IT-Infrastrukturen machen regionale Wirtschaftszentren

Der Digital Hub Frankfurt-Rhein-Main: Stärken und Schwächen

| Autor: Ludger Schmitz

Frankfurt am Main: IT ist nach Finanzwirtschaft und Logistik die drittstärkste Wirtschaftskraft.
Frankfurt am Main: IT ist nach Finanzwirtschaft und Logistik die drittstärkste Wirtschaftskraft. (Bild: Ludger Schmitz / CC BY 3.0 / CC BY 3.0)

Die wirtschaftliche Kraft einer Region ist wesentlich bestimmt von Rechenzentren und Breitbandnetzen. Das zeigt eine Studie von Digital Hub Frankfurt Rhein Main e.V. am Beispiel dieser Region.

„Nutzbare digitale Infrastrukturen – Garant für Wachstum der digitalen Wirtschaft“ lautet der Titel einer Studie des Digital Hub FrankfurtRheinMain (so dessen eigene Schreibweise). Das Papier liest sich zunächst wie eine Studie über die Bedeutung der IT für Großstadtregionen, quasi als Empfehlung, was beispielsweise München, Hamburg oder das Rhein-Ruhr-Gebiet für ihre wirtschaftliche Zukunft tun könnten. Nach dem Lob für Frankfurt kommen allerdings auch Klagen und Forderungen zur weiteren Entwicklung der Region.

Die digitale Hauptstadt Deutschlands

Ohne Zweifel: In München mögen mehr IT-Anbieter ihren Hauptsitz haben, die IT-Hauptstadt Deutschlands aber heißt Frankfurt. Nirgendwo anders werden so viele und so große Rechenzentren gebaut wie in der Region zwischen Mainz und Aschaffenburg, zwischen Montabaur und Darmstadt; inzwischen reicht die Ausdehnung nach Süden bis Mannheim. Das entscheidende Argument für Frankfurt heißt „DE-CIX“, der mit 50 Tbps weltgrößte Internetknoten.

Aber es gibt weitere Aspekte, die eine Basis für die Ansiedlung von IT sind. Die Studie nennt neben dem Internetknoten als Haupt-Leistungsbestandteile digitaler Infrastrukturen die Stromversorgung, dienstneutrale Glasfaserinfrastrukturen, Infrastrukturen der Nachrichtentechnik, der Internetverwaltung und der IT sowie von Rechenzentren. Internetknoten kann nicht jede Metropolregion in Deutschland einrichten, aber wichtige Grundlagen schaffen: „Breitbandnetze und Stromnetze“, so die Studie etwas tautologisch, „haben eine vergleichbare wirtschaftliche Bedeutung wie Straßen, öffentliche Verkehrsnetze sowie die Wasser- und Stromversorgung erlangt.“

Der Sogeffekt der IT-Infrastruktur

Wo was ist, kommt mehr hinzu, Rechenzentren ziehen weitere Rechenzentren an. Die Netzwerkökonomie ist von Verbund-, Dichte- und Skaleneffekten geprägt: „Digitale Infrastrukturen heißen nicht nur digital wegen ihrer Technologiegrundlage, diese sind auch digital in ihrer Wirkung – entweder diese sind verfügbar, oder sie sind es nicht.“

Die Sogwirkung schafft Wirtschaftswachstum. Es braucht nicht nur Arbeitskräfte für den Bau von Rechenzentren. Ihr Betrieb zieht nicht nur gut bezahlte IT-Spezialisten an, die wiederum Nachfrage nach Wohnungen und Waren schaffen. Darüber hinaus schafft er zusätzliche Nachfrage nach weiteren Dienstleistungen, vor allem wiederum in der klassischen Infrastruktur. Die Rechenzentren im Stadtgebiet von Frankfurt am Main, so die Studie, verbrauchen derzeit alljährlich mehr Strom als der Frankfurter Flughafen, demnächst sei mit dem Eineinhalbfachen zu rechnen.

Das IT-Infrastrukturangebot bestimmt die Nachfrage

Der Internetknoten DE-CIX war und ist die Grundlage der IT-Entwicklung im Raum Frankfurt. Nach IP-Kapazitäten liegt die Region weit vor London, Paris, Amsterdam oder anderen europäischen Städten. Sie sind drei Mal höher als in New York oder Miami.Die Studie kommt zu dem Schluss: „Das Angebot an nutzbaren digitalen Infrastrukturen bestimmt die Nachfrage, nicht umgekehrt, das Internetverkehre stets wegeabhängig sind.“ Das ist ein Dämpfer für Hoffnungen in anderen Metropolregionen wie Hamburg oder München.

Derweil sitzt Frankfurt auf dem hohen Ross. Der „Clusterkern digitaler Infrastrukturen“ ist laut Studie mit über 60.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer der drittgrößte Beschäftigungsmotor nach Finanzen und Logistik. Gleichzeitig ändern sich die Berufsbilder. Aber für jeden Arbeitsplatz, der entfällt, entstehen 2,4 neue. Aktuell investieren digitale Infrastrukturbetreiber 200 Millionen Euro jährlich. Die kommerzielle RZ-Fläche wird in den nächsten 18 Monaten um mehr als 30 Prozent auf mehr als 600.000 Quadratmeter anwachsen.

Deutschland spart am falschen Ende

Aber damit beginnen auch schon die kritischen Aussagen des Vereins Digital Hub. Denn nach seinen Angaben sind die Investitionen in die IT-Infrastruktur größtenteils von deren Betreibern getragen. „Sorgenkind ist Ausbau einer leistungsfähigen, nutzbaren Gigabit-Infrastruktur in der Metropolregion als Grundlage für den Erhalt und den Ausbau der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.“ Die Gigabit-Versorgung neben „neben dem LTE- und kommenden 5G-Ausbau zügig anzugehen“. Das lässt sich auch als dezenten Hinweis an Kanzlerin Merkel sehen, die vorzugsweise von 5G schwärmt.

Die Organisation beklagt, dass „an der Innovations- und Zukunftsfähigkeit Deutschlands generell und an der Zukunftsfähigkeit der Metropolregion FrankfurtRheinMain im Besonderen gespart wird“. Das führe zu einem Standortrisiko. „Da generell in der Netzökonomie der Nutzen einer Plattform im Quadrat zur Anzahl der Nutzer steigt, ist im Umkehrschluss eine Plattform mit der Hälfte an Nutzern in einer Metropolregion nur ein Viertel wert, mit einem Viertel an Nutzern ein Sechszehntel, mit einem Zehntel an Nutzern nur ein Hundertstel.“

Rhein-Main-Defizite: hohe Strompreise und kein Masterplan

Sorge bereitet den Autoren auch die Qualität der Stromversorgung; denn diese werde sich „aufgrund des bundesweiten Netzumbaus“ auch in der Region „weiter verschlechtern“. „Die großen, internationalen Rechenzentrumsbetreiber im Stadtgebiet von Frankfurt am Main verbrauche allein über 650 GWh und damit über 20 Prozent des verfügbaren Stroms.“ Hinzu käme dann noch der Bedarf der durch die IT-Infrastruktur zuziehenden Haushalte. Und natürlich beklagt die Studie auch „stromkostenbedingte Wettbewerbsnachteile“.

Amsterdam habe sich, so die Studie, in den letzten Jahren gezielt und schnell zu einer attraktiven IT-Metropole entwickelt. Dublin, Helsinki, Paris oder Seoul werden als aufstrebende Wettbewerber genannt. Im Rhein-Main-Gebiet gebe es auf städtischer und kommunaler Ebene eine Basis von Infrastrukturen. „Diese technologische Basis wird nicht konsequent zur Positionierung und Profilierung genutzt.“

Es gibt, klagt der Verein Digital Hub, „weiterhin kein klares Bekenntnis zur Branche“. Daraus resultierten Schwachpunkte. „Dazu fehlt der Region ein digitaler Masterplan, Genehmigungsprozesse in FrankfurtRheinMain dauern weiterhin im internationalen Vergleich zu lange, und die Metropolregion hat (…) weiterhin Lücken in der Breitbandversorgung.“

eco-Verband sieht Positionen bestätigt

Diese Kritikpunkte kommentiert der eco - Verband der Internetwirtschaft, der die Veröffentlichung der DigitalHub-Studie unterstützt hat, nicht. Er verweist auf Befunde einer Studie des Borderstep Instituts aus dem letzten Jahr, welche die Befunde zur wirtschaftlichen Bedeutung von Rechenzentren für die regionale Entwicklung bestätigen. Danach sind „deutschlandweit bereits 200.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Rechenzentrumsmarkt abhängig“. Mehr als die Hälfte der kommerziell genutzten Internet-Rechenzentren steht im Raum Rhein-Main.

„Rechenzentren und Breitbandnetze haben eine vergleichbare wirtschaftliche Bedeutung wie Straßen, öffentliche Verkehrsnetze sowie die Wasser- und Stromversorgung“, sagt Béla Waldhauser, Leiter der Datacenter Expert Group im eco. „Rechenzentren sind Treiber der digitalen Wirtschaft im Hinblick auf die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie die Ansiedlung nachgelagerter Industriezweige. Moderne, energieeffiziente Rechenzentren bilden dabei einen wichtigen Kern unseres Wirtschaftssystems.“

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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