Open Source aus der Retroperspektive von 2050 Was, bitteschön, war nochmal Closed Source?

Autor / Redakteur: Andrea Wörrlein* / Ulrike Ostler

Wir bewegen uns auf den Spuren einer längst verblühten Software-Spezies: Ein vorweggenommener Bericht aus der Zukunft über erstaunliche Code-Funde Mitte dieses Jahrhunderts.

In einem Kommentar betrachtet Andrea Wörrlein, Geschäftsführerin von VNC in Berlin und Verwaltungsrätin der VNC AG in Zug, die zunehmende Akzeptanz von Open Source Software; in einer Rückschau von einem angenommenen Zeitpunkt im Jahr 2050 aus erscheint proprietärer Software geradzu als absurd.
In einem Kommentar betrachtet Andrea Wörrlein, Geschäftsführerin von VNC in Berlin und Verwaltungsrätin der VNC AG in Zug, die zunehmende Akzeptanz von Open Source Software; in einer Rückschau von einem angenommenen Zeitpunkt im Jahr 2050 aus erscheint proprietärer Software geradzu als absurd.
(Bild: VNC, Januar 2021)

Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 2050: IT-Historiker und -Archäologen haben auf alten Rechnern soeben verschüttete, dreißig Jahre alte Code-Fragmente gefunden. Bei der peniblen Untersuchung der Sequenzen stoßen sie auf eine unbekannte Software-Spezies, mit der sie sich erst vertraut machen müssen: Closed Source.

Das ist offensichtlich Software, die nicht, wie seit Jahrzehnten üblich, von einer weltweiten Community entwickelt, optimiert, gesichert und geteilt wird, die weder gemeinsame APIs und Schnittstellen nutzt, noch eine Codebasis bereitstellt, auf der die Entwicklung vieler neuer Anwendungen aufsetzen kann, ohne jedes Mal bei null anfangen zu müssen.

Für Hunderttausende von Software-Entwicklern rund um den Globus sind diese gerade ausgegrabenen exotischen Programmzeilenfragmente Boten aus einer längst vergangenen Zeit. Arbeiten an einem hermetisch abgeschotteten, eifersüchtig gehüteten, mit Zähnen, Patenten und großem Anwaltsaufgebot verteidigten geschlossenen Code? Das wäre für sie weder eine verlockende Option noch eine ernsthafte Alternative zur Arbeit im Open-Source-Umfeld.

Die Nachteile proprietärer Software

Wo blieben da die Innovationen, die ständig aus der weltweiten Zusammenarbeit hervorsprudeln? Ganz abgesehen davon, dass es kaum vorstellbar ist, Software hinter verschlossenen Türen ohne die massive Manpower der Open-Source-Community stabil und sicher zu machen.

Die Gilde der IT-Historiker dagegen wird vielleicht nie erfahren, dass die Nutzer dieser Code-Fossilien einst in ein mit vielen Einschränkungen verbundenes Prokrustesbett gezwungen wurden, damals nannte man es wohl „Vendor-Lock-in“. Kaum zu glauben, dass es einmal so genannte proprietäre Quellcodes als Alternative zu Open Source gegeben hat.

So bezeichnete man damals die Software, die denen, die sie teuer erworben hatten, Freiheitsrechte per Kaufvertrag entzog. Sie durften die Codes weder prüfen, noch ändern, noch weitergeben, noch beliebig ausführen. Damit nicht genug, wurden die Käufer von Closed-Source-Software trotz kostspieliger Überlizenzierungen, die sie als praktikabelste Prophylaxe gegen latente Strafandrohungen zähneknirschend zahlten, auch noch mit stressigen Auditierungsverfahren überzogen, um trotzdem eine Handhabe für Nachforderungen zu finden.

Belächeln und Kopfschütteln

Und sollten die Altertumsforscher der IT noch auf zeitgenössische Berichte stoßen, die manche Audit-Abteilungen von Software-Anbietern als die profitabelsten Profit Center im gesamten Unternehmen beschreiben, dann werden sie entweder verständnislos oder amüsiert diese Eiszeit der IT-Entwicklung und -Nutzung belächeln. Die Evolution ist in der Zwischenzeit emotionslos über die Dinosaurier-Software hinweggegangen. Zu groß, zu hungrig und zu unbeweglich – das ist kein Rezept für dauerhaften Erfolg und hat schon einmal das Ende von Giganten eingeläutet.

* Andrea Wörrlein ist Geschäftsführerin von VNC in Berlin und Verwaltungsrätin der VNC AG in Zug.

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