Interview mit Hartwig Bazzanella, Verband Innovatives Rechenzentrum

OpenStack - da kommt was auf die Anwender zu

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

(Bild: OpenStack)

OpenStack ist ein heißes Thema, mit der Anwendung aber zögern viele Anwender. Dafür gibt es durchaus gute Gründe, aber trotzdem sollte man sich eingehender damit befassen. Denn es geht um mehr als Hybrides oder Private Cloud Computing.

OpenStack ist das weltgrößte Open-Source-Projekt. Was hat es so wichtig gemacht?

Hartwig Bazzanella, Geschäftsführer von NCB New Consultancy in Business GmbH in Gärtringen und Mitglied im Vorstand des Vereins Innovatives Rechenzentrum VIRZ e.V.
Hartwig Bazzanella, Geschäftsführer von NCB New Consultancy in Business GmbH in Gärtringen und Mitglied im Vorstand des Vereins Innovatives Rechenzentrum VIRZ e.V. (Bild: Bazzanella)

Es ist sicher nicht das wichtigste Projekt, aber trotzdem sehr wichtig. Im Prinzip geht es um ein schon länger bestehendes Thema, nämlich die Automatisierung der IT von der Provisionierung bis zum Monitoring. Das Problem für alle RZs besteht darin, dass große Wettbewerber wie Amazon und Google in einer enormen Schnelligkeit die Anforderungen des Marktes erfüllen können, denn sie arbeiten mit Cloud-basierenden Microservices.

Kleine, weltweit verteilte Teams programmieren mit unterschiedlichen Programmiersprachen und Datenbanken überschaubare Services, die zusammengeführt werden. Google und Amazon sind dadurch in der Entwicklung wesentlich schneller und können Continuous Delivery wesentlich praktikabler nach vorne bringen als früher. Und damit sind wir wieder bei dem, was OpenStack möglich macht – eigentlich allen möglich macht.

OpenStack startete anfangs mit einer Orientierung auf Private Clouds. Das ist heute nicht mehr so eindeutig gegeben. In welche Richtungen gehen die Entwicklungen bei OpenStack?

Private Cloud, Hybrid Cloud oder Public Cloud - das ist aus Sicht von OpenStack alles das Gleiche. Cloud Computing zielt in aller Regel darauf ab, skalierbare Lösungen zu schaffen. Konkret geht es darum, den großen IT-Trend der letzten Jahre, die Virtualisierung, mit der Automatisierung zu verbinden: Die Idealvorstellung beim Bau einer Cloud ist es, Kunden die Möglichkeit einzuräumen, sich mit IT-Dienstleistungen selbst zu versorgen...

...nämlich sich aus verschiedenen Microservices die größeren Services zusammenzustellen, die er gerade braucht.

Genau das ist der Grund, warum Mirantis, ein reiner Software-Anbieter und sehr engagiert im OpenStack-Projekt, dem Beispiel von Amazon und Google folgt. Mirantis hat kürzlich das Prager Unternehmen TCP Cloud übernommen, das auf OpenStack-Managed-Services, OpenContrail und Kubernetes spezialisiert ist. ´Kubernetes` wird von Google entwickelt und ist ähnlich wie ´Giant Swarm` für das Betreiben von Microservice-Anwendungen gedacht, die aus mehreren Container bestehen und über mehrere Rechner hinweg laufen.

Kubernetes stellt unter anderem Funktionalitäten bereit, um Anwendungen auszuliefern, zu betreiben und zu skalieren. Das ist im Prinzip der Nachfolger der Virtualisierung. Die Integration seiner Continuous-Delivery-Technik mit Mirantis OpenStack soll das Management der Kundeninfrastrukturen „als Code“ und kontinuierliche Upgrades vereinfachen. Mirantis dürfte damit ganz massiv nach vorne kommen.

Public Clouds sind gehemmt durch den Verdacht, zu neuen Abhängigkeiten von IT-Anbietern zu führen. Kann man sich bei OpenStack auf das Offenheitsversprechen von Open Source verlassen?

Viele Hersteller, zum Beispiel Netapp, HPE, Cisco und viele andere, verwenden eine kommerziell angepasste OpenStack-Version, die natürlich auf die Hardware des jeweiligen Herstellers ausgerichtet ist. Hier ist der Open-Source-Gedanke Makulatur, da eine Kompatibilität nicht mehr gewährleistet wird. Es entsteht ein gewisses Vendor Lock-in.

OpenStack steht im Ruf, sehr komplex zu sein, weswegen Anwender dazu neigen könnten, sich in die Arme großer IT-Anbieter zu flüchten.

Ja, OpenStack ist komplex. Vor allem Hersteller, die ihre Produkte zusammen mit ihrer OpenStack-Lösung verkaufen, versuchen die Komplexität auf das Wichtigste zu reduzieren. Was das ist, ist aber immer eine Auslegungssache der Hersteller. Und das läuft dann auf eine Verbindung mit Produkten dieser Hersteller hinaus. Wenn mit diesen Produkten eines Herstellers gearbeitet wird, kommt man da kaum mehr heraus.

Ist die Nutzung von OpenStack-Appliances eine Hilfe, oder liegen die Startschwierigkeiten auf Gebieten jenseits der Installation?

Appliances machen den Start nicht wirklich einfacher. Am Anfang gibt es eine riesengroße Hürde, die sich fast nur mit externen Unterstützung meistern lässt. Danach werden aber die Betriebskosten deutlich sinken, und Vorteile der automatisierten Provisionierung usw. greifen bei der Anpassung an die Kundenwünsche, so dass ungeahnte neue Geschäftsmodelle entstehen. Aber man begibt sich durch eine Appliance in eine Hardware-Abhängigkeit.

Besteht die Lock-in-Gefahr nicht auch auf der Softwareseite?

In jedem Fall wird man sich in eine Abhängigkeit von einem Hersteller begeben, auch, wenn es nur, wie bei Mirantis, um Software geht. Wer garantierten Service für eine Software haben will, ist gezwungen, dafür zu einer Firma zu gehen, die solch einen Service anbieten. Und da fängt das Problem dann an. Aber diese Entscheidung gab es im Open-Source-Bereich schon immer. Sich zum Beispiel an Suse oder Red Hat zu halten macht nicht freier, man muss ein gewisses Maß an Abhängigkeit akzeptieren.

Ist OpenStack gewissermaßen der Zeit voraus? Viele Anwender dürften froh sein, dass sie die Virtualisierung realisiert haben, und beschäftigen sich jetzt mit ´Docker` und anderen Container-Techniken.

Auch bei Google und Amazon haben Docker-Themen Priorität, denn Container bringen weitreichende Vorteile. So dauert die Umsetzung einer produktiven SAP-Umgebung in eine Testumgebung schon mal drei Wochen. Mit der Docker-Technologie dauert es 15 Minuten. Schon daraus ergibt sich ein immenser Markt.

Können nur große Anwenderunternehmen mit entsprechend mehr Personal und Know-how die Komplexität meistern?

Nein, wir arbeiten beispielsweise mit einem Partner zusammen, der die OpenStack-Technik für seinen Mikro-RZ-Betrieb verwendet. Diese Firma hat 30 Mitarbeiter, fast alle wurden direkt von der Hochschule übernommen und sind fasziniert von der neuen Technik. Die denken sich immer neue Themen und Services aus und realisieren sie.

Sollten sich Anwendern für die OpenStack-Implementierung an IT-Hersteller oder qualifizierte Beratungsunternehmen wenden?

Wer sich in die Abhängigkeit begeben und in die Lock-in-Falle treten möchte, spricht einen Hersteller an. Wer diese Abhängigkeit nicht möchte, sucht unabhängige Berater, die leider ganz rar gesät sind. Hier ist auch die Qualität ausschlaggebend, da der Lernaufwand nicht unbeträchtlich ist.

Das Interesse der IT-Spezialisten an OpenStack scheint groß zu sein, aber immer wieder werden Schulungen mangels Anmeldungen abgesagt. Was ist da los?

Viele Anwenderunternehmen wissen noch gar nicht, was zum Beispiel mit Microservices auf sie zukommt. Sie ahnen nicht, wie ihnen OpenStack helfen kann, die Herausforderungen zu meistern. Sie haben das Problem, die unerbittliche erste Hürde nehmen zu müssen – und machen deshalb nichts. Noch ist der Druck der Kundenanforderungen nicht groß genug, dass manche RZ-Betreiber diesen Aufwand auf sich nehmen.

Was kann die IT-Anbieterseite selbst tun, um mehr Fachkräfte auszubilden?

Es gibt recht wenige Ausbildungsmöglichkeiten zu dieser modernen Art und Weise, ein RZ zu betreiben. Ich bin Mitglied des Vorstands im Verband Innovatives Rechenzentrum e.V., VIRZ. Wir haben dieses Thema auch erkannt und gehen es an. Zusammen mit der Technischen Hochschule Deggendorf bieten wir zusammen im zweiten Quartal 2017 ein viertägiges Seminar zum Thema DC Technology an.

Darin beleuchten wir alle Themen im RZ vom Prozess über die IT-Strategie bis zur Festlegung der Systemarchitektur und einer Orchestrierung über OpenStack bis hin zur Verkabelung, der Elektro- und Kälteversorgung und dem Gebäude selbst. Darüber hinaus planen wir für 2017 die Durchführung eines Bachelor-Studienganges der 2018 starten könnte. Unsere Idee ist es, diesen Studiengang als berufsbegleitenden Studiengang anzubieten.

Hinweise: Hartwig Bazzanella wird auf demDataCenter Day 2016“, am 25. Oktober 2016 im Vogel Convention Center (VCC) Würzburg, anwesend und mit einem Vortrag zum Thema vertreten sein. (Bewerbungen um VIP-Karten sind noch möglich.)

Der nächste „OpenStack Summit“ findet in Barcelona statt, vom 25. bis zum 28. Oktober 2016.

* Das Interview führte Ludger Schmitz, freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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