Einmal Datacenter mit allem, bitte! Das 4. Conapto-Rechen­zentrum kann nachhaltig und ist AI-ready

Von Ulrike Ostler 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das Bereitstellen von Rechenzentrumsabwärme für Fernwärme- oder auch Stadtteilnetze hat hierzulande das Stadium der Diskussion, bestenfalls das der Planung erreicht. Angesichts der Frage, wer wie für das für die Netze notwendige Temperaturniveau sorgen sollte und welche Kommune oder Stadtwerke sich für solche Vorhaben offen zeigen, ist es erstaunlich, dass das an anderen Orten kein Problem darstellt. Co-Location-Anbieter Conapto verkauft Datacenter-Dienste, rüstet sich für KI-Lasten und bekommt Geld für die wohltemperierte Rechnerhitze.

Conapto legt bei seinen Rechenzentren Wert auf 100 Prozent erneuerbare Energien, die Rückführung überschüssiger Wärme ins Fernwärmenetz und hohe Sicherheit mit Schutzklasse 3 (Schweden). Im Bild: „Stockholm 4 Süd“. (Bild:  Conapto AB)
Conapto legt bei seinen Rechenzentren Wert auf 100 Prozent erneuerbare Energien, die Rückführung überschüssiger Wärme ins Fernwärmenetz und hohe Sicherheit mit Schutzklasse 3 (Schweden). Im Bild: „Stockholm 4 Süd“.
(Bild: Conapto AB)

Conapto hat seinen Hauptsitz in Stockholm, betreibt vier Rechenzentren in Nord-, Süd- und Zentral-Stockholm, wo das Wärmenetz rund 3.000 Kilometer lang ist - der Aufbau begann in den 50er Jahren.Zum Vergleich: In Frankfurt am Main, dem Datacenter-Capital in Deutschland, liegen etwa 300 Kilometer in der Erde. Das Netz dort benötigt sehr hohe Temperaturen ab 80 Grad, für Conapto reicht ein Aufheizen durch die eigenen Wärmepumpen auf 68 bis 82 Grad. Wenn die Wärme aus den Serverräumen kommt, beträgt die Temperatur 27 bis 30 Grad - die Wasserkühlung könnte 40 bis 45 Grad ermöglichen. Die maximale Länge der Wärmeleitung beträgt 30 Kilometer; dann hat die Hitze die Endverbraucher erreicht.

Conapto AB wurde am 1. Oktober 2018 nach der Übernahme der schwedischen Aktivitäten von Sungard Availability Services gegründet. Seit 2021 befindet sich der Datacenter-Betreiber im Besitz von Marguerite II - einem paneuropäischen Infrastruktur-Fonds mit einem Volumen von 745 Millionen Euro, der sich in erster Linie auf Greenfield-Investitionen in den Bereichen erneuerbare Energien, Energie, Verkehr und digitale Infrastruktur in den 27 EU-Mitgliedstaaten und den Heranführungsländern konzentriert.

Das vierte Rechenzentrum

Das jüngste der vier Rechenzentren, „Stockholm 4 Süd“ (STHLM4South), hat Conapto offiziell am 30. August dieses Jahres eröffnet und erfüllt alle aktuellen Anforderungen an ein Rechenzentrum von der Photovoltaikanlage auf dem Dach über die sonstige erneuerbare Energie, die das Rechenzentrum speist, die Vorbereitung auf KI-Lasten und die damit verbundenen Optionen für Wasserkühlung und die Wärmepumpen. Zusammen mit der Anlage „Stockholm 2 Süd“ bildet dieses Rechenzentrum den Stockholmer Süd-Campus mit einer Gesamtkapazität von 5.200 Quadratmeter Computerraum und 24 Megawatt (MW) Leistung.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

'Phase 1' nennt sich das, was fertig und sofort beziehbar ist. Die Anlage besteht aus einer Co-Location-Fläche für Retail mit 1 MW und 500 Quadratmetern sowie Whitespace, der für maßgeschneiderte Kundeneinrichtungen zur Verfügung steht.

Stockholm 4 Süd wird zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien über „Vattenfall 24/7 Matching“ versorgt. Hierbei geht es letztlich darum, so viel Energie, wie benötigt wird, zuverlässig bereitzustellen. Das ist für Canapto nicht unwesentlich, da das Unternehmen seine Energiekosten dem Verbrauch gemäß an seine Kunden weitergibt.

Etwa zwölf Monate Zeit steht Conapto zur Verfügung, um Phase II fertigzustellen. Als Generalunternehmer fungiert wie schon häufiger zuvor Coromatic, eine Tochter der Eon-Gruppe. Der Anbieter von Infrastruktur für sichere Stromversorgung und Datenkommunikation ist erneut mit der Entwicklung, dem Bau und der Lieferung der unternehmenskritischen Ausrüstung für das Rechenzentrum beauftragt. Im Endausbau wird die Anlage mit einer Fläche von 8.000 Quadratmetern und einer Gesamtleistung von 20 MW die größte des Unternehmens sein. Insgesamt verfügt Conapto übrigens über eine Gesamtfläche von 15.000 Quadratmetern und einer Leistung von 30 Megawatt (MW).

Doch schon bei der Planung des Rechenzentrum hat auch die Maximierung des Potenzials der gesamten Kapazität des Unterbrechungsfreien Stromversorgungssystems (USV) im Fokus gestanden, wobei außer Frage gestanden hat, dass Rechenzentren nicht nur Energieverbraucher sind, sondern auch aktiv zur Stromerzeugung, zum Netzausgleich und zur Kreislaufwirtschaft beitragen können. Das aber hat für Coromatic, Conapto aber auch für Fever Energy (aus Italien) und Vertiv geheißen, dass der Einsatz von USV und Lithium-Ionen-Batterien in Zeiten der Netzinstabilität Rechenzentren die Möglichkeit bietet, zur Dekarbonisierung und zum Übergang zu mehr erneuerbaren Energiequellen beizutragen. Das wiederum kann zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele beizutragen und bereits installierte Infrastruktur für eine Kreislaufwirtschaft nutzen.

Das Grid

Vertiv, Coromatic und Fever Energy haben sicherstellen können, dass sich Conapto mit 17 Megawatt für das Programm „Fast Frequency Reserve“ (FFR) des nationalen Stromnetzes qualifiziert. Die schnelle Frequenzreserve (FFR) wird zur Bewältigung von Situationen mit geringer Trägheit eingesetzt. Unter Trägheit versteht man die Fähigkeit der in den rotierenden Massen des Stromnetzes gespeicherten kinetischen Energie, Frequenzänderungen zu widerstehen.

Nach Darstellung der Partner stellen die intermittierenden erneuerbaren Energien eine Herausforderung für konventionelle elektrische Systeme dar. Trotzdem steigt der Strombedarf insgesamt. Das erfordere neue Energiedienstleistungen, um das Netz auszugleichen. Vertiv hat bei Conapto eine Funktion mit der Bezeichnung „Dynamic Grid Support“ für die USV „Liebert EXL S1“ eingeführt. Diese bietet statische und dynamische Frequenzregulierung, indem sie die Eingangsleistung und die Ladung beziehungsweise Entladung der Batterien auf der Grundlage von Frequenzaktivierungsschwellen steuert.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu RZ- und Server-Technik

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Die gesamte Reaktionszeit zwischen der Erkennung von Frequenzschwankungen und dem Erreichen des festgelegten Leistungssollwerts durch die USV beträgt etwa 500 Millisekunden. Die Schnelligkeit unterstützt wiederum das Bedarfs-Management als alternativen Ansatz zur Abstimmung von Stromangebot und -nachfrage, indem die Nachfrage in Zeiten von Knappheit oder hohen Energiekosten reduziert wird. Außerdem kann die Kombination dieser Faktoren in Verbindung mit einem doppelten Umwandlungswirkungsgrad von bis zu 97 Prozent (bei Betrieb im Dynamic Online-Modus sogar bis zu 99 Prozent) die Kohlendioxidemissionen reduzieren.

Stefan Nilsson
Stefan Nilsson, Chief Commercial Officer bei Conapto sagt: „Durch die Einführung von Dynamic Grid Support können wir zur Reduzierung der CO2-Emissionen beitragen, indem wir mehr erneuerbare Energien in den Energiemix einbringen. Außerdem können wir neue Kapazitäten für unsere Kunden schaffen und diese viel schneller bereitstellen.“

Bildquelle: Conapto

Die Solaranlage auf dem Dach trägt übrigens nur zu einem kleinen Teil zur Energieversorgung bei. Die Paneele sorgen im Schnitt für 200 kW Strom.

Laut Nilsson gehört die Energieversorgung in Stockholm wie in allen europäischen Ländern zum Knackpunkt für die Entwicklung von neuen Rechenzentren. Der Strombedarf, nicht nur durch die Rechenzentren, sei 4 bis fünfmal höher, als die Produzenten und vor allem die Netzbetreiber liefern könnten.

Die Notstromgeneratoren von Kohler laufen bei Conapto mit dem schwedischen Dieselersatz „Ecopar“. Nach Angaben des Herstellers senken diese Kraftstoffe die CO2 um bis zu 50 Prozent. Die Stickstoffdioxidemissionen (NO2) in der Umgebung würden um bis zu 60 Prozent reduziert. Die Anlagen werden einmal pro Monat getestet und könnten 72 Stunden unter Vollast überbrücken. Die redundanten USV-Einheiten liefern je ein MW für 1 Minute. Insgesamt bietet die Computer-Räume die Schutzklasse 3

High Density kann kommen

Den PUE-Wert gibt Conapto mit 1.15 an, und das obwohl das Rechenzentrum ebenerdig für High-Density-Racks beziehungsweise für das Kühlen mit Wasser vorbereitet ist. Im Werbetext des Unternehmens heißt es: „Stockholm 4 Süd“ ist für den Einsatz mit hoher Dichte und Flüssigkeitskühlung vorbereitet und verfügt über ein flexibles Design, das die rasche Bereitstellung von kundenspezifischen Lösungen ermöglicht.“

Dahinter verbirgt sich ein zweiter Kühlkreislauf und die Überlegung dem Kunden die Verantwortung für den IT-Betrieb bis einschließlich der Coolant Distribution Unit (CDU) zu überlassen. Derzeit seien bei Conapto noch 99 Prozent der Installationen luftgekühlt. Doch das könne sich rasch ändern. Nvidia, der Rockstar unter den Anbietern von Grafikprozessoren für KPC- und KI-Rechnereien, habe mit „Blackwell“ den Anfang gemacht, die GPU gibt es wassergekühlt, „und jeder will folgen.“

Sollte ein Kunde, sich heute überlegen alsbald einzuziehen, kann Conapto die Kühlung und die Stromsicherung innerhalb von drei bis sechs Monaten hinzufügen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

Wie im ersten Stock liegen im Doppelboden die Stromleitungen, während Kabeltrassen unter der Decke die Datenleitungen führen. Die Wärmerückgewinnung von STHLM4South für das Fernwärmenetz von Stockholm Exergi trägt dann zum Programm Open Distrct Heating bei, das 2014 ins Leben gerufen wurde; Prozent aller Haushalte werden über District Heating mit Wärme versorgt. Hier gibt es auch andere Lieferanten von Wärme-Energie. Doch von 20 Partnern sind 14 Rechenzentren. Der Energy Reuse Factor (ERF) beträgt für das jüngste Conapto-Rechenzentrum 96 Prozent.

Während die Nachhaltigkeit gleichsam zu Conapto gehört, ist sich Nilsson noch nicht sicher, was von dem KI-Hype zu halten ist. Niemand habe vor dem Jahr 2022 auf diesen KI-Hype vorbereitet sein können. Es sei zwar Tatsache, dass enorme Kapazitäten für KI aufgebaut würde, der Bedarf riesig, doch die Frage stehe für alle im Raum, ob es für diese Tonnen an GPU-und Hardware auch genügend Business-Cases gebe, überlegt er. „Irgendjemand muss ja auch die Software dafür kaufen.“ Er setzt hinzu: „Die Hälfte der Firmen, die jetzt GPU-Power kaufen, werden wohl nicht überleben.“

Das sei seine pessimistische Seite und die optimistische: „Wir bauen Kapazität auf.“ Wie sich damit sein Co-Location-Geschäft ändere, lasse sich auch noch nicht absehen. Die Conapto-Sweet-Spot-Kunden seien die gewesen, die eine niedrige Latenz benötigt hätten. (Laut Nilsson dauert eine Übertragung etwa 20 Millisekunden von Stockholm nach Frankfurt am Main).

Letztlich hoffe man bei Conapto aber, dass KI ein starkes Argument für Rechenzentren sei, die sich eher an der Edge befänden, so wie Stockholm 4 Süd, und nicht für die riesigen Sites der Hyperscaler. Nilsson schätzt, dass der Investment-Fonds Conapto etwa sechs bis sieben Jahre Zeit lässt, in der sich STHLM4South bezahlt machen muss, weil er danach, also spät im Jahr 2026 oder zu Beginn von 2027 das Datacenter verkaufen werde.

(ID:50196312)