Die große Illusion vieler Unternehmen Studie von Schneider Electric zu Nachhaltigkeit im Datacenter-Bereich

Von M.A. Jürgen Höfling

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Wenn es um Nachhaltigkeitsfragen im Datacenter-Bereich geht, verwechseln offenbar viele Unternehmen die düstere Realität mit der Leuchtkraft ihrer Vorstellungen. Eine neue Studie im Auftrag von Schneider Electric fördert jedenfalls erhebliche und generelle Defizite zutage.

Nachhaltigkeit im Datacenter-Bereich? Bei den meisten Unternehmen ist das eher eine ruinöse Selbsttäuschung
Nachhaltigkeit im Datacenter-Bereich? Bei den meisten Unternehmen ist das eher eine ruinöse Selbsttäuschung
(Bild: gemeinfrei: Dirk Winkler / Pixabay)

Den weltweiten Energiebedarf von Rechenzentren rechnen die Experten von Schneider Electric für das Jahr 2040 auf 2.700 Terawattstunden hoch. Dabei sollen laut Schneider 60 Prozent auf dezentrale Einrichtungen fallen, seien es Zweigrechenzentren, Vor-Ort-Rechnerknoten oder auch einfach lokale IoT-Rechner zur Vorabverarbeitung.

Diese vielfältigen Ausprägungen der Rechenzentrumsinfrastruktur versucht Schneider Electric auch in einem breit angelegten Nachhaltigkeits-Report in Sachen Rechenzentrum abzubilden, mit dem man die Marktanalysten von 451 Research/S&P Global Market Intelligence beauftragte siehe: Kelly Morgan, „Sustainability at the Edge, The Gap Between Enterprise Plans and Sustainability Programs for Core and Distributed IT“, 451 Research/S&P Global Market Intelligence 2022). Befragt wurden IT-Entscheider aus mehr als 1150 Unternehmen weltweit zum „Reifegrad“ der Nachhaltigkeit im Bereich Rechenzenten.

Unter den Unternehmen, die geantwortet haben, sind kleine und mittlere Unternehmen ebenso wie große und größte Unternehmen aus den verschiedensten Branchen. Das Spektrum reicht von Einzelhandel, Gesundheitswesen über IT und Bildung bis zu Finanzdienstleistung und industrieller Fertigung.

Falsche Selbsteinschätzungen

Die (kleine) positive Nachricht der Studie: Fast alle der befragten Unternehmen sind sich einig, dass die IT-Infrastruktur nachhaltiger werden muss und wollen 2023 Nachhaltigkeitsprogramme einzuführen, selbst Unternehmen, für die Nachhaltigkeit derzeit nicht im Mittelpunkt steht (!). Dies gilt sowohl für zentrale Rechenzentren als auch für verteilte IT-Standorte und Edge-Standorte.

Die (große) negative Nachricht des Reports ist nun aber leider, dass die Selbsteinschätzungen der antwortenden Manager:innen nur relativ wenig mit den Tatsachen in den Unternehmen zu tun haben. Mit der folgenden Aussage legt die Studienautorin Kelly Morgan die illusionären Vorstellungen, die sich in vielen Antworten spiegeln, schonungslos offen: „….stimmten die Reifebewertungen von fast der Hälfte (48 Prozent) der Befragten nicht mit einer früheren Antwort überein. Auf die Frage, ob das Unternehmen über ein Nachhaltigkeitsprogramm für das zentrale Rechenzentrum und/oder für die verteilte IT verfüge, antworteten die Unternehmen, dass sie weder das eine noch das andere haben, gaben dann aber an, dass sie ihr Unternehmen als führend im Reifegrad betrachten.“

Die Studienautorin versucht sich zwar in notdürftigen Erklärungen für diese schizophren wirkenden Antworten („es könnte sein, dass einige Unternehmen Nachhaltigkeitsprogramme, die sie sie in den nächsten zwölf Monaten einführen wollen, als bereits eingeführt zählten oder vielleicht haben sie die Frage auch nicht gründlich gelesen“), stellt dann aber doch kurz und bündig fest: „Eine der Erkenntnisse aus der Umfrage ist, dass fast die Hälfte der Befragten denkt oder hofft, dass ihre Nachhaltigkeitsprogramme weiter fortgeschritten sind, als es tatsächlich der Fall ist.“

Interpretationsdilemma und Plausibilitätsbetrachtungen

Die Studienautorin stand damit ganz offensichtlich vor einem fundamentalen interpretatorischen Dilemma, das sie erfreulicherweise nicht kaschiert. Erfreulich ist das deswegen, weil niemandem mit eingebildeten ökonomischen und ökologischen Fake News über das eigene Unternehmen gedient ist, weder der Branche insgesamt noch dem jeweiligen Unternehmen.

Die Studienautorin versucht deshalb vernünftigerweise das Interpretationsdilemma mit Plausibilitätsbetrachtungen, die sich aus der Gesamtheit der Antworten ergeben, zu beseitigen: „Um ein genaueres Verständnis des Reifegrads zu erhalten, haben wir die Selbsteinschätzungen der Befragten mit ihren Antworten auf andere Fragen abgeglichen, insbesondere mit denen Antworten zu bestehenden Programmen. Das Ziel war dabei, eine realistischere Reifegradkurve zu entwickeln.“

Dabei zeigte sich, dass mehr als 50 Prozent der Unternehmen mit ihren Nachhaltigkeitsprogrammen entweder gerade erst am Anfang stehen oder nur über begrenzte Programme verfügen. Verließe man sich auf die originalen Selbstauskünfte der Unternehmen, wären freilich nur 25 Prozent der Unternehmen auf diesem Reifegrad, den man eher als „Unreifegrad“ bezeichnen muss.

Magere 14 Prozent der Unternehmen sind „in der Spur“

Nach dieser Nachschärfung der Auswertung der Fragebögen ergab sich, dass lediglich 14 Prozent (!!) aller befragten Unternehmen weltweit über ein vollständiges Nachhaltigkeitsprogramm für die gesamte IT-Infrastruktur einschließlich zentraler Rechenzentren und verteilter IT- und Edge-Ressourcen verfügen. Interpretiert man den Begriff „Vollständigkeit der Rechenzentrums-Infrastruktur“ deutlich großzügiger, dann verfügen immerhin 48 Prozent der Unternehmen zumindest für einen Teil ihrer Infrastruktur über ein umfassendes Nachhaltigkeitsprogramm.

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Mit anderen Worten: mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen weltweit haben mit Nachhaltigkeit im Rechenzentrumsbereich trotz vieler Lippenbekenntnisse „nicht viel am Hut“. Schlimmer noch: die Entscheidungsträger lügen sich „in die eigene Tasche“. Das kann für das jeweilige Unternehmen schon rein ökonomisch nicht gut sein, weil es zum Beispiel die gesetzgeberischen Vorgaben, die es schon gibt oder die es in naher Zukunft geben wird, nicht erfüllen kann oder weil es schlicht die Kosten, die sich aus hohen Energierechnungen oder Verschmutzungsrechten, die man kaufen muss, ergeben, nicht mehr aufbringen kann.

Der blinde Fleck in Sachen Nachhaltigkeit bei der Mehrzahl der antwortenden Manager:innen ist das niederschmetternde und gleichzeitig erhellende Highlight dieser Studie. Andere Ergebnisse sind deshalb fast unwichtig, zumal die Zuverlässigkeit der Aussagen angesichts der geschilderten interpretatorischen Probleme generell im Zwielicht bleiben müssen.

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