DE-CIX in Südösterreich Alpsix: Erst die Auffahrt, dann die Rechenzentren?

Von Paula Breukel 7 min Lesedauer

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Mit Alpsix bekommt Kärnten einen neutralen Internetknoten, betrieben von DE-CIX und untergebracht in Edge-Containern statt in einem Rechenzentrum. Ob daraus auch Rechenzentren entstehen, lässt der zuständige Landesrat offen.

V.l. Alexander Windbichler, CEO der Anexia Holding, Sebastian Schuschnig, Wirtschaftslandesrat und Ivo Ivanov, CEO DE-CIX; beim feierlichen Startschuss des Alpsix in Klagenfurt.(Bild:  Caroline Knauder)
V.l. Alexander Windbichler, CEO der Anexia Holding, Sebastian Schuschnig, Wirtschaftslandesrat und Ivo Ivanov, CEO DE-CIX; beim feierlichen Startschuss des Alpsix in Klagenfurt.
(Bild: Caroline Knauder)

Die symbolische Inbetriebnahme auf der Bühne. Der Startschuss war gut besucht.(Bild:  Caroline Knauder)
Die symbolische Inbetriebnahme auf der Bühne. Der Startschuss war gut besucht.
(Bild: Caroline Knauder)

Mit dem Startschuss am 18. September sollen Netzbetreiber in Kärnten Daten direkt vor Ort austauschen können. Dafür entsteht mit „Alpsix“ ein neuer neutraler Internet Exchange in Klagenfurt und Villach. Realisiert wird das Projekt von der Breitbandinitiative Kärnten (BIK). Das Unternehmen gehört dem Land Kärnten. Für den technischen Betrieb ist DE-CIX verantwortlich. Das Land investiert rund 5,7 Millionen Euro in das Vorhaben.

Der Grundgedanke ist einfach: Datenverkehr aus Kärnten soll nicht erst über einen entfernten Internetknoten laufen müssen. Heute führen Verbindungen teilweise über Wien oder andere zentrale Standorte. Alpsix soll diese Wege verkürzen.

Wie wenig Zeit Anwendungen haben, zeigt Ivo Ivanov, CEO von DE-CIX, in seiner Keynote an einem Beispiel: Ein Wimpernschlag dauere an einem Tag, an dem man nicht müde ist, rund hundert Millisekunden. Für Filmstreaming (nicht live, nicht in HD) reichten etwa 50 Millisekunden, für Gaming in Echtzeit weniger als 20. „Keiner will erschossen werden nur wegen Latenz“, sagt Ivanov. Bei Robotik, Echtzeitsteuerung und autonomem Fahren seien es eine bis zwei Millisekunden.

Ivanov macht klar, dass Alpsix mehr als die Übertragung einzelner Datenpakete leistet. Für Netzbetreiber entsteht eine Möglichkeit, ihre Netze direkt miteinander zu verbinden. Gleichzeitig bleibt die Anbindung an größere Internetknoten bestehen. Alpsix wird mit München und weiteren zentralen Standorten verbunden. Damit entsteht kein abgeschottetes regionales Netz. Im Gegenteil: Kärnten wird in ein größeres Netz eingebunden. Die regionale Verbindung ergänzt so die überregionalen Wege.

Für DE-CIX ist diese Entwicklung Teil eines größeren Trends. Internet Exchanges entstehen nicht mehr ausschließlich an den großen digitalen Knotenpunkten. Sie wandern zunehmend in die Fläche.

Ivanov begründet diese Entwicklung mit drei Faktoren: Lokalisierung, Souveränität und Performance. Anwendungen benötigen zunehmend kurze Wege. Gleichzeitig sollen Unternehmen stärker kontrollieren können, über welche Infrastruktur ihre Daten übertragen werden. „So lokal wie möglich, so global wie nötig“, so beschreibt Ivanov das Ziel des neuen Internetknotens.

Interconnection wandert in die Fläche

Ein Internet Exchange lässt sich vereinfacht als Treffpunkt verschiedener Netze beschreiben. Ivanov vergleicht seine Funktion mit einem Flughafen. Die Netzbetreiber entsprechen den Airlines, die Datenpakete den Passagieren und Frachtgütern. Der technische Vorteil liegt in der direkten Verbindung. Statt für jeden Datenaustausch eigene Verbindungen zwischen vielen einzelnen Netzen aufzubauen, treffen sich die Netze an einem gemeinsamen Austauschpunkt.

Dadurch sinkt die Zahl der notwendigen Einzelverbindungen. Daten können direkter zwischen den beteiligten Netzen übertragen werden. Das reduziert Umwege und kann die Latenz senken. Genau diese Nähe wird wichtiger. Anwendungen reagieren zunehmend empfindlich auf Verzögerungen. Das gilt etwa für Echtzeitanwendungen, Cloud-Dienste oder KI-Anwendungen, bei denen nicht nur die Rechenleistung zählt.

Für solche Anwendungen reicht es deshalb nicht, Rechenleistung irgendwo bereitzustellen. Auch die Verbindung zwischen Nutzern, Unternehmen, Clouds und Rechenzentren muss leistungsfähig sein. Kärnten wird damit zu einem Beispiel für eine Entwicklung, die DE-CIX auch an anderen Standorten verfolgt. Der Betreiber verteilt seine Infrastruktur stärker über die Fläche. Neben Klagenfurt nennt Ivanov etwa Wichita im US-Bundesstaat Kansas als Beispiel.

Die Logik dahinter verändert die klassische Vorstellung eines Internetknotens. Nicht jeder Standort muss ein globaler Hub wie Frankfurt sein. Auch regionale Knoten können dort sinnvoll werden, wo Anwendungen, Unternehmen und Netze näher zusammenrücken.

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Der Internetknoten kommt ohne klassisches Rechenzentrum

Eine Besonderheit von Alpsix liegt in der Bauweise: Der Internet Exchange sitzt nicht in einem großen Rechenzentrum, sondern in kompakten Edge-Containern. Der Knoten soll dort verfügbar sein, wo die regionale Netzinfrastruktur zusammenläuft.

Thomas King, CTO DE-CIX, erklärt die Besonderheiten des Alpsix.(Bild:  Caroline Knauder)
Thomas King, CTO DE-CIX, erklärt die Besonderheiten des Alpsix.
(Bild: Caroline Knauder)

Die Container sind kein Ersatz für ein Rechenzentrum. Ein Internet Exchange macht etwas anderes. Rechenzentren seien „die Hotels, in denen die Server wohnen“, sagt Thomas King, CTO bei DE-CIX. Verbunden würden sie über Glasfaser, die DE-CIX typischerweise mietet: „Wir beleuchten die dann selber.“ Auf die Faser setze DE-CIX ein optisches System. „Dann hat man erst mal ein Data Center Interconnect gebaut.“ Dazu kämen die Router, darüber „ziehen wir dann unsere Interconnection-Plattform auf, auf der wir dann den Peering-Dienst realisieren“.

Der Internet Exchange verbindet dagegen die Netze, über die diese Anwendungen erreichbar sind. Beide Infrastrukturen greifen dennoch ineinander. Damit folgt das Projekt auch technisch dem regionalen Ansatz. Der Internetknoten soll direkt dort verfügbar sein, wo die regionale Netzinfrastruktur zusammenläuft.Das wird besonders relevant, wenn Rechenleistung näher an Nutzer und Unternehmen rückt. Bei klassischen Cloud-Anwendungen kann ein entfernter Standort teilweise ausreichen. Bei Anwendungen mit niedrigen Latenzanforderungen wird die Entfernung zwischen Rechenleistung und Nutzer dagegen wichtiger.

DE-CIX sieht deshalb eine zunehmende Verbindung zwischen Rechenzentren und Internet Exchanges. Grund hierfür: KI-Anwendungen. Während das Training großer Modelle weiterhin „in großen Rechenzentren stattfindet, da wo Strom günstig ist“, wie Ivanov erklärt, können Anwendungen näher an den Nutzer wandern. King ordnet ein: Für komplexere Aufgaben greife man weiterhin auf Rechenzentren zurück. „Und da ist es wiederum wichtig, dass diese Rechenzentrumsinfrastruktur sehr nahe beim Nutzer ist. Deswegen sind lokale Internet Exchanges, wie wir jetzt hier den Alpsix haben, so wichtig.“

„Lokalisierung bedeutet nicht Isolation“, sagt Ivanov. Entscheidend sei die Kontrolle über den Weg der Daten. King zufolge wollen Unternehmen wissen, über welche Anbieter und Wege ihre Daten laufen. „Und sie wollen natürlich auch Alternativen haben.“

Kärnten baut zuerst das Netz: Kommen damit auch Rechenzentren nach Kärnten?

Auch bei der digitalen Souveränität geht es um Unabhängigkeit, Nähe und auch eigene Infrastruktur. Doch der Alpsix bedeutet nicht automatisch, dass in Kärnten nun Rechenzentren entstehen. Ein Internet Exchange schafft zunächst einen Zugang zu Interconnection. Ob daraus weitere digitale Infrastruktur entsteht, hängt von zusätzlichen Faktoren ab. Dazu zählen Stromversorgung, Flächen, verfügbare Fachkräfte und vor allem auch die Nachfrage nach Rechenleistung.

Die Projektpartner sehen den Standort hierfür gut aufgestellt. Kärnten verfügt nach Angaben von Anexia über Glasfaseranbindungen an internationale Routen. Auch die Wirtschaftskammer Kärnten sieht schnelle Netzanbindungen als einen Faktor für die Ansiedlung von Rechenzentren und neue Geschäftsmodelle. Der Internet Exchange ist damit ein Baustein von mehreren. Er löst nicht automatisch die Standortfrage. Er verändert aber die Ausgangslage für Unternehmen, die auf eine gute Anbindung an andere Netze angewiesen sind. Für Kärnten ist das ein anderer Ansatz als der klassische Ausbau eines Rechenzentrumsstandorts. Nicht die Rechenleistung steht im Mittelpunkt. Zunächst stellt man die Infrastruktur für den Datenaustausch bereit.

Dstream-Studie zeigt, was aus Interconnection entstehen kann

Wie stark sich solche Strukturen entwickeln können, zeigt ein Blick nach Frankfurt. Eine 2025 veröffentlichte Studie der Dstream Group verglich mehr als 30 internationale Städte und Metropolregionen. Die Studie wurde von DE-CIX beauftragt.

Untersucht wurden rund 30 Indikatoren aus den Bereichen Konnektivität, Rechenzentren, Netzwerke und Internet Exchanges. Frankfurt erreichte im Gesamtranking den ersten Platz. Die Stadt verfügt laut Studie über 20 leistungsfähige Internet Exchanges, rund 200 Tbit/s angeschlossene Portkapazität und etwa 2.500 Netze, die dort angeschlossen sind oder waren.

Die Zahlen zeigen vor allem eines: Interconnection lässt sich nicht isoliert betrachten. Dort, wo viele Netze zusammentreffen, entstehen weitere Anknüpfungspunkte für digitale Infrastruktur. Die Studie beziffert zudem den wirtschaftlichen Wertbeitrag von DE-CIX Frankfurt für Deutschland auf rund vier Milliarden Euro jährlich.

Ivanov betont den Stellenwert des DE-CIX auf der Pressekonferenz in Kärnten: „Die Rechenzentren und die Industrien sind da, weil es dieses Ökosystem gibt. Das ist ein Magnet, der alles anzieht.“ Frankfurt als Vorbild für Kärnten? Das Beispiel zeigt, was das Zusammenspiel aus Netzen, Exchanges und Rechenzentren bewirken kann.

New York zeigt die Bedeutung neutraler Infrastruktur

Im Gespräch verweisen King und Ivanov auf Untersuchungen zur Entwicklung der Interconnection in New York: Dort sind neutrale Internet Exchanges inzwischen ein wichtiger Bestandteil der Infrastruktur. Nach den von DE-CIX vorgestellten Ergebnissen entfallen 70 Prozent der 50 größten Internet Exchanges in den USA auf neutrale Betreiber. Ihre Zahl hat sich demnach innerhalb von zehn Jahren versechsfacht.

New York verfügt laut DE-CIX über fast 40 Prozent mehr aggregierte Netzverbindungen als Seattle oder Los Angeles. Außerdem gibt es dort besonders viele Netze, die redundant an mehrere Internet Exchanges angebunden sind. DE-CIX New York ist über mehr als 30 Rechenzentren in der Metropolregion verteilt. Der Exchange startete 2014, erreichte 2017 die größte Position innerhalb der Stadt und konnte diese laut DE-CIX anschließend halten.

Die Zahlen zeigen eine andere Entwicklung als die in Frankfurt: Hier steht nicht ein einzelner großer Standort im Mittelpunkt. Die Interconnection verteilt sich über eine Metropolregion und verbindet verschiedene Rechenzentren miteinander.

Der Landesrat: „Unsere digitale Koralmbahn“

V.l. Alexander Windbichler, CEO der Anexia Holding, Sebastian Schuschnig, Wirtschaftslandesrat und Ivo Ivanov, CEO DE-CIX.(Bild:  Caroline Knauder)
V.l. Alexander Windbichler, CEO der Anexia Holding, Sebastian Schuschnig, Wirtschaftslandesrat und Ivo Ivanov, CEO DE-CIX.
(Bild: Caroline Knauder)

Für Wirtschaftslandesrat Sebastian Schuschnig ist der Start mehr als ein technischer Meilenstein. „Die Eröffnung des Alpsix ist in Wahrheit unsere digitale Koralmbahn, nur fährt sie noch viel, viel weiter“, sagte er bei der Eröffnung in Klagenfurt. Was die Koralmbahn auf der Schiene geschaffen habe, wolle das Land nun auch digital mit Leben füllen, gemeinsam mit der Steiermark.

Sein Bild dafür: Kärnten habe zwei Datenautobahnen, aber bisher keine Auffahrt. „Wer von Ihnen ist denn da über Wien gefahren? Niemand würde das tun. Unsere Datenpakete machen bis zum heutigen Tag in Wahrheit genau das.“

Ob daraus auch Rechenzentren entstehen, lässt Schuschnig offen. Es gebe „sehr konkrete Gespräche“ über Folgeinvestitionen, sagte er auf der Pressekonferenz. Namen nennt er nicht: „Ich möchte den Tag noch nicht vor dem Abend loben.“ Auch die Energieinfrastruktur müsse „entsprechend Schritt halten“. Sein Fazit: „Wir schaffen mit der Infrastruktur eine Grundlage, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Laut Landesrat bekomme der Schritt „vielleicht in der Zeitung nicht den Raum wie eine Koralmbahn-Eröffnung“, aber es ist ein Startschuss für ein neues Zeitalter der digitalen Infrastruktur. Ivanov sagt, dass es „ein paar Jahre dauert“, bis sich ein „großes und gesundes lokales Ökosystem“ gebildet habe.

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