future thinking

Fachkräftemangel wird Kongressthema

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Ludger Schmitz

Der Rechenzentrums-Fachkongress "future Thinking" hat sich etabliert.
Der Rechenzentrums-Fachkongress "future Thinking" hat sich etabliert. (Bild: dc-ce-RZ-Beratung)

Seit 2010 veranstaltet die dc-ce-RZ-Beratung jährlich den RZ-Kongress „future thinking“, inzwischen die größte Fachmesse für Rechenzentren Deutschlands. In diesem Jahr wird auch das heiße Eisen Fachkräftemangel angefasst.

Eine jüngst erstellte Umfrage von DataCenter-Insider zum Thema offenbart die Dringlichkeit dieses Problems. Wir befragten deswegen den Initiator des Deutschen Rechenzentrumspreises und future thinking -Veranstalter Ulrich Terrahe zum Aufbau des Kongresses sowie dem Umgang mit dem Fachkräftemangel. Terrahe ist Geschäftsführer der dc-ce RZ-Beratung, die in Kooperation mit der Technischen Hochschule Deggendorf kürzlich einen Fortbildungslehrgang „Geprüfte/r RZ-Manager/in“ ins Leben gerufen hat.

Herr Terrahe, die future thinking wird in diesem Jahr etwas anders strukturiert sein - welche Themen sind diesmal vertreten? Wie wird die Veranstaltung aufgebaut sein?

Ulrich Terrahe, Initiator und Veranstalter von future thinking
Ulrich Terrahe, Initiator und Veranstalter von future thinking (Bild: U. Terrahe, dc-ce-RZ-Beratung)

Terrahe: Das Herzstück des diesjährigen future thinking-Kongresses bilden fünf Fachforen: Das Programm der Hessischen Landesregierung „Digitales Hessen“ richtet ein Forum zum „Rechenzentrumsstandort Hessen“ aus und diskutiert mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft, wie es um Hessen als RZ-Standort bestellt ist. Ein weiteres Forum mit dem Titel „Die Digitalisierung der Rechenzentrumsbranche“ befasst sich mit Themen wie „Building Information Modeling“ – kurz „BIM“ –, das durch die Verwendung von 3D-Technologie die Planungs- und Kommunikationsprozesse in der Baubranche nachhaltig verändert.

Aktuelle Herausforderungen für Rechenzentrumsbetreiber werden in einem weiteren Forum debattiert – hier wird es auch um Normen und Richtlinien sowie um das Thema Fachkräftemangel gehen.

Das Forum „Sorgen mit den Normen: Wie Gesetze die RZ-Klimatechnik umkrempeln“ zeigt auf, wie Gesetze und Richtlinien (z.B. die F-Gase-Verordnung und Bundesimmissionsschutzverordnung) für Turbulenzen in der Klima- und Kältetechnik sorgen. Und ein fünftes Forum widmet sich dem spannenden Thema „Edge Computing“ und seinem Einfluss auf die Rechenzentrumsbranche.

Die Fachforen behandeln damit Themen, die die Branche derzeit in besonderem Maße beeinflussen und umtreiben. Experten, Anwender und Hersteller kommen darin zum Wissens- und Erfahrungsaustausch zusammen. Darüber hinaus bietet die future thinking den bekannten RZ-Marktplatz, eine Fachausstellung mit RZ-Technik zum Erleben und Anfassen. Am Abend des ersten Kongresstages wird dann der Deutsche Rechenzentrumspreis in acht Kategorien sowie der Publikumspreis verliehen. Das Online-Voting für den Publikumspreis startet am 19.02. auf DataCenter-Insider.

Es war zu vernehmen, dass dieses Jahr der Fachkräftemangel hervorgehoben behandelt wird. Für wie wichtig halten Sie dieses Thema?

Terrahe: Ich halte das Thema für sehr wichtig. Der Fachkräftemangel ist eines der größten Wachstumshemmnisse der Branche. Wenig qualifiziertes Personal bedeutet ein erhöhtes Ausfallrisiko für Rechenzentren und gefährdet deren Verfügbarkeit. Insbesondere im täglichen Betrieb nach der Inbetriebnahmephase gehen schätzungsweise mehr als 2/3 der Ausfälle auf menschliche Fehler oder Unachtsamkeit zurück. Für den Betrieb von Rechenzentren ist es absolut wichtig, das sensible Zusammenspiel der einzelnen Gewerke genau zu verstehen. Dieses integrale Verständnis bringen aber nur wenige Mitarbeiter mit.

Deshalb soll es auf der future thinking einen Themenblock zum Fachkräftemangel geben - können Sie den näher erläutern? Welche Fragestellungen werden dabei besonders angesprochen?

Terrahe: Auf der Ausstellungsfläche wird es verschiedene Bereiche geben, die sich mit dem Thema befassen. Im Kongress wird das Thema als Bildungsblock innerhalb des Forums “Herausforderungen der RZ-Betreiber“ aufgegriffen. Hier werden wir das Problem des Fachkräftemangels diskutieren und dabei auch Lösungsansätze vorstellen – so z.B. das neue Hochschulzertifikat ‚Geprüfte/r RZ-Manger/in‘, das die dc-ce RZ-Beratung und die https://www.th-deg.de/de/ Technische Hochschule Deggendorf ins Leben gerufen haben. Oder der EN 50600 Lehrgang des VDE. Es ist enorm wichtig, dass die Branche dem Problem des Fachkräftemangels durch neue Programme zur Mitarbeiterentwicklung aktiv entgegentritt, um Mitarbeiter emotionaler an Unternehmen zu binden.

Sehen Sie den Fachkräftemangel als großes Problem für die Branche?

Terrahe: Absolut! Der erfolgreiche Rechenzentrumsbetrieb und auch der Erfolg des Standorts Deutschland hängen eng mit der Qualifikation der Mitarbeiter zusammen. Das bekomme ich auch immer wieder auf Treffen mit Branchenvertretern zu spüren, zuletzt bei einer Zusammenkunft der Colocationbranche im Januar. Der Fachkräftemangel wird von allen Seiten ausnahmslos als ernstes Problem betrachtet.

Sie bieten mit der dc-ce RZ-Beratung Fortbildungsmaßnahmen für das RZ an. Welche Art der Fortbildung wird am meisten nachgefragt?

Terrahe: Unser Schulungsprogramm stützt sich auf vier Säulen: Wir bieten offene Schulungen, ein Personalentwicklungsprogramm speziell für Unternehmen, Inhouse-Schulungen sowie Zertifizierungslehrgänge. Nach unserer bisherigen Erfahrung sind vor allem das offene Schulungsangebot sowie die auf Unternehmen zugeschnittenen Fortbildungsmaßnahmen sehr gefragt. Allerdings laufen unsere Zertifizierungslehrgänge auch erst in Kürze an.

Bei der Recherche zum Fachkräftemangel fallen in diversen Foren, auch auf DataCenter-Insider.de, ältere ITler auf, die dort beklagen, dass sie spätestens ab 50 keine Anstellung mehr finden, auch nicht im RZ.

Terrahe: Das verwundert nicht, da im Rechenzentrum vorrangig Mitarbeiter mit Ingenieurshintergrund gefragt sind. ITler sind also nicht die direkt gesuchte Gruppe, hier werden Leute mit Erfahrung im Gebäudemanagement und Ähnlichem gesucht. Da ist eine Fortbildung auf diesem Gebiet sehr aufwendig und mühsam, weil einem reinen ITler das fachliche Grundwissen für das Managen einer technischen RZ-Infrastruktur fehlt.

Von besagten älteren ITlern ist in den diversen Foren darüber hinaus oft zu lesen, dass es den Fachkräftemangel gar nicht gibt – dabei handle es sich lediglich um Propaganda der Arbeitgeber, um von der Politik Hilfe beim Einstellen von Fachkräften aus dem Ausland zu erhalten. Was sagen Sie zu dieser These?

Terrahe: Ich kann hier nur über Fachkräfte für die technische Betriebsführung Auskunft geben. Und hierfür halte ich die Aussage für falsch – denn der Fachkräftemangel ist real. Für Außenstehende mag es eventuell so aussehen, aber an vielen Orten, sprich vielen Rechenzentren in Deutschland, ist ein Mangel an geeignetem Personal postuliert worden. Die angebliche Propagandathese ist in unserem Fall an den Haaren herbeigezogen.

Das bestätigt auch die jüngste Umfrage von DataCenter-Insider. Demnach liegt es vor allem an den zu niedrigen Gehältern, dass Mitarbeiter nicht im RZ gehalten werden können. Sollte in der Branche generell mehr bezahlt werden? Würde das dem Fachkräftemangel abhelfen?

Terrahe: Geld ist natürlich immer ein Argument – das Problem hier ist aber, dass sich das Gehalt für Mitarbeiter in RZ-Infrastruktur an der Bauhaupt- und Baunebengewerkbranche orientiert. Dieses ist generell niedriger als z.B. in der Bankenbranche. Überhaupt kann man feststellen, dass das Gehalt von Ingenieuren, und die werden vor allem für das RZ gesucht, vermutlich historisch bedingt niedriger liegt als das der ITler.

Aus unserem Fragebogen geht darüber hinaus hervor, dass studierte Mitarbeiter gar nicht mal so nachgefragt sind, RZ-Leiter suchen vielmehr nach Mitarbeitern mit einer „Berufsausbildung“. Können Sie das bestätigen?

Terrahe: Ja, denn im RZ-Betrieb sind praktische Fähigkeiten und Erfahrungen oft wichtiger als theoretische. Ich würde einen Techniker oder Ingenieur mit Ausbildung oder Berufserfahrung trotz schlechterer Noten eher einstellen, als einen Studenten, der bislang „nur“ systematisches Denken beigebracht bekommen hat. Im Rechenzentrum ist die Berufserfahrung das A und O.

Nun arbeiten Sie eng mit der TH Deggendorf zusammen – wird da das Handwerk vermittelt? Finden die Absolventen danach Anstellungen in RZ?

Terrahe: Bei unserer Kooperation mit der TH Deggendorf geht es nicht um das Erlangen eines Bachelor- oder Masterdiploms. Der Fortbildungslehrgang zum zertifizierten RZ-Manager läuft berufsbegleitend über ca. ein Jahr. Etwa zwei Tage im Monat kommen die Teilnehmer sowohl an die Technische Hochschule als auch in unser speziell für RZ-Wissen gebautes Schulungszentrum sowie in unser Forschungs- und Testrechenzentrum. Dabei geht es um die Vermittlung von theoretischem und praxisnahem Fachwissen, wobei ein Ingenieursstudium, eine Ausbildung zum Techniker oder mehrere Jahre Berufserfahrung in entsprechenden Funktionen als Grundlage bereits vorhanden sein müssen. Noch stehen wir am Anfang der Kooperation, aber in etwa einem Jahr gedenken wir die ersten Absolventen für Rechenzentren ausgebildet zu haben.

* Das Interview führte Dietmar Müller, freiberuflicher Journalist in Abensberg.

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