Rittals Engagement bei OCP

"In Zukunft auch für Co-Locator"

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

OCP (Open Compute Project) entwickelt völlig neue Konzepte für die Informationstechnik im Rechenzentrum
OCP (Open Compute Project) entwickelt völlig neue Konzepte für die Informationstechnik im Rechenzentrum (Bild: gemeinfrei Pixabay / Pixabay)

Der IT-System- und Lösungsanbieter Rittal aus Mittelhessen engagiert sich seit 2012 im Open-Compute-Projekt. Die Open-Source-Spezifikationen, die momentan vor allem bei Hyperscalern anwendung finden, schicken sich an, auch andere Rechenzentren zu erobern.

  • Was macht OCP?
  • Wie ist der aktuelle Stand bei OCP-Racks?
  • Und was macht Rittal bei OCP?
  • Eignet sich die Technologie tatsächlich nur für Hyperscaler?

Über diese und andere Themen rund um das Rittal OCP-Engagement sprach Ariane Rüdiger für DataCenter-Insider mit Caleb Lusk, Engineering Consultant für OEM Datacenter Solutions, Rittal North America. Beim Open Compute Project ist er zudem der Projektleiter für die Arbeitsgruppe Rack& Power, zu der unter anderem auch die IT-Schränke gehören.

Können Sie uns etwas zur Geschichte von OCP und der Geschichte von Rittal im Zusammenhang mit OCP erzählen?

Caleb Lusk: Gern. OCP, das Open Compute Project, war eine Erfindung von Facebook und begann 2011. Im Grunde ging es darum, alle bis dahin bewährten Praktiken im Rechenzentrum grundlegend in Frage zu stellen und zu überlegen, ob man das angesichts der neuen Dimensionen nicht besser machen kann. Ziel war, den Betrieb von Rechenzentren kostengünstiger, effizienter und voll standardisiert zu gestalten.

Es entstanden zehn Arbeitsgruppen, darunter Rack&Power, die an ihren jeweiligen Themen weiterentwickeln. Rittal kam 2012 dazu und hat sich als Gold Partner bislang höchst aktiv eingebracht, insbesondere in der Arbeitsgruppe Rack& Power, zu deren Leitern ich gehöre. Derzeit ist OCP-Spezifikation Version 3 in Arbeit. Version 2 wird aktiv gefertigt.

Fertigt Rittal selbst OCP-Schränke, wenn ja wo, und welchen Anteil haben sie am gesamten Schrankabsatz?

Caleb Lusk: Ja, wir fertigen selbst seit 2014 - derzeit an zwei Standorten und gemäß OCP Version 2: einmal in Plymouth, Großbritannien, und einmal in Ohio, im gleichnamigen Bundesstaat der USA. Der Anteil von OCP-Schränken an unserem gesamten Schrankumsatz dürfte bei rund 15 bis 20 Prozent liegen.

Wen beliefern sie derzeit mit diesen Produkten?

Caleb Lusk: Die gehen schon hauptsächlich an Hyperscaler. Auch Microsoft hat in seinem Olympus-Projekt, das die Server-Hardware für die nächste „Azure“-Generation entwickelt, OCP-Standards verwendet und hat die Dinge, die dort erarbeitet wurden, an OCP gegeben.

Aber wir gehen davon aus, dass in Zukunft auch die Kolokateure einsteigen. Wir unterhalten deshalb ein OCP-Experience-Center mit dem niederländischen Provider Circle B und haben erst vor einigen Wochen in San José, Kalifornien, ein zweites Democenter eingerichtet. Seit Januar 2019 haben wir OCP-Hardware serienmäßig im Portfolio.und verkaufen diese auch an andere Kunden als Hyperscaler.

OCP ist für sie interessant, weil Server und Speicher in den Schaltschränken keine eigenen Netzteile mehr benötigen, sondern n über in die Racks integrierte Gleichstromschienen versorgt werden. Der Effizienzgewinn liegt im Schnitt bei circa fünf Prozent des Gesamtstroms.

OCP Experience Center eröffnet

Showcase für das Open Compute Project

OCP Experience Center eröffnet

01.10.18 - Rittal, Circle B und Switch Datacenters haben heute in Amsterdam ein OCP Experience Center errichtet. Das Akronym OCP steht für Open Compute Project und die drei Unternehme wollen zeigen, was das kann. lesen

Gibt es Konkurrenten?

Caleb Lusk: Natürlich. Unser wichtigster ist im Moment Delta Electronics.

Was sind denn die Hauptvorteile, von denen Anwender der OCP-Technologie profitieren?

Caleb Lusk: Sie können dichtere und einfacher zu bestückende Systeme bauen. Die OCP-Schränke haben genau wie die Schränke in der klassischen 19-Zoll-Technik ein Außenmaß von 600 Millimetern, das sind 24 Zoll. Bei 19-Zoll-Technik ist aber das Innenmaß, das über die Größe der Geräte, die ich hineinstellen kann, entscheidet, nur 19 Zoll.

Das reicht bestenfalls für zwei Komponenten nebeneinander. Bei OCP sind es 21 Zoll, eingebaut werden dann drei Komponenten nebeneinander, die jeweils sieben Zoll breit sind.

Führt die größere Dichte nicht automatisch zu mehr Hitze, und wenn ja, wie kommt man der bei?

Ein OCP-2-konformes Rack von Rittal
Ein OCP-2-konformes Rack von Rittal (Bild: Rittal)

Caleb Lusk: Natürlich entsteht in so dichten Systemen mehr Wärme. Aber diese Wärme wird besser abgeführt. Denn im Gegensatz zum 19-Zoll-Rack hat das OCP-Rack keinen Kabelbaum, sondern eine modulare Stromschiene, jeweils eine für die zwei Stromversorgungsbereiche in einem normal hohen Rack.

Man kann die Systeme einfach hineinstecken, und sie kontaktieren automatisch die Stromschiene. Dafür muss man den Kontakt noch nicht einmal im Blick haben. Das nennt man eine „Blind-Mate-Connection“. Weil es kein Kabel gibt, kann die Abluft ungehindert hinten aus den Systemen fließen.

Wann ist damit zu rechnen, dass OCP 3 kommt, und was wird sich bei der kommenden Version gegenüber dem jetzigen Zustand verändern?

Caleb Lusk: OCP Version 3 ist derzeit noch ein Framework, das mit Details gefüllt wird. Unsere Gruppe arbeitet an solchen Details wöchentlich. Wir hoffen, dass noch in diesem Jahr der Standard fertiggestellt wird. Dann können die Konformitätstests von OCP-Schränken beziehungsweise Schrankkonzepten beginnen. Das dauert also noch. Erst kürzlich wurde die erste Version von OCP 3 bekannt gemacht.

Können Sie Details zu den vorgesehenen Veränderungen nennen?

Caleb Lusk: Ich beschränke mich hier auf die angedachten Veränderungen im Bereich Rack&Power, weil ich mich hier am genauesten auskenne. Verändert wird vor allem das Kühlkonzept wegen des immer mehr steigenden Strombedarfs durch Anwendungen mit extremer Leistungsanforderung wie Online-Gaming, Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR).

Das entwickelt die Untergruppe Advanced Cooling Systems. Man kommt langsam zu der Erkenntnis, dass die heutigen Rechendichten mit Luftkühlung nicht mehr zu schaffen sind. Es sind daher drei sehr unterschiedliche, nicht auf Luftkühlung basierende Varianten vorgesehen, von denen jedes OCP-Rack zwei unterstützen muss.

Welche sind das?

Caleb Lusk: Einmal die so genannte Cool Plate, also eine Direktwasserkühlung des Prozessors. Dafür müssen OCP-Racks zukünftig entsprechende Anklick-Anschlüsse für die Wasserzu- und -abfuhr haben. Sie müssen ohne Hinsehen anschließbar sein, und man muss ein Modul durch einfaches Herausziehen von der Wasserversorgung trennen können.

Die zweite Technologie ist ein in Vorder- oder Rückseitentür integrierter Wärmetauscher. Diese Technologie erfordert beispielsweise besonders stabile Türangeln, da eine solche Tür erheblich mehr wiegen dürfte als eine normale Schaltschranktür.

Schließlich wird noch die Immersionskühlung angedacht, bei der die rechnenden Komponenten vollständig in eine Kühlflüssigkeit getaucht werden. Allerdings dürfte die sich nur in einigen Fällen, wenn ganz besonders hohe Rechenleistungen gebraucht werden, lohnen, denn man benötigt ein komplett anderes Systemdesign, das nichts mehr mit den üblichen Schränken zu tun hat. Rittal arbeitet an der ersten und zweiten Variante.

Wie weit ist die Entwicklung bei der Immersionskühlung?

Der Marktanteil von OCP-Hardware soll sich laut IHS Markit bis 2021 im Verhältnis zu 2017 von 1,2 auf 6 Milliarden Dollar etwa verfünffachen.
Der Marktanteil von OCP-Hardware soll sich laut IHS Markit bis 2021 im Verhältnis zu 2017 von 1,2 auf 6 Milliarden Dollar etwa verfünffachen. (Bild: IHS Markit)

Caleb Lusk: Für die Immersionskühlung werden jetzt Bauformen entwickelt, bei denen die Stromschiene mit im Flüssigkeitstank liegt. Das gab es bisher nicht, die Stromversorgung wurde anders geregelt.

Was ist eigentlich aus Open-19 geworden, wo Rittal ja auch mitgewirkt hat?

Caleb Lusk: Open-19 ist eine Initiative von Linkedin, wobei es hier vor allem um eine schnellere Montage der Schränke im Rechenzentrum ging, weniger um komplett neue Konzepte. In diese Schränke passen die gängigen 19-Zoll-Module.

Geändert wurde die Verkabelung, sie ist vorverlegt und muss beim Bestücken des Schranks nur noch eingesteckt werden. Open-19 bringt sein Wissen jetzt auch in OCP ein. Wir waren und sind Mitglied in Open-19, sind hier aber nicht so aktiv wie bei OCP .

Wie sehen Sie die OCP-Marktentwicklung?

Caleb Lusk: Hier kann ich mich nur auf allgemein zugängliche Zahlen berufen. Danach ist allerdings in den nächsten Jahren ein starkes Wachstum zu erwarten. IHS Markit geht von einem Anstieg des weltweiten Marktvolumens für die gesamte OCP-konforme Hardware auf sechs Milliarden Dollar aus. 2017 waren es nach demselben Marktforschungsunternehmen noch 1,2 Milliarden Dollar.

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