Digital Detox: Weniger ist mehr

Ein Server = Kupfer, Gold plus 12 kritische Rohstoffe

| Autor / Redakteur: Astrid Wynne* / Ulrike Ostler

Bis 2025 soll der Anteil der It am globalen Energieverbrauch rund 5 Prozent betragen. Ein Teil davon steckt in der Erzeugung von Hardware.
Bis 2025 soll der Anteil der It am globalen Energieverbrauch rund 5 Prozent betragen. Ein Teil davon steckt in der Erzeugung von Hardware. (Bild: Prawny auf Pixabay)

Die Autorin des Artikels, Astrid Wynne, fordert ein Umdenken in der Hardwarebeschaffung für Rechenzentren. Denn Energiesparen im Datacenter ist nur eine Maßnahme, mit der sich schädliche Auswirkungen der IT auf die Umwelt reduzieren lassen. „Wir verstecken den ökologischen Fußabdruck in der Hardware“, so Wynne.

Wie bei vielen anderen auch zielen meine guten Vorsätze auf ein umweltfreundlicheres, schlankeres und gesünderes Leben ab (Geld sparen ist hier ein positiver Nebeneffekt). Ich muss zugeben, dass ich auf persönlicher Ebene nicht so gut damit zurechtkomme. Allerdings werde ich beruflich von unserer IT-Abteilung unterstützt, so dass sich die Dinge hier viel effektiver entwickeln.

In diesem Jahr ist es eines unserer Ziele, wo möglich, den Energieverbrauch und unseren digitalen Fußabdruck zu reduzieren. E-Mails sind eine der Möglichkeiten, an denen wir kleine Änderungen vornehmen können und einen großen Unterschied machen. Die Reduzierung von Video-Konsum ist ein weiteres Ziel. Die Resultate werden im Rechenzentrum zu sehen sein.

  • Die Ressourcennutzung ist kein neues Thema für unsere Branche. Rechenzentren wurden zu Recht für die Entwicklung hin zu einer klimaneutralen und sogar zu einer 100 Prozent nachhaltigen Energieversorgung gelobt. Dies ist jedoch nur ein Teil der Umweltauswirkungen der Digitaltechnik.
  • Die zunehmende Fokussierung auf die beteiligten Materialien und die Kohlenstoffkosten der Herstellung (auch bekannt als „embodied energy“) zeigt einen zweiten Aspekt auf.
  • Der letzte Aspekt ist die Nutzung von Daten, die der Grund für all dies ist und gegen die jeder von uns etwas tun kann.

Das Ausnüchtern

„Digital Sobriety“ machte im Juni 2019 Furore, als der französische Umwelt Think-Tank „The Shift Project“ ein Bericht zum Thema „Lean ICT: Towards Digital Sobriety“ veröffentlicht hat, in welchem die Kohlenstoffkosten der digitalen Transformation skizziert wurden. Es enthielt einige verblüffende, überarbeitete Zahlen darüber, wie viel Einfluss die Digitaltechnik voraussichtlich haben wird.

Im Jahr 2015 wurde erwartet, dass der Anteil der Digitaltechnik bis 2025 rund 3 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs ausmachen wird. Im Bericht von 2019 wurde dieser Anteil auf 5 Prozent erhöht, was einem Anstieg von zwei Dritteln entspricht, wobei das Worst-Case-Szenario bei 8 Prozent liegt.

Energie-effizientere Hardware ist nicht unbedingt gesünder

Gesundheitsbelastungen im Datacenter

Energie-effizientere Hardware ist nicht unbedingt gesünder

11.07.16 - Eine Studie aus England belegt: Die IT, und hier vor allem die Server mitsamt ihrem Stromverbrauch sind für die meisten Schadwirkungen von Rechenzentren verantwortlich. Dabei steigt der Einfluss der Produktions- und Entsorgungsphase mit der Häufigkeit des Geräteaustauschs. lesen

Der Bericht betont die Bedeutung von „embodied energy“ als Folge der Herstellung und des Transports von elektronischen Gütern. Er hebt die Umweltkosten hervor, die durch häufige Aktualisierungen der IT-Hardware entstehen. Mit jeder neuen Generation werden die Geräte Energie-intensiver in der Herstellung und Nutzung.

Die Investition von 1 Dollar in digitale Technologien führt jetzt zu einem um 37 Prozent höheren Energieverbrauch als 2010. Hinzu kommt die enorme Menge an seltenen und kritischen Rohstoffen, die in den Geräten enthalten sind. Wir überzeugen uns möglicherweise bereits selbst davon, dass Video-Streaming und Abonnementmodelle unser Leben entmaterialisieren. In der Realität verstecken wir den ökologischen Fußabdruck in der Hardware.

Einfache Schritte

Wenn wir nicht bereit sind, uns von unseren Bankensystemen, dem Gesundheitswesen, der Regierung, der Wirtschaft und einem Großteil unseres sozialen Klebstoffs zu verabschieden, ist das digitale Äquivalent zum "Trockenen Januar" unmöglich. Es gibt jedoch einfache Schritte, die wir zur Reduzierung der Übertragung und Speicherung von Daten machen können.

Dazu gehören die Bearbeitung von Dokumenten auf einem gemeinsam genutzten Laufwerk, anstatt zahlreiche Versionen von Dokumenten per E-Mail zu versenden, und die Abmeldung von E-Mail-Newslettern, die wir nicht mehr lesen. Wenn wir schon dabei sind, können wir ungenutzte Apps von unseren Handys und Desktops entfernen und darüber nachdenken, wie viel wir wirklich online teilen müssen und an welcher Stelle wir es tun.

„Digital Sobriety“ erstreckt sich auch auf die Hardware. Das Shift-Projekt schlägt vor, dass wir alle die Aktualisierungsrate unserer Smartphones von derzeit durchschnittlich 2,5 Jahren auf 3,5 Jahre und die unserer Laptops von 3 auf 5 Jahre erhöhen. Die Reduzierung unseres Software-Einsatzes wird uns dabei helfen, dass Geräte schneller und effizienter funktionieren werden, wenn weniger auf ihnen installiert ist. Die größte Hürde, mit der wir uns konfrontiert sehen werden, ist jedoch der Verzicht auf das strahlende neue Aussehen eines nagelneuen Geräts.

Nüchterner Gebrauch von Hardware ist im Rechenzentrum wohl einfacher. In Anlehnung an das Google-Modell können sich Rechenzentren auf die Nutzungsdauer von Servern als auf die finanzielle Lebensdauer konzentrieren.

Sie können auch bereit sein, die Server, wo immer möglich, umzuverteilen, zu „refurbished“ und zu „remanufacturing“ zu greifen. Die effiziente Nutzung von Virtualisierung und Software, die Kaskadierung älterer Server in Bereiche mit geringerem Rechenbedarf, die Zerlegung von Maschinen in Komponenten und die Verwendung überholter Teile für Ersatzteile und Upgrades können einen großen Nutzen bringen.

Die Vorteile

Die Autoren des Shift-Berichts berechnen, dass die Annahme ihrer Maßnahmen das Wachstum der digitalen Energienutzung bis 2025 auf 3 Prozent des weltweiten Verbrauchs begrenzen würde. Dies ist jedoch nur ein Teil der Geschichte. Der Energieverbrauch ist ein großartiger Indikator, aber er bezieht sich nicht auf die Rohstoffe, die unsere digitale Revolution verbraucht, von denen viele nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen.

Laut dem JRC „Science and Policy Report“ der Europäischen Kommission, Environmental Footprint and Material Efficiency Support for product policy (2015), enthält eine grobe Materialliste für einen Server Stahl, Aluminium und Kunststoff (drei der fünf weltweit am stärksten für industrielle Treibhausgasemissionen verantwortliche Materialien), Kupfer, Gold und 12 der 27 kritischen Rohstoffe, die von der EU als gering oder politisch instabil eingestuft wurden.

Die mit den derzeitigen Recyclingtechnologien verwertbaren Mengen wurden ebenfalls einbezogen. Diese reichten von 0 Prozent bis 93 Prozent, je nach Material - ein erheblicher Nettoverlust zwischen Herstellung und Materialrückgewinnung. Zwischen 2019 und 2023 sollen rund 121 Millionen Server-Einheiten eingesetzt werden. Das Potenzial für Materialeinsparungen durch Verlängerung der Lebensdauer ist immens.

Neue Sichtweise

In Rechenzentren geht es darum, die effektive Zone zwischen Energie-Effizienz in der Nutzungsphase und der verkörperten Energie-Einsparung bei den Hardwaresystemen zu finden. Die traditionelle Sichtweise ist, dass die regelmäßige Server-Aktualisierung aufgrund des Energiebedarfs in der Nutzungsphase und der Effizienzgewinne in den nachfolgenden Generationen die umweltfreundlichere Wahl ist, als die Ausnutzung der Ressourcen.

Berücksichtigt man jedoch die für den Bau genutzte Energie und die Reduzierung der Effizienzgewinne in neueren Generationen, wird das Bild komplexer. Ein Vorsatz der Industrie zum Jahreswechsel könnte es sein, einige konkrete Antworten darauf zu finden, wobei wir verständlicherweise damit rechnen können, dass dies mehr als zwölf Monate dauern kann. Digitale Nüchternheit/Digitales Detox ist keine Handlungsoption, sondern eine Gewohnheit - eine, bei der wir hoffentlich alle mit an Bord holen können.

*Astrid Wynne ist „Sustainability Lead“ bei Techbuyer.

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bislang war es immer die Software (Betriebs- oder Anwendungssoftware), die nach mehr Ressourcen...  lesen
posted am 28.02.2020 um 08:42 von Unregistriert


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