Das schnellste Unterseekabel führt durch die Ostsee

Ein Datacenter-Backbone für Mittel- und Nordeuropa

| Autor: Ulrike Ostler

C-Lion 1 von Cinia trifft in Rostock auf Land, dann geht es terrestrisch weiter nach Frankfurt.
C-Lion 1 von Cinia trifft in Rostock auf Land, dann geht es terrestrisch weiter nach Frankfurt. (Bild: Cinia)

Großer Bahnhof für die Eröffnung des „Northern Digital Highway“. Mit einer Gesamtkapazität von 144 Terabit pro Sekunde zwischen Deutschland und Finnland soll das Datenkabel „C-Lion1“, das in Rostock anlandet, neue Möglichkeiten für Rechenzentrumsbetreiber und Verbindung nach Asien eröffnen. Politische Prominenz von

Gestern in der „Klassikstadt“ Frankfurt: Die Cinia Group, ein in Finnland ansässiger Anbieter von ICT-Services, hat ihr C-Lion1 Untersee-Kabelsystem offiziell eingeweiht und für die kommerzielle Nutzung freigegeben. Es verbindet Mittel- und Nordeuropa und verfügt über eine Rekord-Netzwerkkapazität.

Roter Teppich für die Gäste der Eöffnungsfeier.
Roter Teppich für die Gäste der Eöffnungsfeier. (Bild: Cinia)

Erste Kunden gibt es bereits. Cinia hat mit Rechenzentrumsbetreibern wie Hetzner Online und Telia Sonera Vereinbarungen getroffen und einen Vertrag mit Avelacom unterzeichnet, um sich mit deren Netzwerk zwischen Finnland und Moskau, Russland, zu verbinden. Weitere wichtige Partnerschaften bestehen unter anderem mit Huawei, Xtera und SSH. Vor kurzem kündigte Cinia an, sich mit Equinix-Rechenzentren in Helsinki und Frankfurt zu verbinden.

Etwa 100 Millionen Euro habe das Seekabel gekostet, sagte Ari-Jussi Knaapila, President und CEO der Cinia Group Oy, in Frankfurt. Das sind neben den reinen Kabelkosten etwa 100 Tage auf dem Spezialschiff, mit dessen Hilfe das Kabel etwa einen Meter in den Meeresboden eingepflügt wird, 18 Monate von der Planung bis zur Fertigstellung im März dieses Jahres und zeitweilig 40 Vollzeitkräfte, die sich damit beschäftigten. In etwa fünf bis sechs Jahren, sollen sich die Investitionen auszahlen.

Das Cinia C-Lion1 Kabelsystem wurde von der Cinia Gruppe entworfen und zusammen mit Alcatel-Lucent Submarine Networks verlegt. Das Kabel ist 1.172 Kilometer lang und besteht aus acht Paaren optischer Glasfaserkabel. Die 18 Terabit pro Sekunde und Glasfaserpaar sind derzeit Weltrekord, doch nicht nur deswegen ließ sich Prominenz zu Grußworten bitten:

  • Lenita Toivakka, die finnische Ministerin für Außenhandel und Entwicklung Esa Rautalinko, Vorstandsvorsitzender der Cinia Group Ltd., sprachen live aus Helsinki die Begrüßungsworte.
  • Die finnische Botschafterin Ritva Koukku-Ronde schloss sich in Frankfurt an.

Brigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Koordinatorin der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt: „Das neue Untersee-Datenkabel ist eine große Chance für Unternehmen in Finnland, Deutschland und in ganz Europa.“
Brigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Koordinatorin der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt: „Das neue Untersee-Datenkabel ist eine große Chance für Unternehmen in Finnland, Deutschland und in ganz Europa.“ (Bild: Cinia)

  • Brigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Koordinatorin der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt „Wir schauen ein wenig neidisch darauf, dass 2014 die Entscheidung für das Projekt fällt und es jetzt umgesetzt ist“, sagte sie und wies auf die guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Finnland und Deutschland hin. Zudem sei das Land quasi prädestiniert für die Ansiedlung von Rechenzentren. Das liege an den ohnehin günstigeren Energiepreisen, die betragen nur etwa ein Drittel dessen, was die gleiche Menge in Deutschland kostet, aber auch daran, dass es steuerliche Subventionen für die Rechenzentrumsbetreiber, „etwas, das wir hier immer einmal wieder diskutieren“, so Zypries, der Finanzminister aber abblocke.
  • ICANN-Vorstandsmitglied Erika Mann wiederum stellte heraus, dass Mega-Cities die „New Economic Geography“ bestimmen. Hong Kong etwa werde im Jahr 2020 rund 80 Millionen Menschen umfassen. Ganz klar, dass hier Geschäft gemacht und Geld verdient werde.

Zugleich zeigte sie auf, dass gerade an Standorten, die sich multikulturell entwickelt haben, die Ökonomien sich schneller entwickelten als in vergleichsweise homogenen Strukturen. Ein Datenkabel und damit eine nördliche Backbone-Infrastruktur eröffne nun stärker als je zuvor, die Verbindung Richtung Asien auszubauen, global Geschäfte zu machen, neue Geschäftsideen zu finden und auszubauen.

Um zugleich nationale Identität bewahren zu können, brauche es jedoch Gegengewichte: „In Anbetracht eines möglichen Brexits und der wachsenden EU-Skepsis, ist es sehr wichtig, dass wir kontinuierlich den Aufbau eines gemeinsamen Europas fortsetzen. Der europäische digitale Binnenmarkt und diese neue Verbindung sind die Zukunft, die wir fördern sollten.“

Erika Mann, ICANN-Vorstandsmitglied: "Links bauen Verbindungen, in der IT und zwischen Nationen."
Erika Mann, ICANN-Vorstandsmitglied: "Links bauen Verbindungen, in der IT und zwischen Nationen." (Bild: Cinia)

Zwei Enden eine Chance?

Doch was bedeutet das für die Wirtschaft hierzulande und in Finnland? Zypries drückt das wie folgt aus: „Das neue Untersee-Datenkabel ist eine große Chance für Unternehmen in Finnland, Deutschland und in ganz Europa. Es kombiniert die Stärken beider Länder: Die Finanzbranche und den Internet-Knoten in Frankfurt mit der weltweit größten Datenkapazität auf der einen Seite, mit dem nordischen Klima und den niedrigen Preisen für grüne Energie auf der anderen Seite.“

Das heißt zunächst, dass hierzulande zwar Kunden und Geld zu finden sind, neue Rechenzentren sich aber in Finnland ansiedeln sollen und werden. Seit 2011 hat etwa Google im finnischen Hamina ein Rechenzentrum in Betrieb, in einer alten Papierfabrik. Nun baut Cinia-Kunde Hetzner in Tuusula, etwa 20 Kilometer nördlich von Helsinki, ein neues Rechenzentrum auf 150.000 Quadratmetern. Der Grund: „Heute ist es zu teuer, in Deutschland Rechenzentren zu bauen“, so Arno Pirner, Verkaufsleiter und Produktberater bei der Hetzner Online GmbH.

Am neuen, großen Standort sollen auch neue Arbeitsplätze für Fachinformatiker, Elektriker und Software-Entwickler geschaffen werden. In Deutschland sind je nach Quelle rund 220.000 bis 250.000 Menschen direkt und indirekt im Rechenzentrumsmarkt tätig. Ist also ein Northern Digital Highway eine Einbahnstraße in Sachen Wirtschaftsförderung?

Deutschland ist zu teuer

Die Argumente von Cinia-CEO Knaapila sind klar: „Zunächst ist es schlichtweg unklug, alle Rechenzentren an nur einem Standort, etwa Frankfurt zu konzentrieren. Sodann spricht man, wenn es um Rechenzentren geht, immer auch über Energie. Die ist in Deutschland nicht nur teuer, sondern wird in den kommenden Jahren aufgrund der Reduktion atomarer und fossiler Brennstoffe knapp.“

Das High-Speed-netz von Cinia
Das High-Speed-netz von Cinia (Bild: Cinia)

Außerdem generiere Rechenzentrumsbetreiber Hetzner lediglich ein Drittel des Umsatzes in Deutschland und beabsichtigten das internationale Geschäft, vor allem nach Südafrika und Russland auszubauen. „Es leben rund 25 Millionen Menschen im Raum St. Petersburg“, sagt Knaapila, „mehr als in Schweden, Norwegen und Dänemark zusammen.“

Die als Northern Digital Highway bezeichnete Datenautobahn verbindet mitteleuropäische Netzknoten, wie den weltweit größten Internetumschlagplatz DE-CIX, über Finnland direkt mit den russischen und asiatischen Märkten. Bestehende Verbindungen an der finnisch-russischen Grenze ermöglichen den direkten Zugang zu Asien, über die sogenannte nördliche Seidenstraße. In Zukunft wird das geplante „Arctic Connect“-Seekabel, das über die Nordpassage verlaufen wird, Finnland noch mehr zum Tor zwischen dem Osten und dem Westen machen.

Osten und Süden wecken Begehrlichkeiten

Kunden wie Hetzner wolle Finnland anlocken. „Mit dem Northern Digital Highway schaffen wir eine Infrastruktur, die Finnland ganz oben auf die Auswahlliste globaler digitaler Pioniere setzt, wenn sie den bestgeeigneten Standort für datenintensive Betriebe wählen. Die Fertigstellung des C-Lion1 Projekts ist erst der Anfang.“

Ari-Jussi Knaapila, CEO der Cinia Group, in Frankfurt bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung.
Ari-Jussi Knaapila, CEO der Cinia Group, in Frankfurt bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung. (Bild: Cinia)

Noch vor zehn Jahren habe die finnische Industrie zu 90 Prozent zur Forstwirtschaft gezählt. Doch Papier sei out, man lese auf dem Tablet und es sei kein Zufall, dass Google sich in einer ehemaligen Papiermühle angesiedelt habe. Tatsächlich sei es ein Regierungsbeschluss gewesen, die Datenpipeline zu bauen, hatte zuvor Rautalinko, Vorstandsvorsitzender der Cinia Group Ltd, ausgeführt.

Der finnische Staat hält 70 Prozent der Anteile an der Cinia Group, die rund als 10.000 Kilometern Backbone-Netzwerk betriebt. Laut Knaapila will sich der Staat jedoch sukzessive zurückziehen. Zwar gebe es noch keine Roadmap dafür. Doch feststehe, dass der Anteil auf 30 Prozent sinken solle.

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