Fortschritte bei Network Function Virtualization und Virtual Infrastructure Management

Die Telcos auf dem OpenStack-Weg

| Redakteur: Ludger Schmitz

Immer mehr Telcos gestalten ihre massiven Strukturen in feingliedrige Cloud-Services um.
Immer mehr Telcos gestalten ihre massiven Strukturen in feingliedrige Cloud-Services um. (Bild: / Ludger Schmitz / CC BY 3.0)

Innovationen bei der Netzwerkvirtualisierung beflügeln den Einsatz der Technologie bei Telekommunikationsanbietern. Die Nutzung wirft allerdings gleichermaßen technische und organisatorische Fragen auf. Über den Stand der Dinge berichtet Timo Jokiaho von Red Hat.*

Können Sie einen kurzen Überblick über Ihre wichtigen Virtualisierungsprojekte bei europäischen Telekommunikationsunternehmen geben?

Interviewpartner Timo Jokiaho, Leiter des Telco Technology Office bei Red Hat EMEA.
Interviewpartner Timo Jokiaho, Leiter des Telco Technology Office bei Red Hat EMEA. (Bild: T. Jokiaho, Red Hat)

Jokiaho: Wir sind gegenwärtig in vielen Projekten europäischer Telekommunikationsunternehmen zur Netzwerkvirtualisierung tätig, die alle auf OpenStack basieren. Wir unterstützen etwa den niederländischen Netzbetreiber Altice beim Aufbau einer ganzheitlichen Plattform für Network-Functions-Virtualization. Das ambitionierte Ziel des Unternehmens ist, dass bis Ende des Jahres 80 Prozent des Mobile-Traffics auf der virtualisierten Plattform laufen. Zudem arbeiten wir mit Telefónica in ihrem NFV Reference Lab am Aufbau einer Virtual-Infrastructure-Management (VIM)-Plattform zusammen.

Welche Bedeutung hat Ihre kürzlich angekündigte Zusammenarbeit mit Orange?

Jokiaho: Ein wichtiger Punkt unserer Zusammenarbeit mit Orange betrifft die Entwicklungskooperation. Abgesehen von der Implementierung einer Network Functions Virtualization Infrastructure (NFVI) bei Orange, die auf der Red Hat OpenStack Platform basiert, kooperieren wir auch in offenen Communities mit dem erklärten Ziel, die Entwicklung von NFV-Funktionalitäten in OpenStack voranzutreiben. Die Absicht ist, Upstream-Innovationen mit realen Netzwerkanforderungen in Einklang zu bringen und Innovationen schneller in den Produktivbetrieb zu überführen.

Wie beurteilen Sie die Aktivitäten der Telekommunikationsunternehmen im Bereich Virtualisierung im vergangenen Jahr?

Jokiaho: 2017 haben sich die Telekommunikationsunternehmen auf die Virtualisierung physikalischer Funktionen unter Verwendung einer Cloud-Plattform fokussiert – oftmals mittels

OpenStack. Da die Netzwerkinfrastruktur extrem unternehmenskritisch ist, können keine Risiken in Kauf genommen werden, welche die hohe Verfügbarkeit und Performance gefährden. Deshalb hat die erste Virtualisierungswelle auch etwas Zeit in Anspruch genommen. Jetzt folgt der nächste Schritt, die Automatisierung des Managements virtueller Netzwerke. Die wird noch zusätzlich vorangetrieben, sobald sich die NFV-Orchestrierungstechnologie weiter entwickelt hat – was in einigen Monaten der Fall sein wird.

Was hat sich in den vergangenen zwölf Monaten verändert?

Jokiaho: Im Hinblick auf die technische Entwicklung sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Die Qualität, Performance und Konsistenz von NFVI VIM hat sich bis zu einem Punkt verbessert, dass sie die Telekommunikationsunternehmen nun als ausgereifte Plattform betrachten, auf der sie ihre virtuellen Funktionen aufbauen können. Virtual Infrastructure Management ist ein wesentlicher Bestandteil, damit NFV die Proof-of-Concept-Phase verlässt und in den Produktivbetrieb übernommen wird, da VIM die APIs bietet, die den NFV-Orchestrator mit den Netzwerkfunktionen selbst verbinden.

Ein großer Teil der VIM-Arbeit ist in OpenStack geleistet worden, das als Plattform sowohl NFVI, die Runtime-Umgebung für die Virtualisierung, als auch VIM für das Management der virtuellen Funktionen umfasst. Viele der neuen Anforderungen, die die OpenStack-Entwicklung forcieren, kommen von der NFV-Industrie, und die erzielten VIM-Fortschritte geben Telekommunikationsunternehmen mehr Vertrauen hinsichtlich der Technologienutzung in Live-Netzwerken.

Telekommunikationsunternehmen sehen zwar die Vorteile der Virtualisierung, fühlen sich aber eingeschränkt durch Legacy-Systeme, interne Prozesse, Kultur oder Skills. Wie können Sie ihnen hier helfen? Ist die Industrie inzwischen weiter bei der Lösung der Komplexitätsprobleme?

Jokiaho: An der technischen Komplexität wird zur Zeit aktiv gearbeitet; so werden zum Beispiel Tools in OpenStack entwickelt, die die Komplexität vor dem Anwender verbergen. Wenn es allerdings um die Frage geht, wie Kultur und Prozesse die Virtualisierung am besten unterstützen, zeigen sich für Telekommunikationsunternehmen größere Herausforderungen. Aus Gesprächen mit unseren Kunden erfahren wir, dass sie viel zu tun haben, um die Vorteile von NFV voll ausschöpfen zu können. So sind beispielsweise umfangreiche Trainingsmaßnahmen für die Mitarbeiter erforderlich, um sie für den Umgang mit virtuellen Netzwerkumgebungen fit zu machen.

Einige Kommunikationsdienstleister initiieren bereits Veränderungen, aber bei vielen stehen diese Aufgaben noch bevor. Die Veränderung muss vielfach schon bei den NFV-Procurement-Prozessen ansetzen, die sich von denjenigen bei der reinen Beschaffung von Hardwareboxen deutlich unterscheiden. Und schon das ist eine beachtliche Aufgabe. Generell aber setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Kommunikationsdienstleister die mit der Investition in NFV verbundenen Vorteile nicht vollumfänglich nutzen können, wenn sie diese Veränderungen nicht vornehmen.

Die NFV-Architektur mit Lösungen von Red Hat im Überblick
Die NFV-Architektur mit Lösungen von Red Hat im Überblick (Bild: Red Hat)

Red Hat nimmt sich sowohl des technischen als auch organisatorischen Aspekts an. Unsere Ingenieure entwickeln jeden Tag Code für die Red Hat OpenStack Platform, um die Bewältigung der Komplexität zu vereinfachen. Und wir haben ein NFV-Zertifizierungsprogramm, um die Interoperabilität von VNFs mit der Red Hat OpenStack Platform sicherzustellen. Darüber hinaus beraten wir Telekommunikationsunternehmen hinsichtlich der Teilnahmemöglichkeit an offenen Communities und des Einsatzes von Open Source zur Weiterentwicklung ihres Geschäfts.

Was war die bemerkenswerteste Entwicklung der letzten zwölf Monate?

Jokiaho: Hier sind vor allem die Ergebnisse der Open-Source-MANO-Projekte zu nennen, ein Teil sind auch die signifikanten VIM-Fortschritte. MANO, die Abkürzung steht für ‚Management and Orchestration‘, ist der Schlüssel für vollständig automatisierte Netzwerke.

Zu den zentralen Projekten in diesem Umfeld zählen etwa:

• ONAP, das Open Network Automation Programme. Innerhalb der ersten sechs Monate nach der Bekanntgabe der Zusammenlegung der Open-ECOMP- und Open-O-Projekte, um eine Automatisierungsplattform für Netzwerk, Infrastruktur und Services zu schaffen, hat sich die Zahl der Mitglieder verdoppelt.

Open Source Mano, ein vom European Telecommunications Standards Institute, ETSI, gehostetes Projekt für die Entwicklung eines Open-Source-MANO-Softwarestacks, hat Ende 2017 das Release THREE angekündigt.

• Open Baton, ein erweiterbares und anforderungsspezifisch anpassbares NFV-MANO-konformes Framework hat das vierte Release vorgestellt und fokussiert sich auf die Konzeption eines flexiblen MANO-Systems, in das Anwender unterschiedliche Teile ihrer Infrastruktur nach Bedarf integrieren können.

Überdies könnte man ManageIQ und Ansible anführen, die beide das Potenzial haben, zu zentralen Komponenten von MANO zu werden. Sie machen es möglich, Cloud- und Virtualisierungsservices zu automatisieren, zu optimieren, zu überwachen und zu orchestrieren. Sowohl im ManageIQ- als auch Ansible-Umfeld werden inzwischen verstärkt NFV-Anforderungen adressiert.

Wo geht aus Herstellersicht der weitere Weg hin?

Jokiaho: Wir sehen für NFV eine rosige Zukunft, wobei die Arbeit, die wir hier über die Jahre investiert haben, uns nun neue Chancen eröffnet. Durch die MANO-Weiterentwicklungen werden die Vorteile der Red Hat OpenStack Platform im NFV-Umfeld besser nutzbar. Sie dient damit als vollwertige Cloud-Computing-Plattform, die Kommunikationsdienstleister für die Automatisierung des Managements ihrer virtuellen Netzwerke verwenden und Services so je nach Wunsch dynamisch skalieren können. Zudem entwickeln wir andere Technologien von Red Hat weiter, um die Automatisierungsanforderungen von NFV abdecken zu können, einschließlich Red Hat OpenShift Container Platform und Red Hat Ansible Automation.

Wie überwinden Sie die nach wie vor vorhandenen Skepsis?

Jokiaho: Fortbildung hilft bei der Überwindung der Skepsis. Viele potenzielle Anwender sehen beispielsweise zunächst nicht die Unterschiede zwischen OpenStack und Technologien, wie Red Hat Enterprise Linux oder ihre aktuelle Virtual-Machine-basierte Infrastruktur, die sie zu nutzen gewohnt sind. Deshalb sind dedizierte Trainings erforderlich. Wir bieten diese Trainings, um Ängste und Missverständnisse auszuräumen. Außerdem schlagen wir oft vor, gemeinsam mit den Kunden an Proof-of-Concepts zu arbeiten und bieten Hands-On-Lab-Trainings an. Wenn Anwender mit der Technologie vertrauter sind, wandelt sich die anfängliche Skepsis in Einsicht, Vertrauen und letztlich Begeisterung.

*Timo Jokiaho ist Leiter des Telco Technology Office, Red Hat EMEA.

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