Nachhaltigkeit für Rechenzentren steht ganz oben auf der EU‑Agenda. Jetzt schwingt Brüssel den Prüfstempel für das Nachhaltigkeit‑Rating. Es ist also höchste Eisenbahn für die betroffenen Betreiber, um Nägel mit Köpfen zu machen. Das ist keine Trockenübung mehr.
Die EU entwickelt ein Bewertungsschema für Rechenzentren. Kunden können sehen, ob ihr Dienstleiter anhand der Leistungsparameter und Nachhaltigkeitswerten in Frage kommt oder auch nicht. Für den Staat ist ersichtlich, ob alle Vorschriften eingehalten werden.
Auf Basis der Energie-Effizienzrichtlinie 2023/1791 und der Delegierten Verordnung (EU) 2024/1364 müssen Betreiber großer Rechenzentren, größer als 500 Kilowatt, detaillierte Kennzahlen zu Energie-, Kühl-, Wasser- und IT-Verbräuchen liefern. Das hat in klar definierten Datenfeldern und zu festen Stichtagen zu geschehen, zum 31. März in Deutschland, sonst zum 15. Mai für das jeweils vorangegangene Kalenderjahr.
Eigentlich müsste schon alles rund laufen, und zwar seit 2024. In der Realität ist die Compliance-Quote nach knapp drei Jahren immer noch erstaunlich niedrig.
Nach den aktuellen Auswertungen der Kommission haben bislang erst rund 776 meldepflichtige Rechenzentren , das entspricht 6,6 GW an IT-Last mit einem gewichteten PUE-Durchschnittswert von PUE of 1.36, ihre Daten in die neue Datenbank eingestellt . Das entspricht etwa 36 Prozent der geschätzten Anzahl von Anlagen, die nach EED/2024/1364 eigentlich berichten müssten, also deutlich unter der Vollabdeckung, die der Gesetzgeber im Kopf hatte.
Vorabanalysen und NGO‑Auswertungen hatten für die erste Runde in Deutschland eine Größenordnung von 335 meldenden Rechenzentren bei zirka 529 meldepflichtigen Rechenzentren genannt, als die Gesamtzahl in der EU erst bei 770 stand.
Das droht bei Fehlern und Versäumnissen
Noch sind die Sanktionen nicht in einer zentralen EU‑Liste codiert; die EED verweist ausdrücklich darauf, dass die Mitgliedstaaten „wirksame, verhältnismäßige und abschreckende“ Maßnahmen bei Verstößen verankern müssen.
In Deutschland läuft die Umsetzung über das Energie-Effizienzgesetz (EnEfG) plus ergänzende Vorschriften; der aktuelle Novellierungsstand sieht für Verstöße gegen energiebezogene Berichtspflichten Bußgelder im fünfstelligen Bereich vor: typisch bis 50.000–100.000 Euro, in schweren Fällen höher.
Hinzu kommt: Deutschland verlangt, dass die Meldung an die nationale Stelle (BAFA) bereits bis 31. März erfolgt, also vor der EU‑Frist 15. Mai, was den formalen Verstoßzeitraum bei Verspätungen verlängert.
Juristisch angreifbar sind vor allem:
Nichtabgabe der Meldung (Frist 31. März in Deutschland/15. Mai EU‑Datenbank)
grob unvollständige oder offensichtlich unrichtige Angaben
Verstoß gegen weitergehende Pflichten aus dem EnEfG, zum Beispiel fehlendes zertifiziertes EnMS/UMS bei größeren Rechenzentren
Das sind Ordnungswidrigkeiten, für die Bußgelder verhängt werden können.
Die geringe Compliance-Quote
Die niedrige Compliance-Quote hat mehrere Gründe. In den Kommentaren von Verbänden, Kanzleien und ersten Berichten der Kommission tauchen immer wieder dieselben Ursachen auf:
Unklare Zuständigkeiten beim Betreiber: In vielen Organisationen ist nicht geklärt, ob Facility, IT, Sustainability oder Legal das Thema „EED‑Reporting“ federführend übernimmt. Entsprechend versandet es zwischen Silos;
Datenhaushalt ist nicht berichtsfähig: Viele ältere Standorte haben die nötige Mess‑ und Datenstruktur noch nicht durchgängig, insbesondere für Wasser, Abwärme und IT‑Kapazitäten. Einige Betreiber „parken“ das Thema, statt mit geschätzten Teilmengen zu hantieren – obwohl 2024/1364 dafür explizite Übergangsregeln bietet;
Angst vor Transparenz und Fehlinterpretation: Es gibt spürbare Zurückhaltung, weil Betreiber befürchten, dass schlechte PUE/WUE‑Werte oder hohe Verbräuche öffentlich gegen sie verwendet werden könnten;
Die Übertragung ins nationale Recht hängt hinterher, aber die EU‑weite Pflicht zur Meldung in die EU‑Datenbank gilt unmittelbar: Viele Mitgliedstaaten haben die EED zwar formal in Kraft, aber nationale Umsetzungsakte, Portale oder Guidance hinken hinterher, weswegen manche Betreiber gar nicht genau wissen, wo und wie sie melden sollen, ob direkt an die EU‑Datenbank oder über nationale Interfaces.
Deutschland hat mit dem Energie-Effizienzgesetz (EnEfG) bereits ein Umsetzungspaket für Rechenzentren geschnürt: PUE‑Ziele, 50/100 Prozent erneuerbarer Strom, Abwärmenutzung, Doku‑ und Veröffentlichungspflichten. Für die Art.‑12‑EED‑Meldepflicht ist ein nationales Register vorgesehen, das die Daten bündelt und dann gesammelt an die EU‑Datenbank weitergibt.
Für Betreiber stellt sich jetzt die Frage, wie sie die geforderten Kennzahlen überhaupt erzeugen können. Die Kluft zwischen formal geltender Pflicht und realer Reporting‑Praxis ist beträchtlich. Und genau an dieser Stelle setzt das geplante EU‑Rating‑Schema an. Dieses soll mit marktgängigen Effizienz‑Labels die Betreiber stärker zu messbarer Energie‑ und Ressourceneffizienz motivieren.
EU-Rating statt Raten
Das geplante Bewertungsschema soll die wachsenden Anforderungen der Nachfrageseite abbilden und so eine inhaltliche Gleichrangigkeit zwischen Regulierung und Beschaffungslogik herstellen. Denn Hyperscaler, Enterprise‑Kunden und öffentliche Auftraggeber verankern Effizienz‑ und Emissionsziele zunehmend in ihren Beschaffungsrichtlinien – wer im EU‑Rating schlecht abschneidet oder gar nicht erscheint, dürfte es künftig deutlich schwerer haben, „grüne“ Workloads oder öffentliche Aufträge zu gewinnen.
Die Kommission hat die Konsultation zu der zweiten Stufe der Delegierten Rechtsakte, also dem Bewertungsschema gestartet, um die Daten aus der ersten Stufe der Delegierten Rechtsakte, 2024/1364 für politische Steuerung nutzbar zu machen.
Stand: 08.12.2025
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Der aktuelle Entwurf sieht ein obligatorisches, EU‑weit einheitliches Labeling auf Basis der schon heute gemeldeten Daten aus der EU‑Datenbank vor. Die Konsultationsphase läuft noch bis zum 23. April 2026; Feedback kann man noch einreichen.
Die Verordnung
Die Verordnung zum gemeinsamen EU‑weiten Rating‑Schema ist für das zweite Quartal 2026 vorgesehen, eingebettet in das „Data Centre Energy Efficiency Package“. Übersetzt heißt das: Was bislang in eine EU‑Datenbank zu Transparenzzwecken an Betriebsdaten leise hineinfloss und dort aus Sicht der Betreiber weitgehend folgenlos blieb, bildet ab 2026 die Grundlage eines formellen EU‑Rating – mit elektronischen Labels zur Effizienz und Nachhaltigkeit, die automatisch aus den gemeldeten Werten erzeugt werden.
Was die EU faktisch sehen will
Die Delegierte Verordnung (EU) 2024/1364 verlangt von Rechenzentren mit einer installierten IT‑Leistungsaufnahme ab 500 kW die Meldung eines klar umrissenen Satzes von insgesamt 24 Kennzahlen, gegliedert in die Blöcke „Energie und Nachhaltigkeit“, „ICT‑Kapazität“ und „Datenverkehr“.
Neben dem Gesamtenergieverbrauch und der IT‑Energie rücken damit auch Flächen- und Leistungsdichte, Wasserverbrauch, Batteriespeicher, Abwärmenutzung sowie der Anteil erneuerbarer Energien in den Fokus – allesamt Größen, die künftig Eingang in die EU‑Bewertung finden sollen.
Im Kern muss ein Rechenzentrum heute mindestens Folgende Kennzahlen konsistent und nachvollziehbar erfassen:
installierte IT‑Leistung und genutzte IT‑Energie,
Gesamtenergieverbrauch des Standorts,
Wasserbezug und ‑verbrauch,
Kapazitäten von Server‑ und Speichersystemen,
Datenvolumina und Datendurchsatz,
die Menge und Temperatur wiederverwendeter Abwärme
Anteile vor Ort erzeugter beziehungsweise eingekaufter erneuerbarer Energie.
Auf dieser Basis lassen sich sowohl klassische Effizienzkennzahlen wie PUE und WUE als auch spezifische Indikatoren zur Energie‑ und Ressourceneffizienz ableiten, die im kommenden Bewertungsschema zu einem europäischen Nachhaltigkeits‑Label verdichtet werden sollen.
Die ersten eingereichten Rückmeldungen zeigen, wie heterogen die Rechenzentrumsbranche auf den Entwurf des EU Effizienzlabels reagiert und welche Schwerpunkte unterschiedliche Akteure setzen.
Die ODCA (Open Direct Current Alliance), eine Arbeitsgruppe des ZVEI e.V. (Verband der Elektro- und Digitalindustrie) aus Frankfurt am Main, hat zu dem Entwurf bereits Stellung genommen. ODCA unterstützt den Entwurf grundsätzlich, warnt aber davor, das Label zu eng an heutige Rechenzentrumsarchitekturen zu koppeln, und plädiert für einen stärker systemischen, Technologie-offenen Ansatz, der Rechenzentren als aktive Elemente des Energiesystems versteht. Positiv bewertet ODCA, dass Netzfunktionen überhaupt im Label berücksichtigt werden, Rechenzentren also nicht nur als Last, sondern in ihrer potenziellen Systemrolle adressiert werden.
Teilnehmer der gemeinsamen Vorstandssitzung im März 2026, bei der Current/OS und die Open DC Alliance eine Absichtserklärung unterzeichneten mit dem Ziel, die Energie-Effizienz in Einrichtungen zu verbessern.
(Bild: Current/OS, Open DC Alliance)
ODCA akzeptiert PUE (Power Usage Effectiveness) und WUE (Water Usage Effectiveness) als zentrale Kennzahlen, betont jedoch, dass diese in hohem Maß von System‑ und Versorgungsarchitekturen abhängen – also von Kühl‑, Strom‑ und Netzkonzepten und nicht allein von „Effizienz“ im engeren Sinne. Damit warnt die Allianz davor, dass das Label – wenn politisch unreflektiert verwendet – bestehende Architekturmodelle privilegieren und Pfadabhängigkeiten verstärken könnte, statt Innovationen zu fördern.
ODCA begrüßt die klare Unterscheidung zwischen Onsite‑Erzeugung, Power Purchase Agreements (PPA) und Herkunftsnachweisen (Guarantees of Origin, GO), weil dadurch der Fokus auf zeitlich und geografisch korrelierte, systemorientierte Energiekonzepte gestärkt wird. Zugleich regt die Organisation an, qualitative Elemente des Schemas weiter zu operationalisieren, also mess‑ und bewertbar zu machen.
DC-Technologie als Rückgrat eines modernen Energiesystems: Vom AC-Netz über Industrie, Rechenzentren und E Mobilität bis hin zu erneuerbaren Energien, Speichern und Wohngebäuden: Der ODCA-Ansatz verbindet alle Sektoren in einem effizienten, ressourcenschonenden Gleichstromnetz.
(Bild: Open DC Alliance)
Bei Abwärme soll langfristig nicht nur die „Bereitschaft“ (Readiness) erfasst werden, sondern der tatsächliche Grad der produktiven Nutzung, etwa in lokalen Wärmenetzen. Für netzbezogene Funktionen schlägt ODCA eine differenziertere Bewertung vor, indem Spitzenlastbereitstellung oder Speicherkapazitäten in Relation zu Anschluss‑ oder Lastmerkmalen des Rechenzentrums gesetzt werden.
Mehr Klassen, exaktere Messwerte
Die Data Center Excellence GmbH (aus Neuendorf-Sachsenbande in Schleswig-Holstein) formuliert in ihrer Stellungnahme sechs konkrete Änderungsvorschläge, um das Label aussagekräftiger, fairer und besser prüfbar zu machen. Das Unternehmen fordert unter anderem, Artikel 3 Absatz 6 zu streichen, der Rechenzentren bereits im Planungsstadium eine Teilnahme erlaubt. Planungswerte (Design values) seien Zielgrößen, keine gemessenen Betriebsdaten; eine Vermischung von Planungs‑ und Messwerten im selben Register und Labelformat könne zu einer systematischen Ungleichbehandlung gegenüber bestehenden Rechenzentren führen.
Das Geschäftsführer-Team von Data Center Excellence (v.l.): Alexander Schlösser, Studium der Technikgeschichte, Dr. Ludger Ackermann, Diplom-Physiker und Fridtjof Chwoyka, Dipl.-Ing. Gebäudetechnik.
(Bild: Data Center Excellence,)
Nach Artikel 4 Absatz 1 soll das Label derzeit nur auf Anfrage bereitgestellt werden; dies hält Data Center Excellence für unzureichend. Für die Anhänge der Verordnung schlägt das Unternehmen vor, den CER (Cooling Efficiency Ratio) nach EN 50600‑4‑7 als zusätzlichen Rohwert ohne Klassenbildung einzuführen. CER soll die CDD als Kontextwert ergänzen und sichtbar machen, ob eine schlechte PUE eher auf ineffiziente Kühltechnik oder auf ungünstige klimatische Standortbedingungen zurückzuführen ist. Dadurch soll die technische Qualität des Kühlsystems klarer von der reinen Standortklimatik getrennt bewertet werden können.
Kritisch sieht das Unternehmen zudem die binäre Angabe „Waste Heat Reuse Ready“ (ja/nein), die weder messbar noch verifizierbar sei. Data Center Excellence fordert den Einbezug des standardisierten Energy Reuse Factor (ERF) nach EN 50600‑4‑6 sowie die Angabe exakter Messwerte für PUE und WUE zusätzlich zu Klassen.
Für die Interpretation der WUE‑Kennzahl fordert Data Center Excellence einen zusätzlichen Wasserstress‑Indikator, um die Wassernutzung eines Rechenzentrums im Kontext lokaler Wasserknappheit bewerten zu können, statt den WUE‑Wert isoliert zu betrachten.
Diskussion im Open Compute Project
OCP greift diese Problematik in seiner Stellungnahme auf und unterbreitet drei konkrete Handlungsempfehlungen. Eingereicht wurde die Stellungnahme von Rishab Vardhan Harikrishnan, Co‑Lead des OCP Sustainability Project, Lead des Water Efficiency Metrics & Grading Workstream (OCP) und Mitglied des SDEA‑Sachverständigenrats.
Erstens soll der lokale Wasserstress (etwa über Aquädukt‑Bewertungen der Einzugsgebiete) bereits bei der Standortregistrierung in die europäische Datenbank einfließen, damit Betreiber ihr Wasserrisikoprofil frühzeitig erkennen und ihre Kühl‑ und Standortentscheidungen entsprechend ausrichten können, ohne dass bestimmte Technologien vorgegeben werden.
Zweitens soll die Art der genutzten Oberflächenwasserquelle als klar sichtbarer Kennzeichnungsindikator berücksichtigt werden: Die Definitionen liegen mit Artikel 5 bereits vor, werden bislang aber nicht auf dem Label genutzt; die Unterscheidung zwischen Trinkwasser aus aufbereitetem oder atmosphärischem Wasser würde einen direkten Anreiz schaffen, alternative Optionen zu prüfen.
Drittens plädiert OCP dafür, die stressgewichteten Wasserparameter bei der Überprüfung nach Artikel 6 (bis März 2029) ausdrücklich zu priorisieren und damit zu signalisieren, dass sich die Branche, einschließlich Start‑ups mit neuartigen Nachhaltigkeitslösungen, gezielt auf einen künftigen Standard vorbereiten kann, statt von ihm überrascht zu werden. Der Wasserindikator sollte nach Ansicht von OCP so gestaltet sein, dass er bereits in der Planungsphase als Steuerungsinstrument wirkt und nicht nur als nachgelagertes Label; die im OCP‑Workstream erarbeiteten Konzepte und Ergebnisse sollten dem EU‑Ausschuss daher offiziell übermittelt und in den weiteren Gesetzgebungs‑ und Ausgestaltungsprozess eingespeist werden.
Einwand der DC-CE Beratung GmbH & Co. KG
Die Stellungnahme der DC-CE RZ Beratung GmbH & Co. KG aus Frankfurt am Main konzentriert sich auf drei zentrale Kritikpunkte am Entwurf des EU Effizienzlabels: die Interpretation von PUE, den Umgang mit Wasser als Ressource sowie die Verwendung von Kältemitteln und Immersionsfluiden. DieRechenzentrumsplaner halten es für wesentlich, den PUE Wert mit der tatsächlichen Rechenzentrumsleistung, etwa IT Performance oder Leistungsdichte, zu verknüpfen.
Steigt die Leistungsdichte, verändern sich die Lastprofile der Server: In manchen Fällen sinkt der Stromverbrauch der Server pro Rechenleistung, während die technische Infrastruktur (Kühlung, Stromversorgung) weitgehend konstant bleibt. In der Folge kann sich der PUE Wert formal verschlechtern, obwohl die Gesamtleistung des Rechenzentrums steigt, was zu einer verzerrten Bewertung führt. DC-CE RZ Beratung fordert daher, diesen Zusammenhang im Rechtsakt klarer zu adressieren, um Missverständnisse durch eine isolierte Betrachtung von PUE zu vermeiden.
Die DC-CE RZ Beratung GmbH & Co. KG aus Frankfurt am Main ist über das Schwesterunternehmen DC-CE Berlin-Brandenburg GmbH auch im Datencenter-Hotspot Berlin-Brandenburg vertreten.
(Bild: DC-CE RZ-Beratung GmbH & Co. KG)
In Bezug auf Wasser widersprechen die Frankfurter der Aussage, Wasser sei „in vielen Regionen“ kein knappes Gut, und mahnt an, die Bedeutung von WUE sowie den Kontext lokalen Wasserstresses differenzierter und weniger pauschal zu kommunizieren.
Die dritte Kritik bezieht sich auf den Einsatz von Kältemitteln und die bestehende regulatorische Unsicherheit rund um PFAS. Zwar ist die F Gas Verordnung bereits überarbeitet worden, die Entscheidung über ein PFAS Verbot steht jedoch noch aus.
Im Falle eines Verbots wären zahlreiche heute übliche Kältemittel nicht mehr zulässig, und auch Fluide für Immersionskühlung basieren häufig auf PFAS haltigen Gemischen. Die DC-CE RZ Beratung GmbH & Co. KG fordert daher, im Text ausdrücklich auf diese mögliche Entwicklung hinzuweisen oder zumindest eine Option für eine spätere Revision vorzusehen, falls sich der regulatorische Rahmen für PFAS grundlegend ändern sollte.
Vom Reporting-Schema zum Rating-Regime: die gelebte Praxis
Damit die benötigten Kennzahlen nicht in Excel‑Tabellen approximiert werden, sondern aus belastbaren Messwerten entstehen, brauchen Betreiber eine saubere Zählerarchitektur entlang der technischen Kette. Im Strombereich beginnt das bei geeichten Zählern am Netzübergabepunkt und an der Eigenversorgung, führt über Messungen an USV‑Strängen und Hauptverteilern bis hin zu separaten Abgriffen für IT‑Last, Kälteerzeugung, Lüftung und sonstige Gebäudelasten. Nur wenn sich diese Verbrauchspfade technisch trennen und später wieder zusammenführen lassen, sind die von der EU geforderten Größen, wie Gesamtenergieverbrauch, IT‑Energie undHilfsenergie, plausibel und prüffähig.
Analog dazu muss die Kälte- und Wasserinfrastruktur messtechnisch aufgelöst werden: Zähler für den elektrischen Verbrauch der Kälte-erzeugung, Durchfluss- und Temperaturmessung auf primären und sekundären Kühlkreisen sowie Wasserzähler an Zulauf, Nachspeisung und – wo relevant – Rückkühlwerken oder Verdunstungssystemen.
Für den Wasser‑Footprint und Kennzahlen wie WUE dürfen Kennzahlen zum Wasserbezug und ‑verlusten nicht als pauschaler Posten im Betriebskostenblock auftauchen, sondern technisch zugeordnet werden können. Ergänzend kommen IT‑seitige Messpunkte hinzu, etwa Messung der IT‑Leistungsaufnahme auf Rack‑, Row‑ oder Cluster‑Ebene über PDUs und Server‑Management, damit installierte Kapazität, tatsächliche IT‑Last und Auslastung konsistent mit den Facility‑seitigen Energiewerten verknüpft werden können.
Vom Wasserwerk zum Rechenzentrum: Die Waldwasser Software Vertriebs GmbH & Co. KG betreibt ein topmodernes Rechenzentrum an einem idyllischen Standort; Microtronics liefert hierfür Datenlogger, die beliebige Sensoren aufnehmen können, zum Beispiel für Wasser.
(Bild: Wasserversorgung Bayerischer Wald, Körperschaft d. ö. Rechts in Moos, Bayern)
In den ersten Reporting‑Runden zeigt sich: Die eigentliche Herausforderung liegt in der Datenqualität. Häufige Fehler sind Doppelzählungen, etwa wenn Kühlmaschinen sowohl separat als auch im Gesamtzähler auftauchen, fehlende Abgrenzungen zwischen IT‑ und Non‑IT‑Lasten oder unvollständige Wasserbilanzen, bei denen Kühlwasser, Sanitärverbräuche und sonstige Verbraucher auf einem einzigen Zähler laufen. Hinzu kommen Messlücken und Plausibilitätsbrüche durch Kommunikationsprobleme, Zählerwechsel oder manuelle Ablesefehler sowie klassische Umrechnungsfehler zwischen kW und kWh, Kubikmeter und Litern oder falsch gesetzte Parameter.
Hirn einschalten!
Wer solche Probleme vor der nächsten Meldung erkennen will, braucht keine hochkomplexen Analytics‑Plattformen, sondern zunächst drei einfache Realitätsfilter:
Passen die aufsummierten Jahresverbräuche zumindest grob zu den Strom‑ und Wasserrechnungen der Versorger?
Liegen PUE‑ und WUE‑Werte in der Größenordnung vergleichbarer Standorte und Technologien?
Und verhalten sich Lastgänge und Verbräuche zeitlich plausibel – also keine abrupten Sprünge ohne Anlagenumbau, keine dauerhaft unrealistischen Näherungen an 0 oder 100 Prozent?
Wo diese Grundtests scheitern, stimmt meist entweder die Zählerzuordnung oder die Datenkette nicht – und es ist Nachbesserung angesagt.
Selbst eine technisch saubere Messarchitektur hilft wenig, wenn unklar bleibt, wer welche Daten liefert, prüft und freigibt. In der Praxis bietet es sich an, die Aufgaben entlang der etablierten Linien im Rechenzentrum aufzuteilen:
Facility‑ und Technikteams verantworten Aufbau und Betrieb der Messinfrastruktur sowie die Rohdatenerfassung für Strom, Kühlung und Wasser; I
T‑Operations liefern die Kennzahlen zu IT‑Kapazitäten, Auslastung und Datenverkehr;
Controlling und Nachhaltigkeitsfunktionen gleichen die Zahlen mit Rechnungen, Budgets und ESG‑Berichten ab;
ein zentraler Reporting‑Owner, typischerweise im Bereich Compliance oder Sustainability angesiedelt, koordiniert den Gesamtprozess, gibt Meldungen frei und fungiert als Ansprechpartner gegenüber Behörden und Auditoren.
Bewährt hat sich ein klar definierter Jahreszyklus mit festgelegten Meilensteinen: Datenauszug aus DCIM‑, BMS‑, Energie-Management‑ und IT‑Monitoring‑Systemen, Konsolidierung und Zuordnung zu den in 2024/1364 geforderten Kennzahlen, Plausibilitätschecks inklusive Abgleich mit Versorgerrechnungen und internen Benchmarks – und erst dann die Befüllung der EU‑Datenbank.
Wo dieser Ablauf dokumentiert, organisatorisch verankert und regelmäßig überprüft ist, sinkt das Risiko von Mess- und Meldefehlern deutlich – und zugleich der Aufwand für künftige Reporting‑Zyklen und das spätere Rating‑Audit.
*Über das Autorenduo
Das Autorenduo besteht aus Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins. Die beiden arbeiten für McKinley Denali, Inc., USA.
Sie kommentieren: Das neue Bewertungsschema bietet die Chance, Effizienz‑ und Emissionsanforderungen von Rechenzentrumskunden auf Augenhöhe in Regulierung zu übersetzen. Ob es dieses Potenzial einlöst, hängt nun davon ab, wie konsequent die breite fachliche Rückmeldung aus der Gemeinschaft die weitere Ausgestaltung beeinflusst.