Schmutziges Geschäft mit gefälschten Halbleiter-Chips

Vorsicht Plagiate: Das schmutzige Geschäft mit gefälschten Halbleiter-Chips

| Redakteur: Michael Eckstein

Vermeintlicher Zwilling: "Gut" gemachte Fälschungen (rechts) sind kaum vom Original (links) zu unterscheiden.
Vermeintlicher Zwilling: "Gut" gemachte Fälschungen (rechts) sind kaum vom Original (links) zu unterscheiden. (Bild: Infineon Technologies)

Vom USB-Stick über das Automobil bis zum Satelliten – in fast allen technischen Produkten steckt Elektronik. Was viele – auch Hersteller – nicht wissen: In etlichen Geräten stecken gefälschte Chips. Mit seinem „Anti-Counterfeiting“-Programm geht Infineon gemeinsam mit anderen Halbleiterherstellern gezielt gegen Betrüger vor. Wir zeigen, worauf Anwender achten sollten.

Es ist ein Milliardengeschäft: Weltweit verkaufen skrupellose Geschäftemacher aussortierte, oft schrottreife Halbleiter als Neuware. Oder sie etikettieren billige Standardbauteile um und verhökern sie als teure Spezialkomponenten mit erweiterten Spezifikationen. Gewinnspannen von 300 Prozent und mehr sind keine Seltenheit.

Der Aufwand, den sie dafür betreiben, ist enorm. Mit ihren schmutzigen Geschäften ramponieren diese Dealer nicht nur die Reputation und Wettbewerbsfähigkeit der Originalhersteller und gewissenhafter Distributoren, sondern verseuchen auch die Umwelt und gefährden das Leben vieler Menschen und Tiere. Oft werden Plagiate erst entdeckt, wenn elektronische Komponenten ungewöhnlich früh ausfallen. Wenn überhaupt.

Halbleiterhersteller Infineon geht seit einigen Jahren gemeinsam mit Wettbewerbern rigoros gegen Betrüger vor. Mit seinem Anti-Counterfeiting-Programm versucht der Hersteller das Problem global einzudämmen und auch das Bewusstsein seiner Kunden für diese Problematik zu schärfen.

Was sind gefälschte Bauteile?

Doch was sind Plagiate überhaupt? Martin Robl, Senior Manager Corporate Security Programs & Investigations von Infineon klärt auf: „Das sind im weitesten Sinne Bauteile, die nicht die Eigenschaften haben, die ihre Kennzeichnung vermuten lässt. Meist geht es darum, alte, bereits gebrauchte Komponenten oder auch defekte Ausschussware als höherwertige Bausteine zu deklarieren. Diese lassen sich mit hohen Gewinnmargen verkaufen.“ Neben einfachen Halbleitern wie Dioden sowie integrierten Schaltungen würden immer häufiger auch Komponenten der Leistungselektronik als gefälschte Produkte auf dem Markt auftauchen.

Plagiate sind ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Robl kennt viele Beispiele. Eines geht so: Ein Zughersteller in Australien hat viel Geld in vermeintlich hochwertige Leistungsmodule eines Markenherstellers investiert. Im Betrieb dann der Schock: Die Komponenten explodieren, setzen die Stromversorgung außer Gefecht. „Zum Glück ist das während einer Testfahrt passiert“, sagt Robl. Ergebnis: Der Zughersteller hat nicht nur Verluste durch die zu teuer bezahlten, minderwertigen Bauteile, sondern es entstehen zusätzlich erhebliche Kosten für die Reparatur und das Nachrüsten seiner Züge.

Genormte Gehäuse spielen Fälschern in die Hände

Wie konnte es dazu kommen? „Die Gehäuseformen sind in den meisten Fällen genormt“, erklärt Robl. „Von außen kann man einem Baustein also nicht ansehen, was tatsächlich drinsteckt. Wenn der Aufdruck der bestellten Ware entspricht, schöpft man keinen Verdacht.“ Im Beispiel hätten die Bauteile für 1.400 Volt ausgelegt sein sollen. Wie die spätere Untersuchung ergab, steckten in den Gehäusen jedoch Chips, die nur maximal 400 Volt aushalten.

Weitere Beispiele ziehen sich durch alle Branchen: Von großen Windkraftanlagen über militärische Ausrüstungen, medizinische Geräte wie Defibrillatoren bis hin zu Brems- und Airbag-Systemen in Autos – gefälschte Bauteile wurden bereits in vielen Produkten gefunden, macht Robl klar: „Wir wissen von einem Flughafen, bei dem die Landebahnbeleuchtung wegen Plagiat-Bausteinen ausgefallen ist.“

Woher kommen die Plagiate?

Die meisten Plagiate stammen aus China. Hier hat sich eine riesige Schattenindustrie etabliert, ganze Landstriche leben von dem schmutzigen Geschäft. Dokumente der NASA zeigen, dass bereits 2006 allein im Raum Hong Kong rund 5500 Betriebe Elektronikschrott „aufgearbeitet“ haben. „Aus dieser Gegend stammt rund 90 Prozent der gefälschten Produkte weltweit“, weiß Robl.

Hersteller können zurückgenommene Altgeräte ganz offiziell zum Recyceln direkt nach China ausführen. Oft führt der Weg aber auch über Afrika, wo häufig als Gebrauchtware verkaufte, aber eigentlich schrottreife Elektrogeräte beispielsweise aus europäischen Haushalten zunächst grob zerlegt werden. Rohware wie Platinen gelangt dann über unterschiedliche Transportwege illegal ins Reich der Mitte.

In „Wohn-Werkstätten“ erfolgt die weitere Granularisierung. Meist kommen dabei einfachste Methoden zum Einsatz, etwa das Entlöten von Bauteilen auf simplen, kohlenbefeuerten Öfen oder das Reinigen von Bauteilen mit aggressiven, hochgiftigen chemischen Lösungen. Die Menschen arbeiten in der Regel ohne besondere Schutzkleidung.

"Black-Topping" im Hinterhof

Die von den Leiterplatten getrennten ICs sortieren die Fälscher nach Bauform, Pin-Zahl und anderen Kriterien. Die für die Industrie wichtige Standardisierung der Gehäuseformen spielt ihnen dabei in die Hände. Platt gesagt sehen alle „Käfer“ gleich aus, nur der Aufdruck lässt auf ihre Funktion schließen. Und der lässt sich fälschen. „Die einfachste Methode ist das Abschleifen oder Überlackieren von Typenbezeichnung und Datums-Code“, erklärt Robl.

Gefälschte Aufdrucke und Lasergravuren gaukeln ahnungslosen Anwendern schließlich hochwertige Hardware mit erweiterten Spezifikationen vor. So wird zum Beispiel aus einem für zivile Applikationen gedachten OP-Amp für 25 Dollar ein für Militär und Luftfahrt geeigneter Verstärker, der rund 100 Dollar kostet. Im Betrieb kann das gut gehen – muss es aber nicht.

Profifälscher gehen einen großen Schritt weiter: Sie öffnen die IC-Gehäuse, trennen die Bonding-Drähte und bauen die Chips aus. Anschließend verdrahten sie diese in Gehäusen, die teurere Varianten vorgaukeln. Aus einem Cent-Artikel wird so ein viele Dollar teures Bauteil. Und die verkaufte Masse sorgt für Millionengewinne.

Es geht noch dreister: Robl kennt Fälle, in denen von Original-IC-Herstellern ausgemusterte, möglicherweise defekte Bauteile als Neuware in Umlauf gelangt sind. Dabei machte ein Recycling-Unternehmen mit Hehlern gemeinsame Sache.

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