutlichen Produktivitätssprüngen. Deshalb lohnt sich eine differenzierte Betrachtung, welche Anwendungen tatsächlich modernste Modelle benötigen und wo wirtschaftlichere Alternativen ausreichen.

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Geistiges Eigentum stärker in den Fokus rücken

Während Datenschutz häufig im Mittelpunkt der Diskussion steht, gerät ein anderer Aspekt oftmals in den Hintergrund: der Schutz unternehmenseigenen Wissens.

Gerade Industrieunternehmen verfügen über Fertigungsverfahren, Produktionsrezepte, technische Dokumentationen oder Lieferanteninformationen, die einen wesentlichen Teil ihrer Wettbewerbsfähigkeit ausmachen. Werden solche Informationen unkontrolliert in externe KI-Systeme eingegeben, entstehen Risiken, die über klassische Datenschutzfragen hinausgehen.

Hinzu kommt die sogenannte Schatten-KI. Mitarbeitende greifen häufig auf private Accounts bekannter KI-Dienste zurück, um Dokumente auszuwerten oder Inhalte zu erstellen. Erfolgt dies außerhalb definierter Unternehmensrichtlinien, verliert die Organisation den Überblick darüber, welche Informationen verarbeitet werden und wo diese letztlich gespeichert werden. Klare Vorgaben zum Einsatz generativer KI gehören deshalb zunehmend zu einer modernen Unternehmensorganisation.

Europäische Angebote entwickeln sich dynamisch

Parallel wächst das europäische KI-Ökosystem kontinuierlich. Neben Initiativen zum Training eigener Basismodelle entstehen immer mehr Cloud-Angebote, Plattformen und Open-Source-Modelle aus Europa.

Für viele Unternehmensanwendungen eröffnen diese Lösungen interessante Perspektiven. Insbesondere Open-Weight-Modelle ermöglichen es, KI innerhalb der eigenen Infrastruktur oder in europäischen Rechenzentren zu betreiben. Dadurch gewinnen Unternehmen zusätzliche Kontrolle über ihre Daten und reduzieren gleichzeitig die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern.

Auch hybride Strategien gewinnen an Bedeutung. Während beispielsweise Marketingabteilungen für kreative Aufgaben leistungsstarke Cloud-Dienste nutzen, können sensible Bereiche wie Personalwesen, Forschung oder Produktion auf interne KI-Systeme zurückgreifen.

Strategische Entscheidungen statt kurzfristiger Optimierung

Die Diskussion um KI entwickelt sich zunehmend von einer Technologie- zu einer Infrastrukturfrage. Unternehmen sollten deshalb nicht ausschließlich bewerten, welches Modell heute die besten Ergebnisse liefert. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Lösungen auch langfristig Stabilität, Flexibilität und Handlungsspielräume bieten.

Wer frühzeitig verschiedene Anbieter evaluiert, Open-Source-Modelle testet und eine modulare KI-Architektur aufbaut, reduziert Risiken und erhöht gleichzeitig die eigene Innovationsfähigkeit. Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht zwangsläufig den vollständigen Verzicht auf internationale Anbieter. Vielmehr geht es darum, jederzeit zwischen verschiedenen Optionen wählen zu können und kritische Geschäftsprozesse nicht von einem einzigen Technologiepartner abhängig zu machen.

Checkliste: Fünf Fragen für die eigene KI-Strategie

  • Sind geschäftskritische KI-Anwendungen ausschließlich von einem Anbieter abhängig?
  • Können bestehende Anwendungen kurzfristig auf ein anderes Modell umgestellt werden?
  • Gibt es verbindliche Richtlinien für den Einsatz privater KI-Accounts?
  • Welche Unternehmensdaten dürfen in externe KI-Systeme eingegeben werden?
  • Wurden europäische oder Open-Source-basierte Alternativen bereits bewertet?

Über den Autor:
Dr. Alexander Nichau ist Geschäftsführer der niologic GmbH und Experte für Künstliche Intelligenz. Seit 2015 unterstützt er Unternehmen bei der Integration von KI in bestehende Systemlandschaften und Aufbau eigener KI-Teams.

niologic zählt weltweit zu einem illustren Kreis von Google Cloud Specialized Partner for AI, also den Spezialberatungen, die von Google AI als Partner zertifiziert sind. Weitere Informationen online unter:www.niologic.de.

Bildquelle: niologic

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