Von „Detailfrage“ bis „Goldstandard“, von „nicht zuständig“ bis „historische Chance“ Ein schwieriges Zusammenfinden: GaiaX und grünes Computing

Redakteur: Ulrike Ostler

Sieben Experten der Wirtschaft, des BMWi, des Umweltbundesamtes und von Verbänden diskutierten kürzlich über den Status quo und die Erfolgsaussichten von GaiaX, die Erreichbarkeit digitaler Souveränität trotz Hardware-Abhängigkeit sowie die Rolle, die der Klimaschutz bei dem europäischen „Moonshot“-Projekt spielen sollte. Datacenter-Insider war dabei und fasst die wichtigsten Aussagen in Form eines Interviews zusammen.

Firmen zum Thema

Was hat digitale Souveränität mit grünen Rechenzentren zu tun? Die Überlegungen laufen auseinander.
Was hat digitale Souveränität mit grünen Rechenzentren zu tun? Die Überlegungen laufen auseinander.
(Bild: 畅 苏 auf Pixabay)

Die Diskutanten sind:

  • Marco-Alexander Breit, Leiter der Stabsstelle Künstliche Intelligenz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), zuständig für das Projekt GaiaX
  • Marina Köhn, rührige Mitarbeiterin in der Beratungsstelle für nachhaltige Informations- und Kommunikationstechnik im Umweltbundesamt. Sie steht für den „Blauen Engel“ für Rechenzentren sowie für die Nachhaltigkeitskennzahlen „KPI4DCE“
  • Andreas Weiss, Leiter digitale Geschäftsmodelle im Eco Verband der Internetwirtschaft e.V.
  • Christoph Maier, CEO der Thomas-Krenn AG
  • Birger Ober arbeitet im Bereich Strategy and Business Intelligence bei der Vattenfall Wärme Berlin AG und Mitglied der Sustainable Digital Infrastructure Alliance (SDIA)
  • Peter Ganten ist Geschäftsführer der Univention GmbH und Vorsitzender der Open Source Business Alliance
  • Jens Struckmeier ist CTO und Gründer der Cloud&Heat Technologies GmbH

Wo steht GaiaX aktuell?

Andreas Weiss: Im vergangenen Jahr hatte ich in Bezug auf GaiaX alle Gemütslagen von Verzweiflung bis Euphorie erleben müssen. Es ist ein schwieriger Multi-Stakeholder-Prozess. Nach dem heutigen Stand der Dinge bin ich zuversichtlich, dass es uns erheblich weiterbringen wird. Auch wenn bei dem einen oder anderen noch ein bisschen die Einsicht wachsen muss, dass man zusammen mehr schaffen kann, als wenn jeder versucht, vorrangig seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Aber wir müssen sehr schnell, agil und steuerungsfähig unterwegs sein, statt drei Jahre an einem Projekt zu arbeiten und dann zu schauen, ob etwas Sinnvolles herausgekommen ist.

Christoph Maier: GaiaX bietet die historische Möglichkeit, einen Gegenpart zu den anderen großen Ländern und Konzernen hinzubekommen. Das Ganze muss aber schnell und kurzfristig passieren, sonst haben wir keine Chance mehr, hier aufzuholen. Schließlich gehen jeden Tag potenzielle Kunden in die Cloud von AWS, Google und Co. Sie zurückzuholen wird verdammt schwer.

Marco-Alexander Breit: „Das Projekt ist nicht mehr eine politische Idee des BMWi oder von Minister Altmaier oder von den Deutschen und den Franzosen.“
Marco-Alexander Breit: „Das Projekt ist nicht mehr eine politische Idee des BMWi oder von Minister Altmaier oder von den Deutschen und den Franzosen.“
(Bild: BMWi)

Marco-Alexander Breit: Wir sind mit GaiaX schon weit gekommen: Noch vor einem Jahr hätte man mich als Einstieg berichten lassen, wie weit GaiaX ist und alle anderen Teilnehmer hätten zugehört und von mir die Neuigkeiten erfahren. Heute ist es umgekehrt: Das zeigt, wie weit wir gekommen sind: Das Projekt ist nicht mehr eine politische Idee des BMWi oder von Minister Altmaier oder von den Deutschen und den Franzosen. Wir haben eine massive Traktion mit der ganzen Community bekommen.

GaiaX ist in einem europäischen Projekt Realität geworden, von der Wirtschaft für die Wirtschaft. Auf ihrer Basis und breiten Schultern muss das Projekt stehen und von dort aus muss es andere Unternehmen, andere Institutionen, Organisationen, Wissenschaftseinrichtungen überzeugen, so dass das Ganze einen Mehrwert hat. Und genau da sind wir angekommen. Und das, glaube ich, ist ein großer Beweis der Begeisterung und des Engagements des ganzen Geistes des Ökosystems. Die nun gegründete AISBL-Organisation in Belgien steht im Kern dieses Projektes.

Peter Ganten, Geschäftsführer der Univention GmbH und OSBA-Vorsitzender: „Die stärksten Gefahren für die digitale Souveränität gehen derzeit von den Hyperscalern aus.“
Peter Ganten, Geschäftsführer der Univention GmbH und OSBA-Vorsitzender: „Die stärksten Gefahren für die digitale Souveränität gehen derzeit von den Hyperscalern aus.“
(Bild: Univention)

Was bedeutet in dem Kontext digitale Souveränität?

Peter Ganten: Digitale Souveränität bedeutet, Kontrolle darüber ausüben zu können, was eigentlich in unseren Dateninfrastrukturen passiert. Das ist sehr wichtig für jede Form von vertrauenswürdiger Kommunikation. Es bedeutet aber auch Gestaltungsfreiheit, Gestaltungsspielräume für uns und die europäische Wirtschaft zu bekommen, um die Zukunft selbst gestalten zu können und nicht immer nur hinterherzurennen. Und dafür ist GaiaX irrsinnig wichtig.

Dann müssen wir aber auch aufpassen, dass wir genau die richtigen Regeln festlegen und durchsetzen, die es braucht. Auch gegenüber den Großen aus Amerika oder China. Da müssen wir ganz entschieden dranbleiben.

Marco-Alexander Breit: Mittlerweile gibt es mindestens 13 europäische Mitgliedstaaten; außerdem sind amerikanische, koreanische und japanische Unternehmen involviert. GaiaX ist im Prinzip in die ganze Breite des globalen Datenökosystems vorgedrungen. Ich erwarte, dass GaiaX der Goldstandard für Daten-Beziehungen weltweit wird und von der Teilnahme von Unternehmen aus Drittstaaten wie den USA profitiert.

Nur so schaffen wir weltweit gültige Standards und verlässliche Datenbeziehungen. Was den Datenschutz bei GaiaX angeht, ist natürlich die Datenschutzgrundverordnung bindend. Es wird keine Abweichung nach unten geben.

Peter Ganten: Die stärksten Gefahren für die digitale Souveränität gehen derzeit von den Hyperscalern aus. Wenn wir nicht mit Hochdruck wettbewerbsfähige, offene Konzepte entwickeln und in Kernbereichen zum verbindlichen Standard machen, laufen wir Gefahr, Kontroll- und Gestaltungsmöglichkeiten sehr weitgehend zu verlieren.

Und wie sieht es bei der Souveränität der Hardware aus?

Christoph Maier, CEO der Thomas-Krenn AG: „Wir stellen sicher, dass unsere Hardware gut mit Open Source läuft.“
Christoph Maier, CEO der Thomas-Krenn AG: „Wir stellen sicher, dass unsere Hardware gut mit Open Source läuft.“
(Bild: Thomas-Krenn.AG)

Christoph Maier: Es gibt sehr, sehr viele interessante deutsche und europäische Rechenzentren mit innovativen Ideen und Maßnahmen. Diese sind vielleicht ein Stück weit teurer, aber das wird sich mittelfristig rechnen.

Genauso ist es letztendlich bei der Hardware. Bei den Komponenten sind wir wie alle komplett abhängig von Asien und Amerika, das wird sich auch so schnell nicht ändern.

Als Mittelständler können und wollen wir aber komplett transparent sein, also zeigen was wir verbauen. Und wir stellen sicher, dass unsere Hardware gut mit Open Source läuft. Das ist das, was wir momentan tun können, um zu einer gewissen Souveränität zu kommen.

Jens Struckmeier: Ich glaube an eine Hardware-Souveränität in naher Zukunft, halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir in Europa auch in der Halbleiterindustrie noch einmal investieren und demnächst wieder Chips herstellen. Apple hat das jetzt gezeigt wie das geht, als sie sich mit ihrem eigenen Prozessor von Intel losgelöst haben. Das ist zwar ein großer Laden, aber das können auch wir in Europa schaffen.

Ist GaiaX beim deutschen Mittelstand schon angekommen?

Marco-Alexander Breit: Mehr als 50 Prozent der 350 deutschen Unternehmen, die momentan bei GaiaX involviert sind, sind Mittelständler, die von Anfang an dabei sein wollen.

Welche Rolle sollte Nachhaltigkeit, insbesondere die Nachhaltigkeit im Zusammenhang von Datacenter-Bau und -Betrieb bei GaiaX schon jetzt einnehmen?

Peter Ganten: Für die digitale Souveränität benötigen wir leistungsfähige Rechenzentren in Europa. Die Hyperscaler haben sich sehr ehrgeizige Ziele in Bezug auf ihre Umweltbilanz vorgenommen. Damit setzen sie auch in diesem Bereich den Maßstab. Unser Ziel darf nicht weniger sein, als diesen Maßstab zu überbieten.

Marina Köhn arbeitet beim Umweltbundesamt, im Fachgebiet Z Z-B.
Marina Köhn arbeitet beim Umweltbundesamt, im Fachgebiet Z Z-B.
(Bild: Umweltbundesamt)

Marina Köhn: Die Verantwortung der Betreiber von Rechenzentren endet nicht bei der sicheren und zeitnahen Bereitstellung der Rechen- und Speicherleistung. Sie sind ebenso verantwortlich, dass ihre Dienstleistungen so Energie-effizient und ressourcenschonend zur Verfügung gestellt werden, wie es der Stand des Wissens und der Technik ermöglicht.

Mit den Datenschutz-Anforderungen gibt es bei GaiaX eine Hürde, über die alle springen müssen, die dem GaiaX Verbund beitreten wollen. Von daher sollte es auch verhandelbar sein, eine Hürde für alle Akteure im Bereich des Klimaschutzes aufzustellen.

Im Klimaschutz läuft uns die Zeit davon! Daher muss jetzt gehandelt und die Weichen für Nachhaltigkeit gestellt werden. Ich wünsche mir, dass GaiaX der Goldstandard für Energie- und Ressourceneffizienz wird und dass wir hier in Europa Vorreiter sind.

Marco-Alexander Breit: Ich persönlich bin schwer dagegen, diese Dinge wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit jetzt alle im Rahmen der 22 Gründungsunternehmen festzusetzen und dann alle anderen 200 Unternehmen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Es bringt nichts, wenn ich von Anfang an sage, was alles erfüllt sein muss, und dann kommt keiner mit und die Unternehmen sind nicht mehr da.

Die Gefahr, dass wir diejenigen, die diese Kriterien jetzt noch nicht erfüllen, aber erfüllen wollen, vor den Türen lassen, ist zu groß. Große, amerikanische Unternehmen können einfach Klimazertifikate kaufen, um im Handumdrehen „grün“ zu sein.

In diese Situation möchte ich nicht kommen. Ich möchte eigentlich alle drin haben und sie dann danach verpflichten, sich Stück für Stück diese Standards selbst zu geben und dann auch einzuhalten.

Andreas Weiss: Ich finde es gut, wenn wir uns darüber unterhalten, objektive Nachhaltigkeitskriterien zu entwickeln und die auch zur Anwendung bringen. GaiaX ist ein europäisches Projekt. Im Januar haben wir einen Pakt für klimaneutrale Rechenzentren auf europäischer Ebene veröffentlicht. Das waren 25 Unternehmen und 17 Verbände, die da in Europa mitgehen. Das ist eine wahnsinnige Chance.

Andreas Weiss, Geschäftsbereichsleiter Digitale Geschäftsmodelle beim Eco: „Wir brauchen keine unmittelbare politische Einflussnahme und keinen Blauen Engel oder einen grünen Panda oder sonst irgendwas als Siegel.“
Andreas Weiss, Geschäftsbereichsleiter Digitale Geschäftsmodelle beim Eco: „Wir brauchen keine unmittelbare politische Einflussnahme und keinen Blauen Engel oder einen grünen Panda oder sonst irgendwas als Siegel.“
(Bild: Eco- Verband der Internetwirtschaft e.V.)

Wir brauchen keine unmittelbare politische Einflussnahme und keinen Blauen Engel oder einen grünen Panda oder sonst irgendwas als Siegel. Statt sich auf rein nationale Zertifizierungsansätze im Bereich Energie-Effizienz zu konzentrieren, muss die Politik auf europäischer Ebene und in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gemeinsame Standards und Zertifizierungsmodelle entwickeln.

Problematisch wird es, wenn wir wieder einen Flickenteppich an verschiedenen Mechanismen und Verfahren haben, weil die Wirtschaft nicht jeden mit all seinen Siegelanforderungen bedienen kann. Also müssen wir schauen, eine Harmonisierung zu schaffen und uns auf die Kriterien zu konzentrieren und nicht auf die Art und Weise der Außendarstellung.

Marina Köhn: Ich beschäftige mich ja nun wirklich schon viele, viele, viele Jahre mit dem Thema nachhaltige Infrastruktur in Rechenzentren und muss wirklich sagen: Ich sehe da kein Vorankommen. Wenn ich etwa die Stellungnahme vom Bitkom durchlese, erkenne ich nichts Innovatives und kein "Wir wollen vorankommen", sondern weiterhin Abwehrschlachten.

Und zu Herrn Weiss Ich rede nicht über einen grünen Panther, ich rede über den Blauen Engel. Das ist das Umweltzeichen der Bundesregierung.

Außerdem halte ich es gar nicht für dramatisch, wenn man mindestens für neu gebaute Rechenzentren Spielregeln oder Leitplanken schafft, und wir sollten uns hier einmischen. Zum Beispiel müssen wir uns überlegen, was es denn heißt, 2030 sollen die Rechenzentren Europas klimaneutral sein.

Birger Ober, Vattenfall: „Als Infrastruktur-Provider muss ich aber erwarten können, dass mit offenen Karten gespielt wird.“
Birger Ober, Vattenfall: „Als Infrastruktur-Provider muss ich aber erwarten können, dass mit offenen Karten gespielt wird.“
(Bild: Vattenfall)

Birger Ober: Ich kann den Ansatz nachvollziehen, dass man jetzt niemanden mit zu hohen Nachhaltigkeitsanforderungen verschrecken will. Als Infrastruktur-Provider muss ich aber erwarten können, dass mit offenen Karten gespielt wird. Nichts verschreckt langfristig denkende Unternehmen mehr als sich ständig ändernde Randbedingungen.

Marco-Alexander Breit: Wenn GaiaX Vorgaben macht, dann werden sie nicht vom Ministerium vorgegeben, sondern dann wird unter allen ein Konsens gefunden. Das gilt auch für den Bereich Nachhaltigkeit.

Ist das eine Frage der Kosten, der Anreize?

Christoph Maier: Am Ende des Tages geht es immer darum, dass der Kunde bereit sein muss, die Rechnung zu bezahlen. Als Mittelständler muss ich irgendwo einen Umsatz generieren, Gewinne machen, damit ich meine Leute weiterbezahlen kann. Das Ganze ist getrieben durch Angebot und Nachfrage.

So leid es mir tut: Kunden waren bis heute noch nie bereit, 50 Prozent mehr dafür zu bezahlen, Energie-effizienter zu sein.

Jens Struckmeier: Ich glaube, dass die großen Hyperscaler für sich schon erkannt haben, dass sie freiwillig auf den Green Deal einspringen und dann gute Lösungen entwickeln müssen. Der Mittelstand ist viel pragmatischer, muss erst einmal seinen Umsatz generieren. Er findet das gut, grün zu werden, aber es muss sich ja irgendwie rechnen. Und vor diesem Hintergrund sehen wir, dass ganz viele Maßnahmen, die energetisch völlig sinnvoll sind, einfach noch nicht umgesetzt werden.

Für mich ist der nächste große Schritt, auch bei GaiaX, dass man über Selbstbeschreibungen die Server und deren Kennzahlen wie Ressourcenverbrauch und Energieverbräuche und -kosten beschreibt. In einem zweiten Schritt sollte der Verbrauch jeder einzelnen Cloud-Instanz und Anwendung transparent ausgewiesen werden können. Kunden können auf der Grundlage dann bewusst auswählen. Auf der Basis könnte auch eine Incentivierung geschaffen werden.

Peter Ganten: Ich bin eigentlich Psychologe und nicht Physiker. Wenn ich aber sehe, was da an Energie verbraten wird, um die Leistung des menschlichen Gehirns irgendwie nachzubilden, wird deutlich, wie weit wir noch entfernt sind von dem, was technisch eigentlich möglich wäre und was uns die Natur vormacht. Noch sind wir irgendwo in der Steinzeit unterwegs und ich glaube, das sollte uns auch eine Ermahnung sein, jetzt nicht immer nur über die Rechenzentren und die Kosten der Energie für die Rechenzentren zu reden, sondern wirklich noch einmal echte Grundlagenforschung zu machen:

- Wie schaffen wir die nächste Disruption?

- Wie schaffen wir Rechner, die im Vergleich zu heute nur noch ein Hundertstel der Energie verbrauchen?

Dann setzen wir uns auch technologisch wieder an die Spitze der Bewegung und müssen uns nicht mehr überlegen, ob es wirtschaftlich ist, das zu machen, was Amazon und Microsoft heute tun. Diese Beispiele zeigen, was für ein irrsinniges Potenzial da noch vorhanden ist und wenn wir die Riesenchance nicht wahrnehmen, dann sind wir wieder hinterher.

Reicht es, Energie-effizient zu sein oder muss branchenübergreifend gehandelt werden?

Birger Ober: Wir müssen uns die Frage stellen, ob es reicht im Sinne der Nachhaltigkeit Grünstromzertifikate zu kaufen, oder die Abwärmenutzung eine gewichtigere Rolle spielen sollte. Abwärmenutzung ist eine weitere Version der Sektorenkopplung.

Automobilhersteller beginnen, Ladesäulen für Elektroautos zu errichten, weil es dem eigenen Geschäft nützt. Ähnliches passiert gerade bei den Rechenzentren, siehe Mainova in Frankfurt, die als Energieversorger eine eigene Einheit für den Bau und Betrieb von Rechenzentren angekündigt hat.

Rechenzentren als isoliertes Geschäft zu betrachten, ist aus meiner Sicht viel zu kurz gesprungen. Sie sind ein integraler Bestandteil eines Energiesystems: Sie verbrauchen Strom und wandeln ihn in Wärme um. Energieversorger produzieren Strom und Wärme für ihre Kunden, dabei entstehen CO2-Emissionen. Das Nutzen der Abwärme im großen Stil würde es erlauben, diese Emissionen zu senken.

Auf der anderen Seite merken wir aber auch, dass es nicht einfach ist, diese Wärme aus Rechenzentren in Wärmenetze einzubinden. Da gibt es technische und ökonomische Hürden.

D. Jens Struckmeier, Cloud&Heat: „Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft in gleichem Maße, wie es die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert tat. Positiv wird diese Veränderung, wenn es uns gelingt den Datenschutz, die Transparenz der Kennzahlen und die Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen.“
D. Jens Struckmeier, Cloud&Heat: „Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft in gleichem Maße, wie es die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert tat. Positiv wird diese Veränderung, wenn es uns gelingt den Datenschutz, die Transparenz der Kennzahlen und die Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen.“
(Bild: Cloud&Heat)

Jens Struckmeier: Vor 15 Jahren sind auch schon Rechenzentren mit Abwärmenutzung gebaut worden. Das ist nichts Neues. Ich muss dennoch sagen: Das rechnet sich meistens einfach noch nicht.

Die Technologie kann sich nur großflächig mit entsprechenden Vorgaben durchsetzen. In Schweden und Niederlanden passiert das schon fast durchgängig, wo sinnvoll. Mit Ausnahme von innovativen Universitätsrechenzentren kenne ich ansonsten keinen Ort der Welt, wo das freiwillig kommt.

Mir blutet jedes Mal das Herz, wenn ich einen Rechenzentrumsneubau sehe, der eben diese neuen Möglichkeiten ausschließt oder zumindest noch nicht berücksichtigt. Es ist ein Henne-Ei-Problem: Die Stromkosten sind in Deutschland mit oft über 20 Cent pro Kilowattstunde und mehr im internationalen Vergleich zu hoch. In Schweden und anderen Ländern gibt es für 4 bis 8 Cent pro Kilowattstunde Strom.

Einen Ausweg aus dem Dilemma sehen wir, wenn auch bei uns die Abwärme pro eingespeister Megawattstunde attraktiv gefördert werden würde. Über diesen Vergütungsweg könnte der Standort Deutschland attraktiver werden.

Birger Ober: Unsere Kollegen in Holland sind weiter; denn dort wird die wirtschaftliche Lücke durch Subventionen überbrückt. Wenn wir über so etwas nicht nachdenken, dann wird sich nichts ändern.

Wir haben da leider zwei Silos: Betreiber von Rechenzentren und Energieversorger, die bisher nicht genug Anreiz haben, zusammenzuarbeiten. Wenn die Zusammenarbeit aber gewollt ist, dann muss es einen Katalysator dazwischen geben, so wie wir es bei dem Erfolgsmodell der Windenergie auch schon getan haben.

Jens Struckmeier: Hätten Autohersteller den Katalysator erfunden und eingebaut, wenn es nicht ganz starke Incentivierungen oder Vorgaben gegeben hätte, das zu tun? Vielleicht sollte genau das auch im Bereich der Rechenzentren passieren.

Die meisten, die ich kenne, wollen nachhaltige Rechenzentren haben, betreiben und bauen. Aber dafür müssen erst Rahmenbedingungen geschaffen werden, so dass es auch für alle attraktiv ist, das zu tun.

Die digitale Souveränität ist hierfür eine historisch gute Chance. Wenn wir Vorgaben zur Nachhaltigkeit genauso wie die Vorgaben zum Datenschutz stärker in GaiaX einbringen, können wir in Europa die Vorreiterschaft für ein neues digitales Ökosystem übernehmen. Das sollte und wird mit GaiaX gelingen, da Staat und Wirtschaft hier an einem Strang ziehen.

Und hier kommt mein Appell in Richtung Richtung Politik. Der Staat ist Beschaffer und Betreiber unglaublich vieler Rechenzentren und Rechenleistung. Wenn es hier schon einmal eine ganz klare Nachhaltigkeitsvorgaben griffen, gäebe es eine Intensivierung im Bemühen um grünere Rechenzentren.

Marco-Alexander Breit: Zuständig sind hier das BMF und das BMI. Doch das nehme ich nehme jetzt mal gerne mal mit, weil das ist ein absolut valider Punkt ist.

Ergänzendes zum Thema
Was hat digitale Souveränität mit grünen Rechenzentren zu tun?

Mein erster Kontakt mit GaiaX-Gründungsvertretern endete praktisch genau so: „Was hat digitale Souveränität mit grünen Rechenzentren zu tun?“ – also: mit einer Verständnisfrage seitens meiner Interviewpartner - an mich. Und die Annäherung, um die sich die Diskutanten bei dem GaiaX-Gespräch, das die Fragen „Keine Datensouveränität ohne Hardware-Souveränität? Welche Rolle spielt der der Klimaschutz und wo bleiben die Anwender?“ als Motto trug, bemühten, zeigt eigentlich, wie weit die Positionen auseinanderliegen.

Für Eco-Mann Andreas Weiss sind grüne Rechenzentren nur ein Detailproblem im europäischen Ganzen, was in seinem Tiefschlag gegen die Datacenter-Zertifizierung `Blauer Engel´ und damit gegen die Bemühungen des Umweltbundesamts für mehr Nachhaltigkeit in den Rechenzentren und Clouds zum Ausdruck kam, setze das Energie-Effizienz-Label doch mit einem Fatansie-Zertifikat „Grüner Panda“ gleich.

UBA-Frau Marina Köhn sieht ihre Felle schwimmen; zum einen, weil sie seit Jahren für mehr Akzeptanz dieses Siegels und weiterer Nachhaltigkeitsnachweise kämpft, aber weiterhin und immer wieder auf viele Rechenzentrumsbetreiber stößt, wie man hört, gehört dazu auch der Bund selbst und andere Betreiber der Öffentlichen Hand , die nicht einmal die geringsten Energie-Effizienzstandards einhalten. Und zugleich ist der Klimaschutz nun einmal ein Wettlauf mit der Zeit.

Darauf zu warten bis Deutschland und die EU den Energie-effizienten Computer schlechthin entwickelt hat oder auch `nur´ eigene, wettbewerbsfähige Prozessoren, ist an dieser Stelle wohl kaum ein wertvoller Rat. Peter Ganten fordert gar ein back to the roots, ähm: zurück zur Grundlagenforschung.

Reflexe

Der Hinweis auf die EEG-Umlage, die die Rechenzentren zahlen, und die sie zusätzlich zahlen müssten, wenn sie die Datacenter-Abwärme auf ein akzeptables Fernwärmeniveau aufheizen würden, durfte auch in dieser Diskussionsrunde nicht fehlen. Die Reaktionen kommen wie gehabt reflexartig:

Breit vom BMWi: keine Chance auf Ausnahme von der EEG-Umlage – Deutschland hat Rechenzentren, trotz der hohen Stromkosten – für Sektorenkopplung bin ich nicht zuständig

Köhn vom UBA: Wärmepumpen verbrauchen auch Energie und das dürfen wir nicht belohnen.

Christoph Maier, Thomas-Krenn AG: Wo sind die Chancen für den Mittelstand? Die Kunden sind nicht bereit, mehr zu zahlen, wenn die Hardware und die Services grün sind.

Jens Struckmeier, Cloud&Heat: Abwärme ist fossilfreie Energie, alle Technik ist da, bleibt aber ungenutzt; es fehlen die Anreize.

Und was ist mit der Frage: Was zuerst? Erst einmal GaiaX bauen, vergrößern und dann die Souveränitäts- und/oder Nachhaltigkeitskeule auspacken? Oder gleich einmal sagen, wo es langgeht (Verzeihung: Wir sind in Deutschland und der EU und deshalb heißt es: …. wo es langgehen könnte). Birger Ober wünscht sich jedenfalls, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

BMWi-Mann Breit ist froh, dass sich jetzt der Eco um die Weiterentwicklung von GaiaX kümmert, also die Wirtschaft für die Wirtschaft, und wenn möglichst viele dabei sind. UBA-Vertreterin Köhn erwartet jedoch Stillstand, wenn die Gesetzgebung nicht nachhilft ……

Also: Was hat digitale Souveränität mit grünen Rechenzentren zu tun?

Die Digitalisierung basiert auf Computern. Die stehen nicht auf einer Wolke, sondern in Rechenzentren. Rechenzentren sind eine Zukunftsindustrie, die jetzt schon in Deutschland mehr als 220.000 Menschen beschäftigt.

Wer digitale Souveränität, ein stückweit Unabhängigkeit der EU in Sachen Computertechnik will, Transparenz und Datenhoheit möchte, braucht also Datacenter, die hier verortet sind. Da Rechenzentren jedoch Energie benötigen, müssen sie möglichst energieschonend gebaut und betrieben werden.

Energie-Effizienz alleine reicht aber nicht. Wer dem Klima Gutes tun will, kann keine Energie verschleudern. Wärme, Datacenter-Abwärme ist Energie.

Grüne Rechenzentren sind also kein vernachlässigungsfähiges Detail im Großen und Ganzen der Digitalisierung, sondern die Basis, ohne die diese unmöglich ist.

Ulrike Ostler

(ID:47242673)