Hyperion-Analyst Bob Sorensen zum Quantencomputing Quanten-Überlegenheit ist Theorie und zweitrangig, die Schnelligkeit zählt

Autor / Redakteur: M.A. Jürgen Höfling / Ulrike Ostler

Nach Einschätzung von Hyperion Researcher Bob Sorensen sieht die übergroße Zahl von Anwendern Quantenrechner weniger als Weg in totales IT-Neuland, sondern eher als interessante Variante innerhalb von High-Performance-Computing.

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Die meisten Anwender sehen den Quantencomputer nicht als große Laserschau, sondern eher nüchtern als App-Beschleuniger
Die meisten Anwender sehen den Quantencomputer nicht als große Laserschau, sondern eher nüchtern als App-Beschleuniger
(Bild: Marcus_Klaus_pixelio.de)

Inmitten der derzeit weltweit vorherrschenden Quantencomputer-Euphorie blickt Bob Sorensen, Chief Analyst für Quantencomputing beim US-amerikanischen Marktforschungsunternehmen Hyperion Research, eher nüchtern auf die Lage, zuletzt beispielsweise auf dem „Quanten Summit“ des Branchenverbands Bitkom.

Sorensen führt aus, dass sich Quantencomputing – in welcher technischen Schattierung auch immer – in erster Linie an praxisnahen Anwendungen innerhalb der High-Performance-Computing-Szene beweisen muss. So jedenfalls nehme er, der aus der HPC-Analyse und Beratung komme, die Befindlichkeiten und Wünsche der entsprechenden Hyperion-Kunden wahr.

Die wirtschaftlichen und technischen Zukunftshoffnungen, die mit Quantencomputing einhergingen, seien gewaltig und beträfen eine große Zahl von Anwendungsgebieten. Entsprechend würden Forschungsenergie und Forschungsgeld in beträchtlichem Ausmaß weltweit in die verschiedenen Zweige der Quantentechnologie gepumpt- von der Quanten-Sensorik über Quanten-Kryptografie und Quantenkommunikation bis zum Quantencomputing.

Große Vielfalt bei den Hardware-Architekturen

Ganz im Gegensatz zu diesem regelrechten Forschungswettrüsten sieht der Hyperion-Analyst aber noch keine wirklich zwingenden Business Cases und finanziellen Vorteile für das Quantencomputing. Solche unmittelbar einleuchtenden Anwendungen und strategischen Vorteile seien indes absolut notwendig, wenn die gegenwärtige Euphorie nicht irgendwann abebben solle.

Darüber hinaus gäbe es derzeit bei der technologischen Umsetzung quantenphysikalischer Zustände in praktische Rechnerarchitekturen eine große Zahl von Ansätzen, die alle ihre Vor- und Nachteile hätten. Aber „natürlich schwören die jeweiligen Protagonisten auf den von ihnen gewählten Ansatz“. Niemand könne aber sicher sagen, welche Ansätze letztlich das Rennen machten, mehr noch: ob überhaupt einer von diesen Ansätzen das Rennen mache und nicht eine völlig neue technologische Idee.

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Diese Vielfalt bei der Hardware-Realisierungen hätten für die (potenziellen) Anwender auch positive Seiten. Aus der Perspektive des „Software-Stacks“ habe man eine breite Auswahl an Architekturen. Anders als in der klassischen IT müsse man sich nicht frühzeitig auf eine bestimmte Architektur festlegen, so der Hyperion-Mann.

Der Markt wächst, ist aber noch wenig stabil

Die derzeitigen Ansätze sind nach Meinung des Hyperion-Analysten jedenfalls durch viele ungeklärte technische Fragen, teilweise unklare Zielvorgaben, unbestimmte Zeitfenster und geringe organisatorische Systematik bei der Entwicklung von Algorithmen gekennzeichnet. Die Definition von Anwendungsfällen, für die man einen klaren Vorteil des Quantencomputing gegenüber anderen HPC-Ansätzen aufzeigen könne, sei schwierig und deshalb gebe es derzeit auch keinen stabilen Markt für Quantencomputing.

Gleichwohl wächst der Quantencomputing-Markt nach den Erhebungen von Sorensen von 320 Millionen Dollar im Jahr 2020 auf rund 830 Millionen Dollar im Jahr 2024. Der Push durch die weltweiten Regierungsprogramme sei gewaltig. Die übergroße Zahl der Anwender setzt dabei auf den Cloud-Zugang für Quantenrechner-Kapazitäten, wie ihn IT-Schwergewichte wie Microsoft, Amazon, Google oder Alibaba bieten.

Auch die Forschung brummt. Rund 17.000 Dokumente zum Thema Quantencomputing hat Hyperion in den letzten fünf Jahren weltweit gezählt, ein Großteil aus den USA und China, aber insgesamt seien auch Europa und andere Regionen gut mit dabei. Sorensen bekennt sich als „bisher stark US-fokussiert“, kündigt aber an, dass sich Hyperion und er in den nächsten Jahren verstärkt mit den Quantentechnologie-Initiativen in Europa beschäftigen würden.

Quantencomputing als App-Beschleuniger

Überraschende Zahlen konnte der Researcher von Hyperion in Sachen Kundenerwartungen präsentieren: Befragt wurden 140 Endanwender mit Workload-Anforderungen, die man dem HPC-Bereich zuordnen kann (siehe dazu auch die Ergebnisse der Bitkom-Umfrage: „Quantencomputer sollen für internationale Wettbewerbsfähigkeit sorgen; Bitkom erfragt die Chancen für das Quantencomputing“. Nur für 16 Prozent der Befragten war beim Quantencomputing die „Quanten-Überlegenheit“ (Quantum Supremacy) wichtig, also eine Leistung des verwendeten Quantenrechners, die traditionelle HPC-Systeme grundsätzlich nicht erreichen können.

Fast die Hälfte der Befragten (42 Prozent) wären schon sehr zufrieden, wenn der Quantenrechner für ihre Workloads 50-mal (oder noch weniger) schneller wäre als herkömmliche Hochleistungsrechner. Generell sieht die übergroße Zahl der Befragten den Quantencomputer als leistungsfähigen Beschleuniger für ihre Arbeitslasten und nicht als „Terminator“ des herkömmlichen HPC-Rechnens.

Die meisten der Quantenrechner-Anwender sind also (zumindest was die Ergebnisse der Hyperion-Umfrage betrifft) eher nüchtern in ihren Erwartungen. Man setzt auf den großen Sprung, das schon, aber erst einmal nicht auf den Sprung in Welten mit völlig neuen Maßstäben.

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