QCT bei 1&1, die Alternative zur Marke Eigenbau

Cloud Provider: Harte Zeiten für große Hardware-Marken

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Bei 1&1 stehen die die Server in den Rechenzentren dicht gepackt.
Bei 1&1 stehen die die Server in den Rechenzentren dicht gepackt. (Bild: 1&1)

Wer Cloud Provider mit Serverhardware bedienen will, muss anders vorgehen als dies üblicherweise die großen Hardware-Markenlieferanten tun. Das zeigt das Beispiel von 1 & 1, wo man gerade mit Servern von Quanta Cloud Technology (QCT) experimentiert.

Die Server-Vermietung teilt sich bei 1&1, einem der großen Infrastruktur-Serviceprovider Deutschlands, in zwei Bereiche: den der dedizierten Server, die jeweils nur einem Kunden dienen, und den der virtualisierten Server, die von mehreren Infrastrukturservice-Kunden gleichzeitig verwendet werden. Wie groß welcher Anteil ist, verrät 1&1 nicht, nur dass über 90.000 dedizierte Server in Betrieb sind.

Nun bahnt sich im Sektor „virtualisierte Server“ der Einsatz der Geräte von QCT an. Dieses Unternehmen war lange Zeit nur als Auftragsfertiger für große Namen aktiv. Jetzt verkauft man Systeme unter eigenem Label, und ganz offensichtlich sind diese Angebote für Serviceprovider attraktiv.

Haben die großen Marken nichts mehr zu bieten? „Wir haben bei der Beschaffung von Servern einschlägige Erfahrungen sowohl mit den Auftragsfertigern für unsere dedizierten Systeme als auch mit großen Markenherstellern bei virtualisierten Servern gesammelt“, erläutert Jörg Heese, Head of Partner Management Cloud Server bei dem Provider. Die waren anscheinend so wenig überzeugend, dass Heese nun bei den virtualisierten Servern einen Schwenk zu QCT vorbereitet.

Die Gründe? „Unsere dedizierten Server waren sehr einfache Geräte mit wenigen Komponenten. Sie hatten auch einen anderen Formfaktor für mehr Dichte im Rack“, erklärt Heese. Auch RAID 1 war bei diesen Systemen sofort implementiert, dafür haben sie häufig nur einen Sockel für die Prozessormontage. Die deutschen Zulieferer assemblieren nach Vorgabe. Für die Nutzung als virtualisiertes System aber seien diese Designs in der Regel nicht passend, vor allem nicht komplex genug, so Heese.

QCT sticht die etablierten Markenhersteller aus

Doch woher die komplexeren Systeme nehmen, die den Kunden virtualisiert angeboten werden? Die Markenfertiger wie Dell EMC, HPE oder Lenovo sind Heese hier entschieden zu unflexibel. Sie seien nicht in ausreichendem Umfang bereit, Extrawünsche ihrer Providerkunden zu befriedigen.

Gerade das aber ist für diese Klientel sehr wichtig – nutzt sie doch häufig proprietäre, selbst entwickelte Management-Lösungen, an die neue Systeme ohne großen Aufwand angeschlossen werden sollen. Server der Markenhersteller werden in der Regel so gefertigt, dass sie für viele Use Cases passen, also breit eingesetzt werden können.

„So spitze Anforderungen wie unsere können oder wollen die Markenhersteller einfach nicht befriedigen“, betont Heese. Aktuelle Aussagen von HPE, nach denen der Hersteller keine Systeme nach Provider-Vorgaben mehr bauen werde, untermauern diese Sicht. Es sei dahingestellt, ob sich das Geschäft an sich finanziell einfach nicht lohnt, oder ob der Entwicklungsaufwand zu viel von der eigentlich ausreichenden Herstellermarge wegfrisst.

Flexibilität punktet

Die 1&1-Entscheidung für QCT – wo auch andere ähnlich wie QCT arbeitende Unternehmen evaluiert wurden – fiel zu dessen Gunsten wegen seiner besonderen Flexibilität. Verändert wurde etwa das Design des BMC (Baseboard Micro Controller), also des Controllers für die Hauptplatine, der die grundlegenden Betriebsvorgänge dieser Karte steuert.

„Wir müssen Rechner sehr schnell in unser selbst entwickeltes Management-System einbinden können“, führt Heese aus. Das bedeutete vor allem die Schaffung von Schnittstellen zwischen diesem System und dem Server. Das Resultat sei, dass der Aufwand für das Management der Server erheblich abnehme.

„Markenhersteller sind für unseren Bedarf einfach zu unflexibel“, sagt Jörg Heese, Head of Partner Management Cloud Server bei 1&1.
„Markenhersteller sind für unseren Bedarf einfach zu unflexibel“, sagt Jörg Heese, Head of Partner Management Cloud Server bei 1&1. (Bild: 1&1)

Früher, so Heese, habe die Implementierung eines Servers in die Infrastruktur des Cloud-Providers immer auch Konfigurationsarbeiten erfordert, die einige Mitarbeiter im Haus ganz oder teilweise beschäftigten. Einfacher sei es, wenn ein neuer Server im Rack sofort automatisch erkannt, eingebunden und verfügbar gemacht werde. Heese: „Dieses Ziel haben wir mit QCT erreicht.“

Für diese und andere Veränderungen des Standarddesigns, über die Heese aber nicht reden möchte, haben beide Unternehmen in Teams ein Jahr zusammengearbeitet. Dabei habe sich, so Heese, positiv ausgewirkt, dass 1&1 viel Erfahrung bei der Entwicklung einfacher dedizierter Server hat, während QCT seine Kenntnisse über Provider-Clouds in die Kooperation einbrachte. Natürlich spielte bei der Entwicklung auch eine große Rolle, welche Technologieschritte der Prozessorlieferant Intel gerade unternimmt.

Das Tempo bei Intel zwingt zu neuen Überlegungen

So hat 1&1 bereits begonnen, die gemeinsam entwickelten und von QCT gefertigten Server zu testen. Doch schon „droht“ Intel für den kommenden Frühsommer die nächste Prozessorgeneration aus der „Skylake“-Serie an: Prozessoren, in denen Intels und Microns gemeinsam entwickelte dreidimensional speichernde „3DXpoint“-Flash-Technologie verbaut ist. Da die neuen Bausteine – entweder in der Bauform Festplatte oder aber Speichermodul – ein erheblich größeres Speichervolumen bedeuten, bereitet sich 1&1 nun gezielt auf deren Einsatz vor.

Noch ist nicht sicher, ob sich das Unternehmen für die Festplatten-, die Speichermodul- oder eine Mischung beider Varianten entscheiden wird. Sicher ist jedoch, dass sich gerade unter dem Einfluss von demnächst erwarteter neuer Skylake-Prozessorgeneration das Konzept für 1&1-Cloudserver verändert – sie sollen beispielsweise in jedem Fall höher skalieren.

Wie dieses Praxisbeispiel zeigt, beeinflusst der derzeit sehr schnelle Wechsel der Prozessor-Produktgenerationen des Marktführers direkt die Geschäftspraxis der Provider, in diesem Fall die von 1&1. Nun ist zwar der Druck, immer mehr Speicher zu implementieren, sicher groß. Doch andererseits hat 1&1 durch die schnelle Verfügbarkeit der nächsten Produktgeneration einigen Testaufwand vollkommen umsonst erbracht.

Was wollen die Endkunden?

Das ist die Provider-Perspektive. Und wie sieht die der Provider-Kunden aus? Heese: „Die interessiert die zugrunde liegende Hardware ganz einfach nicht. Sie können sich bei uns ihre Server selbst konfigurieren, und davon hängt die Preisgestaltung ab.“

Welche QCT-Server-Variante zu welchen Anteilen letztlich bei 1&1 installiert ist, eines ist dem Provider jetzt schon klar: Die Kooperation mit QCT soll weiterlaufen. „Wir werden sehen, ob es auch andere Felder gibt, auf denen wir kooperieren können“, meint Heese.

Das sollte eine Alarmglocke für alle Markenhersteller sein, die meinen, sie könnten auch im wachsenden Provider-Markt mit der üblichen Denke erfolgreich sein. Doch gerade in dessen komplexeren Bereichen zählt anscheinend weder das bloße Nachbauen eines Provider-Entwurfs noch das starre Beharren auf eigenen Gestaltungsvorstellungen, mögen die aus Sicht der Markenhersteller auch noch so sinnvoll sein.

Zum Ziel führt nur, sein eigenes Wissen jeweils mit dem jedes Providerkunden zusammenzuspannen, um gemeinsam eine für die jeweilige Umgebung optimierte Lösung zu entwickeln. In der Softwareproduktion gibt es inzwischen entsprechende Produktionsmodelle wie Cloud Foundry – nun scheint die Hardwarewelt auf eine etwas andere Weise nachzuziehen.

* Ariane Rüdiger ist freie Journalistin und lebt in München.

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