Investoren willkommen, Umweltschutz auch Norwegen weitet die Strategie zur Datacenter-Ansiedlung aus

Autor: Ulrike Ostler

In Norwegen hat die Regierung ihre Strategie in Bezug auf Digitalisierung und Rechenzentren erneuert. Wie Linda Hofstad Helleland, Ministerin für regionale Entwicklung und Digitalisierung, im Vorwort des entsprechenden Papiers „Norwegian data centres – sustainable, digital power centres“ sagt, könne die Digitalisierung der Ökonomie bis 2030 zu einem doppelten Anstieg des BIP führen.

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Das Digiplex-Rechenzentrum in Fetsund, Gemeinde Lillestrøm.
Das Digiplex-Rechenzentrum in Fetsund, Gemeinde Lillestrøm.
(Bild: Norwegian data centres – sustainable, digital power centres)

Norwegen hat als eines der ersten Länder 2018 eine eigene Strategie für Rechenzentren eingeführt. Das Ziel der Strategie war es, neue Industrien anzuziehen und zu entwickeln, die Arbeitsplätze schaffen und zu einem zusätzlichen grünen Wachstum in Norwegen beitragen.

So bestünden heute in der Rechenzentrumsbrache selbst derzeit rund 2.400 Arbeitsplätze. Die Regierung geht davon aus, dass diese Zahl bis 2025 auf 11.000 ansteigen wird. „Rechenzentren sind wichtige Bausteine unserer digitalen Infrastruktur. Ohne die Rechenzentrumsbranche würden wichtige Bereiche der Gesellschaft im Gesundheits-, Energie- und Verkehrssektor nicht mehr funktionieren. Während der Pandemie war der Bedarf an Rechenleistung enorm. Norwegen muss eine wichtige Rolle bei der weiteren Entwicklung dieser Industrie spielen“, so Ministerin Helleland.

Um den Bedarf zu untermauern, enthält das Regierungspapier eindrucksvolle Beispiele, wie das von Google: So werden weltweit pro Sekunde etwa 40.000 Suchanfragen bei Google gestellt. Gleichzeitig werden jede Stunde 300 neue Videostunden auf Youtube veröffentlicht. Die Firma produziert smarte Sensoren und misst täglich mehr als 5 Quintillionen Bytes an Daten.

Der Bedarf weltweit, in der EU und in Norwegen wächst

Doch insgesamt sorgt die datengesteuerte Wirtschaft für zusätzliche Nachfrage nach Rechenzentren. Viele wichtige Funktionen in der Gesellschaft, wie das Gesundheitswesen, die Polizei und der Verkehr, sind längst auf die Dienste von Rechenzentren angewiesen. Fast alle wirtschaftlichen Transaktionen in Norwegen würden bereits elektronisch über Systeme abgewickelt, die von Datenzentren abhängen. Bis zum Frühjahr 2021 werden 97 Prozent der Zahlungen in Norwegen digital erfolgen.

Die Europäischen Kommission (2020) schätzt, dass der Wert der Datenwirtschaft in der EU von 301 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf 829 Milliarden Euro im Jahr 2025 steigen wird. Eine weiter aus Dänemark stammende Schätzung aus dem Jahr 2019 besagt, dass die norwegische `Datenwirtschaft´ bis 2020 ein jährliches BIP-Wachstum von rund 150 Milliarden Dänische Kronen (rund 20.167.278.645 Euro) und rund Hunderttausend Arbeitsplätze schaffen würde, mit einem potenziellen Wachstum von bis zu 300 Milliarden DKK ( 40.334.572.680 Euro) bis 2030.

Investoren anlocken!

Die Regierung hat sich nun in sechs Aktionspunkten verpflichtet, die Rechenzentrumsansiedlung zu fördern: Dazu gehört, die Werbung für das Land zu verstärken, zum Beispiel durch Invest in Norway, Leitfäden in englischer Sprache für ausländische Investoren zu erstellen. Doch auch in Norwegen machen sich die Verantwortlichen Gedanken um die Umweltverträglichkeit der Datacenter.

So sollen Anforderungen an die Betreiber eingeführt werden, die Nutzung überschüssiger Wärme wird evaluiert, eine Wärmekarte erstellt. Um Maßnahme das zu unterstützen, soll die Zusammenarbeit mit einem öffentlichen Ausschuss initiiert werden, der etwa die Lizenzierung von Netzanschlüssen zu bewerten soll. Insgesamt wurden in den vergangenen beiden Jahren bereits 2,7 Milliarden Norwegische Kronen (256.510.255 Euro) investiert und 18 neue Einrichtungen im ganzen Land errichtet. Dazu gehören Ankündigungen von Bulk Data Centers, Green Mountain und Digiplex.

Nach Angaben des IT-Unternehmens Cisco ist die Zahl der großen Hyperscale-Rechenzentren weltweit von 259 im Jahr 2015 auf 597 bis Ende 2020 gestiegen. Das Analyseunternehmen Gartner schätzt, dass der Umsatz mit Cloud Computing bis 2021 um 23 Prozent auf 332 Milliarden Dollar steigen wird.

Auflagen für die Datacenter-Betreiber

Doch auch in Norwegen hat man nicht nur große Rechenzentren im Blick. Sie heißt es im Regierungspapier: „Die Größe eines Rechenzentrums kann von einem kleinen Kellerraum bis zu großen Hallen mit Hunderttausenden von Quadratmetern reichen. Ein Rechenzentrum kann Teil der internen Infrastruktur eines Unternehmens sein, oder es kann ein vernetzter Dienst in Form von Rechenzentrumsangeboten sein, die an externe Kunden geliefert werden.“

Norwegen sei ein idealer Standort für `grüne´ und effiziente Rechenzentren, dank des kalten Klimas, der 98prozentigen Stromversorgung aus erneuerbaren Quellen, der wettbewerbsfähigsten Strompreise in Europa sowie der proaktiven Unterstützung der norwegischen Regierung für das Rechenzentrumssegment, zitiert das Medium „Capacity“ Carl von Hessen von der deutschen Firma AQ Compute, die eine 5.000 Quadratmeter große Anlage in der Gemeinde Ringerike baut.

„Wir sind davon überzeugt, dass sich Norwegen im Zuge der zunehmenden Digitalisierung unserer Wirtschaft zu einem wichtigen Knotenpunkt für Rechenzentren in Nordeuropa entwickeln wird. Wir von AQ Compute freuen uns, zusammen mit einem bereits gut etablierten Rechenzentrums-Ökosystem, das aus nationalen und internationalen Marktteilnehmern besteht, Teil dieser Entwicklung zu sein“, so von Hessen weiter.

Das Strategiepapier der norwegschen Regierung bezüglich des Ausbaus der Rechenzentrumsbranche.
Das Strategiepapier der norwegschen Regierung bezüglich des Ausbaus der Rechenzentrumsbranche.
(Bild: Norwegian data centres – sustainable, digital power centres)

Obwohl Norwegen immer noch ein Erdöl exportierendes Land ist, hängt das norwegische Stromnetz hauptsächlich von der Wasserkraft ab, aber auch von Wind, Bioenergie und Gas. Damit hatte Norwegen im Jahr 2020 den höchsten Anteil an Strom aus erneuerbaren Quellen in Europa und die niedrigsten Emissionen aus dem Energiesektor.

Das bedeutet, dass ein großer Teil - wenn auch nicht alle - der schweren Aufgabe der Nachhaltigkeit bereits in Angriff genommen wurde, ohne dass die Industrie die Initiative ergreifen musste. Wärme- und Wassernutzung stellen jedoch immer eine Herausforderung dar. Der Co-Location-Anbieter Green Mountain ist Anfang dieses Jahres eine Partnerschaft mit der Norwegian Lobster Farm eingegangen. Die Abwärme aus dem Rechenzentrum soll in der weltweit ersten Hummerfarm „an Land“ verwendet werden.

Hellebrand denkt tatsächlich an die Chancen in ländlichen Regionen, wenn dort Rechenzentren angesiedelt werden. Sie sagt: „Wir müssen die norwegischen Energieressourcen nutzen, um neue grüne Industrien in ländlichen Gebieten zu entwickeln und internationale Investitionen anzuziehen. Norwegen hat sehr gute Voraussetzungen, um seinen Marktanteil innerhalb einer großen internationalen Industrie zu erhöhen.“

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Über den Autor

 Ulrike Ostler

Ulrike Ostler

Chefredakteurin Datacenter-Insider, Vogel IT-Medien GmbH/ DataCenter-Insider