Wie sauber sind eigentlich die Hyperscaler?

Statusbericht: Rechenzentren auf Grün geschaltet

| Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins* / Ulrike Ostler

Auf „Grün“ umschalten, ja, doch sind nicht alle Photovoltaik-Zellen in ihrer Umweltbelastung gleich. In der Abbildung: Montage einer PV-Anlage
Auf „Grün“ umschalten, ja, doch sind nicht alle Photovoltaik-Zellen in ihrer Umweltbelastung gleich. In der Abbildung: Montage einer PV-Anlage (Bild: gemeinfrei: Pixabay)

Die digitale Transformation braucht mehr Rechenzentren. Doch das Wachstum treibt den Energiebedarf weiter in die Höhe. Den Kuchen essen und konservieren — geht das? Greenpeace spart nicht mit Kritik.

„Der limitierende Faktor für unser Wachstum(...) ist die Stromversorgung“, sagt Jens Prautzsch, der Geschäftsführer des Rechenzentrumsbetreibers Interxion, in Bezug auf den Standort Frankfurt am Main. Der europäische Co-Location-Anbieter baut in Deutschlands Datenhauptstadt mittlerweile schon sein fünfzehntes Rechenzentrum. Das bestehende Versorgungsnetz der Frankfurter Metropole halte aber mit dem rasanten Wachstum der Datacenter-Branche nicht mehr Schritt; die Engpässe würden die Time-to-Market in die Länge ziehen.

Anderswo mag das Gegenteil zutreffen. An der deutschen Nordseeküste wartet grüne Energie auf lokale Verbraucher. Dank gestiegener Effizienz stellte sich ein Energieboom ein.

Die Windkraftparks fangen die frische Nordsee-Brise neuerdings IIoT-gesteuert ein, mit kleinen Edge-Rechenzentren im Rücken. IIoT-Sensorik und Datenanalyse direkt an der Netzwerkkante zählen hier mit zu den Hauptgründen für die steigende operative Produktivität der Windanlagen.

Das Energieproblem in der IT

„Wir haben ja ein Energieproblem in der IT“, sagt Rebecca Lewington, Analytics & Advanced Architectures Marketing bei Hewlett Packard Labs. „7 Prozent der Energie weltweit geht alleine für die Stromversorgung des Internets drauf“.

Erschlagend: Die Abbildung zeigt die Energie-Aufnahme der größten Datacenter-Regionen in Megawatt am Jahresende 2018
Erschlagend: Die Abbildung zeigt die Energie-Aufnahme der größten Datacenter-Regionen in Megawatt am Jahresende 2018 (Bild: Jones Lang LaSalle, Global Data Center Outlook, Jahresende 2018)

Ergänzendes zum Thema
 
Neue Windmühlen in Irland, Schweden und Kalifornien mahlen für AWS

Durch die „Data Center Alley“ in Loudoun County Virginia geht 70 Prozent des weltweiten Internet-Verkehrs durch. In seinem aktuellen Bericht unter dem Titel „Clicking Clean Virginia – The Dirty Energy Powering Data Center Alley“ vom 13. Februar 2019 hat Greenpeace nahezu allen führenden Hyperscalern auf dem Gebiet grüner Energieversorgung schwerwiegende Defizite nachgewiesen.

Aus dem Greenpeace-Bericht geht unter anderem hervor, dass AWS (Amazon Web Services) zwar die eigenen Datencenter-Kapazitäten mit 600 Megawatt um satte 59 Prozent gegenüber 2017 ausgebaut habe, aber davon sei nichts in die Kategorie erneuerbarer Energie gefallen. Laut den Schätzungen von Greenpeace besitzt Amazon Web Services 55 Datacenter in Virginia, die entweder bereits in Betrieb genommen worden seien oder sich noch im Bau befänden, und schätzt hierbei den Energiebedarf von AWS im „Data Center Alley“ auf 1,7 Gigawatt.

Nur 12 Prozent davon entfällt aktuell auf erneuerbare Quellen (siehe: Kasten). Laut einem Bericht der Boston Consulting Group wächst AWS jährlich um derzeit (2019) 40 Prozent.

Greenpeace hat sich mit dem Bericht von AWS eine öffentliche Ohrfeige eingeheimst. Amazon steht auf dem Standpunkt, Greenpeace habe seine Zahlen ungeprüft in die Welt gesetzt und damit eine Argumentationskette aufgebaut, die in sich zusammenfalle.

Greenpeace versus AWS

Laut Amazon sollen die Schätzungen von Greenpeace sowohl den derzeitigen als auch den geplanten Energieverbrauch von AWS überbewerten. Darüber hinaus werde in dem Bericht zudem auch nicht richtig hervorgehoben, dass AWS ein bedeutender Investor in Solarprojekte im US-Bundestaat Virginia sei, sich für marktgerechte Strompreise nicht zuletzt auch auf politischer Ebene einsetze und damit die Energiewende vorantreibe.

Bis Dezember 2018 habe AWS eigenen Angaben zufolge in 53 Projekte für erneuerbare Energien mit einer Gesamtleistung von über 1.016 Megawatt investiert (davon sechs in Virginia) und soll jährlich über 3.075.636 Millionen Megawattstunden (MWh) Energie liefern. AWS habe sich im eigenen globalen Netzwerk „zu 100 Prozent“ erneuerbaren Energien verpflichtet. Das Unternehmen soll im abgelaufenen Jahr 2018 das Ziel zu 50 Prozent erreicht haben.

Greenpeace beschwert sich dennoch über die Geheimniskrämerei. AWS habe der Umweltstiftung als der einzige Cloud-Anbieter jeglichen Einblick in seine Zahlen verweigert. „Trotz Amazons medienwirksamen Engagements für erneuerbare Energien scheint das weltweit größte Cloud-Computing-Unternehmen zu hoffen, dass niemand merkt, dass es seine Ecke des Internets immer noch mit schmutziger Energie betreibt“, kommentiert sarkastisch Elizabeth Jardim, Senior Corporate Campaigner von Greenpeace.

Das Märchen von der zu 100prozentigen „grünen“ Energie der Hyperscaler

Doch AWS ist laut Greenpeace bei Weitem nicht der größte Übeltäter. Diesen Titel könne laut Greenpeace mit seinen mageren 4 Prozent „grüner“ Energie Google für sich verbuchen.

Dafür kommt das Aushängeschild Apple sogar jenseits der vorbildlichen 100 Prozent. Denn laut Greenpeace liegt der Energiebedarf von Apple in Höhe von lediglich 21 Megawatt unter dem Eigenbeitrag von 29 Megawatt; in anderen Worten: Apple betätigt sich als Produzent erneuerbarer Energien und weiß sich damit im Greenpeace-Bericht zu schmücken.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Greenpeace vergisst geflissentlich, zu erwähnen, dass Apple die eigene Cloud nicht ausschließlich selbst betreibt, sondern bei den Storage- und CDN-Diensten seine Last auf Google umwälzt, was ja mit der schmutzigsten Energie des Internets laufe - 4 Prozent, wenn man der Statistik von Greenpeace Glauben schenken möchte.

Kein grüner Apfel

Apple hüllt sich bezüglich der Interna seiner IT bekannterweise in vornehmes Schweigen. Dennoch kommt der Anbieter nicht umhin, im „Apple iOS Security Guide, iOS 12.1“ [Stand: November 2018], sich in die Karten schauen zu lassen: Der Einsatz eines „OAuth“-Tokens von Google lässt tief blicken. Diesen für Apple pikanten Umstand hatte Jordan Novet von CNBC entdeckt.

In den vorigen Jahren enthielt der „Apple iOS Security Guide“ noch Verweise auf „Amazon Web Services“ und „Microsoft Azure“. Wann Apple genau die eigene „iCloud“ von AWS und Azure auf die Google Cloud Platform umgestellt hat, ist nicht genau bekannt. Apples CEO Tim Cook soll auf eine Anfrage von CNBC einen Kommentar dazu verweigert haben.

Warum Apple seine Bilder und Videos offenbar nicht in eigenen Rechenzentren speichern möchte, sondern anscheinend lieber auf die Schützenhilfe externer Anbieter (derzeit Google, zuvor AWS und Azure) vertraut, mag viele Gründe haben. Wie dem auch sei: Die Aufbewahrung von Bildern, Audio und- Videoclips gehört zu Apples Kerngeschäft mit iCloud-Diensten und dem „iTunes Store“.

Während sich das Unternehmen selbst mit einem vorbildlichen Anteil erneuerbarer Energien am Eigenbedarf in Höhe von über 100 Prozent brüstet, deckt Apples eigener Storage- und CDN-Dienstleister seinen Energieverbrauch laut Greenpeace zu satten 96 Prozent mit unsauberem Strom. So weit in das „Kleingedruckte“ lesen die Investoren aber nicht.

Transparenzdefizite: Zu 100 Prozent zu nichts verpflichtet

Greenpeace kritisiert den Stromversorger Dominion Energy und seine Rolle in der Vernachlässigung erneuerbarer Energiequellen in dem Erzeugermix für einen der größten Internet-Knoten der Welt. Der Stromlieferant weist die Vorwürfe natürlich weit von sich. Das Unternehmen habe ja neuerdings eine Milliarde Dollar in den Ausbau seiner PV-Anlagen auf eine Kapazität von derzeit über 260 Megawatt investiert und sei somit zurzeit das viertgrößte Energieversorger in den USA.

Bis zum Jahre 2022 will das Unternehmen seine Solar- und Windenergie-Anlagen auf 3 Gigawatt aufstocken. Laut Keith Windle, dem Vize-Präsident für Business Development bei Dominion Energy, bestehe die Strategie darin, das eigene Energie-Portfolio „so auszubalancieren, dass der zukünftige Energiebedarf der Datencenter-Betreiber so zuverlässig, erschwinglich und nicht zuletzt so umweltverträglich wie möglich“ gedeckt werden könne. Doch Papier ist geduldig. Erst bis 2030 sei ein Anstieg des Anteils „grüner“ Energie auf knapp über 10 Prozent geplant.

Grün? Dieses preisgekrönte Rechenzentrum von Ragingwire Data Centers in Ashburn im U.S.-Bundesstaat Virginia verlässt sich mit seiner Leistungsaufnahme von 14,4 Megawatt auf die Energieversorgung des von Greenpeace umstrittenen „schmutzigen“ Stromversorgers Dominion Virginia Power.
Grün? Dieses preisgekrönte Rechenzentrum von Ragingwire Data Centers in Ashburn im U.S.-Bundesstaat Virginia verlässt sich mit seiner Leistungsaufnahme von 14,4 Megawatt auf die Energieversorgung des von Greenpeace umstrittenen „schmutzigen“ Stromversorgers Dominion Virginia Power. (Bild: NTT Communications)

Elizabeth Jardim, Senior Corporate Campaigner bei Greenpeace in den Vereinigten Staaten, macht keinen Hehl daraus, dass bei den aufgeführten Zahlen eine gewisse Fehlerrate unvermeidlich sei. Die Schuld daran liege, so Jardim, bei den betreffenden Hyperscalern. So weigere sich beispielsweise AWS unbeugsam, über den eigenen Energieverbrauch und die Grünhausgasemissionen Rechenschaft abzulegen.

Damit könne Greenpeace bei dem Kohlenstoff-Fußabdruck von Amazon/AWS eben nur anhand von Anpeilungen berichten. So sei es aber angesichts „der zaghaften Informationsbereitstellung und des Mangels an Transparenz“ nun einmal, argumentiert Cassady Craighill, der Media Officer von Greenpeace USA, „schwierig, den Fortschritt zu messen“ .

Unliebsame Nachfragen bei Facebook und AWS

Die harsche Reaktion auf den Greenpeace-Bericht beschränkt sich übrigens nicht auf die Proteste seitens AWS. Auch bei Facebook und Google stießen die Erkenntnisse der Studie auf wenig Gegenliebe.

Facebook argumentiert, der von Greenpeace genannte 37-prozentige Anteil erneuerbarer Energien am Verbrauch seiner Rechenzentren sei schon deshalb unzutreffend, weil einige der aufgelisteten Datacenter-Standorte noch gar nicht in Betrieb genommen worden seien. (Link zur Nachhaltigkeitsstrategie von AWS)

Auch Google schlägt in dieselbe Kerbe; auch seine Rechenzentren in Virginia seien bisher im Bau befindlich und würden noch überhaupt keinen Strom verbrauchen. Google habe ja die selbstauferlegte Verpflichtung, nur 100 Prozent erneuerbare, grüne Energie zu verwenden, bereits seit 2017 erreicht; auch für die neuen Datencenter in Virginia gälten dieselben Vorgaben.

Auch Facebook und AWS stehen Google mit ihren eigenen Vorsätzen in nichts nach. „100 Prozent“ macht sich schön; vollmundig und unverbindlich. Eine Zertifizierung wäre da nicht fehl am Platze.

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: toxisches „Grün“.

Toxisches „Grün“?

„Grüne“ Energie aus Photovoltaik müsste eigentlich überall willkommen sein — wer würde da schon dazu „nein“ sagen? Ein Energieversorger namens Sustainable Power Group (sPower) muss dennoch mit Gegenwind kämpfen — und hat sich das sogar selbst zuzuschreiben.

Auf einer Fläche von 25,7 Quadratkilometer im U.S.-Bundesstaat Virginia möchte sPower die Solarkapazitäten des regionalen Marktes verdoppeln. 1,8 Millionen Solarkollektoren sollen 500 Megawatt an „grüner“ Energie umweltbewussten Rechenzentrumsbetreibern bereitstellen. Doch nicht alle sind damit einverstanden.

Denn sPower hat sich für eine extrem toxische Variante der Solaranlagen entschieden: mit Halbleitern auf der Basis von Kadmium-Tellurid (CdTe), einer gesundheitsschädlichen Verbindung aus dem hochgiftigen Kadmium und dem ebenfalls toxischen Chalkogen (Erzbildner) Tellur. Bei der Herstellung müssen die CdTe-Solarzellen zudem noch mit wasserlöslichem Kadmiumchlorid (CdCl) beschichtet werden, einer äußerst umweltschädlichen Substanz.

Unnötig! Gift in den Solarzellen

Durch das Austreten von Kadmium-Tellurid und Kadmiumchlorid aus den Anlagen in den Boden sei die Boden- und Grundwasserverschmutzung praktisch vorhersehbar. Die Giftstoffe würden das natürliche Waldhabitat und sein gesamtes Ökosystem rund um Fawn Lake, einen idyllischen See, gefährden, argumentieren die Projektgegner.

Dabei hätte es sPower gar nicht nötig gehabt. Zu den toxischen Solarzellen mit Kadmium-Tellurid gibt es ja umweltfreundlichere Alternativen, allen voran Photovoltaik-Zellen auf der Basis von mono- und polykristallinem Silizium, die sich zudem auch noch durch eine höhere Leistung auszeichnen. Photovoltaik-Zellen in Silizium neigen nicht zur Korrosion und lassen sich im Normallfall mit allen Wechselrichtern und sogar ohne Erdung problemlos betreiben (letzteres ist vor allem beim Unwetter von Vorteil).

Diese Module dominieren den Markt mit einem Anteil von über 80 Prozent, berichtet die SMA Solar Technology AG, global führender Spezialist für Photovoltaik-Systemtechnik aus dem Hessischen Niestetal. Das deutsche Unternehmen ist an dem Projekt in Virginia nicht beteiligt.

Es gibt Besseres

Inzwischen drückt sich sPower schon mal vorbeugend um die finanzielle Vorsorge. Der nordamerikanische Stromversorger hat für die Umweltsanierung im Falle einer Betriebseinstellung insgesamt 1,2 Millionen Dollar vorgesehen, gerade einmal je 1 Dollar pro Sonnenkollektor. Die kommunale Verwaltung und die Anwohner verlangen das Dreißigfache.

Sollte sPower seine toxische Solarzellen-Farm in der vollen Ausbaustufe genehmigt bekommen, bleibt von der unberührten Natur also nicht allzu viel übrig — soweit zu der „Nachhaltigkeit“. Die Gifte der gewählten Fertigungstechnik bedrohen sowohl die Biodiversität als auch die Gesundheit der Anwohner. Paradoxerweise wird gerade der Push von Greenpeace zum Ausbau „erneuerbarer“ Energien zu diesem Resultat beigetragen haben.

Der ganze Sinn von erneuerbaren Energien sollte ja eigentlich der Umweltschutz sein — oder? Bleifreies Benzin ist ja auch längst eine Selbstverständlichkeit. Auch haben sich bleisäure- und quecksilberfreie Lithium-Ionen-Batterien durchgesetzt. Die Wahl umweltfreundlicher Photovoltaik bräuchte ja nicht so lange auf sich warten zu lassen. Die Technik ist ja bereits da.

Im Aufwind

Die treibende Kraft hinter dem aktuellen Datacenter-Wachstum in Europa sind massive Investitionen von Hyperscalern. Im Jahre 2018 entfiel der Zuwachs an Rechenzentrumskapazitäten im FLAP-Raum (Frankfurt, London, Amsterdam und Paris) zu sagenhaften 79 Prozent auf Betreiber eben dieser Größenordnung. Neuzugänge wie Iron Mountain, Cyrus One, Edgeconnex, CloudHQ und Serverfarm sind generell finanziell gut gepolstert und bereit, große Geldsummen „auf den Tisch zu blättern“.

Grad der Datacenter-Modernisierung: Frankfurt am Main liegt beim Ranking nach Cloud-Rechenzentren und gemessen am Energieverbrauch nach Rechenzentrumsregionen an europäischer Spitze.
Grad der Datacenter-Modernisierung: Frankfurt am Main liegt beim Ranking nach Cloud-Rechenzentren und gemessen am Energieverbrauch nach Rechenzentrumsregionen an europäischer Spitze. (Bild: Jones Lang LaSalle , Global Data Center Outlook, Jahresende 2018)

Nachdem im vergangenen Jahr einige chinesische Cloud-Anbieter den europäischen Rechenzentrumsmarkt sondierten, sollen 2019 vor allem wieder US-Akteure das Wachstum vorantreiben. Diese Unternehmen würden ihr Augenmerk diesmal verstärkt der zweiten Liga möglicher Datacenter-Standorte zuwenden (zum Vergleich: In den Jahren 2016 und 2017 flossen 70 Prozent der Investitionen in den FLAP-Raum hinein) und dennoch seien sie bereit, beachtliche Investitionen, zum Teil in mehrfacher Milliardenhöhe, in neue Rechenzentren zu tätigen, schätzt CBRE.

„Grüne“ Datencenter sind nicht ausschließlich ein Privileg von Hyperscalern. Auch kleinere Rechenzentrumsbetreiber können erneuerbare Energien „anzapfen“. Ein gutes Beispiel hierzu ist die Windcloud 4.0 GmbH aus der Gemeinde Enge-Sande im nördlichen Nordfriesland (siehe hierzu: „Frischer Wind für emissionsfreie Rechenzentren, Windcloud 4.0 führt den Rechenzentrumsbetrieb in eine klimaneutrale Zukunft“).

Das Unternehmen bezieht seinen Strom direkt aus einem Windpark. Das Beispiel zeigt, dass auch Mittelständler beim Umbau auf grüne RZs ganz vorne mit dabei sein können, wenn sich die geeigneten Rahmenbedingungen hierzu einstellen.

Die Badenova-Tochter Baden IT hat in 2019 ein grünes, hochmodernes Rechenzentrum mit einer redundanten Energieversorgung aus zwei verschiedenen Umspannwerken eingeweiht; eine begrünte Außenwand soll jährlich rund 1 Tonne CO2 binden.
Die Badenova-Tochter Baden IT hat in 2019 ein grünes, hochmodernes Rechenzentrum mit einer redundanten Energieversorgung aus zwei verschiedenen Umspannwerken eingeweiht; eine begrünte Außenwand soll jährlich rund 1 Tonne CO2 binden. (Bild: Badenova AG & Co. KG)

Deutsche Rechenzentren gehören im Hinblick auf ihre Energie-Effizienz bereits zur Weltspitze; dennoch nimmt ihr globaler Marktanteil auf Grund der hohen Strompreise im globalen Maßstab kontinuierlich ab. Zu diesem Schluss kamen der „Eco Verband der Internetwirtschaft e.V.“ und das Berliner Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit in ihrer gemeinsamen Studie „Bedeutung digitaler Infrastrukturen in Deutschland“ im Jahre 2018; den Trend konnte neuerdings auch Jones Lang LaSalle in seinem neuesten Bericht bestätigen. Für die beteiligten Akteure ist es jetzt an der Zeit, zu handeln.

Die Badenova AG & Co. KG aus Baden-Württemberg hat mit ihrem kürzlich eingeweihten Rechenzentrum in Freiburg neue Standards der Energie-Effizienz gesetzt. Das Unternehmen könne hier eine Energie-Einsparung von bis zu 60 Prozent verbuchen und habe sich so quasi durch die Hintertüre der Energieeffizienz „niedrigere Strompreise zugesichert“.

Rechenzentren im Bau am Jahresende 2018: Frankfurt scheint im Hinblick auf die Kapazitäten zur Aufnahme neuer Rechenzentren im internationalen Vergleich auf unsichtbare Hindernisse zu stoßen.
Rechenzentren im Bau am Jahresende 2018: Frankfurt scheint im Hinblick auf die Kapazitäten zur Aufnahme neuer Rechenzentren im internationalen Vergleich auf unsichtbare Hindernisse zu stoßen. (Bild: Jones Lang LaSalle, Global Data Center Outlook, Jahresende 2018)

Der Offshore-Energieboom in der norddeutschen Küstenregion ließ sich erst mit dem Aufkommen von IIoT-Sensorik, Edge und maschinellem Lernen verwirklichen. Die zunehmende Automatisierung und neue Möglichkeiten zur prädiktiven Wartung reduzieren die Betriebsrisiken und erhöhen die Produktivität der Anlagen. Diese Erfahrung hat auch Google mit seinen eigenen Windkraftparks gemacht. „Maschinelles Lernen hat den Wert unserer Windenergie bis heute gegenüber dem Basisszenario um rund 20 Prozent erhöht“, freut sich Googles Geschäftsführer Sundar Pichai.

Deutschland hat insgesamt rund 30.000 betriebsbereite Windkraftanlagen (Bundesverband Windenergie). Die installierte Leistung beträgt so um die 56.154 Megawatt. Deutschland kommt damit im absoluten Maßstab europaweit auf Platz 1 und weltweit auf den sehr respektablen Platz 3.

Für Rechenzentren käme die Effizienz der Offshore-Turbinen in der norddeutschen Küstenregion wie gerufen, doch für die Investoren sind die Standortvorteile nicht unmittelbar offensichtlich. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) untersucht kontinuierlich Liegenschaften aus dem eigenen Portfolio im Hinblick auf ihre Eignung für einen möglichen Breitbandausbau, um potenziellen Investoren kalkulierbare Standortbedingungen anbieten zu können.

Im Aufwind: Verteilung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland nach Energieträger im Jahr 2018
Im Aufwind: Verteilung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland nach Energieträger im Jahr 2018 (Bild: Statista)

Doch während staatliche Förderungsmaßnahmen jederzeit wegfallen können, wenn sich die Prioritäten von Bund und Ländern ändern, steht die Rechenzentrumsbranche vor einem grundlegenden Problem: Die hohe Besteuerung der Energie-Erzeugung fließt in die deutschen Strompreise mit hinein.

Datencenter scheinen konjunkturimmun zu sein, bemerkt Paul Mortlock, Data Centre Investment Director bei CBRE. Doch sie sind nicht immun gegen zu hohe Energiekosten, stellen immer wieder Analystenhäuser wie das Borderstep-Institut in ihren Berichten zur Lage des Datacenter-Marktes fest.

Dass es auch anders geht, haben bereits Länder wie Norwegen vorgemacht (siehe dazu den Bericht „Rechenzentren im Hypermaßstab: Norwegen holt bei der Datacenter-Ansiedlung auf“. Mit dem norwegischen Modell würden sich viele Probleme für deutsche Rechenzentren erst gar nicht stellen.

Das Fazit der Autoren

Der Beitrag der Windenergie zu erneuerbaren Energien beträgt in Deutschland satte 49 Prozent, oder umgerechnet das 2,45-fache der Photovoltaik. Das Potenzial beider dieser erneuerbaren Energiequellen ist sicherlich noch nicht voll ausgeschöpft. Laut Accenture soll sich der IoT/IIoT-Boom im Übrigen über das Jahr 2030 hinaus fortsetzen und der Weltwirtschaft bis dahin satte 14,2 Billionen Dollar hinzufügen — nicht zuletzt durch gestiegene Produktivität der „grünen“ Energiegewinnung.

*Das Autorenduo Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeitet für McKinley Denali Inc. (USA).

Was meinen Sie zu diesem Thema?
von Roland Trauner, IBM System Z Academic Initiative at IBM Sehr aufschlussreicher Artikel. „Wir...  lesen
posted am 15.04.2019 um 13:05 von Unregistriert

Mal wieder einer (oder eine), der diese Plattform nutzt, um unter dem Mantel der Anonymität seine...  lesen
posted am 15.04.2019 um 08:50 von Heiko.Schrader

Sorry, worüber diskutieren wir hier? Ein recht guter und aufrüttelnder Artikel um den...  lesen
posted am 12.04.2019 um 20:39 von Unregistriert

Greenpeace wettert gegen die großen Rechenzentren, weil die noch nicht auf erneuerbare Energie...  lesen
posted am 11.04.2019 um 10:48 von Unregistriert

Nicht ohne Grund hat AWS Anfang 2019 drei neue große Rechenzentren um Stockholm in Betrieb...  lesen
posted am 10.04.2019 um 11:58 von staffan@reveman.com


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45858069 / Versorgung)