Capgemini-Erhebung bei Energieversorgern und Datacenter-Betreibern Strombedarf der KI: Betreiber wollen Eigenproduktion, Lieferketten stocken, Energieversorger ratlos

Von Daniel Schrader 6 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die Nachfrage nach Stromkapazitäten für KI ist für Energieversorger kaum kalkulierbar, so eine Capgemini-Studie. Rund 19 Prozent der Lastanfragen dürften nie realisiert werden. Auf Datacenter-Seite steigt der Trend zu Eigenproduktion (aktuell bei 29 Prozent der Betreiber). Doch Turbinen-Auftragsbücher reichen bis 2030.

Stromknappheit und KI-Rechenzentren: Betreibern fehlen Stromzusagen genauso wie Turbinen. Versorgern fehlt die Berechenbarkeit.(Bild:  KI-generiert)
Stromknappheit und KI-Rechenzentren: Betreibern fehlen Stromzusagen genauso wie Turbinen. Versorgern fehlt die Berechenbarkeit.
(Bild: KI-generiert)

Das Capgemini Research Institute, die hauseigene Denkfabrik der gleichnamigen französischen IT-Beratung, veröffentlicht die Studie „AI meets the grid: shaping the data center power play“. Befragt wurden im Januar 2026 612 Energiewirtschafts-Führungskräfte auf Direktorenebene (Jahresumsatz über 500 Millionen US-Dollar) sowie 175 Verantwortliche aus Unternehmen, die Rechenzentren besitzen oder betreiben (über 250 Millionen US-Dollar) aus 21 Ländern. Die zentralen Thesen: Die KI-Nachfrage steigert den Strombedarf weiter. Datacenter-Entwickler wollen auf Eigenproduktion ausweichen, doch Lieferketten für Turbinen und Transformatoren stocken. Den Energieversorgern sind dabei die Pläne der Betreiber und die Anforderungen von KI-Workloads zu unkalkulierbar.

Eigenstrom als Primärversorgung wird zum Normalfall

Betreiber wenden sich deutlich zur Eigenerzeugung hin. 29 Prozent der befragten Datacenter-Verantwortlichen setzen nach eigenen Angaben bereits hinter dem Zähler produzierten Strom ein, weitere 39 Prozent planen dies binnen ein bis zwei Jahren. 86 Prozent werten die Fähigkeit, sich bei Störungen vom Netz zu trennen („Islanding"), als wichtigen Wettbewerbsvorteil. Mehr als sieben von zehn Befragten erwarten, ihre Netzabhängigkeit binnen fünf Jahren deutlich zu senken.

Für die Eigenproduktion von Strom gehen Betreiber überwiegend Partnerschaften mit Entwicklern erneuerbarer Energieanlagen und unabhängigen Erzeugern ohne eigenes Stromnetz ein, in 32 Prozent der Fälle sind aber auch klassische Energiedienstleister Partner.

In ihrer Analyse unterstreichen die Studienautoren, dass eigenerzeugter Strom nicht nur eine pragmatische Lösung für Betreiber darstelle, sondern auf lange Sicht über bidirektionale Einsatzmöglichkeiten auch dem öffentlichen Netz dienen könne. Auf der anderen Seite stünden die Risiken eines Rollenspielens als Versorger. Im Sommer 2025 schalteten 60 von 200 Datacenter in einem dicht besiedelten Teil des Staates Virginia nach einer Sicherheitsmeldung gleichzeitig auf Eigengeneratoren um, woraufhin die lokalen Versorger des öffentlichen Netzes gezwungen waren, ihre eigene Produktion zu drosseln, da es sonst durch Überproduktion von Strom zu Ausfällen käme. Auch dies sei ein Argument für die entscheidende Kooperation zwischen Betreibern und Versorgern zur Herstellung größerer Vorhersehbarkeit.

Dabei hat der Wandel zu KI-Workloads als Hauptfokus von Rechenzentren für die überwiegende Zahl der Betreiber erst eingesetzt. 87 Prozent der befragten Betreiber erwarten, dass ihr Stromverbrauch in drei bis fünf Jahren um rund 30 Prozent steigt. Dabei erwarten die Verantwortlichen, dass KI-Workloads in den nächsten fünf Jahren mit einem prognostizierten Anteil von 60 Prozent andere IT-Lasten in eine Minderheitsposition verdrängen werden. Manager rechnen mit 25 Prozent Trainings- und 35 Prozent Inferenz-Workloads. Nur 22 Prozent erwarten ein Abflauten beim Training großer Modelle in den nächsten fünf Jahren.

Datacenter-Betreiber und Stromversorger konkurrieren um Energiekomponenten

Ambitionen der Datacenter-Betreiber verschärfen dabei einen Auslieferungsstau. Die Auftragsbücher großer Gasturbinen-Hersteller wie GE Vernova und Mitsubishi reichen infolge sprunghaft gestiegener Bestellungen bis in die Jahre 2028 und 2030, so die Studie. Bei Transformatoren, Schaltanlagen und Batterien entstünden Engpässe. Nahezu der Hälfte der für 2026 in den USA geplanten Rechenzentrumsprojekte drohe eine akute Gefahr von Verschiebungen und Ausfällen.

Vor das gleiche Problem gestellt, reagieren Energieversorger laut den Studienergebnissen pragmatisch: 84 Prozent diversifizieren Lieferanten, 73 Prozent bestellen Komponenten mit langen Lieferzeiten wie Transformatoren und Schaltanlagen vor, 61 Prozent nutzten Terminverträge. Steigende Kosten für Komponenten, aber auch Nachfrage durch Hyperscaler nennen zugleich 74 respektive 77 Prozent der Manager von Stromversorgern als wichtige Herausforderungen.

Bedenken bremsen den Einsatz fossiler Brennstoffe nicht

Beim Versorgungsmix geben sich beide Befragtengruppen pragmatisch. 78 Prozent der Energie- und 73 Prozent der Rechenzentrumsverantwortlichen halten erneuerbare Energien allein aktuell für nicht ausreichend für eine kontinuierliche Versorgung. 74 Prozent der Betreiber und 68 Prozent der Versorger sehen dabei ein entscheidendes Problem auf regulatorischer Ebene bei der Planung und Abnahme grüner Produktionsstandorte. 54 beziehungsweise 56 Prozent investieren zugleich in Batteriespeicher (BESS), was zumindest als indirektes Indiz auf die weiterhin steigende Bedeutung grüner Energiequellen verweist; eine genaue Abfrage der Energiequellen unternahm die Studie nicht.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu RZ- und Server-Technik

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Erdgas gilt 68 Prozent als wichtige Brückentechnologie; 77 Prozent der Betreiber bewerten die Flexibilität von Gaskraftwerken als entscheidend zum Ausgleich schwankender Versorgung durch erneuerbare Energien.

Bedenkenlos beim Einsatz von Gas zur Eigenproduktion von Strom zeigen sich die Befragten allerdings nicht. 63 Prozent der Datacenter- und 59 Prozent der Energieverantwortlichen räumen ein, dass ein verstärkter Gaseinsatz im Widerspruch zu eigenen Dekarbonisierungszielen stehe.

Zugleich sehen 58 Prozent der Betreiber und 79 Prozent der Versorger in heutigen Gasinvestitionen ein erhebliches Risiko für verlorene Vermögenswerte („stranded assets") innerhalb des Jahrzehnts. Kleine modulare Reaktoren (SMR) bezeichnen 41 Prozent der Betreiber als Investitionsfeld, doch 61 Prozent von ihnen und 82 Prozent der Versorger erwarten, dass SMR für den KI-Hochlauf der nächsten drei bis fünf Jahre zu spät kämen. Zu Wasserstoff als Energieträger befragte die Studie ihre Respondenten überraschenderweise nicht.

Auch angesichts von mit dem US-Iran-Krieg um 80 Prozent gestiegenen Erdgaspreisen nehmen dabei insbesondere für Befragte in Europa Souveränitätsüberlegungen eine wichtige Stelle ein. 70 Prozent der Stromversorger in Europa sehen die Sicherstellung von Strom für Datacenter und einer souveränen Energieproduktion zugleich als wichtige Herausforderung an. Bereit für diese zeigen sich lediglich 41 Prozent der Befragten, immerhin die Hälfte in Frankreich, aber nur 26 Prozent der Energie-Verantwortlichen in Deutschland.

Regulierungen nehmen Betreiber in die Pflicht; Betreiber priorisieren weiter Stromverfügbarkeit

Die Studie zeichnet auch nach, wie nationale Regelwerke die Verantwortung für Stromerzeugung und Konsum auf Betreiber-Seite steigern. Der texanische Senate Bill 6 (Juni 2025) bürdet Großverbrauchern ab 75 Megawatt Anschlusskosten und Zuverlässigkeitspflichten auf und verlangt die Offenlegung paralleler Anschlussanfragen. Irlands Regulierer CRU verpflichtet seit Dezember 2025 neue Rechenzentren zu eigener Erzeugung oder Speichern, die den Bedarf vollständig decken. Südkorea schreibt einen Eigenerzeugungsanteil vor, der bis 2040 auf 20 Prozent steigen soll.

Regulatorische Überlegungen spielen bei der Standortwahl der Betreiber eine wichtige, aber untergeordnete Rolle. 65 Prozent nennen diese, allerdings gemeinsam mit Souveränitätskriterien, als wichtige Faktoren. 81 Prozent der Datacenter-Betreiber nennen zuverlässige Stromversorgung, 77 Prozent Netzresilienz und Redundanz als wichtigste Faktoren vor dem Katastrophenrisiko (73 Prozent) und Energiekosten (62 Prozent).

Versorgern fehlt die Planbarkeit

Zu den schwer kalkulierbaren Planungsverfahren wurden allerdings ausschließlich die Energieversorger befragt. Sie scheinen hier aber eine Perspektive mit vielen Datacenter-Betreibern zu teilen. 84 Prozent nennen Verzögerungen bei Genehmigungen für Infrastruktur-Upgrades und 78 Prozent regulatorische Vorgaben für den Netzbetrieb als wichtige Gründe, die die Versorgung von Rechenzentren ausbremsen.

Energielieferanten betonen zugleich eine schwere Vorhersagbarkeit im Umgang mit Anfragen von Datacenter-Betreibern. 67 Prozent der Versorger berichten von spekulativen Lastanfragen. Bei im Schnitt 19 Prozent der Anfragen gehen Versorger davon aus, dass diese nie realisiert werden. 82 Prozent sehen das Hauptproblem dabei in Datacenter-Entwicklern, die Anfragen bei mehreren Versorgern zugleich einreichen. 70 Prozent sehen sich in der Pflicht, eine möglichen Überschätzung des Strombedarfs durch Datacenter-Betreiber einkalkulieren zu müssen, was eine signifikante Herausforderung sei.

77 Prozent der Befragten beklagen aus Versorger-Perspektive, den Stromverbrauch expandierender Rechenzentren nicht einschätzen zu können. Schließlich befürchten 60 Prozent ein Risiko von Fehlinvestitionen in neue Kapazitäten durch zu riskante Datacenter-Projekte.

Studienautoren nehmen ihre Versorger-Kunden in die Pflicht

Dass Capgemini nach eigenen Angaben Berater von zwölf der zwanzig weltgrößten Versorger ist, wird nicht nur im deutlichen Übergewicht der Befragten aus dem Energiesektor erkennbar, sondern auch in den Handlungsempfehlungen. Diese richtet die Studie ausschließlich an Versorger.

Hier sehen die Autoren das größte Potenzial, nehmen Versorger aber auch in die Pflicht. Die Studie empfiehlt Versorgern, proaktiv zu agieren und den Datacenter-Ausbau mitzugestalten. Nachfrageprognosen sollten stärker verankert werden, neue Rechenzentrumsprojekte gezielt in Ortschaften mit guter Stromverfügbarkeit gesteuert werden.

Dabei sollen Versorger nicht nur ihre Netzinfrastruktur modernisieren und dezentralisieren, sondern auch ihren Energiemix an Datacenter-Bedarfe anpassen. Stromversorger sollen sich aus Capgemini-Perspektive für die Entbürokratisierung von Anschlussprozessen einsetzen, aber auch selbst klarere Tarifmodelle einführen und flexiblere Programme für Datacenter aufsetzen. Dabei sei auch der Einsatz von KI-Systemen bei Planung und Betrieb ein wichtiger Innovationsansatz.

(ID:50885706)