Interview mit dem Rechenzentrumsbetreiber zum UBA-Umweltzertifikat Erstes Co-Location-Datacenter mit Blauem Engel: Warum will Akquinet das Prädikat?

Redakteur: Ulrike Ostler

Als erstes Rechenzentrum darf sich das Akquinet-Rechenzentrum „HAM-02“ mit dem „Blauen Engel“ der Kategorie „Klimaschonende Co-Location-Rechenzentren“ schmücken. Im Interview erläutern Thomas Tauer, Vorstandsmitglied der Akquinet AG – „Ich bin der, der das Geld dafür freigibt“ – und Piet Wienke, Berater in Sachen Datacenter-Services bei Akquinet, warum sie dieses Zeichen wollen und welchen Aufwand es bedeutet, dieses zu bekommen.

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Akquinet ist der erste Co-Location-Anbieter, der das Umweltzeichen 214, Blauer Engel für Co-Location-Rechenzentren, bekommen hat.
Akquinet ist der erste Co-Location-Anbieter, der das Umweltzeichen 214, Blauer Engel für Co-Location-Rechenzentren, bekommen hat.
(Bild: Matthias Engler/ Akquinet)

Zuerst, ab 2015, gab es das Umweltzeichen des Umweltbundesamtes, den Blauen Engel, ganz allgemein für Rechenzentren und jede Menge Kritik von den Co-Location-Anbietern. Denn die böten den Kunden lediglich Platz, Sicherheit und Verfügbarkeit zum Betrieb deren IT, so im Groben die Argumentation.

Das Umweltbundesamt reagierte und passte die Kriterien an die speziellen Gegebenheiten der Co-Location-Betreiber an. Das Umweltzeichen 214 kann seit Januar 2020 angestrebt werden.

Jetzt wurde die Auszeichnung erstmals für ein deutsches Co-Location-Rechenzentrum vergeben. Zu den Kriterien für ein „Klimaschonendes Co-Location-Rechenzentrum" zählt ein PUE-Wert, aber auch die Energie-Effizienz einzelner Komponenten und insbesondere das umweltbewusste Management des Rechenzentrums insgesamt. Hierzu muss unter anderem nachgewiesen werden, inwieweit die Rechenzentrumskunden motiviert werden, Energie-effiziente Informationstechnik einzusetzen.

Welche Beweggründe hatten Sie, das Umweltzeichen anzustreben?

Thomas Tauer: Wir wollten einfach einmal sehen, wo wir stehen. Klar versuchen wir, immer auf Ballhöhe jüngster Technik zu bleiben, haben das Rechenzentrum als Teil unseres Twin Datacenter nach Green IT-Grundsätzen konzipiert. Doch ist dieses Rechenzentrum bereits neun Jahre alt und wir haben nach objektiven Kriterien gesucht, die eine Einordnung unserer Bestrebungen ermöglichen können. Allerdings war ich überrascht, dass es das noch gar nicht gab.

Können Sie das näher ausführen?

Thomas Tauer Ist seit 2016 Vorstand und verantwortlich für den Bereich Outsourcing sowie für die Planung und den Bau neuer Rechenzentren.
Thomas Tauer Ist seit 2016 Vorstand und verantwortlich für den Bereich Outsourcing sowie für die Planung und den Bau neuer Rechenzentren.
(Bild: Akquinet)

Thomas Tauer: Ich habe Frau Marina Köhn vom UBA vor zirka fünf Jahren kennengelernt. In der damaligen Diskussion ging es darum, dass der „Blaue Engel für Energie-effizienten Rechenzentrumsbetrieb“ (Umweltzeichen 161) keine Anwendung auf Co-Location-Anbieter finden kann. Bei Akquinet betreiben wir nur zu einem Teil die Kunden-IT. Doch in den meisten Fällen stellen die Firmen ihre Racks bei uns unter. Klar, wir sprechen Empfehlungen aus, aber wir haben keinen direkten Einfluss darauf, wie die Unternehmen ihre IT betreiben – weder auf die Auswahl und den Betrieb der Hardware noch auf die Software.

Aber eins muss man auch sagen: Ein Teil der Kunden war vor fünf Jahren kaum sensibilisiert für das Thema.

Und das hat sich geändert?

Thomas Tauer: In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Wahrnehmung deutlich geändert. Die globale Erwärmung kann heute niemand mehr wegreden. Vor allem große Kunden nehmen Energie-Effizienz und die Frage, woher wir unseren Strom beziehen, mit in die Ausschreibung auf. Solche Unternehmen haben selbst Umweltkriterien in ihrer Unternehmenspolitik verankert.

Wie sind Sie die Zertifizierung angegangen?

Thomas Tauer: Der Blaue Engel für Co-Location-Betreiber war neu, nicht nur für uns. Wir haben selbstverständlich andere Zertifikate, wie für die EN-Norm 50600, nach dem Kriterienkatalog von der TÜV-IT GmbH, aktuell nach `TSI 4.3´, und nach ISO 27001…. So mussten wir uns erst einmal herantasten.

Piet Wienke, Datacenter Consultant bei Akquinet, ist unter anderem Elektroniker für Energie- & Gebäudetechnik, zertifizierter Projekt-Management-Fachmann GPM IMPA Level D nach ICD 4 und zertifizierter Qualitäts-Management-Beauftragter DIN ISO 9001 QMB-TÜV.
Piet Wienke, Datacenter Consultant bei Akquinet, ist unter anderem Elektroniker für Energie- & Gebäudetechnik, zertifizierter Projekt-Management-Fachmann GPM IMPA Level D nach ICD 4 und zertifizierter Qualitäts-Management-Beauftragter DIN ISO 9001 QMB-TÜV.
(Bild: Akquinet)

Piet Wienke: Wir haben zunächst einen Werksstudenten damit beauftragt zu überprüfen, ob und wie wir die Kriterien vom UBA beziehungsweise der RAL GmbH liefern können und wo wir noch Ecken und Kanten schleifen müssen oder wo es vielleicht sogar einen Show-Stopper geben könnte.

Und?

Piet Wienke: Unser Gebäudeleitsystem liefert von Haus aus die meisten geforderten Kennzahlen. Dazu ein Beispiel: Trotz unserer Maßnahmen für Hochverfügbarkeit, Sicherheit und Redundanz liegt unser neun Jahre altes Rechenzentrum bei einem PUE-Wert von 1,25. Der Wert der Power Usage Effectiveness (PUE-Wert) gibt das Verhältnis des Jahresenergiebedarfs des gesamten Rechenzentrums zum Jahresenergiebedarf der IT des Rechenzentrums an. Laut den Kriterien des Blauen Engels darf das Rechenzentrum HAM-02 einen PUE-Wert von höchstens 1,6 aufweisen.

Thomas Tauer: Doch der Blaue Engel hat eine ganz andere Herangehensweise als etwa der TÜV-IT-Katalog. Der systembezogene Ansatz beinhaltet nicht nur die Energie-Effizienz einzelner Komponenten, sondern auch das umweltbewusste Management des Rechenzentrums insgesamt.

Das kommt unserem gelebten Alltag nahe. Die Technik im Rechenzentrum ist eins, doch der Betrieb, insbesondere was die Energie-Effzienz angeht, muss gelebt werden. Das, schätze ich, macht mindestens 50 Prozent des Erfolgs aus. Für unsere Mitarbeiter ist das Datacenter ihr `Baby‘, das gehätschelt und bestmöglich in Form gebracht werden muss. Immer wieder fällt ihnen auf, was verbessert werden kann.

Der Blaue Engel (UZ 214) verlangt ferner Nachweise, inwieweit die Rechenzentrums-Kunden motiviert werden Energie-effiziente Informationstechnik einzusetzen.

Piet Wienke: Wir hatten zwar Aufklärungsmaterial, arbeiten schon immer eng mit den Kunden zusammen und versuchen sie in diesem Punkt zu motivieren...

Thomas Tauer: … aber wir haben bei der Zertifizierung dazu gelernt und werden die Information neu auflegen und erweitern.

Wir setzen sehr Energie-effiziente Anlagentechnik ein und bevorzugen Materialien und Anlagen mit hoher Lebensdauer sowie guten Möglichkeiten für das Recycling. Akquinet bezieht ferner für das Twin Datacenter 100 Prozent Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen. Und ein Teil des Gebäudes ist durch eine Sporthalle überbaut, die durch die Abwärme aus dem Rechenzentrum beheizt wird. Doch unsere Kunden mussten bisher nur wenige Restriktionen in Kauf nehmen, wenn sie ihre IT bei uns unterbringen wollten: Die Kaltgangeinhausung.

Jetzt sollen sie verstärkt aufgeklärt werden und verstehen lernen, dass Rechenzentrumsbetrieb ein großer Hebel für den Umweltschutz bedeuten kann. Immerhin benötigen die Rechenzentren in Deutschland jährlich in etwa so viel Strom wie die Stadt Berlin; Tendenz: steigend.

Wann haben Sie den Prozess begonnen und wie aufwändig war die Erlangung des Zertifikats?

Thomas Tauer: Wir hatten Glück und mussten nichts nachbessern, will heißen: Wir brauchten keine Anschaffungen tätigen oder nach Gründen für etwaige schlechte Werte suchen. Im Gegenteil.

Piet Wienke: Relativ schnell konnten wir festgestellt, dass wir die entscheidenden Kriterien, insbesondere in der Energie-Effizienz, erfüllen konnten. Ebenso war es bei den technischen Gegebenheiten. Unser Gebäudeleitsystem kann alle geforderten Kennzahlen darstellen.

Aber wir mussten für das UBA im Rahmen des Antrages einen formellen Nachweis erbringen. Für diesen Energie-Effizienzbericht des Blauen Engelhaben wir unsere automatischen Reports umprogrammiert und rückwirkend die Daten der Messsysteme ausgewertet. Zukünftig werden sie in unsere Reports integriert.

Neben dem Energie-Effizienzbericht müssen zudem diverse Nachweise geliefert werden, unter anderem der Nachweis über die genutzten Messpunkte, die Nutzung von Ökostrom und das Informationsmaterial für die Co-Location-Kunden. Auch die vom RAL geforderten Anlagen haben wir bestmöglich in Anlehnung an die bereits verfügbaren des UZ 161 erstellt.

Thomas Tauer: Doch die Vorgaben für den UBA-Report sind nicht unbedingt `intuitiv´zu verstehen. Da hat man einfach gemerkt, dass wir die Ersten waren, die dieses Umweltzeichen erlangen wollten. Wir konnten ein bisschen Pionierarbeit leisten.

Piet Wienke: Wir wurden dann zu einer `Expertenrunde´ mit dem UBA und der RAL GmbH eingeladen, wo wir unsere Expertise aber auch Ergebnisse aus den konträren Diskussionen mit unseren Kunden einbringen konnten. Wir sind ja auch als Planer unterwegs und haben schon einige begutachtet.

Thomas Tauer: Angefangen hat alles im November 2020 und im Juni waren wir kurz vor der Verleihung. In der Zertifizierungsphase waren wir in Summe etwa drei Tage mit drei, vier Personen beschäftigt.

Wie viel hat Sie der Blaue Engel gekostet? Ist das ein Marketing-Instrument? Können Sie das Verfahren weiterempfehlen?

Piet Wienke: Die Berechnung hängt, sehr ungewöhnlich, vom Umsatz des Unternehmens ab (siehe: Tabelle). Darüber hinaus wird noch eine einmalige Gebühr für den Antrag und dir Urkunde fällig. Für Akquinet waren das rund 5000 Euro.

Die Kosten für den Datacenter-Engel sind gestaffelt.
Die Kosten für den Datacenter-Engel sind gestaffelt.
(Bild: UBA)

Thomas Tauer: Ein Marketing-Instrument? Die Kunden fragen ja nicht nach einem bestimmten Zertifikat. Die wollen bewiesen sehen, dass und wie nachhaltig wir wirtschaften.

Piet Wienke: Allerdings, und da waren wir selber überrascht, hatten wir noch vor der offiziellen Bestätigung, eine Anfrage von einem Unternehmen, das den Blauen Engel mit in seine Ausschreibung nehmen wollte

Thomas Tauer [zwinkernd]: Insofern mag ich unseren Wettbewerbern keinen Bauen Engel empfehlen…..

Nachhaltigkeit ist für Rechenzentrumsbetreiber in Deutschland Freiwilligkeit. Sollte das die Zukunft sein?

Thomas Tauer: Vorschriften, etwa zur Abwärmenutzung, führen zu nichts. Es könnte höchstens sein, dass weniger Rechenzentren gebaut werden.

Ich habe mir das einmal in Stockholm angeschaut. Toll. Aber da gibt es auch ganz andere städtebauliche Voraussetzungen. Dort wird die Abwärmenutzung per Fernwärmenetz mit der Rechenzentrumsansiedlung gekoppelt, die Datacenter müssen nichts für die Einspeisung zahlen und der Strompreis ist sensationell niedrig.

Hier müsste ich Abgaben auf die gelieferte Wärme zahlen, sobald sie das eigene Grundstück verlässt und EEG-Abgaben auf Wärmepumpen, um auf das hierzulande in Wärmenetzen geforderte Temperaturniveau zu gelangen. Und schließlich müssten die Rechenzentrumsbetreiber sich erst die Partner suchen, die die Wärme abnehmen. Sie würden sich abhängig machen. Und das will keiner.

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Über Akquinet

Die Akquinet AG ist ein international tätiges IT-Beratungsunternehmen mit Hauptsitz in Hamburg. Aktuell werden rund 920 Spezialisten beschäftigt. Das Unternehmen hat sich auf die Einführung von ERP-Systemen (SAP und Microsoft) und die Individualentwicklung von Softwarelösungen spezialisiert. Speziell im Maschinen- und Anlagenbau, dem öffentlichen Sektor, dem Sozial- und Gesundheitswesen und der Logistik verfügt Akquinet über Branchenexpertise und zertifizierte Anwendungen.

Akquinet betreibt vier Rechenzentren, davon die zwei baugleichen „RZ-HAM-02“ und „RZ-NOR-01“ in Hamburg und Norderstedt als Twin Datacenter, sowie in Itzehoe. Zu den Kunden zählen Unternehmen und Organisationen aus der Privatwirtschaft sowie der öffentlichen Hand, darunter Behörden oder Versicherungen, die sehr hohe Anforderungen an die Datensicherheit haben.

Die Rechenzentren des Twin Datacenter sind nach dem Prinzip einer 2N-Redundanz ausgelegt. Das bedeutet, dass alle Anlagen, die für eine Hochverfügbarkeit notwendig sind, in jedem der beiden identisch gebauten Gebäude doppelt und völlig unabhängig voneinander existieren. Die Rechenzentren führt Akquinet zudem als Integrationsbetriebe und beschäftigt dort mindestens 40 Prozent Mitarbeitende mit Behinderung.

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