Die IT-Industialisierung in Banken und Sparkassen

Strategien und Marktpotenziale für die Finanzbranche im IT-Outsourcing

| Autor / Redakteur: Arnold Wagner / Ulrike Ostler

Arnold Wagner von der Experton Group zeigt die Sourcing-Trends für die Banken-IT auf.
Arnold Wagner von der Experton Group zeigt die Sourcing-Trends für die Banken-IT auf. (Bild: Butch/Fotolia.com)

Die Industrialisierung von Banken und Sparkassen geht weiter. Die Bankenindustrie wird verstärkt mit volatilen Märkten, der Finanzmarktregulierung, Veränderungen des Kundenverhaltens, neuen Organisationsstrukturen, verschärftem Ertragsdruck und globalen Innovationen konfrontiert. Die neuen Bedingungen erfordern Anpassungen der IT-Service-Strukturen.

Banken werden an Hand des formulierten Kundenbedürfnisses eine interne Prozessoptimierung mit dem Ziel einer Verschlankung von Prozessen und einer Komplexitätsreduktion der Systeme vornehmen. Die komplette Digitalisierung von Finanzdienstleistungen wird die Industrialisierung der Bankenindustrie zusätzlich beschleunigen. Banken betrachten Outsourcing im Transformationsprozess als einen nachhaltigen Optimierungshebel.

Im Fokus des Top-Managements steht die Optimierung der Cost-Income-Ratio. Sie dient zur Beurteilung der Kosteneffizienz und ist als Verhältnis aus Verwaltungsaufwand zu Erträgen vor Risikovorsorge je Geschäftsfeld definiert. Im Rahmen der Banksteuerung überprüft das Management basierend auf einem wertorientierten Steuerungskonzept (EVA) regelmäßig die Allokation der Ressourcen auf die Geschäftseinheiten und passt ihre Geschäftsstruktur den sich ändernden Marktverhältnissen an.

Die individuelle Leistung des Top-Managements wird auf Basis einer Gesamtbetrachtung von Kriterien beurteilt. Beispiele sind die Eigenkapitalrendite, Cost Income Ratio und das operatives Geschäftsergebnis. Neue Dimensionen in der Leistungssteigerung führen aktuell zu einer Reihe von „Operational Excellence“ Projekten (Beispiele: Deutsche Bank, Commerzbank, Allianz oder zu erwartende Post Merger Integration von GAD & Fiducia).

Risiken und Eigenkapital

Für Banken geht es auch darum, wie durch Outsourcing die Risikosituation verbessert und damit regulatorisches Eigenkapital gespart werden kann. Diese Sichtweise wurde angeregt durch die Regulierungskonzepte von Basel II, welche die operationellen Risiken von Banken stärker in den Mittelpunkt stellen.

Das Outsourcing von IT-Services kann auch angesehen werden als Strategie der Eingrenzung und Beherrschung von operationellen Risiken im Kerngeschäft von Banken. Das IT-Outsourcing wird als ein wichtiges Instrument für die Beeinflussung operationeller Risiken erkannt. Die Entscheidung, welche Teile der Wertschöpfungskette eine Bank selbst abdecken möchte (Insourcing) und welche man zweckmäßigerweise der IT-Serviceindustrie überlässt (Outsourcing), wird für Banken zu einem erfolgsentscheidenden Faktor.

Banken müssen beim IT-Outsourcing (Cloud Services) unter anderem die aktuellen Regelungen des Kreditwesengesetz (KWG) und der MaRisk – Abkürzung für Mindestanforderungen an das Risiko-Management – beachten. Nach den MaRisk liegt eine Auslagerung vor, wenn ein anderes Unternehmen mit der Wahrnehmung solcher Aktivitäten und Prozesse im Zusammenhang mit der Durchführung von Bankgeschäften beauftragt wird, die ansonsten vom Institut selbst erbracht würden. Die BaFin hat angekündigt, im Dialog mit den Banken die Einführung „zentraler Auslagerungseinheiten“ zu thematisieren und aufgrund der „großen Abhängigkeit“ von zentralen IT-Service Providern besonderes Augenmerk auf Notfallkonzepte (BCM) und Exit-Strategien zu legen (Sonderprüfungen).

Compliance und Governance

Die MaRisk schreiben vor, dass Banken vor jeder Auslagerung eine Risikoanalyse durchführen müssen. Banken haben über eine Compliance-Funktion zu verfügen, die den Risiken aus der Nichteinhaltung der rechtlichen Regelungen entgegenwirken soll. Verantwortlich für die (ausgelagerte) IT-Infrastruktur einer Bank ist stets die Geschäftsleitung (§ 25a KWG).

Outsourcing in Banken stellt hohe Anforderungen an IT-Governance und Projekt-Management. Wesentlicher Bestandteil der IT-Governance ist ein erfolgreiches Business-IT-Aligment. Die Umsetzung wird durch international akzeptierte Verfahren unterstützt. Banken sollten die „Retained Organisation“ in Outsourcing-Projekten schnell aufbauen und handlungsfähig machen, damit sie die künftigen Strukturen und Prozesse bereits in der Transformation-Phase steuern kann.

Mit dem Outsourcing verändern sich auch die Anforderungen an das Management von Banken. Während bislang ein Management entlang von Produktzyklen (Plan-Build-Run-Retire) vorherrschte, kommt nun das Management von Beschaffungsprozessen hinzu (Source-Make-Deliver-Govern). Eine Veränderung der Wertschöpfungskette wirkt sich auch auf das Anforderungsprofil der Bankmitarbeiter aus. Kompetenzen in Bereichen wie Change Management und Vendor sowie Multisourcing Management treten neben Technologie-Know-How in den Vordergrund.

Große und kleine Banken

Die Geschäftsmodelle von Transaktionsbanken sind auf Business Process Outsourcing (BPO) in den Geschäftsfeldern Wertpapierabwicklung, Zahlungsverkehr, Kredite und das „Bad-Bank-Geschäft“ spezialisiert. Auch die Optimierung der dezentralen IT-Infrastruktur der Bankfilialen (Managed Services) steht auf der Agenda.

Mit den Geschäftsprozessen werden auch die zugrundeliegenden IT-Systeme ausgelagert beziehungsweise migriert. Das Marktumfeld ist insbesondere durch den Druck zur Erzielung von Skalenerträgen und Stückkostendegression gekennzeichnet.

Im Gegensatz zu den Großbanken ist es insbesondere für kleinere und mittlere Banken (Regionalbanken, Privatbankiers) angesichts sich stetig beschleunigender Produktzyklen kaum möglich, für Leistungen außerhalb ihrer Kernkompetenzen stets das notwendige Know-how vorzuhalten. Marktteilnehmer sind beispielsweise die dwpBank AG („WP2-System“), DB Investment Services GmbH („euroengine2“) und Equens SE. Wachstumsstrategie der Transaktionsbanken ist die internationale Expansion durch Kooperationen.

Kern- und Drittmarktgeschäft

Die captive IT-Service Provider Banking (Beispiele: Fiducia, FI-TS) fokussieren zunehmend mit Outsourcing-Services den Bankenmarkt (Beispiele für dieses „Drittmarktgeschäft“ LBBW-IT und apoBank-IT). Diese IT-Service Provider konzentrieren sich auf die Erfüllung aktueller Governance-Anforderungen der Bankenindustrie sowie die Umsetzung der aktuellen Sicherheits- und Qualitätsanforderungen.

Im Fokus stehen auch Standardanwendungen mit einem hohen Verbreitungsgrad, wie Core-Banking-Systeme (Beispiele: Flexcube UBS von Oracle oder SAP Banking) oder Handelssysteme (Beispiele: Front Arena oder Sungard). Die Fiducia hat in 2013 den strategischen Ausbau der SAP-Kompetenzen bis Ende 2015 angekündigt. Hintergrund ist die zunehmende Markrelevanz von SAP in der Bankenindustrie und im VR-Verbund.

Für besondere Aufmerksamkeit im IT-Servicemarkt haben folgende Projekte gesorgt:

  • 1. Der UniCredit Konzern (HVB) hat in 2013 ein Joint Ventures zwischen dem internen IT-Service Provider UBIS (49 Prozent) und IBM (51 Prozent) über mehrere Milliarden Euro angekündigt. Das Joint Venture soll zukünftig Cloud Services für den gesamten UniCredit-Bankkonzern erbringen.
  • 2. Die Allianz SE und IBM haben Ende 2013 einen Vertrag für die Unterstützung im Betrieb der Allianz-Rechenzentren (AMOS SE) abgeschlossen. Ab April 2014 wird IBM als globaler Provider IT-Operations Services für die Allianz wahrnehmen und damit die Transformation der weltweiten IT-Infrastruktur unterstützen. Die Allianz erwartet, bis Ende 2017 vollständig auf die neue IT-Infrastruktur und deren Betrieb umgestellt zu haben.
  • 3. Auch Lufthansa Systems hat die Transformation des IT-Service-Modells angekündigt. In aktuellen Outsourcing-Deals dominiert das Multi-Sourcing, das Leistungen clustert und an unterschiedliche Spezialisten auslagert.

Trends und Sourcing

Ganz erhebliche Auswirkungen auf das Outsourcing-Geschäft hat das Cloud Computing. Der Kräfteverbund aus Cloud Computing, Big Data, Mobility und Social Media hat Einfluss auch die Neuordnung des IT-Servicemarkts. Erfolgsfaktoren für „Strategische IT-Partnerschaften“ sind die frühzeitige Analyse der Business-Strategien in den jeweiligen Geschäftsfeldern, die Beurteilung der COO-Initiativen und CIO-Prioritäten sowie die IT-Investitionen und Entscheidungsstrukturen. Insbesondere muss der Wandel im Zustandekommen von Outsourcing-Entscheidungen im Kontext der Finanzmarktregulierung, Finanzmarktaufsicht (BaFin, KWG, MaRisk), des Cloud Computing und der „Operational-Excellence-Projekte“ verstanden werden.

Die reine Wartung und Weiterentwicklung von beispielsweise Legacy-Applikationen im Retail Banking erfüllt häufig nicht die strategischen Erwartungen. Die IT-Service Provider sind erfolgreich die diese Trends rechtzeitig erkennen und die Sourcing-Portfolios an die Bedürfnisse des Marktes nachfrageorientiert anpassen.

In der Bankenindustrie wird es ohne Innovationen in den nächsten Jahren nicht gehen, und zwar in den Prozessen, Produkten und Geschäftsmodellen. Für international organisierte Bankkonzerne stellt sich zudem die Frage, wie dezentrale Innovationen in einem anderen kulturellen und wirtschaftlichen Kontext globalisiert werden können. Ziele sind globale, performante Prozesse, die von entsprechenden IT-Strukturen unterstützt werden.

Arnold Wagner ist als Director Advisor Financial Service bei der Experton Group tätig.
Arnold Wagner ist als Director Advisor Financial Service bei der Experton Group tätig. (Bild: Experton Group)

Gefordert sind insbesondere IT-Service Provider mit einem weltweiten Angebot an Beratungs-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleistungen mit umfassender Fachkenntnis und Branchenerfahrung. Anbieter von Outsourcing- und Cloud-Services sollten zur Hebung der Wachstumspotenziale die Marktstrukturen, Geschäftsmodelle, IT-Strategien und die neuen Innovationstreiber in der Bankenindustrie analysieren (Projekt: FS Cluster Markt-Screening) und einen fokussierten strategischen und operativen Business- und Account Plan entwickeln und umsetzen.

Der Autor:

Arnold Wagner berät die IT-Industrie als Branchenexperte in seinen Fokusthemen Financial Service und IT-Service Provider Banking. Vor seinem Wechsel zur Experton Group war Wagner zehn Jahre für Gartner als Analyst für den Bereich Business Development Financial Service verantwortlich. Zuvor hatte er 20 Jahre lang leitende Funktionen in der IT bei der Siemens AG und als Direktor der Dresdner Bank AG inne.

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