Stephan Illaender: Deswegen braucht es Infrastruktur für Europa Digitale Souveränität bedeutet wirtschaftliche Überlebensfähigkeit

Ein Gastbeitrag von Stephan Ilaender* 5 min Lesedauer

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Rund 225 Milliarden Euro fließen jährlich aus öffentlicher Hand und europäischer Wirtschaft in US-amerikanische Cloud-Dienste – häufig ohne Plan B. Angesichts geopolitischer Spannungen ist das ein Risiko, das sich kaum ein Unternehmen leisten kann.

Warum Europa eine tragfähige eigene Infrastruktur braucht, was dafür erforderlich ist und weshalb digitale Souveränität zum Wettbewerbsvorteil wird, erläutert Stephan Ilaender, Field CTO bei STACKIT.(Bild:  Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Warum Europa eine tragfähige eigene Infrastruktur braucht, was dafür erforderlich ist und weshalb digitale Souveränität zum Wettbewerbsvorteil wird, erläutert Stephan Ilaender, Field CTO bei STACKIT.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)

Digitale Souveränität hat sich in den vergangenen Jahren von einem Thema, das lediglich in Fachkreisen diskutiert wurde, zu einer zentralen Anforderung in Unternehmen und bei der öffentlichen Hand entwickelt. Zugleich ist der Begriff zu einem stark strapazierten Buzzword geworden. Es lohnt sich daher, ihn konkret zu fassen – und dabei mit einem verbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Digitale Souveränität bedeutet nicht vollständige Autarkie von den US-Hyperscalern. Ein gewisses Maß an Autarkie ist zwar ein Baustein, im Kern lässt sich der Begriff aber über drei zentrale Eigenschaften definieren.

Drei Eigenschaften statt Autarkie

Survivability (Überlebensfähigkeit): Das ist der erste Schritt. Unternehmen müssen in der Lage sein, geschäftskritische Daten und Geschäftsvorfälle in einer überlebensfähigen Infrastruktur zu pflegen.

Handlungsfreiheit: Gemeint ist die konsequente Vermeidung von Vendor-Lock-ins. Als Unternehmen braucht man stets die Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen und jederzeit auf eine zweite Alternativlösung zurückgreifen zu können.

Volle Transparenz: Nur so lassen sich Vertrauen und Verlässlichkeit schaffen. Open Source ist dabei ein ganz wesentlicher Baustein.

An diesem Anspruch richten wir uns bei Stackit, der Cloud- und Colocation-Marke der Schwarz Gruppe, aus. Unser erklärtes Ziel ist es, ein souveräner europäischer Hyperscaler zu sein – wir treten also bewusst gegen die bekannten US-Anbieter an.

Unabhängigkeit zahlt sich aus

Doch worin genau besteht der Wettbewerbsvorteil? Wer sich von Lock-ins befreit, löst sich gleichzeitig aus unkalkulierbaren Kostenfallen. Ein Beispiel: Als Retailer kann etwa die Schwarz Gruppe arbiträre Preiserhöhungen von Hyperscalern nicht einfach auf das Geschäft umlegen.

Die Unternehmen der Gruppe haben sich deshalb nicht nur selbst von Abhängigkeiten und steigenden Cloud-Kosten gelöst, sondern bieten diesen souveränen Stack inzwischen auch als wettbewerbsfähiges Produkt am Markt an. Jeder externe Nutzer zieht daraus exakt dieselben Vorteile: Es gibt keine Lock-ins und keine versteckten Kostenfallen, Anwender können ein- und ausziehen, wie sie möchten.

Der Handel als Lackmustest

Das Grundprinzip dabei lautet „Customer Zero“: Alle Dienste werden zunächst für die eigenen, kritischen Plattformen verwendet. Der Anforderungskatalog dahinter ist enorm: Handelsfilialen müssen jeden Tag öffnen, die Menschen wollen einkaufen und auch bezahlen können. Als es beispielsweise zu großen Stromausfällen in Deutschland oder Spanien kam, blieben die Lidl-Filialen geöffnet und die Kassensysteme liefen weiter. Dank Sondergenehmigungen konnten Zahlungstoken selbst dann prozessiert werden, als vorübergehend keine Internetverbindung verfügbar war. Für externe Kunden ist das der ultimative Lackmustest: Wenn eine Infrastruktur die hohen Anforderungen des Handelsbetriebs ohne Nachteile abbilden kann, dann funktioniert sie auch für jedes andere Unternehmen.

Europa braucht ein „Level Playing Field“

Oft ist zu hören, Europa sei aufgrund von Überregulierung und hohen Energiekosten gar nicht in der Lage, eigene Hyperscaler aufzubauen. Zweifellos ist das eine große Herausforderung, die einen langen Atem und eine hohe finanzielle Kraft erfordert. Aber es ist absolut möglich. Wir finden aktuell exzellente Fachkräfte, gerade weil die Vision einer souveränen Cloud so viele Menschen anzieht. Und wir verzeichnen eine sehr hohe Nachfrage nach den Services.

Was wir von der Politik fordern, ist kein unfairer Wettbewerbsvorteil, sondern ein „Level Playing Field“ – also echte Chancengleichheit. Derzeit herrscht jedoch ein Ungleichgewicht: Jährlich fließen rund 225 Milliarden Euro aus der öffentlichen Hand und der europäischen Wirtschaft in amerikanische Cloud-Dienste, oft ohne dass ein Plan B existiert. Anbieter auf anderen Kontinenten unterliegen nicht denselben regulatorischen Restriktionen und werden zudem staatlich massiv gefördert.

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Wie der Mittelstand in die Abhängigkeit geriet

Dass gerade der deutsche Mittelstand so tief in Abhängigkeiten geraten ist, hat Gründe. Viele Unternehmen haben unterschätzt, dass sie sich in eine Situation manövrieren, in der ihr geistiges Eigentum und ihre Wertschöpfung nicht mehr vollständig kontrollierbar sind. Sie haben sehr freizügig hochspezialisierte Software-Produkte genutzt, die darauf ausgelegt waren, einen Lock-in-Effekt zu erzeugen.

Hinzu kommt, dass geopolitische Risiken und Gesetze wie der US Cloud Act lange ausgeblendet wurden. Heute stellt sich für viele Firmen die Frage, ob womöglich aus national begründeten Anliegen auf Daten zugegriffen wird, die eigentlich ein Geschäftsgeheimnis darstellen. Viele Mittelständler stehen deshalb vor der Herausforderung, sich aus gewachsenen Abhängigkeiten wieder zu befreien.

Migrationspfade aus dem Lock-in

Die Unternehmen der Schwarz Gruppe haben diesen Schritt an einigen Stellen sehr konsequent umgesetzt – beispielsweise mit einem vollständigen, harten Exit aus Office 365 hin zu einer souveränen Alternativlösung.

Wer Cloud-nativ entwickelt und mit modernen Entwicklungsparadigmen arbeitet, hat es heute deutlich leichter. Entwickler können mit identischen Werkzeugen arbeiten. Oft ist es im Grunde nur eine Frage von „Deploy und Redeploy“ auf einer neuen Abstraktionsebene, die ein souveräner Anbieter bereitstellt.

Wichtig ist zudem eine saubere Partitionierung der Daten: Daten mit hohem IP-Schutzbedarf oder DSGVO-Relevanz müssen in europäischer Infrastruktur unter europäischer Regulierung liegen. Und Unternehmen, denen die Kraft für eine solche Migration aus eigenen Mitteln fehlt, müssen sie nicht allein stemmen: Stackit ist keine reine „Do-it-yourself-Cloud“, sondern begleitet Cloud-Migrationen aktiv mit Professional Services.

Open Source schließt „Kill Switches“ aus

Eine Schlüsselrolle für die geforderte Transparenz spielt Open Source. Zum einen bietet sie die enorme Innovationskraft einer riesigen globalen Community – wir müssen das Rad nicht bei jeder Entwicklung neu erfinden. Der viel wichtigere Punkt betrifft aber Security und Zertifizierung: Weil quelloffener Code öffentlich überprüfbar ist, lässt sich verhindern, dass sich im System versteckte „Kill Switches“ oder Backdoors befinden. Bei proprietärer Software gibt es diese Garantie nicht.

Die geopolitischen Krisen haben das Bewusstsein für digitale Souveränität zuletzt noch einmal deutlich geschärft. Erst kürzlich war zu erleben, wie internationalen Organisationen wie dem Internationalen Strafgerichtshof der Zugriff auf bestimmte KI-Modelle abrupt abgeschnitten wurde. In solchen Momenten muss man einfach einen Plan B haben. Die aktuellen Krisen sind ein schmerzhafter, aber absolut notwendiger Weckruf für Europa. Die Argumente für digitale Souveränität liegen auf dem Tisch – jetzt muss dringend gehandelt werden.

Souveränität als Standardmerkmal

Souveränität darf kein bloßes Buzzword bleiben, sondern muss zu einer reinen Commodity werden – zu einem eingebauten Standardmerkmal aller IT-Produkte und -Lösungen. Es gibt dann einfach nur noch IT-Dienste mit einem integrierten Souveränitäts-Layer. Bis dahin ist es noch ein Stück Weg, aber wir gehen ihn konsequent.

Über den Autor:
Stephan Ilaender ist Field CTO bei STACKIT, der Cloud- und Colocation-Marke der Schwarz Gruppe. Er eröffnet den VDI-Kongress smartAI (24./25. November 2026, Baden-Baden) mit einer Keynote zum Thema „Digitale Souveränität als Wettbewerbsvorteil“.

smartAI – Kongress für die Industrie

Was kann Künstliche Intelligenz bereits heute in der industriellen Praxis leisten? Welche Voraussetzungen sind noch zu schaffen, damit konkrete KI-Anwendungen entstehen können? Und was ist erforderlich, um digitale Souveränität sicherzustellen? Diese hoch aktuellen Fragen rückt der VDI-Kongress smartAI am 24. und 25. November 2026 im Kongresshaus Baden-Baden in den Fokus. Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr führt die Veranstaltung erneut die fünf Schlüsselindustrien Medizintechnik, Robotik, Automotive, Produktion und Defense interdisziplinär zusammen.

Bildquelle: STACKIT

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