Die Entstehung des Datacenter-Hotspot in Frankfurt Data Gravity – ein Phänomen

Autor / Redakteur: Holger Nicolay* / Ulrike Ostler

Große Rechenzentrums-Cluster in Metropolregionen, angesiedelt um zentrale Internet-Knotenpunkte, wie dem DE-CIX (Frankfurt), LINX (London) und AMS-IX (Amsterdam), sind heute aus der IT-Landschaft nicht mehr wegzudenken. Gleiches gilt für die lokale Akkumulation globaler Public-Cloud-Provider, darunter Amazon Web Services, Microsoft und Google, mit ihren Cloud-Angeboten in eben diesen Regionen. Aber warum ist das so?

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Nach Prognosen im „Data Gravity Index DGX“ wird die höchste Data-Gravity-Intensität bei Betrachtung der 53 Metropolregionen, von denen Frankfurt eine ist, bis 2024 in der Region EMEA herrschen. Gegen Ende 2024 könnte diese im Vergleich zu Nordamerika eine fast doppelt so hoch sein.
Nach Prognosen im „Data Gravity Index DGX“ wird die höchste Data-Gravity-Intensität bei Betrachtung der 53 Metropolregionen, von denen Frankfurt eine ist, bis 2024 in der Region EMEA herrschen. Gegen Ende 2024 könnte diese im Vergleich zu Nordamerika eine fast doppelt so hoch sein.
(Bild: peter krieger auf Pixabay)

Das Phänomen, das für die Ballung von Hyperscalern, Co-Location-Providern und Internet-Knoten sorgt, beschrieb Dave McCrory 2010 erstmals in einem Blog-Beitrag. Darin überträgt er die aus der Physik bekannte Gravitation – also die Kraft, die eine gegenseitige Anziehung von Massen bewirkt – auf die IT.

Nach McCrory ziehen Daten Applikationen und Services an. Diese wiederum ziehen weitere Daten, Applikationen und Services an, das Datenvolumen und die Anziehungskraft nehmen somit sukzessive und nahezu exponentiell zu. Die Folge: Daten werden 'träge', lassen sich schwerer verschieben und machen es daher notwendig, dass ihre Speicherung und Verarbeitung in unmittelbarer Nähe erfolgt. Es entstehen lokale Zentren mit hoher Data-Gravity-Intensität.

Die Version 1.5 des „Data Gravity Index DGX“ enthält eine globale Prognose, die die Intensität und Gravitationskraft des Wachstums von Unternehmensdaten für 53 Metropolregionen und 23 Branchen weltweit misst.
Die Version 1.5 des „Data Gravity Index DGX“ enthält eine globale Prognose, die die Intensität und Gravitationskraft des Wachstums von Unternehmensdaten für 53 Metropolregionen und 23 Branchen weltweit misst.
(Bild: © 2020 Digital Realty Trust Inc.)

Eines dieser Zentren, das Dave McCrory im neuen Data Gravity Index ausweist, ist Frankfurt am Main. Der Index ist von Digital Realty, dem weltweit führenden Anbieter von Co-Location-Services und Mutterunternehmen von Interxion, entwickelt worden.

Mit einer Vielzahl an Co-Location-Rechenzentren sowie als Heimat des DE-CIX und diverser Hyperscaler trägt Frankfurt den Titel der Internet- und Datenhauptstadt Deutschlands. Wie sich die Stadt im Rhein-Main-Gebiet dazu entwickeln konnte und warum der Data-Gravity-Effekt dort besonders stark wirkt, lässt sich mit einem Blick in die Geschichte erklären.

Vom Waren- zum Datenumschlagplatz

Bereits im Mittelalter war die freie Reichsstadt Frankfurt am Main ein europaweit bedeutender Handels- und Finanzplatz. Strategisch günstig am Kreuzungspunkt von Handelsstraßen gelegen, wurden Waren umgeschlagen und Geldgeschäfte betrieben – und Datenbestände zunächst handschriftlich erstellt.

Data Gravity erzwingt eine neue Architektur, die den Datenfluss umkehrt und Anwender, Netzwerke und Clouds mit privat gehosteten Unternehmensdaten verbindet. Mit dieser neuen Architektur werden die Barrieren der Data Gravity beseitigt und neue Möglichkeiten erschlossen.

Zitat aus dem Data Gravity Index

Seit dem letzten Jahrhundert erzeugten dann die Datenverarbeitungsmaschinen der Finanz- und Dienstleistungsbranchen, darunter die Frankfurter Börse und der Deutsche Wetterdienst, zunächst nur lokale Daten. Deren Übertragung konnte nämlich nur sehr eingeschränkt über die Kupfernetze der damaligen Bundespost erfolgen - ein Zustand, der sich in den 1990er-Jahren ändern sollte.

Der Bedarf von Unternehmen, das bereits vorhandene Datenvolumen nicht mehr nur lokal zu speichern und zu verarbeiten, sondern über eine schnelle Datenübertragung auszutauschen, zog die noch junge Telekommunikationsbranche mit ihren Services an. Das ist der Beginn des Data-Gravity-Effekts in Frankfurt. Dessen war man sich damals nur noch nicht bewusst.

Die Deregulierung

Mit der Deregulierung des Telekommunikationsmarktes und begünstigt durch die Freigabe der städtischen Leitungen 1994 für Glasfaser-Netze, begannen private Unternehmen in deren Ausbau zu investieren. Daten wurden nun beweglicher und konnten zwischen Unternehmensstandorten ausgetauscht werden. Dadurch entstand in Frankfurt ein gänzlich neuer Markt für Glasfaser-basierte Datendienste.

Die sich rasant entwickelnden, neuen Telekommunikationsanbieter wie Colt, Versatel oder Arcor (heute Vodafone) boten bald immer höhere Übertragungsraten zu immer günstigeren Konditionen. Auf Daten konnte nun aus der Ferne bequem und sicher zugegriffen werden.

Doch schon bald zeigte sich, dass der Ausbau der Glasfasernetze mit dem exponentiellen Wachstum der Datenbestände kaum mithalten konnte. Das Bewegen der hohen Datenvolumen wurde trotz immer leistungsfähiger Netze und wachsender Bandbreiten immer schwieriger. Die Daten wurden zunehmend träge.

Die Daten-Hotels

Diese Problematik führte seit dem Ende der 1990er Jahre zur Entstehung der Co-Location-Branche in Frankfurt. Neutrale Rechenzentrumsanbieter ermöglichten den direkten Austausch von Datenströmen und Telefonminuten von Telekommunikationsanbietern untereinander.

In den so genannten „Carrier-Hotels“ konnten Telekommunikationsunternehmen Netzwerke direkt miteinander koppeln und sich an den noch jungen Internet-Austauschknoten DE-CIX anschließen. Aber auch immer mehr Unternehmen nutzten die Möglichkeit, die neutrale Rechenzentrumsanbieter wie Interxion ihnen boten, nämlich ihre Daten in der Nähe zu den Daten anderer Unternehmen zu speichern und diese über private Verkabelungen auszutauschen.

Mitte der 2010er-Jahre folgte in Frankfurt die deutsche Geburtsstunde einer weiteren Branche: Amazon Web Services (AWS) und Microsoft brachten 2014 bezeihungsweise 2016 die ersten Public-Cloud-Services auf den hiesigen Markt. Die Gravitationskräfte der bereits vorhandenen Datenmengen der Finanz- und Dienstleistungsindustrien in Frankfurt führten dazu, dass die internationalen Cloud-Provider sich dort in Co-Location-Rechenzentren ansiedelten.

Die Rolle der Glasfasernetze

Auch um die Migration der trägen Datenbestände ihrer zukünftigen Kunden in die Cloud zu vereinfachen. Die vorhandenen Glasfasernetze und der DE-CIX als Internet-Austauschknoten erwiesen sich dabei einmal mehr als Standortvorteil für Frankfurt; denn gespeicherte Daten müssen für die weitere Verarbeitung zugänglich sein. Ohne Datennetze kein Datenaustausch. Die Zugänglichkeit der Daten über vorhandene Netze stellte damit einen Katalysator für die Speicherung weiterer Daten in den Clouds dar.

Dieser Data-Gravity-Effekt hat heute zur Folge, dass sich in Frankfurt aktuell noch immer Public-Cloud-Provider und IT-Dienstleister ansiedeln. Der so entstehende Wettbewerbsdruck der Anbieter resultiert in innovativen Services, von denen Unternehmen in und um die Bankenmetropole profitieren und diese nutzen können, um eigene Innovationen zu entwickeln. Nicht zuletzt hat diese Präsenz der Public-Cloud-Provider in Frankfurt auch dazu geführt, dass die Metropolregion zum Inkubator für Fintech- und e-Health-Start-ups wird.

Das Phänomen Data Gravity wird auch in Zukunft dazu führen, dass Daten Applikationen und Services sowie noch mehr Daten anziehen. Insbesondere da Daten als „das neue Öl“ gehandelt und datenbasierte Geschäftsmodelle von Unternehmen zunehmend als Einnahmequelle erschlossen werden. Unterstützt durch eine Glasfaser-Infrastruktur, die kurze Zugriffszeiten und hohe Bandbreiten ermöglicht, resultiert der in Frankfurt herrschende Data-Gravity-Effekt in der Entstehung moderner Rechenzentrums-Cluster im Stadtgebiet und Umland der Metropolregion, um dem steigenden Bedarf zu entsprechen. Seinem Ruf als Internet- und Datenhauptstadt Deutschlands wird Frankfurt somit nicht nur heute, sondern auch noch in Zukunft gerecht.

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Higlights aus dem Data Gravity Index DGX

Die folgenden „Highlights“ des „Data Gravity Index DGX“ der Digital Realty Trust Inc. sind dem Report entnommen:

Beschleunigung des Wachstums in allen Regionen und Metropolregionen. Prognosen zufolge soll bis 2024 die Intensität der Data Gravity, gemessen in Gigabyte pro Sekunde, weltweit um eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 139 Prozent zunehmen. Die Datenverantwortung wird globale Unternehmen dazu veranlassen, ihre digitalen Infrastrukturkapazitäten zu erhöhen, um einen großen Teil der weltweiten Daten zu aggregieren, zu speichern und zu verwalten.

Durchdringung in allen Industriesegmenten. Keine Branche ist immun gegen die Auswirkungen von Data Gravity. Bis 2024 wird für fast drei Viertel der 23 analysierten Branchen eine hohe Data-Gravity-Intensität mit einer jährlichen Gesamtwachstumsrate von 144 Prozent erwartet. (Hohe Data-Gravity-Intensität wird definiert als das Erreichen eines Schwellenwertes von 1 Gigabyte Daten pro Sekunde oder mehr, aus: Goldman Sachs, Briefings Newsletter, 16. Juni 2020) Weltweite Fusions- und Übernahme-Aktivitäten werden nach Prognosen wieder das Vor-Corona-Niveau erreichen und das Wachstum globaler Unternehmen beschleunigen. Damit verbunden ist auch eine steigende Zahl der am Datenaustausch beteiligten Unternehmensdatenquellen.

Metropolregionen haben untereinander eine erstaunliche Anziehungsrate. Zwischen bestimmten Metropolregionen gibt es Datenströme, die direkt deren Data Gravity verstärken. Das betrifft sowohl die Metropolregionen selbst als auch die Anziehungskraft zwischen ihnen. Die Schwerpunktverlagerung hin zu digital gestützten Interaktionen zwischen globalen Unternehmen wird das Datenaustauschvolumen exponentiell erhöhen.

Datenerzeugung, -verarbeitung und -speicherung nähern sich Quantencomputer-Niveau. Bis 2024 werden die Forbes-Global-2000-Unternehmen in 53 Metropolregionen Prognosen zufolge Daten mit einer Rate von 1,4 Millionen Gigabyte pro Sekunde erzeugen und jährlich 20.000 Petabyte zusätzliche Datenspeicherung benötigen. Der Datenstandort ist für globale Unternehmen relevant, da Compliance-Anforderungen von ihnen fordern, systemkritische Daten lokal zu speichern.

Datenzentrierte Unternehmensarchitektur und Connected-Community-Ansatz gefordert. Die derzeitige Backhaul-Architektur kann die Data-Gravity-Anforderungen von Unternehmen nicht erfüllen, einschließlich des Datenaustauschs über mehrere interne/externe Plattformen, lokaler Datenkopien und der Möglichkeit, an jedem globalen Standort leistungsfähige Analysen durchzuführen. Die Data Gravity erfordert einen Connected-Community-Ansatz zwischen Unternehmen, Konnektivitäts-, Cloud- und Content-Providern, der Core, Cloud und Edge in den Rechenzentren integriert und eine sichere, datenzentrierte hybride IT-Architektur an den Standorten globaler Unternehmen implementiert.

Der Autor, Holger Nicolay, ist Business Development Manager bei der Interxion Deutschland GmbH.
Der Autor, Holger Nicolay, ist Business Development Manager bei der Interxion Deutschland GmbH.
(Bild: Interxion)

* Über den Autor

Holger Nicolay ist Business Development Manager bei Interxion: A digital Realty Company in Frankfurt, einem führenden Co-Location-Provider mit 286 Carrier- und Cloud-neutralen Datacenter auf sechs Kontinenten. Sein Fokus liegt auf der Digitalen Transformation sowie Connectivity- und Infrastruktur-Konzepten, mit denen Interxion seine Kunden als Infrastrukturpartner und Cloud Exchange Provider bei der Implementierung von hoch-integrierten hybriden Clouds und Multi-Cloud-Lösungen unterstützt.

Holger Nicolay ist Diplom-Informatiker (TU) und hat vor Interxion in verschiedenen Sales-, Marketing- und Management-Rollen in der Telekommunikationsbranche gearbeitet. Frühere berufliche Stationen waren die heutige 1&1 Versatel und Colt Technology Services.

* Holger Nicolay ist Business Development Manager bei Interxion Deutschland GmbH, eine Digital Realty Company.

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