Edge Computing liefert Vorwand für eine Neuorientierung ohne Gesichtsverlust

Ernüchterung statt Cloud-Rausch

| Autor / Redakteur: Christoph Maier* / Ulrike Ostler

Christoph Maier, Vorstand der Thomas-Krenn AG, ärgert sich über die angeblichen "Mythen des Cloud Computing". Zwischen 36 und 41 Prozent der Unternehmen, die Applikationen in die Cloud gebracht haben, gehen wieder auf eigene Server zurück.
Christoph Maier, Vorstand der Thomas-Krenn AG, ärgert sich über die angeblichen "Mythen des Cloud Computing". Zwischen 36 und 41 Prozent der Unternehmen, die Applikationen in die Cloud gebracht haben, gehen wieder auf eigene Server zurück. (Bild: Thomas-Krenn AG)

Viele Versprechungen der Cloud-Propheten lösen sich langsam in Luft auf -- Vielleicht nicht ganz zufällig steht Edge Computing als neuer Mega-Trend in den Startlöchern. Genau jetzt ist der Zeitpunkt, einen nüchternen Blick auf die Vorteile eigener IT zu werfen, findet Christoph Maier, Vorstand der Thomas-Krenn AG.

In der Natur sind Wolken stille Gebilde. Geräuschlos und wasserdampfgesättigt ziehen sie dahin. Die Cloud in der IT hingegen war und ist von einem beispiellosen Marketing-Lärm geprägt. Seit etwa zehn Jahren trommeln Anbieter und Fachmedien für den Wechsel in die Rechenzentren der Hyperscaler.

Mittlerweile sollte also nahezu jeder Mittelständler, jedes Anwaltsbüro und jeder Kleingartenverein seine gesamten Daten (und die seiner Kunden, Klienten oder Mitglieder) der allein seligmachenden Cloud übergeben haben. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Der Anteil der Business-Applikationen, der auf eigenen Servern betrieben wird, liegt seit vier Jahren konstant bei 65 Prozent, und zwar weltweit. In Europa oder speziell in Deutschland dürften es mehr sein.

Ein erheblicher Prozentsatz will raus aus der Cloud

Wer die Branche kennt, ist kaum überrascht. IT-Dienstleister oder Berater aus Systemhäusern berichten, dass viele Kunden bei dem Ansinnen, in die Cloud zu migrieren, oft nur müde lächeln. Wer es dennoch wagt, beißt sich später nicht selten sprichwörtlich in den Hintern: Mehreren Umfragen zufolge gehen weltweit zwischen 36 und 41 Prozent der Unternehmen, die Applikationen in die Cloud gebracht haben, wieder auf eigene Server zurück. Zieht man die Kosten eines solchen Kurswechsels in Betracht, wird wohl ein höherer Prozentsatz seine Entscheidung bereuen, aber zähneknirschend auf eine teure Re-Migration verzichten.

Bestätigt wird die verbreitete Skepsis durch die Erfahrungen unseres eigenen Unternehmens und anderer Hardware-Anbieter. Die Nachfrage nach Servern bei Thomas-Krenn ist in den letzten Monaten stark gestiegen und hält nach wie vor an.

Das gilt auch für viele unserer Mitbewerber. Dabei sind es nicht nur die großen Hyperscaler, die ihre Kapazitäten ausbauen, sondern nach wie vor mittelständische Unternehmen und Institutionen aus Lehre und Forschung, die ihre Hardware On-Premise oder im Colocation-Betrieb einsetzen.

Mythen oder Realität

Ein beliebtes Spiel der Cloud-Befürworter ist es, nach dem Muster „Sieben Mythen über Cloud Computing“ zu argumentieren. Diese postulierten Mythen (etwa „Viele sagen, die Cloud ist unsicher“) widerlegen sie dann - scheinbar - im Sinne der Cloud.

Bei genauerer Betrachtung finden sich aber genauso stichhaltige Gegenargumente. Deshalb werden hier drei der mythischen Argumente einmal gegen den Strich gebürstet: Kosten, Sicherheit und Transparenz.

Kostenvorteile durch die Cloud galten als selbstverständlich und wurden kaum hinterfragt. Hier hat mittlerweile das große Zurückrudern eingesetzt. Beim „Gartner Infrastructure & Operations Managment Summit“ im Juli ließen Analysten und Hersteller die Katze aus dem Sack. Laut Gartner kostet die Cloud mindestens 25 Prozent mehr als eigene Server, wenn auf aktives Management verzichtet wird. Doch dieses gibt es nicht zum Nulltarif. Es verlangt Zeit und hoch qualifiziertes Personal, welches das Unternehmen ja eigentlich einsparen wollte.

Für die langfristige Kalkulierbarkeit der Kosten ist das Betriebsmodell entscheidend. Denn gerade beim SaaS-Modell, das die wenigsten eigenen IT-Ressourcen erfordert, drehen die Anbieter gern und mit großem Vergnügen an der Preisschraube, sobald sie alternativlos sind.

Customizing der Software ist dort oft nur eingeschränkt möglich oder unbezahlbar und die Gefahr eines „Vendor Lock-In“ ist sehr real. Bei PaaS oder IaaS sind Anbieter-Wechsel prinzipiell einfacher. Amazon, Microsoft und kleinere Anbieter liefern sich derzeit zudem einen harten Wettbewerb zum Vorteil der Kunden.

Jedoch benötigt der Betrieb von PaaS und IaaS nach wie vor qualifiziertes IT-Personal mit derzeit extrem nachgefragten Skills -- und verursacht entsprechende Kosten. Hinzu kommen oft Lizenzkosten der Anwendungen und ein unter Umständen komplexes Lizenz-Management.

Nicht sicherer, sondern nur anders unsicher

Wenn es schon teurer wird, ist es dann wenigstens sicher? Hier ist wie so oft ein "entschiedenes Vielleicht" die beste Antwort.

Unbestreitbar können sich die Hyperscaler dank des Skaleneffektes hoch qualifizierte Security-Teams leisten und die prinzipiell sichersten Rechenzentren auf diesem Planeten betreiben. Dennoch: Für jeden Provider ist Security in erster Linie ein Kostenfaktor, der zwar die Reputation erhält, aber nichts zum Umsatz beiträgt. Auch geht Sicherheit oft zu Lasten der Bequemlichkeit beziehungsweise der „User Experience“.

Datensicherheit bei Cloud-Dienstleistern ist zu 100 Prozent Vertrauenssache. Das einzelne mittelständische Unternehmen hat in der Regel keine Möglichkeit zu überprüfen, wie seine Daten tatsächlich geschützt sind.

Ebenso schwer dürfte es oft werden, dem Provider im Schadensfall Versäumnisse nachzuweisen. Hinzu kommt, dass die Beseitigung von Sicherheitslücken vor allem für kleine und mittlere Unternehmen immer kostspieliger wird, wie eine Studie von Kaspersky zeigt. Die für KMU teuersten Sicherheitslücken sind dabei die, bei denen die Cloud im Spiel ist.

Shared Security

Meist ist nach einem "Shared Security Modell" ohnehin der Kunde selbst für die Sicherheit seiner Daten verantwortlich. Dass es damit nicht zum Besten bestellt ist, zeigen zum Beispiel die zahlreichen Vorfälle um „Amazon Cloud Storage S3“. Im vergangenen Jahr zählten etwa Accenture, Time Warner, Booz Alan Hamilton und das Pentagon zum erlesenen Kreis derjenigen, die Millionen vertraulicher Datensätze aus dem S3-Cloud-Storage unfreiwillig "teilten".

Aus der Cloud ergeben sich also neue Risiken, vor allem in Verbindung mit Sicherheitslücken der neuen Generation, die ein Ausbrechen aus virtuellen Maschinen ermöglichen. Standardisierte APIs und technologische Monokulturen machen automatisierte Angriffe erst effektiv. Dabei besteht die Gefahr, dass die eigenen Daten zum „Beifang“ bei gezielten Angriffen gegen ein anderes Unternehmen werden, das die gleiche Infrastruktur nutzt.

Die Transparenz kann leiden

Ein dritter wichtiger Punkt ist Transparenz. Die so genannte Schatten-IT ist seit jeher das Schreckgespenst jedes CIOs, manchmal jedoch auch, das muss zugegeben werden, der letzte Rettungsanker der Anwender.

Schatten-IT, das sind Dienste, Server und Applikationen in den Fachabteilungen, von denen die zentrale IT nichts weiß, die aber Kosten verursachen, oft auch Sicherheitsrichtlinien aushebeln, nicht an zentrale Systeme angebunden sind, ohne die aber in der Abteilung oft nichts geht. Die Cloud hat das Potential, dieses Gespenst weit bedrohlicher zu machen. Neue Cloud-Dienste sind von der Fachabteilung schnell gebucht.

Das Controlling hat dann unter Umständen alle Hände voll zu tun, Kosten richtig zuzuordnen. Die IT-Abteilung wird vor die Herausforderung gestellt, Sicherheitsrisiken abzuschätzen und Wildwuchs im Nachhinein einzudämmen. Policies für die Mitarbeiter können im Cloud-Zeitalter zwar erlassen, aber wesentlich schwerer kontrolliert werden.

Edge Computing - Das Pendel schlägt zurück

Ohne jeden Zweifel ist die Cloud in der Lage, Investitionskosten und Time-to-Market zu senken. Eines sollte sie aber niemals sein: Ein scheinbar bequemer Weg, sich die „lästige“ IT vom Hals zu schaffen. Die Digitalisierung führt dazu, dass Unternehmen aus jeder Branche ihre Daten und ihre digitalisierten Prozesse als die wichtigsten Assets verstehen müssen.

Kontrolle darüber kann entscheidend für das Schicksal des Unternehmens sein. Dazu gehört, die eigenen Server oder das eigene Rechenzentrum nicht nur als Kostenfaktor aufzufassen, sondern zu überlegen, wo es zum Wettbewerbsvorteil werden kann.

Edge Computing als neuer Trend kann hier hilfreich sein. Durch das Internet of Things und Industrie 4.0 wird mehr und mehr klar, dass immer mehr Externalisierung und Zentralisierung an den Erfordernissen der Nutzer vorbeigeht. Der Trend trägt dazu bei, dass IT-Verantwortliche wieder einen ungetrübten Blick auf die Vorteile eigener, dezentraler Strukturen bekommen.

Faktoren wie Latenzen, Verfügbarkeit und limitierte Bandbreite bei großen Datenmengen rücken in den Vordergrund. Edge Computing bietet also auch eine willkommene Gelegenheit, im Cloud-Überschwang begangene Fehler ohne Gesichtsverlust zu revidieren.

* Christoph Maier ist Vorstand der Thomas-Krenn AG.

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Danke für die wirklich gut geschriebenen Argumente zu den nachhaltigen Problemen der Cloud, die...  lesen
posted am 12.10.2018 um 11:59 von Unregistriert

Interessanter Beitrag mit bitterer Note - Es ist daher nicht sonderlich verwunderlich, dass ein TK...  lesen
posted am 11.10.2018 um 16:43 von Unregistriert


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