Aus einem Bank-Datacenter wird ein Co-Location-Rechenzentrum

Aus alt mach neu – Keppel baut Citibank-Datacenter um

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Der leerer Rechnersaal des „FDC1“ mit schwarz gestrichener Decke ist mit einem diagonal angebrachtem LED-Leuchtensystem versehen, das sensorgestützt nur da Licht erzeugt, wo sich jemand bewegt.
Der leerer Rechnersaal des „FDC1“ mit schwarz gestrichener Decke ist mit einem diagonal angebrachtem LED-Leuchtensystem versehen, das sensorgestützt nur da Licht erzeugt, wo sich jemand bewegt. (Bild: Keppel Data Centres)

Beim Aufbau seines ersten deutschen Rechenzentrums nutzte der asiatische Anbieter Keppel Data Centres (KDC) aus Singapur ein bestehendes Gebäude, das nun auf eine Co-Location-Infrastruktur umgerüstet wird. Das Rechenzentrum gilt als besonders sicher und versteckt ein paar Überraschungen, etwa Löschen mit Sprühnebel im Rechnerraum.

Als im Gefolge der Finanzkrise der Jahre 2008/2009 das Rechenzentrum des Finanzinstituts in Frankfurt plötzlich zu groß dimensioniert war, weil die Kunden ausblieben, wurde für das mit moderner Technik ausgerüstete Zweckgebäude ein neuer Käufer gesucht. Der fand sich 2017 in Gestalt des Kolokateurs Keppel Data Centres (KDC) aus Singapur, der aktuell in Europa auf Expansionskurs ist.

Keppel baut sich einen Brückenkopf aus Singapur

Ein Herz für Mittelständler, und Preistransparenz im Co-Location

Keppel baut sich einen Brückenkopf aus Singapur

08.06.18 - Mit einem ungewöhnlichen Preismodell will Keppel Datacenters in Deutschland Enterprise-Kunden gewinnen. Das neue Frankfurter Rechenzentrum des Co-Locators ist die erste deutsche Niederlassung des Rechenzentrumszweigs des traditionsreichen asiatischen Konzerns. lesen

Eine Halle mit rund 2.500 Quadratmetern mietete der bisherige Eigentümer von KDC zurück. Die zeitgemäße und solide Technik dort konnte jedoch nach Überprüfung wie gehabt in Betrieb bleiben und wird von dem Finanzinstitut weiter genutzt.

Auch in Halle 2, die nun gefüllt wird, konnten die Stromversorgungseinrichtungen einschließlich der unterbrechungsfreien Stromversorgungen sowie die Kühl- und Klimatisierungsanlagen nach einem technischen Upgrade für höhere Leistungsdichte im Wesentlichen weitergenutzt werden. Der übrige Umbau bezog sich auf Zwischendecken, Kameras, Access, Doppelboden, Beleuchtung nebst Sensorik und Trassensystem.

Um FDC 1 herum ist genügend freier Raum, um eine umfangreiche Vorfeldsicherung mit Gräben, Spezialtoren und Straßenblockaden zu realisieren.
Um FDC 1 herum ist genügend freier Raum, um eine umfangreiche Vorfeldsicherung mit Gräben, Spezialtoren und Straßenblockaden zu realisieren. (Bild: Keppel Data Centres)

FDC 1 befindet sich in der demnächst abgeschlossenen Zertifizierung nach DIN EN 50600, Verfügbarkeitsklasse 4, befindliches Rechenzentrum. Es bietet durchgehend n+1-Redundanz, derzeit sogar teilweise noch 2N. „Wir gehören zu den Rechenzentren mit der höchsten Verfügbarkeit und besten physikalischen Sicherheit in Europa“, sagt Jens Peter Müller, deutscher Geschäftsführer von KDC.

Autobahnen, Einflugschneisen und andere Risikoquellen befinden sich außerhalb eines definierten Mindestabstandes. Die Verfügbarkeit gibt KDC mit 99,999 Prozent an, das sind 4:23 Minuten Ausfallzeit jährlich. FDC 1 hat geo-redundante Failover-Möglichkeiten, falls wider Erwarten doch einmal alle Stricke reißen sollten.

Mit Gräben und Straßenblöcken gegen Attacken

Sicherheitstechnisch profitiert KDC davon, dass sich das Grundstück, auf dem das Rechenzentrum FDC 1 (Frankfurt Data Centre 1) liegt, nicht direkt im Stadtkern von Frankfurt befindet. Dort ist Grund teuer und oft gar nicht verfügbar. „Unsere konnektiven Möglichkeiten sind hier dieselben wie im Stadtkern ohne die Nachteile der Innenstadtlage wie immer strengere Lärmschutz- und Immissionsgrenzwerte in Mischgebieten“, erläutert Müller. Direkt im KDC-RZ befindet sich die DE-CIX-Anbindung, mit der Kunden ihre Systeme physisch verbinden können.

Auf dem Grundstück hat KDC eine umfängliche Vorfeldsicherung aufgebaut – mit Gräben, Straßenblöcken, einem gesicherten Pförtnerhaus und Video-Überwachung, um auch exotische Angriffsformen, etwa mit sprengstoffbeladenen LKW, neutralisieren zu können. Eine Drohnenüberwachung ist noch nicht realisiert, doch in Arbeit. Geplant ist ein System der deutschen Dedrone, die mit der Deutschen Telekom kooperiert.

Wer ins Rechenzentrum will, muss nicht nur eine Karte vorweisen, sondern zusätzlich einen Fingerabdruck-Scanner passieren. Wer gar zu den Rechnern möchte, kann dies nur über eine Vereinzelungskabine erreichen.

Vorteil Bundesbank

Sicherheitsrelevant ist auch, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft ein Rechenzentrum der Deutschen Bundesbank befindet. Bei Stromausfällen bedeutet das, dass dieser Abschnitt des Elektrizitätsnetzes mit höchster Priorisierung wiederhergestellt wird.

In den Datenhallen waren größere Umbauten nötig, um das Gebäude auf den anders gelagerten Bedarf eines Co-Locator zuzuschneiden, dessen Kunden ihre eigenen Maschinen und Racks in die Anlage einbringen würden. Abgehängte Decken und Böden wurden herausgerissen.

Das „Frankfurter Rechenzentrum 1“ (FDC 1) ist die erste deutsche Niederlassung des Co-Locator Keppel Data Centres (KDC) aus Singapur. Es eröffnete im Juni dieses Jahres.
Das „Frankfurter Rechenzentrum 1“ (FDC 1) ist die erste deutsche Niederlassung des Co-Locator Keppel Data Centres (KDC) aus Singapur. Es eröffnete im Juni dieses Jahres. (Bild: Keppel Data Centres)

Der heutige Doppelboden hat eine Höhe von 80 Zentimetern. Dort wird die Kaltluft herangeführt. Die lichte Höhe des Raums darüber beträgt 4,60 Meter. Die Böden haben eine Tragfähigkeit von 12,5 KN (Kilonewton) pro Quadratmeter.

Racks bis zu 20 Kilowatt (kW) Leistung werden unterstützt, die durchschnittliche Leistung aller von einem Kunden installierten Racks soll aber möglichst 1,5 kW pro Quadratmeter nicht überschreiten. Die Decken sind jetzt schwarz gestrichen, von dort hängt ein diagonal befestigtes LED-Lichtsystem herunter, dessen Licht den Besuchern auf ihrem Weg zum Rack sensorgesteuert sekundengenau ihren Weg beleuchtet. Hell wird es also nur dort, wo tatsächlich jemand etwas sehen will.

Mit Wasser gegen Feuer

Der Schutz gegen Brände erfolgt nicht, wie inzwischen häufig üblich, mit Gas, sondern fokussiert auf den Brandherd mit Wasser. Genutzt wird ein so genanntes Dry-Pipe-Double-Knock-Sprinklersystem: Verteilt über die gesamte Raumdecke befinden sich Temperatursensoren und Wasserdüsen.

Melden Sensoren punktuell Temperaturen über 70 Grad, öffnen sich genau an dieser Stelle die Düsen und versprühen Wasser, um den vermuteten Brand zu löschen. „Diese Lösung ist sicherer für Personen, die im Rechenzentrum arbeiten, und mit ihr können wir Probleme gezielt angehen, statt den gesamten Raum in Mitleidenschaft zu ziehen“, sagt Müller.

Die Schwungrad-USV

Um die IT vor ungeplanten Unterbrechungen der Stromversorgung zu schützen, wird in den Hallen 1 und 2 eine Schwungrad-USV genutzt, die energetisch die Zeit bis zum Anspringen der Dieselgeneratoren überbrücken kann. Das Rechenzentrum wird insgesamt mit 22 Kilovolt und 40 Megawatt versorgt, ausreichend für 24 Megawatt IT-Power. Die Versorgung erfolgt über zwei getrennte Substations. Dieseltreibstoff für die Generatoren hält FDC 1 für 48 Stunden vor.

Die beiden übrigen Hallen existieren derzeit im Shell-Stadium. Sie stehen leer bis auf Leitungen und die Betonhülle. Sie können in rund acht Monaten Bauzeit ausgebaut werden, sobald Halle 2 etwas mehr als bis zur Hälfte gefüllt ist. Allerdings werden dort nach der derzeitigen Planung keine Schwungrad-USVs mehr stehen, sondern klassische Systeme mit Batterien als Puffer, bis der Diese anspringt.

Der Grund laut Müller: „Die Kunden wollten es so. Es stimmt zwar, dass Schwungrad-USVs in sehr feuchtwarmen Klimata wie in Asien öfter mal Probleme machen, das trifft aber für Westeuropa überhaupt nicht zu, jedenfalls können wir nichts Derartiges berichten.“ An den Kundenwünschen wird man sich trotzdem orientieren.

Kühlung durch Adiabatik

Die Kaltluftgänge im Rechnerraum werden abgeschottet. Dort wird die Temperatur auf 24 +- 3 Grad Celsius geregelt, die Ziel-Luftfeuchtigkeit liegt bei 30 bis 70 Prozent. Das erlaubt Freiluftkühlung.

Bei höheren Außentemperaturen und eher geringer Luftfeuchtigkeit unterstützt eine adiabatische Wasserkühlung den Kühlprozess. Ihre Effizienz ist bei geringeren Luftfeuchtigkeiten am höchsten.

Eine genaue Starttemperatur für die Adiabatik gibt es nicht, vielmehr arbeitet das System gleitend. Vier Tanks speichern eine Wasserreserve für 72 Stunden, es existieren zwei redundante Kühltürme. Klima-Anlagen und Rohrleitungen sind ebenfalls redundant ausgelegt.

Abwärmenutzung gibt es nicht, sie ist auch nicht geplant, genauso wenig wie Wasserkühlung bis ins Rack. „Abwärmenutzung funktioniert nur, wenn ein großer Verbraucher in der Nähe ist, der hier fehlt. Zudem entsteht die meiste nutzbar Abwärme bei uns im Sommer, nicht im Winter, wenn der Abwärmebedarf potentieller Nutzer am größten wäre“, führt Müller aus.

Direkte Server-Kühlung bleibt außen vor

Und nach Wasserkühlung im Rack frage keiner der Kunden. „Das war mal vor zehn Jahren, die Technik hat sich gegenüber Luftkühlung mit Schottung nicht durchgesetzt.“

Bei voller Auslastung soll das Gebäude einen PUE-Wert von 1,3 haben. Zur Erinnerung: PUE beschreibt die Power Usage Effectiveness, also den Quotienten von Energie für Kühlung (Zähler) und Energie für IT (Nenner). Ein PUE von 2 besagt demnach, dass doppelt so viel Energie für Kühlung und Klimatisierung aufgewandt werden muss wie für das eigentliche Rechnen.

Heute akzeptable PUE-Werte für neue Datacenter-Gebäude bewegen sich zwischen 1 und 1,5. Allerdings rechnet der PUE beispielsweise Kühleinheiten direkt auf dem Board, zum Beispiel den heftig rotierenden Prozessorlüfter, zur IT, nicht zur Kühlung, was die Werte verfälscht.

LEED-Zertifizierung

In der nahezu vollständig gefüllten Halle von FDC 1, die von der Citibank weiterhin genutzt wird, liegt die PUE laut Müller heute etwa bei 1,4. Bei den beiden noch in Betrieb zu nehmenden Hallen strebt KDC eine PUE von 1,2 an.

Das gesamte Rechenzentrum ist nach „LEED Platinum“ zertifiziert. LEED steht für Leadership in Energy and Environmental Design und ist ein auch international gern verwendeter US-Umweltstandard für Gebäude aller Art. Die höchste Klasse dieser Auszeichnung ist das Platinum-Label – kein schlechter Start für KDC in Deutschland.

* Ariane Rüdiger ist freie Journalsitin und lebt in München.

Was meinen Sie zu diesem Thema?
Ein PUE von 2 besagt demnach, dass doppelt so viel Energie für Kühlung und Klimatisierung...  lesen
posted am 04.09.2018 um 15:37 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45446923 / Design und Umgebung)