Private Cloud und sichere Netze 100 Millionen für die Bundeswehr -IT

Redakteur: Ulrike Ostler

Mit einer knappen Pressemitteilung hat das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr noch kurz vor Jahresende, am 28. 12. 2020, mitgeteilt, dass die Bundeswehr über 100 Millionen Euro in Erneuerung, Ausbau und die Verbesserung ihrer IT-Infrastruktur investieren wird. Das Amt hat hierzu der bundeseigenen Gesellschaft BWI den entsprechenden Auftrag erteilt.

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Die bundeseigene Gesellschaft BWI hat vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr den Auftrag bekommen, die IT-Infrastruktur für die Bundeswehr zu erneuern.
Die bundeseigene Gesellschaft BWI hat vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr den Auftrag bekommen, die IT-Infrastruktur für die Bundeswehr zu erneuern.
(Bild: obs/Presse- und Informationszentrum AIN/Daniela Hebbel/Bundeswehr)

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hatte allerdings dem Vorhaben bereits Mitte November zugestimmt. Die Pressemitteilung nimmt explizit Bezug zum Projekt „Herkules“. Dieses war 2006 gemeinsam mit IBM und Siemens aufgesetzt worden. Die damals größte öffentlich-private Partnerschaft Europas wurde zunächst gefeiert, sorgte aber im Projektverlauf immer wieder zu negativen Schlagzeilen.

Im April 2010 titelte „Handelsblatt“ gar: „Das milliardenteure IT-Projekt ‚Herkules‘ der Bundeswehr droht zu einem gigantischen Fehlschlag zu werden. Im Praxistest versagt das neue System.“ Und im März 2019 war das Bundesverteidigungsministerium gar in einem Rechtsstreit um die finanzielle Abwicklung des Bundeswehr-IT-Projekts unterlegen. Es ging damals um eine Berufung, die das Oberlandesgericht Köln verhandelte und zwar gegen ein Urteil des Landgerichts Bonn, die abgewiesen wurde. Das Verfahren drehte sich um die Frage, in welcher Höhe der Bund Ausgleichszahlungen an die Projekt-Miteigner Siemens und IBM leisten muss.

Herkules lief bis zum 27.12.2016 und hatte die vollständige Ausstattung der Bundeswehr mit moderner IT-Infrastruktur im nichtmilitärischen Bereich zum Ziel. Das Gesamtvolumen belief sich auf 7 Milliarden Euro. Die Umsetzung erfolgte nicht nur durch Siemens und IBM sondern auch durch Projektgesellschaften, unter anderem durch die BWI Informationstechnik GmbH und die BWI Systeme GmbH, danach BWI GmbH. Nach Ablauf der Vertragslaufzeit übernahm die Bundesrepublik am 28.12.2016 die von Siemens und IBM gehaltenen Anteile an diesen Gesellschaften.

Unschöne Vergangenheit

Für diese Übernahme musst der Bund nach Angaben des OLG Ausgleichszahlungen leisten. Über die Geltung und Auslegung der Bewertungsgrundsätze wurden sich die Vertragspartner aber nicht einig. Die Bundesrepublik klagte auf Feststellung. Das OLG aber befand, dass die vereinbarten Regelungen klar und eindeutig seien.

Auch der Bundesrechnungshof hatte schon Herkules-Probleme. Er hatte Ende 2018 der BWI GmbH vorgeworfen, seit mehreren Jahren Misswirtschaft betrieben zu haben. Das Rechnungswesen sollte mangelhaft und die Preisgestaltung intransparent gewesen sein. Zudem habe das Bundesverteidigungsministerium zu viel gezahlte Gelder nicht zurückverlangt und das Verteidigungsministerium habe aber weiterhin Leistungen eingekauft.

Die Aufgabe

Zur IT-Infrastruktur gehören jedenfalls nach Aussage dieses rund 12.000 Kilometer Glasfaserkabel, die im Zuge des Herkules-Projekts deutschlandweit verlegt worden waren, um die Liegenschaften und Verteilzentren der Bundeswehr zu verbinden. Dazu kämen Rechenzentren, Server, Soft- und Hardware-Ausstattung in großen Mengen. „Das alles zu warten, aufeinander abzustimmen und weiterzuentwickeln, ist eine Herkules-Aufgabe. Und genauso lautet auch der Projektname – Herkules“, heißt es in der Pressemitteilung.

So laufe in der Zwischenzeit das Herkules-Folgeprojekt. „In Zeiten von Digitalisierung und stetig wachsenden Datenmengen, ist die IT auch bei den deutschen Streitkräften eine immerwährende Aufgabe.“

Im so genannten Faktencheck des IT-Systemhaus der Bundeswehr BWI GmbH sind neben dem Glasfasernetz auch 140.000 Rechner genannt sowie 300.000 Telefone. Mit den am 19. November freigegebenen Mitteln will die BWI GmbH das gesamte Wide Area Network der Bundeswehr (WANBw) erneuern.

Das betrifft eine neue Dark-Fiber-Infrastruktur zwischen den künftig zehn zukunftssicheren Verteilzentren (Layer 0), den Einsatz einer neuen durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zugelassenen Hardware für das Dense-Wavelength-Division-Multiplexsystem (DWDM, Layer 1), ein neues IP-Backbone-Design (Layer 2 und 3) sowie die Access-Neuanbindung der rund 800 Bundeswehr-Liegenschaften an das Netz. Bis Ende 2023 soll der Umbau der WANBw-Infrastruktur abgeschlossen sein.

Neben Übertragungskapazität und -geschwindigkeit stehen Sicherheit und Skalierbarkeit im Fokus. BWI installiert mit dem „Secure Transport Framework“ (STF) in einem eigenen Entwicklungsprojekt eine völlig neue IT-Sicherheitsarchitektur. Dazu zählt eine BSI-zugelassene Verschlüsselung, um VS-NfD-eingestufte (Verschlusssache „Nur für den Dienstgebrauch“) Daten Ende-zu-Ende sicher zu übermitteln. Ein vergleichbares System, das diese Anforderungen erfüllt, gibt es heute nicht auf dem Markt.

Bereits Ende Oktober hatte die Bundeswehr ein IT-Leistungspaket im Wert von rund 1,6 Milliarden Euro bei der BWI GmbH in Auftrag gegeben. Zu den neuen Services gehört unter anderem der Aufbau einer Private Cloud für die deutschen Streitkräfte, die „Private Cloud unter Aufsicht der Bundeswehr“ (pCloudBw).

Neue Services für die Gesundheitsversorgung und Video-Konferenzen

Umfassende Maßnahmen beinhaltet das Leistungspaket auch für die „Gesundheitsversorgung der Bundeswehr“ (GesVersBw). Hierbei werden die im Rahmen des Programms Digitalisierung „GesVersBw“ begonnenen Arbeiten an der Entwicklung einer Enterprise-Architektur fortgeführt. Sie bietet in Zukunft den strategischen Ordnungsrahmen für alle IT-Lösungen in der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.

Zudem wird ein Prozess etabliert, um die Integration von Medizingeräten in die Netze der Bundeswehr zu validieren. Außerdem wird die BWI den Betrieb der dezentralen Rechner- und Storage-Kapazitäten (Medical Storage Area Network) in den Bundeswehrkrankenhäusern fortführen.

Ferner gehören zum Leistungspaket auch Entwicklung, Implementierung und Betrieb einer IT-Service-Management-Plattform für die Bundeswehr, beziehungsweise die Weiterführung des bereits begonnen Projekts. Die Plattform soll allen IT-Service-Provider der Bundeswehr inklusive der BWI zur Verfügung stehen und eine Verarbeitung von Informationen bis zur Schutzklasse VS-NfD („Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch“) erlauben.

Schließlich sind IT-Services für den Betrieb einer Video-Konferenz-Systems, die die Sicherheitsanforderung „höher VS-NfD“ erfüllt, Bestandteil des Pakets. Im Zuge dessen wird die BWI in den nächsten Monaten bei der Bundeswehr etwa 350 Video-Konferenzsysteme ausrollen und in Betrieb nehmen.

Partnerschaft mit SAP

Die BWI GmbH hat am 4. Dezember zudem einen Partnerschaftsvertrag mit dem Walldorfer Softwarekonzern SAP abgeschlossen und ist nun Mitglied des SAP-Partner-Edge-Programms.

Die Vereinbarung stehe im Zusammenhang mit dem Bestreben der BWI GmbH, belastbare Partnerschaften mit Wirtschaftsunternehmen und Forschungseinrichtungen einzugehen, teilt das Unternehmen auf seiner Website mit. Dieses Partner-Ökosystem soll die notwendige Leistungstiefe zur Absicherung der BWI-Kernkompetenzen gewährleisten. Ziel sei es, vermehrt und intensiver mit der Industrie zusammenzuarbeiten.

Die Laufzeit des Vertrags beträgt zunächst ein Jahr. Das Programm ist jedoch längerfristig angelegt und wird voraussichtlich im Anschluss verlängert. Dazu hat das Unternehmen bereits Finanzmittel für insgesamt vier Jahre bereitgestellt.

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