Handelsblatt Live Data Center Summit KI-Gigafactories – Europas letzte Chance zur digitalen Souveränität?

Von Dr. Dietmar Müller 7 min Lesedauer

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Hat Europa als Standort für Rechenzentren eine Zukunft? Diese Frage wurde angesichts der amerikanischen Übermacht auf dem Handelsblatt Live Data Center Summit in Düsseldorf heiß diskutiert. Andreas Nauerz von Ionos fordert von der Politik, sich schneller zu bewegen.

Wenn sich die Politik nicht schneller bewegt, bleibt Europas Vision eines verteilten Netzes leistungsfähiger KI-Gigafactories als Gegengewicht zu den US-Giganten ein bloßer Wunschtraum.(Bild: ©  NicoElNino - stock.adobe.com)
Wenn sich die Politik nicht schneller bewegt, bleibt Europas Vision eines verteilten Netzes leistungsfähiger KI-Gigafactories als Gegengewicht zu den US-Giganten ein bloßer Wunschtraum.
(Bild: © NicoElNino - stock.adobe.com)

„Die digitale Souveränität entscheidet über die Zukunft Europas“, erklärt Nauerz, Member of the Executive Board und CPO bei Ionos, im Gespräch mit DataCenter Insider. Nur sie könne das wertvolle Prozess-Know-how und das geistige Eigentum europäischer Unternehmen vor unbefugtem Zugriff auf Basis außereuropäischer Gesetze wie dem US Cloud Act schützen.

Sie stelle zudem die langfristige Handlungsfähigkeit der Wirtschaft sicher und bewahre vor monopolartigen Preisen sowie technologischer Abhängigkeit. Darüber hinaus ermöglicht sie es Unternehmen, gesetzliche Vorgaben wie den Digitalen Produktpass oder die DSGVO rechtssicher und eigenbestimmt entlang der gesamten Lieferkette umzusetzen.

„Das bedeutet aber auch, dass die Bedeutung von Rechenzentren im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) immer weiter zunimmt, insbesondere auf europäischem und deutschem Boden“, so Nauerz am Rande des Summits in Düsseldorf weiter. „KI-Gigafabriken avancieren zur Schlüsselinfrastruktur für die technologische Souveränität. Sie werden zum entscheidenden Kontrollpunkt der digitalen Wertschöpfungskette – vielleicht sogar zum geopolitischen Kontrollpunkt – und sind daher unabdingbar für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.“

Seiner Meinung nach hat Europa das Cloud-Zeitalter verschlafen – mit wenigen Ausnahmen, zu denen auch Ionos zählt. Diesen Fehler dürfe sich der alte Kontinent nicht noch einmal leisten, sonst drohe ein noch schwerwiegenderer Kontrollverlust.

US-Politik schießt scharf gegen Europas Wirtschaft

„Die jüngste Einschränkung der neuesten Anthropic-Modelle vor nur zwei Wochen war nur das aktuellste Warnsignal“, ist sich der frühere Vorstand und CTO von Bosch Digital sicher. „Ohne unsere eigene KI-Infrastruktur, Cloud-Plattformen und Rechenkapazitäten auf europäischem Boden bleiben wir auf das Wohlwollen externer Akteure angewiesen. Willkürliche Exportkontrollen oder die absichtliche Abschaltung kritischer KI-Systeme sind keine hypothetischen Worst-Case-Szenarien mehr – sie werden zur geopolitischen Reality.“

Tatsächlich hat die US-Regierung gefordert, ausländische Staatsbürger von der Nutzung der neuesten Modellgenerationen auszuschließen, da die Tools zu mächtig seien. „Das ist diskriminierend und ineffektiv. Es zeigt jedoch zugleich: Wir brauchen in Europa schnellstmöglich erstens eine länderübergreifende Zusammenarbeit, um Kapital, Expertise und Rechenkapazität für das Training leistungsfähiger Modelle in Europa zu bündeln.

Zweitens brauchen wir eine starke EU, die sich entschlossen für den Zugang Europas zu den neuesten außereuropäischen Modellen einsetzt. Und drittens müssen wir unsere internationalen Partnerschaften breiter aufstellen – nicht nur mit Blick auf die USA, sondern im Sinne eines strategischen ‚Multisourcings‘, wie wir es aus anderen Bereichen der IT kennen: mit starken Allianzen etwa mit Großbritannien, Kanada, Indien und weiteren Partnern“, so Nauerz.

Nauerz sieht darin die reale Gefahr eines globalen „KI-Blackouts“ mit Folgen, die weit über wirtschaftliche Schäden hinausgehen und bis in die Grundlagen unserer demokratischen Werte reichen. „Das Risiko ist aus meiner Sicht real. Der Fall Anthropic hat gezeigt, dass selbst dann, wenn es aus wirtschaftlicher Sicht wenig Sinn ergibt und vermutlich auch nicht im Interesse der betroffenen US-Unternehmen liegt, politische Vorgaben unmittelbar auf den Zugang zu KI-Modellen durchschlagen können.“

Das sei genau der Kern des Problems: Europäische Unternehmen seien durchaus in der Lage, geschäftskritische KI-Dienste aufzubauen – es bleibe aber die Frage, ob sie im Ernstfall tatsächlich darauf zugreifen können. „Es geht allerdings nicht darum, US-Technologie pauschal abzulehnen. Im Gegenteil: Europa muss Zugang zu den besten Modellen weltweit haben. Aber wir dürfen uns nicht in eine Lage bringen, in der einzelne politische Entscheidungen außerhalb Europas darüber bestimmen können, ob zentrale KI-Anwendungen in unserer Industrie weiterlaufen oder nicht.“

Behörden als Bremsklötze

Höchste Zeit also, dass Europa gegensteuert: „Hiesige Anbieter wie Ionos mit ihrem souveränen Cloud-Stack zeigen, dass glaubwürdige Alternativen möglich sind.“ Ionos plane aktuell seine Bewerbung um eine von sieben neuen KI-Gigafactories.

Die Details der zugrundeliegenden EU-Ausschreibung beinhalte jedoch einige Hürden. So sei insbesondere das Finanzierungsmodell, das dem Errichter und Betreiber lediglich eine staatlich garantierte Abnahme der Rechenleistung verspricht, problematisch. „Schwierig wird es vor allem, wenn man seitens der EU signifikant bei der Vergabe und Ausgestaltung der Factories mitbestimmen, aber wesentliche Risiken auf die Privatwirtschaft abwälzen will“, so der CPO weiter.

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Folgerichtig fordert Nauerz die Politik auf, stärker orchestrierend zu wirken: „Die Politik sollte sich noch stärker dafür einsetzen, alle relevanten Stakeholder an einen Tisch zu bringen – nicht nur mögliche Errichter und Betreiber solcher Infrastrukturen, sondern auch Finanzgeber, Investoren sowie potenzielle Abnehmer aus Wissenschaft und Privatwirtschaft. Gemeinsam müssen wir klären, welche Kernanwendungsfälle im Vordergrund stehen, wie ein tragfähiges Geschäftsmodell aussehen kann und wie das konkrete Offering der Gigafabriken darauf ausgerichtet werden muss.“

Generell erweise sich die Politik angesichts der rasanten Entwicklung und des steigenden Bedarfs als zu langsam: „Gemäß aktuellem Zeitplan werden die ersten KI-Gigafactories erst Ende 2028 fertiggestellt werden – das ist deutlich zu spät. Wir brauchen für Rechenzentren und insbesondere für KI-Gigafabriken Planungs- und Genehmigungsverfahren, die ihrer strategischen Bedeutung gerecht werden. Dazu gehören aus meiner Sicht beschleunigte Verfahren für kritische digitale Infrastruktur, verbindliche Fristen für Genehmigungsbehörden, priorisierte Netzanschlüsse, schnellere Flächenwidmung sowie eine bessere Koordination zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Netzbetreibern.“

Zudem sollten KI-Gigafabriken regulatorisch ähnlich behandelt werden wie andere strategisch relevante Infrastrukturen im Energie-, Verteidigungs- oder Verkehrsbereich. „Wenn wir zwei oder drei Jahre allein in Abstimmungen, Ausschreibungen und Genehmigungen verlieren, ist der Markt weitergezogen“, mahnt der Ionos-Manager.

„Dann reden wir nicht mehr über Technologieführerschaft, sondern über das Verwalten von Rückstand.“ Es gehe ihm dabei nicht um „Deregulierung um jeden Preis“, sondern vielmehr darum, Verfahren zu vereinfachen, Parallelisierung zu ermöglichen und dort Sonderwege zu schaffen, wo es um die nächste Generation kritischer Infrastruktur geht.

Wie Unabhängigkeit von den US-Giganten erlangen?

In der aktuellen Debatte gelte es aber auch, sich der quasi natürlichen Grenzen bewusst zu sein: Europäische KI-Souveränität bedeute nicht, dass Europa morgen jede Komponente selbst entwickelt und produziert.

Das ist aus Sicht von Nauerz weder realistisch noch kurzfristig umsetzbar. Souveränität bedeute vielmehr, Kontrolle über die kritischen Ebenen zu haben, von denen unsere Wirtschaft abhängt – von Energie und Halbleitern über Compute und Cloud bis hin zu Anwendungen:

„Entscheidend ist, dass keine einzelne Ebene von außen abgeschaltet oder politisch kontrolliert werden kann. Es geht also um Handlungsfähigkeit, Resilienz und Optionen – nicht um Autarkie um jeden Preis.“

Bei Chips und GPUs sieht der Vorstand in Europa klare Defizite: „Gerade bei Hochleistungs-GPUs werden wir auf absehbare Zeit weiterhin von global führenden Anbietern wie Nvidia abhängig sein.“ Umso wichtiger sei intelligentes Multisourcing: „Also nicht nur auf einen Anbieter, eine Architektur oder ein Land zu setzen, sondern je nach Anwendungsfall auch Alternativen wie beispielsweise Qualcomm zu prüfen und gezielt europäische Technologien aufzubauen.“

Gleichzeitig macht Nauerz auf europäische Hoffnungsträger aufmerksam – etwa Axelera, Black Semiconductor oder SiPearl – sowie innovative Unternehmen aus Deutschland wie Q.ant, die an photonischen Chips arbeiten und mit denen Ionos bereits kooperiert. Nauerz: „Solche Ansätze werden nicht über Nacht die Abhängigkeit von GPUs auflösen, aber sie zeigen, in welche Richtung Europa investieren muss.“

EuroHPC steht auf einer breiten Basis

Hinter dem Projekt rund um die Vergabe der KI-Gigafactories steht neben dem Rat die EU-Kommission, 35 europäische Teilnehmerstaaten – darunter auch Nicht-EU-Länder wie Island, Norwegen oder die Schweiz – sowie private Technologiepartner. Sie sollen Europa zuallererst unabhängig von US-amerikanischer und asiatischer Dominanz im Bereich des High-Performance Computings (HPC) machen. Statt Rechenleistung teuer einzukaufen oder sensible Forschungsdaten auf fremde Server zu laden, will man eine europaeigene HPC-Infrastruktur, auf die Industrie, KMUs und Wissenschaft zugreifen können.

Bis 2024 stand die Grundlagenforschung im Mittelpunkt, seitdem hat sich der Fokus auf Exascale-Computing und industrielle KI-Nutzung verschoben. Die wohl wichtigste aktuelle Entwicklung ist die Inbetriebnahme von Jupiter (Joint Underground High Performance Computing with Integrated Trillion-Flop Engine) am Forschungszentrum Jülich.

Es handelt sich um den ersten echten Exascale-Supercomputer Europas, der mehr als eine Trillion Rechenoperationen pro Sekunde ausführen kann. Ein zweiter Exascale-Rechner namens Jules Verne wird derzeit in Frankreich aufgebaut. Bereits heute steuern LUMI mit Sitz in Kajaani (Finnland), Leonardo aus Bologna (Italien) sowie MareNostrum 5 mit Standort in Barcelona (Spanien) Rechenpower bei.

„Gepaart mit den neuen Initiativen rund um den EuroHPC Access für KMUs schließt das Konsortium genau die Lücke bei der digitalen Souveränität, die im globalen Cloud-Markt so schmerzhaft spürbar ist“, freut sich Nauerz.

Über den Gesprächspartner:
Andreas Nauerz ist seit September 2025 Member of the Executive Board und CPO bei Ionos. Er verantwortet die globale Produktstrategie, das Portfolio und die Innovationsaktivitäten des Unternehmens – aktuell aber vor allem die potenzielle Bewerbung um eine KI-Gigafactory.

Mit über 20 Jahren Führungserfahrung in der Technologie- und Softwarebranche liegen seine Schwerpunkte in den Bereichen Cloud Computing, Machine Learning und Künstliche Intelligenz.

Zuvor war er unter anderem CTO und Vorstandsmitglied bei Bosch Digital sowie Geschäftsführer, Co-CEO und CTO von Bosch.IO. Mehr als ein Jahrzehnt verbrachte er bei IBM und trug dort maßgeblich zur Einführung von Lösungen wie „IBM Cloud Functions“ bei.

Bildquelle: Ionos

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