Einstellungspraxis in agilen Zeiten

Taugt agile Software-Entwicklung für Kleinunternehmen und Mittelständler?

| Autor / Redakteur: Daniel Weuthen* / Ulrike Ostler

Was sollten Unternehmen beachten, damit aus agiler Entwicklung kein Teufelskreis wird?
Was sollten Unternehmen beachten, damit aus agiler Entwicklung kein Teufelskreis wird? (Bild: Oliver Boehmer - bluedesign/ Fotolia.com)

Mittelständische Software-Häuser nutzen vermehrt die Vorteile agiler Software-Entwicklung. Outsourcing kann dabei eine Option sein, wird in KMUs aber selten verwirklicht. Umdenken ist angesagt. Doch was soll eigentlich anders laufen?

Die Art und Weise wie Software entwickelt wird, verändert sich und wird auch in Zukunft für frischen Wind in Software-Firmen oder IT-Abteilungen sorgen. Das klassische Wasserfallmodell, planen, bauen, testen und schließlich zu veröffentlich, wird durch agile Methoden abgelöst. Das behaupten etwa die IT-Analysten von Forrester in ihrem Report „Predictions 2016: Modern Development goes Mainstream“.

Branchen-Insidern fällt dabei auf, dass immer mehr Unternehmen, von der mittelständischen Software-Schmiede bis zur internen IT in Konzernen, auf agile Projektmethoden setzen, falls sie sich nicht für ein Outsourcing der Entwicklung entschieden haben. Dass allerdings ist bis dato in kleinen und mittelständischen Entwicklungs-Häusern noch Zukunftsmusik und stark von der Geschäftsentwicklung und Auftragslage abhängig.

Angesichtes schneller Innovationszyklen und des Bedarfs an raschen Neuentwicklungen beziehungsweise Weiterentwicklungen bestehender Software als Antwort auf die Digitalisierung, erweisen sich traditionelle Modelle als ungeeignet. Teams, die „einen Schritt nach dem anderen machen“, nicht parallel an Entwicklung, Code Review sowie QA arbeiten und erst zum Ende des Projektes testen, können dem Innovationsdruck, durch technologischen Fortschritt, Kunden und unternehmensinterne Fachbereiche, nicht Stand halten.

Agile Projektmethoden erfordern Umdenken

Doch die Umstellung auf agile Projektmethoden ist keinesfalls einfach und erfordert ein grundsätzliches Umdenken beispielsweise in der Personalakquise: Agile Teams erfordern agile Entwickler.

Die Zeiten des Entwicklerteams, die „vor sich hin programmiert“ haben bis sie am Schluss den internen oder externen Stakeholdern das Ergebnis präsentiert haben, sind vorbei. Agile Software-Entwicklung setzt darauf, in kurzen, regelmäßigen Abständen den Projektverlauf auf den Prüfstand zu stellen und nach Entwicklungsintervallen, so genannten Sprints, jeweils ein Review durchzuführen. In kurzen Meetings, diese finden in der Regel täglich als „Stand-Up-Meetings“ statt, berichten die einzelnen Projektbeteiligten über den Status ihrer Arbeit, so dass schnell auf mögliche Probleme reagiert werden kann oder Hilfestellungen gegeben werden.

Projektverantwortliche sollten verstärkt darauf achten, dass die involvierten Entwickler nicht das Gefühl bekommen, erhöhter Kontrolle ausgesetzt zu sein. Dabei hilft es Teammitgliedern, die bisher noch nicht viel Erfahrung mit agilen Projektmethoden haben, wenn Projektverantwortliche noch einmal en détail erklären, wozu beispielsweise ein Kanban-Board dient und welche Vorteile es für das Team und das Projekt bringt.

Agile Unternehmen als Voraussetzung für agile Software-Entwicklung

So wie die Software-Entwicklung nach agilen Methoden Teamarbeit ist, so sollte auch der Recruiting-Prozess Teamarbeit sein. Denn agile Software-Entwicklung benötigt agile Unternehmen! Das beinhaltet die gemeinsame Erstellung eines Aufgaben- und Anforderungskataloges und das Zulassen von Individualität im Bewerbungsprozess.

Formalien rücken dabei in den Hintergrund und Bewerbern wird gestattet, ihre Qualifikationen auf individuelle Weise darzustellen. Eine frühzeitige Prüfung der Bewerbungsunterlagen sollte durch alle beteiligten Parteien erfolgen, genauso wie die Entscheidung pro oder contra eines Bewerbers.

Sobald Bewerber als geeignet erachtet werden, hat es sich in der Praxis als förderlich herausgestellt, sie frühestmöglich mit den potenziellen Kollegen zusammenzubringen. In einem „Kennenlerntag“ mit spezifischen Aufgabestellungen im Team, lässt sich auch mittels Feedback durch das Team, herausfinden, ob der Bewerber in das bestehende Team passt. Auch der Bewerber stellt auf diese Weise schnell fest, ob er in der vakanten Position und Firma das Klima und die Aufgabenstellung findet, die er erwartet.

Es lässt sich nicht vermeiden, dass eine Entscheidung auch gegen einen Bewerber erfolgen kann. In dem Fall empfiehlt es sich, ihm dieses persönlich und mit größtmöglicher Transparenz mitzuteilen. Auch abgelehnte Bewerber können zu positiven Botschaftern eines Unternehmens werden!

Daniel Weuthen ist Director of Engineering bei der Mailstore Software GmbH in Viersen.
Daniel Weuthen ist Director of Engineering bei der Mailstore Software GmbH in Viersen. (Bild: Mailstore Software GmbH)

Drei Fragen an Daniel Weuthen

Warum beschäftigen Sie sich als Leiter der Entwicklung mit dem Thema „Recruiting“?

Daniel Weuthen: Weil meine Arbeitsrealität zeigt, dass die Nachfrage nach Software-Entwicklern das Angebot übersteigt. Umso wichtiger wird es für Unternehmen, den Personalbedarf langfristig zu managen und hochqualifizierte Entwickler für sich zu gewinnen. Erfahrungsgemäß entscheiden sich junge Software-Entwickler gerne für eine Organisation, die agile Projektmethoden nutzt, da sie hier die Möglichkeit haben, fernab von starren Hierarchien, ihre Qualifikation in ein stark lösungsorientiertes Team einbringen zu können.

Auch bietet Agilität die Chance, „um die Ecke zu denken“, neue Lösungswege zu finden und seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Aus diesem Grund ist es ebenfalls zu empfehlen ein heterogenes Entwicklerteam, beispielsweise bezogen auf die Altersstruktur, zusammenzustellen. Die moderierte inhaltliche Auseinandersetzung von „alten Hasen“ und „Jungspunden“ führt zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung und -qualifikation des Teams.

Kommt der Impuls zu mehr Agilität in Unternehmen aus der IT?

Daniel Weuthen: Ich möchte das nicht pauschalisieren, aber grundsätzlich erlebe ich es besonders bei mittelständischen Entwicklungshäusern, so wie wir bei Mailstore eines sind, sehr häufig so. Die in Großkonzernen zu Anfang noch häufig auf die Personalabteilung beschränkte (Erst-)Auswahl von Mitarbeitern ist dazu selten optimal.

Kleinen und mittelständischen Betrieben fällt es erfahrungsgemäß leichter, ihre Personal-Sourcing und -Management-Strategien sowie die damit verbundenen Prozesse, neu auszurichten. Geschäftsführung, Personalabteilung und Fachabteilung sollten bereits in der Personalplanung sowie dann in den darauffolgenden Personalbeschaffungsprozess involviert sein, denn KMUs müssen die Software-Entwickler von morgen bereits heute finden, konkurrieren sie doch mit Big Playern um die High Potentials. Der Leitsatz “Individuals and interactions over process and tools” aus dem ‚Manifesto for Agile Software Development‘ sollte auch bei der Personalbeschaffung und der Zusammenstellung eines agilen Entwicklerteams gelten.

Was muss denn ein Entwickler mitbringen, damit er in ein agiles Team passt?

Daniel Weuthen: Natürlich sind die fachlichen Skills die Grundlage für ein erfolgreiches Entwicklerteam. Darüber hinaus benötigt es team- und kommunikationsfähige Entwickler, für die ein hohes Maß an Transparenz eine Selbstverständlichkeit ist und die sich nicht scheuen und auch eine Entscheidung zu revidieren beziehungsweise die Richtung zu ändern.

* Daniel Weuthen ist Director of Engineering bei der Mailstore Software GmbH in Viersen.

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posted am 23.08.2016 um 09:50 von Unregistriert


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