Technische Infrastrukturen von Rechenzentren

Sicher, passend und kosteneffizient

| Autor / Redakteur: Thomas Grüschow* / Susanne Ehneß

(Bild: TÜV Süd)

Kaum eine Institution im Public Sector kommt ohne IT-System aus. Die Einrichtung eines eigenen Rechenzentrums ist dabei meist unumgänglich. Manche Services werden aber auch an kommerzielle Anbieter ausgelagert. Beides ist nicht unproblematisch. Die neue Norm DIN EN 50600 hilft: Sie garantiert einen zuverlässigen Betrieb und schafft eine Vergleichsbasis für Angebote.

Planung, Errichtung und Betrieb von Rechenzentren mitsamt ihrer Infrastruktur sind ein sehr komplexes Unterfangen. Stromversorgung, Kühlung, Kommunikationsanbindung, Zutrittsschutz und Brandmeldeanlage, um nur die wichtigsten Infrastrukturen zu nennen, sind zu organisieren.

Ob Krankenhäuser, Verwaltungen oder andere öffentliche Einrichtungen: Jede Institution hat ihre eigenen Anforderungen. Bürgerrechte und gesetzliche Verpflichtungen müssen eingehalten, bauliche Aspekte wie Konstruktion und Brandschutz berücksichtigt, Energie- und Kosteneffizienz im Auge behalten werden. Bisher gab es diverse Normen zu einzelnen Betriebsmitteln und Einrichtungen. Jetzt regelt erstmals eine übergeordnete europäische Norm alle Aspekte zu sämtlichen Infrastrukturen im Rechenzentrum.

DIN EN 50600: Die neue Norm für Rechenzentren

Datacenter-Standard mit Spielraum

DIN EN 50600: Die neue Norm für Rechenzentren

16.02.16 - Worauf ist bei der Einrichtung oder Auswahl eines Rechenzentrums zu achten? Und: Welche Kriterien helfen bei der Entscheidungsfindung? Bisher war es schwierig, diese Fragen klar zu beantworten. Das ist jetzt grundlegend vereinfacht – mit der europäischen Norm DIN EN 50600. lesen

Denn Planung, Errichtung und Betrieb erfordern von allen Beteiligten ein gewerkeübergreifendes Fach- und Erfahrungswissen, um die angemessenen Strukturen, Betriebsrisiken und funktionalen Wechselwirkungen innerhalb eines Datacenter beurteilen zu können. Nicht selten führten Abstimmungsschwierigkeiten zu überdimensionierten oder gar unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen. Beides kann ebenso erhebliche wie unnötige Kosten nach sich ziehen.

Ähnlich ist es, wenn die IT-Dienste kommerzieller Anbieter in Anspruch genommen werden: Um die Angebote vergleichen und bewerten zu können, fehlten bislang verbindliche europäische Standards. Auch hier bietet die neue europäische DIN EN 50600 Lösungen. Zwar ist die Sicherheit in der Regel hoch angesetzt, doch wie groß ist die tatsächliche Gefahr, dass das Datacenter ausfällt? Und was bedeutet das für eine Institution? Was für die eine Einrichtung tragbar ist, kann sich für eine andere katastrophal auswirken.

Bewertungsgrundlage

Was bislang fehlte, war ein allgemeingültiges Regelwerk als Bewertungsgrundlage. Dies liegt nun mit der europäischen Norm DIN EN 50600 „Informationstechnik – Einrichtungen und Infrastruktur von Rechenzentren“ vor. Sie regelt alle Aspekte rund um die Infrastruktur von Rechenzentren – und dies so umfassend wie nie zuvor. Dabei verbindet sie die Sicherheit von technischen Standards mit hochgradiger Individualität. Die ersten sechs Teile der DIN EN 50600 sind bereits vollständig gültig und anzuwenden, der letzte Teil ist als Entwurf zugänglich. Die finale Veröffentlichung wird voraussichtlich noch 2016 erfolgen.

Ergänzendes zum Thema
 
Sicher, passend und kosteneffizient

Die Norm bezieht alle beteiligten Gewerke ein und ermöglicht so eine einheitliche Klassifizierung. Berücksichtigt werden unter anderem architektonische und konstruktive Bedingungen, Klimatisierung, Brandschutz, Stromversorgung, Kommunikationstechnologie und Umgebungsbedingungen.

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Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die physische Sicherheit des Gebäudes: Zutrittsschutz, Einbruchmeldeanlage (EMA), Videoanlagen und Brandmeldeanlagen (BMA). Neben der Gebäudekonstruktion (zum Beispiel Baumaterialien, Zonierungskonzepte) sind auch die Betriebsprozesse sowie Zugangskontrollen entscheidende Faktoren.

Gesprächsgrundlage

Bereits auf dem aktuellen Stand kann die DIN EN 50600 als Projektleitfaden für Konzeption, Einrichtung und Betrieb eines Rechenzentrums herangezogen werden. Mit ihr haben alle Beteiligten eine einheitliche Gesprächsgrundlage, da alle zugehörigen Bereiche abgedeckt sind.

Dank genormter Analysemethoden zu den tatsächlichen Anforderungen können Gestaltungsspielräume genutzt werden. So gewährleistet die Norm ihre Individualität. Für jede Einrichtung können maßgeschneiderte Lösungen gefunden und bestmögliche Ergebnisse erzielt werden.

Den Ausgangspunkt der siebenteiligen Norm bilden die konzeptionellen Grundlagen. Hierunter fällt beispielsweise die Analyse der Ist-Situation: Im Zuge einer Geschäftsrisikoanalyse werden eingehend sämtliche Risiken geprüft und anschließend bewertet.

So wird unter anderem geklärt, wie hoch die Abhängigkeit der Körperschaft von der IT ist, welche Konsequenzen ein Ausfall hätte, welche Sicherheitsstandards in den einzelnen Bereichen erreicht werden sollen und welches Budget zur Verfügung steht.

Soll-Zustand

*Der Autor: Dipl.-Ing. Thomas Grüschow, Senior Expert Data Center, TÜV SÜD Industrie Service GmbH
*Der Autor: Dipl.-Ing. Thomas Grüschow, Senior Expert Data Center, TÜV SÜD Industrie Service GmbH (Bild: TÜV Süd)

Auch die Standortbedingungen werden genau untersucht: Neben der Umgebung sind die Gebäudekonstruktion, die Stromversorgung sowie mögliche Umwelteinflüsse mit zu berücksichtigen. Wird das Datacenter in einem Bestandsbau eingefügt, sind besondere Anpassungen notwendig, die ebenso berücksichtigt werden.

Die Ergebnisse der Analyse bilden die Basis dafür, wie das Rechenzentrum im Detail geplant und eingerichtet wird. Der Soll-Zustand aller einzelnen Gewerke wird anhand verschiedener Klassifikationssysteme festgelegt. Nicht in jedem Bereich des Rechenzentrums muss das höchste Niveau erreicht werden.

Auf diese Weise gelingt eine bedarfsgerechte Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse der Einrichtung. Das Rechenzentrum kann also zielführend innerhalb des Budgetrahmens konzipiert werden. Auf diese Weise hilft die neue Norm, die konkreten Anforderungen an die Infrastruktur eines Rechenzentrums zu definieren und allen Beteiligten transparent und verständlich zu machen.

Vorteil Zertifizierung

Rechenzentren verknüpfen immer enger die Geschäftsbeziehungen im gesamten europäischen Wirtschaftsraum. Diese Tatsache erfordert, dass die Datacenter hinsichtlich Verfügbarkeit und Sicherung verglichen werden können. Bei der Anmietung externer Services gewährleistet die Norm DIN EN 50600 national und europäisch aussagekräftige und belastbare Vergleiche. Für Konzeption, Einrichtung und Sanierung behördeneigener Datacenter schafft sie breite Gestaltungsspielräume für maßgeschneiderte Konzepte und garantiert Zuverlässigkeit in allen zentralen Fragen.

Wegen ihrer hohen Praxisnähe, der Individualität und der umfassenden Perspektive kann davon ausgegangen werden, dass sich die Norm in der Branche als Standard für die Infrastruktur von Rechenzentren etablieren wird.

Auch eine Zertifizierung durch unabhängige Dritte nach der DIN EN 50600 ist möglich. Zwar ist diese nicht verpflichtend. Doch in der Praxis zeigt sich, dass aktuelle Zertifikate bei Vertragsabschlüssen unter anderem zwischen Planern, Betreibern, Bauherren und Architekten immer häufiger gefordert werden. Zudem bietet eine Zertifizierung Sicherheit darüber, dass die IT-Services den individuellen Anforderungen gerecht werden.

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* Dipl.-Ing. Thomas Grüschow ist Senior Expert Datacenter bei der TÜV SÜD Industrie Service GmbH.

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