Entfesselte Drachen

Errichtung im Schnellverfahren: Hyperscale-Rechenzentren in China

| Autor / Redakteur: Luis Brücher und Bernd Hanstein* / Ulrike Ostler

Im Datacenter „Guanting Lake New Media Big Data Industry Base“ von Chindata: Der Blick geht durch einen IT-Schrank auf die langen Reihen von Server-Racks.
Im Datacenter „Guanting Lake New Media Big Data Industry Base“ von Chindata: Der Blick geht durch einen IT-Schrank auf die langen Reihen von Server-Racks. (Bild: ZWSY)

Die chinesische Internet-Wirtschaft ist ein Wachstumstreiber. Innovative Geschäftsmodelle entstehen im Rekordtempo. Anbieter wie Chindata müssen daher neue Hyperscale-Rechenzentren in kürzester Zeit errichten, um den Datenhunger der digitalen Welt zu stillen. Eines der größten Rechenzentren in China wurde in nur sieben Monaten aufgebaut, wie der folgende Beitrag zeigt.

China zählt zu den innovativsten IT-Märkten weltweit. Die in der Vergangenheit durchgeführten Wirtschaftsreformen förderten den Aufbau privatwirtschaftlicher Unternehmen, die heute weltweit anerkannte Spitzentechnologie hervorbringen. Insbesondere im Internet-Sektor haben sich mit Baidu, Alibaba und Tencent und JD – den so genannten BATJ-Unternehmen – vier Schwergewichte etabliert, die sich mit westlichen Konzernen wie Google und Amazon ein Wettrennen auf Augenhöhe liefern.

Die Großen und die Einhörner

In China existiert zudem eine dynamische Startup-Szene, aus der immer wieder so genannte Einhörner (Unicorns) hervorgehen. Allgemein werden damit Tech-Unternehmen im Privatbesitz bezeichnet, die eine Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar erreicht haben.

Weltweit gab es Anfang 2019 über 300 dieser Unicorns, rund ein Drittel davon stammt aus China – nur in den USA gibt es mehr Unicorns. Unternehmen wie Ant Financial (Finanzdienstleister), Bytedance/Today Headline (Media-Services), JD und DiDi Chuxing (Rideshare-Dienstleister) sind Beispiele für chinesische Startups, die sogar eine Bewertung von über 50 Milliarden Dollar erreichten.

Es ist davon auszugehen, dass die chinesische Internet-Wirtschaft auch weiterhin in einem rasanten Tempo Innovationen hervorbringt. So verfolgt der chinesische Staat das Ziel, in einigen Jahren führend bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zu sein.

Die Software- und Service-Companies

Was diese Trends zeigen: Innovative Geschäftsmodelle basieren heute auf digitalen Prozessen, sind über das Internet jederzeit abrufbar und benötigen daher rund um die Uhr verfügbare Rechenzentren. Von den 112 Unternehmen, die im Jahr 2018 weltweit neu in die Liste der Unicorns aufgenommen wurde, stammen 39 aus der Kategorie Internet Software & Services.

Getrieben wird dieser Trend von der hohen Zahl der Menschen, die heute bereits online sind. So gibt es im globalen Vergleich in China die meisten Internet- und Smartphone-Nutzer: Im Jahr 2017 waren in China 772 Millionen Anwender online, bei einer geschätzten Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen in China.

Fabriken erzeugen permanente Datenströme

Es sind jedoch nicht nur die privaten Nutzer, die weltweit die Cloud-Nachfrage antreiben. So müssen produzierende Unternehmen ihre Fabriken modernisieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Vernetzte Roboter und Technologien – wie das Industrial Internet of Things (IIoT) – erzeugen über Sensoren riesige Datenströme in Echtzeit, die teilweise vor Ort, aber auch in der Cloud verarbeitet werden.

Die Marktforscher von IDC schätzen, dass in China weltweit die höchsten IIoT-Investitionen stattfinden, inklusive beteiligter Technologien wie Robotics sowie Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR). AR und VR können beispielsweise Mitarbeiter in der Produktion oder in Werkstätten dabei unterstützen, über intelligente Datenbrillen auf zusätzliche Informationen zuzugreifen.

Die Automatisierung der Fertigung wird sich sogar noch weiter beschleunigen: So könnten laut IDC chinesische Unternehmen bis zum Jahr 2022 rund 40 Prozent der weltweiten Ausgaben in Roboter-Technologien vereinen, entsprechend einer Summe von rund 80 Milliarden Dollar. Die dafür notwendigen IT-Infrastrukturen werden die Nachfrage nach Cloud-Rechenzentren in den kommenden Jahren weiter beschleunigen.

Digitalisierung erfordert schnell neue Rechenzentren

Für das weitere Wachstum benötigen chinesische Unternehmen flexibel abrufbare IT-Leistungen. Unternehmen scheuen jedoch den Aufbau und Betrieb eigener Rechenzentren. Eine Planungs- und Bauphase von bis zu zwei Jahren würde in der schnellen Internet-Welt einfach zu lange dauern. Daher steigt die Nachfrage nach schnell abrufbaren IT-Services aus der Cloud:

Von Infrastrukturdiensten wie Speicher und Rechenleistung bis hin zu kompletten Business-Anwendungen stehen „as-a-Service-Dienste“ mit einigen wenigen Mausklicks bereit. Die enorme Cloud-Nachfrage spiegelt sich in aktuellen Wirtschaftsdaten wider: So ist der globale Markt für Cloud-Rechenzentren im Jahr 2018 zweistellig gewachsen, in China sogar um 88 Prozent.

So wundert es nicht, dass China einen wahren Boom beim Bau neuer Rechenzentren erlebt. Im Jahr 2018 gab es weltweit bereits 430 Hyperscale-Rechenzentren, mehr als 30 mit Standort in China. Weitere 130 Rechenzentren sind weltweit in der Planungsphase.

Rechenzentrumsbau-Boom

Ein Hyperscale-Rechenzentrum ist von der Server-Infrastruktur her auf höchste Skalierbarkeit ausgelegt, um damit die ständig schwankende Nachfrage der Kunden nach IT-Leistung erfüllen zu können. So betreiben große Cloud-Provider ihre Rechenzentren mit einer Hyperscale-Infrastruktur, in der Tausende von weitgehend identischen Rechnern betrieben werden, die sich dynamisch und automatisiert auf die jeweils benötigte Last anpassen.

Auch der chinesische Cloud- und Rechenzentrumsanbieter Chindata stand vor der Herausforderung, schnellstmöglich ein neues Rechenzentrum zu implementieren, um damit die hohe Nachfrage nach IT-Services erfüllen zu können. Für die Umsetzung wählte das Unternehmen Rittal als Partner.

Jessica Song, Vice President Director Planning and Design Academy bei Chindata, sagt: „Gemeinsam mit Rittal ist es uns gelungen, in der Rekordzeit von nur sieben Monaten ein komplett neues Hyperscale-Rechenzentrum zu errichten. Die Experten von Rittal haben uns von Anfang an mit innovativen Ideen für das Kühlkonzept und dem modularen Aufbau der IT-Racks kompetent beraten und im gesamten Prozess begleitet.“

Parallelisierung von IT- und Infrastrukturaufbau

Chindata betreibt bereits fünf Rechenzentren an strategischen Standorten in China, dazu zählen Beijing, Shenzhen, Shanghai, Shanxi und Hebei sowie 220 weitere kleinere Datacenter. Das neue Rechenzentrum „Guanting Lake New Media Big Data Industry Base“ gehört mit einer Fläche von mehr als 130.000 Quadratmetern und einer IT-Leistung von bis zu 16 Megawatt zu den größten Datacenter in China.

Einer der Erfolgsfaktoren für den raschen Aufbau war die präzise Planung und Abstimmung zwischen der Bauleitung des Gebäudes und den Rittal-Experten. Dies ermöglicht beispielsweise ein paralleles Arbeiten an den Rechenzentrumskomponenten noch während der Bauphase.

Vorkonfigurierte Module wurden von Rittal schrittweise entsprechend dem Baufortschritt im Rechenzentrum installiert. Mit dieser eng getakteten Vorgehensweise und dem modularen Konzept ist es auch im Fall von Chindata gelungen, das neue Rechenzentrum in Rekordzeit aufzubauen.

Mit Standardkomponenten und Modulen arbeiten

Im neuen Hyperscale-Rechenzentrum von Chindata installierte Rittal eine modifizierte IT-Variante des „TS 8“-Schranksystems. In dieser Variante verfügen die IT-Racks über 52 Höheneinheiten.

Mehr als 8.000 Rittal TS 8 IT-Schränke und über 250 Warmgang-Schottungen sind inzwischen installiert. Über eine intelligente Energieverteilung kann Chindata einzelne Einschübe gezielt ansteuern und über das Monitoring den Energieverbrauch präzise erfassen.

Für die Kühlung der IT-Systeme wird eine Warmgang-Schottung mit indirekter adiabatischer Kühlung verwendet, um eine bestmögliche Energie-Effizienz zu erreichen. Insgesamt unterschreitet der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) des Systems mit 1,12 den gesetzlichen Richtwert (1,4) des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnik.

Wir sind uns sicher: Die Verwendung von vorkonfigurierten Modulen und Standard-IT-Racks beschleunigten den Baufortschritt. Mit den gesammelten Erfahrungen aus diesem Projekt lassen sich künftig weitere Hyperscale-Rechenzentren in vergleichbarem Rekordtempo umsetzen.

* Luis Brücher ist Vice President Product Management IT bei Rittal in Herborn und Bernd Hanstein ist Leiter Marketing IT, ebenfalls bei Rittal in Herborn.

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Sehr interessant extreme Grössenordnung. Ein 10-tel im PUE entspricht einem kleinen Vermögen.  lesen
posted am 13.05.2019 um 23:25 von Unregistriert


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