Verloren im Labyrinth der IT-Begriffe? Hier finden Sie Definitionen und Basiswissen zu Rechenzentrums-IT und -Infrastruktur.

Wärmerückgewinnung aus Rechenzentren Was ist und wie geht Waste Heat Utilization?

Von lic.rer.publ. Ariane Rüdiger 4 min Lesedauer

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Rechenzentren erzeugen jede Menge Abwärme oder Waste Heat – je leistungsfähiger, desto mehr. Waste Heat Utilization liefert eine Kennzahl, die bemisst, wie aus einem Abfallprodukt durch Wärmerückgewinnung eine Ressource wird.

So einfach wie auf dem KI-generierten Bild ist die Nachnutzung von Serverwärme nicht; doch in der EU sollen möglichst alle Rechenzentren Waste Heat Utilization ermöglichen. Die Abwärmenutzung ist eine Nachhaltigkeitskennzahl. (Bild: ©  Kunwer Studio - stock.adobe.com / KI-generiert)
So einfach wie auf dem KI-generierten Bild ist die Nachnutzung von Serverwärme nicht; doch in der EU sollen möglichst alle Rechenzentren Waste Heat Utilization ermöglichen. Die Abwärmenutzung ist eine Nachhaltigkeitskennzahl.
(Bild: © Kunwer Studio - stock.adobe.com / KI-generiert)

Je schneller und mehr Chips rechnen, desto mehr Energie verbrauchen sie. Weil das Rechnen an sich nur winzige Bruchteile dieser Energie verwendet, verwandelt sich der Rest des Energie-Inputs in Abwärme. Das sind über 99 Prozent des energetischen Inputs.

Diese Abwärme ist lange Zeit ein Problem. Die Kühlanlagen von Rechenzentren, die nach der Ära der Großrechner und bis heute meist luftbasiert erfolgt, verschlingt zeitweise das Doppelte oder auch mal das Dreifache der Energie, die in die IT fließt.

Umweltbewusstsein und Kosten verändern Blick auf Waste Heat

Mit steigenden Energiekosten und einer wachsenden Sensibilität für Umweltprobleme sinkt die Bereitschaft, diese energetischen Aufwände so, wie sie sind, zu belassen. Es werden Technologien für die effizientere Kühlung entwickelt, die Schritt für Schritt den Overhead an Energiekosten durch die Kühltechnologien verringern.

Gleichzeitig ist der Umgang mit der Abwärme mehr als eine Denkaufgabe. Die Alternativen, wie im eigenen Gebäude zur Heizung nutzen, in Prozesse einspeisen, in Kälte umwandeln, an Fernwärmenetze übergeben. kranken bisher meist an umständlicher Handhabung und administrativen Hindernissen.

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Die Abwärme von Rechenzentren ist ein brennendes Problem. Um der Energieverschwendung Einhalt zu gebieten, fordert der Gesetzgeber Maßnahmen und nimmt die Datacenter-Betreiber in die Pflicht. Doch wie können diese die Herausforderungen meistern?



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So war nirgends geregelt, wer die Leitungskosten tragen muss, wenn Abwärme an externe Anwender übergeben wird. Eine Verpflichtung zur Wärmerückgewinnung/Abwärmenutzung oder auf Englisch Waste Heat Utilization gab es nicht.

Rechenzentrumsabwärme aus Luftkühlung ist für vieles zu kühl

Dazu kommt ein technisches Hindernis: Die Abwärme luftgekühlter Rechenzentren hat relativ niedrige Temperaturen, etwa 30 is 35 Grad. Nachgelagerte Nutzung etwa durch Fernwärmenetze haben bis vor Kurzem meist relativ hohe Temperaturen verlangt: 80 bis 100 Grad. Diese müssen über Wärme-/Kältepumpenpumpentechnik überbrückt werden. Doch wer soll das übernehmen und trägt die Kosten.

Kurz: Waste Heat Utilization kommt nur langsam voran. Zwar sind unter günstigen Umständen Pilotprojekte entstanden, aber die breite Nutzung der Datacenter-Abwärme steht noch aus. Eigentlich aber besteht großer Bedarf an solcher Abwärme. Schließlich muss die gesamte Wärmeversorgung auf nachhaltige Quellen umgestellt werden.

Eine Wärmerückgewinnungsanlage, die speziell für Rechenzentren eingesetzt wird.(Bild:  Danfoss)
Eine Wärmerückgewinnungsanlage, die speziell für Rechenzentren eingesetzt wird.
(Bild: Danfoss)

Wie nützlich Abwärmenutzung sein kann, beweisen beispielsweise Dänemark, Island, Schweden, Norwegen, Finnland wo die Heizung ganz oder mit einem großen Anteil durch Fernwärme funktioniert. In den Ländern wird Serverabwärme schon länger in die Wärmenetze eingespeist und standardmäßig bei der Planung von Ansiedlungen berücksichtigt.

Veränderte Bedingungen für Abwärmenutzung

Inzwischen ändern sich die Bedingungen auf mehreren Ebenen: Deutschland und Europa haben sich strenge Reduktionsziele für Kohlendioxid gegeben. Chips werden, insbesondere durch die GPUs bei der KI-Verarbeitung, immer leistungsfähiger und produzieren immer mehr Abwärme. Sie können nicht mehr mit Luft gekühlt werden. Wasserkühlung aber führt zu höheren Abwärmetemperaturen.

Gleichzeitig bauen Kommunen ihre neuen Fernwärmenetze in der Regel mit viel niedrigeren Vorlauftemperaturen, so dass es nun einfacher ist, die Wärmelücke zwischen Fernwärme und Abwärme zu überbrücken. Und schließlich verlangt der Gesetzgeber im 2023 verabschiedeten Energieeffizienzgesetz von Rechenzentren die schrittweise Einführung der Abwärmenutzung.

Waste Heat Utilization für Rechenzentren: Von der Option zur Pflicht

§11 EnEfG (Energie-Effizeinzgesetz) schreibt vor, dass ab 1. Juli 2026 in Betrieb genommene Rechenzentren zu mindestens zehn Prozent, ab 1. Juli 2027 in Betrieb gehende mindestens zu 15 Prozent und die ein Jahr später startenden zu mindestens 20 Prozent nutzen sollen.

Mehr geht immer, weniger ist gesetzeswidrig. Früher in Betrieb genommene Rechenzentren sollen so viel verwerten, wie ihnen nach Abwägung wirtschaftlicher, technischer und sonstiger Gegebenheiten zuzumuten ist.

Ausnahmen gibt es auch: wenn die Betreiber von Wärmenetzen den Datacenter-Betreibern kein Angebot machen, obwohl sie die nötige Infrastruktur für die Wärmebereitstellung vorhalten, wenn zwischen einer Gemeinde/einem Wärmenetzbetreiber und dem Rechenzentrum bereits ein Vertrag über die Errichtung eines möglichst leistungsfähigen Wärmenetzes geschlossen wurde oder wenn der Anteil wiederverwertbarer Energie ohne Verschulden des Betreibers unter die nötige Menge sinkt.

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Vom Exoten zum neuen Standard

Die Abwärmenutzung ist also vom Exoten zum Muss geworden – eine steile Karriere. Möglich wurde das durch das anfangs eher zähe Zusammenwirken von Technologie, Gesetzgeber, Anwendern und Rechenzentrumsbetreibern.

Fraglich ist allerdings, ob und inwieweit die IT-Weiterentwicklung die Zukunft der Abwärmenutzung beeinflusst. So wird fieberhaft an energiesparsameren KI-Chips gearbeitet, weil sonst der Energieverbrauch der KI jedes vernünftige Maß zu sprengen droht.

Wenn erst einmal die energiehungrigen KI-Farmen auf nachhaltige Chiparchitekturen umgestellt sind, könnte es knapp werden mit der Abwärme. Aber bis dahin wird es wohl noch dauern.

eBook: Sektorenkopplung

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  • Links

    Den Rechenzentren geht die Luft aus

    Artikelfiles und Artikellinks

    Link: Kühles Kalkül; Das Geschäft mit der Abwärme

    Link: Der Einsatz von Großwärmepumpen; Datacenter-Abwärmeprojekte am Hotspot Frankfurt am Main

    Link: Smarte Energieversorgung mit NTT Data; Berliner Bestands­rechen­zentrum wird nach­haltiger Wärmelieferant

    Link: Nicht genügend Strom, ungenügend Grünstrom; Waldhauser zur Nutzung von Abwärme: „Wir sprechen von vielen Milliarden €“

    Link: Datacenter-Abwärme für ein Frankfurter Wohnviertel; Frankfurt-Griesheim bekommt 10 MW Wärme aus Equinix-Rechenzentren

    Link: Datacenter-Abwärmenutzung; Das Leuchtturmprojekt Westville soll Frankfurter Energiebedarf senken

    Link: Energieversorger und Datacenter stehen an einem Wendepunkt; Rechenzentren sind mit Power-to-Heat eine Ressource der Zukunft

    Link: Rechenzentrumsabwärme speist kommunales Fernwärmenetz; Stadtwerke Norderstedt koppeln Rechenzentrum an Wärmeversorgung

    Link: Wie KI-Rechenzentren die Wärmeplanung verändern

    Link: Institute for European Energy an Climate Policy (IEECP): Understanding the regulations governing waste heat and cooling technologies

    Link: Fraunhofer IFAM: Waste heat utilization

    Link: Europäische Kommission: Holistic Energy Management an thermal waste; Integrated Sysems for Energy Optimization heatwise - KPIs for energy performance and waste heat recovery efficiency from IT infrastructure in buildings

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