Studie des Netzwerks Energie-effiziente Rechenzentren

Anschluss verpasst? Rechenzentrumsstandort Deutschland rutscht ins Mittelmaß

| Redakteur: Ulrike Ostler

„Deutschland verliert jedes Jahr deutliche Marktanteile im internationalen Wettbewerb“, sagt Ralph Hintemann, Senior Researcher des Borderstep Instituts.
„Deutschland verliert jedes Jahr deutliche Marktanteile im internationalen Wettbewerb“, sagt Ralph Hintemann, Senior Researcher des Borderstep Instituts. (Bild: Borderstep Institut)

Auf den ersten Blick sind die Zahlen gut, die das Netzwerk Energie-effiziente Rechenzentren (NE- RZ) mit seiner jüngsten Studie für den Rechenzentrumsmarkt in Deutschland vorlegt: Die Energie-Effizienz steigt und der Markt prosperiert. Das sorgt für viele Arbeitsplätze und gute Umsätze. Doch andere Länder wie Dänemark und Schweden sind attraktiver, fördern die Ansiedlung von Datacenter. Das wirkt und Deutschland wird die Spitzenposition in Europa verlieren.

Die Ne-RZ-Studie zeigt, dass die deutschen Rechenzentren ihre Energie-Effizienz in den vergangenen drei Jahren deutlich verbessern konnten und in diesem Technologiefeld weltweit führend sind. Dennoch steigt der Energiebedarf der Rechenzentren aufgrund des starken Marktwachstums immer weiter an: im Jahr 2016 waren es bereits 12,4 Milliarden Kilowattstunden.

Die Investitionen in Rechenzentrumsinfrastruktur in Deutschland werden im Jahr 2017 die 1-Milliarde-Euro-Grenze überschreiten. Fast 60 Prozent der Rechenzentrumsbetreiber in Deutschland wollen ihr Rechenzentrum in den nächsten Jahren erweitern. Von den deutschen Rechenzentren hängen hierzulande mehr als 200.000 Arbeitsplätze ab.

Mit Fug und Recht lässt sich behaupten: Der Rechenzentrumsmarkt in Deutschland boomt. Fast wöchentlich ist über den Neubau und die Inbetriebnahme von großen Rechenzentren zu berichten. Die zunehmende Digitalisierung ist ein wichtiger Treiber für dieses Wachstum. Aber auch aktuelle Entwicklungen wie die Diskussionen über Datensicherheit, Safe Habour oder den Brexit wirken sich fördernd auf den deutschen Rechenzentrumsmarkt aus.

Andere Standorte wachsen schneller, manche viel schneller

Ralph Hintemann, Senior Researcher des Borderstep Instituts, ist der Verfasser der NE-RZ-Studie. „Energie-Effizienz und Rechenzentren in Deutschland: Weltweit führend oder längst abgehängt?“. Er sagt: „Im vergangenen Jahr haben deutsche Rechenzentrumsbetreiber 10 Prozent mehr in den Neubau und die Modernisierung der Rechenzentrumsinfrastruktur investiert als im Vorjahr.“

Allerdings entwickelt sich die Rolle Deutschlands im internationalen Vergleich nicht so positiv. „Die Investitionen in Rechenzentren in Deutschland steigen ständig an. Allerdings wachsen die Märkte in anderen Ländern schneller“, schätzt Ralph Hintemann die aktuelle Situation ein. „Deutschland und Europa verlieren jedes Jahr deutliche Marktanteile im internationalen Wettbewerb.“ Vor allem die schon heute deutlich größeren Rechenzentrumsmärkte in Asien und Nordamerika wachsen schneller als der europäische Markt.

Nach den ermittelten Zahlen sinkt der Anteil Deutschlands am weltweiten Rechenzentrumsmarkt im Zeitraum zwischen 2010 und 2020 voraussichtlich von fünf auf vier Prozent. Das lässt sich etwa an den Server-Zahlen ableiten: Diese steigen in den USA deutlich schneller als in Deutschland. Während sie in Deutschland im Zeitraum von 2010 bis 2017 um knapp 25 Prozent gestiegen sind, wuchsen nach Berechnungen des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit die Anzahl der Server in den USA im gleichen Zeitraum um fast 60 Prozent.

Appell an die Politik: Es fehlt eine nationale Strategie

Doch was lässt sich daraus machen? Laut Hintemann ist der Wettbewerbsvorteil für Deutschland das Thema Energie-Effizienz der Rechenzentren. „Bei Energie-Effizienz der Rechenzentren nimmt Deutschland weltweit eine Spitzenposition ein. Diesen Vorteil sollten wir gezielt nutzen und zum Schwerpunkt einer nationalen Strategie zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit in diesem zentralen Zukunftsmarkt machen.“

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Wer steckt hinter dem NE-RZ?

Doch seine Warnung schickt er sogleich hinterher: Insbesondere die skandinavischen Länder und die Niederlande bemühten sich gezielt um die Ansiedlung neuer Rechenzentren. Hier hat Deutschland deutlichen Nachholbedarf. Wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir mehr und mehr digitale Souveränität und sind im Rechenzentrumsmarkt bald nur noch Mittelmaß.“

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posted am 05.12.2017 um 09:52 von staffan@reveman.com


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