Mehr Vertrauen durch Automation Blockchain in der chemischen Industrie

Autor / Redakteur: Dipl. Betriebswirt Otto Geißler / Peter Schmitz

Die Chemiewirtschaft erhofft sich durch die Blockchain-Technologie insbesondere Prozessverbesserungen, Kosteneinsparungen sowie Innovationen im Produktbereich als auch im Vertrieb. Der Ansatz soll als wesentliche Voraussetzung zum Aufbau wettbewerbsfähiger Supply Chains beitragen.

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Die innovative Blockchain-Technologie bietet Perspektiven zur Effizienzsteigerung sowie neue Wege, um das Vertrauen in die Lieferketten der Chemiewirtschaft zu steigern.
Die innovative Blockchain-Technologie bietet Perspektiven zur Effizienzsteigerung sowie neue Wege, um das Vertrauen in die Lieferketten der Chemiewirtschaft zu steigern.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Blockchain beziehungsweise Distributed Ledger Technology (DLT) ist eines der ganz großen IT-Themen des Jahrzehnts. In einem Blockchain-Netzwerk können sich verschiedene Teilnehmer mit unterschiedlichen Zielsetzungen auf Basis gemeinsamer Vereinbarungen auf einen Konsens mit nur sehr schwer manipulierbaren Einträgen einigen.

Patenrechte und Forschungsprojekte als Use Cases

Daraus ergibt sich gerade für die Chemiewirtschaft eine Reihe von attraktiven Anwendungsfällen. Beispielsweise können geltende Patentrechte samt den damit verbundenen Lizenzzahlungen deutlich einfacher und konfliktfreier geregelt und vor allem letztlich automatisiert werden. Installierte „Smart Contracts“ regeln auf der Blockchain die Urheberrechte an Produkten oder Services und führen die jeweils fälligen oder regelmäßigen Zahlungen an die Urheber aus.

Wobei „Smart Contracts“ wie Verträge fungieren und als „Wenn-Dann-Bedingungen“ innerhalb der Datenblöcke einer Blockchain abgespeichert werden. Somit kann ein „Smart Contract“ automatisiert im Falle eines definierten Ereignisses Entscheidungen treffen und entsprechend definierte Konsequenzen auslösen. Zum Beispiel ein Anwender erwirbt ein Produkt und die dafür erforderliche Lizenzzahlung wird beim Kauf oder im Anschluss mit der Nutzung vollautomatisch ausgelöst.

In einem Blockchain-Netzwerk ist es ebenfalls möglich, dass sich verschiedene Parteien in einem Forschungsprojekt auf eine gemeinsame, nicht korrumpierbare Datenbasis verlassen können. Das heißt, diese Grundlage kann nicht nur für eine externe Beglaubigung, sondern auch als interner Mitwirkungsnachweis dienen. Die Blockchain stellt damit den Schutz von geistigem Eigentum in (offenen) innovativen Netzwerken bzw. -konsortien als auch einen kompletten Informationsaustausch - in Echtzeit sicher.

Produktions- und Anlagen-Management

Mithilfe einer Blockchain lässt sich zum Beispiel in Asset Intelligence Networks (AIN) der Informationsaustausch zwischen Herstellern, Anlagenbetreibern und Dienstleistern manipulationsfrei dokumentieren und wahrheitsgemäß nachvollziehen. Damit können Leistungen der Instandhaltung wie Reparaturen oder die Verwendung von Originalersatzteilen als auch Garantie- sowie Versicherungsansprüche manipulationsfrei belegt werden. Datensätze der Blockchain liefern eine sichere Grundlage nicht nur für Eigentumsrechte, den Buchwert von Assets, sondern auch für nutzungsbasierte Abrechnungsmodelle.

Blockchain als Use Case für Supply Chains

In der chemischen Industrie gehören sichere und effiziente Lieferketten zu den wichtigsten Schlüsselfaktoren. Wobei vertrauenswürdige Lieferantenbeziehungen, länger gewordene Transportwege, zunehmende Ansprüche an die Produktqualität sowie eine wachsende Zahl von Zwischenakteuren heute eine immer wichtigere Rolle spielen.

Die Technologie kann im Wesentlichen für folgende Funktionen zum Einsatz kommen: Qualitative Prüfung der Rohstoffquellen, Rückverfolgung der verarbeiteten Chemikalien, Erkennung gefälschter Chemikalien und Gewährleistung einer hohen Produktqualität für die Kunden. Die Blockchain übernimmt zu diesem Zweck die fälschungssichere und verschlüsselte Dokumentation der Lieferkettendaten.

Darin werden zum Beispiel Daten wie der geografische Aufenthaltsort einer Chemikalie, die dort herrschende Temperatur oder Luftfeuchtigkeit zu einem bestimmten Tag und einer bestimmten Uhrzeit festgehalten. Auf diese Weise wird gegenüber den Lieferanten, Kunden und Zwischenhändlern eine „Single Source of Truth“ über Lieferketteninformationen geschaffen, die für alle Beteiligten viel Vertrauen entstehen lässt.

Transparenz durch alle Lieferketten

Die Performanz der Blockchain ist ideal, um den komplexen Logistikprozess in der chemischen Industrie durch Tracking und Tracing transparent zu machen und vor allem Mängel oder Schäden in quasi Echtzeit zu erkennen. Verweilt ein Rohstoff oder Produkt etwa zu lange unter ungünstigen Lagerbedingungen, so wird der daraus resultierende Schaden nicht erst Wochen später entdeckt, sondern sofort beim Auftreten der Schädigung durch den Sensor im Container ....

Diese Anzeige oder Meldung kann in der Folge nicht mehr manipuliert werden. Eine Authentifizierung der zu verarbeitenden Rohstoffe unterstützt zudem die Einhaltung von Ethik- und Nachhaltigkeitsstandards wie die Ablehnung von Rohstoffen wegen unfairer Handelspraktiken oder Konfliktpotenzial aufgrund von Kinderarbeit und mehr.

Kosten-Nutzen-Verhältnis der Blockchain

Solche Sicherheitsnachweise oder Dokumentationen der Prüfergebnisse in der Blockchain gelten häufig als extrem aufwendig, was die dazu benötigte IT-Aufrüstung und vor allem Rechnerleistung angeht. Gegen diesen Einwand lassen sich im Wesentlichen zwei Argumente anführen: Erstens belegen die zahlreichen Pilot-Projekte der chemischen Industrie, dass der Aufwand im Vergleich zum Nutzen nicht so unrentabel sein kann und zweitens sind die potenziellen Schäden bei weitem höher als der Aufwand.

Solche Schäden können bei zunehmender Produktpiraterie, gefälschten Produkten, zu spät bemerkten Lieferausfällen oder sonstigen PR-Skandalen schnell in die Millionen gehen. Das ist den Herstellern bewusst. Doch nicht nur große Hersteller, auch kleinere Lieferanten können von einer Blockchain profitieren! Denn die Blockchain-Technologie ist nur sinnvoll, wenn sie von mehreren Unternehmen kooperativ im Einsatz gehalten wird.

Da die Produktskandale in diesem Bereich auch in Zukunft nicht abreißen werden, ist es zu erwarten, dass die Märkte auch weiterhin sehr sensibel auf negative Nachrichten reagieren. Denn wer kann heute noch garantieren, dass in den Produkten noch alle Inhaltsstoffe in der ausgewiesenen Menge enthalten sind? Firmen loben dies gerne vollmundig in gefällig designten Werbeanzeigen aus, die Blockchain liefert dazu den unumstößlichen Beweis – und das noch in Echtzeit!

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