Rechenzentren Warum Beschaffung zum kritischen Erfolgsfaktor wird

Ein Gastbeitrag von Alper Tufan* 4 min Lesedauer

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Lange Lieferzeiten für Transformatoren, Kühlsysteme und Notstromtechnik erschweren den Bau neuer Rechenzentren. Deshalb gewinnen frühzeitige Beschaffung, flexible Designs und modulare Konzepte an Bedeutung.

Rechenzentren benötigen zahlreiche kritische Komponenten, deren Verfügbarkeit zunehmend zum Faktor für Bauzeit und Projektplanung wird.(Bild:   / CC0)
Rechenzentren benötigen zahlreiche kritische Komponenten, deren Verfügbarkeit zunehmend zum Faktor für Bauzeit und Projektplanung wird.
(Bild: / CC0)

Europa investiert massiv in die digitale Infrastruktur. Auch in Deutschland wachsen die Kapazitäten für Rechenzentren stark. Laut Bitkom sollen allein die deutschen Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 um 70 Prozent wachsen. Große Player wie Google, Microsoft und AWS bauen ihre Standortpräsenz hierzulande aus.

Doch kann die physische Infrastruktur mit den ambitionierten Plänen mithalten?

Dass gerade die Energieversorgung ein zentrales Thema für den deutschen Rechenzentrumsmarkt ist, steht außer Frage. Netzanschlüsse dauern vielerorts länger als der eigentliche Bau der Anlage. An den stark nachgefragten Standorten wie Frankfurt oder Berlin sind die Wartezeiten für ausreichende Netzkapazität auf bis zu zehn Jahre angewachsen.

Das ist ein strukturelles Problem, das die gesamte Branche beschäftigt und in der Fachdiskussion bereits intensiv behandelt wird.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den IT-Entscheider nicht unterschätzen sollten: die Beschaffung kritischer Komponenten und die damit verbundenen Lieferzeiten.

Die globale Konkurrenz um kritische Komponenten

Wer heute ein Rechenzentrum plant, bewegt sich in einem anspruchsvollen Beschaffungsumfeld. Grundsätzlich haben sich die Lieferketten zum Jahreswechsel 2026 zwar stabilisiert und die Lieferzeiten gingen teilweise leicht zurück.

Geopolitische Spannungen und Zölle setzen internationale Lieferketten aber weiter unter Druck. Die Fracht- und Logistikbranche muss mit Störungen im Hafenbetrieb umgehen. Sicherheitsrisiken entlang wichtiger Handelsrouten, darunter vor allem die Straße von Hormus, führen zu zusätzlichen Kosten und Verzögerungen bei der Lieferung.

Hier zu sehen, eine Übersicht der Lieferzeiten in Europa für Rechenzentrumskomponenten.(Bild:  Linesight)
Hier zu sehen, eine Übersicht der Lieferzeiten in Europa für Rechenzentrumskomponenten.
(Bild: Linesight)

Ob Transformatoren, Notstromaggregate, Kühlsysteme oder Mittelspannungsanlagen: für viele dieser Kernkomponenten betragen die Lieferzeiten derzeit zwischen sechs Monaten und über zwei Jahren.

Was Rechenzentrenbetreiber dabei auch im Blick haben sollten: Sie sind nicht alleine auf dem Markt, sondern konkurrieren bei denselben Komponenten mit Herstellern von Elektrofahrzeugen, Betreibern erneuerbarer Energien, Chip-Fabriken und anderen Cloud-Unternehmen, die Kapazitäten häufig Jahre im Voraus reservieren. Dieser Nachfrageüberhang trifft auf eine globale Fertigungskapazität, die nicht proportional mitgewachsen ist.

Die Konsequenz: Selbst gut finanzierte und professionell geführte Projekte stoßen auf Wartezeiten, die ohne frühzeitige Planung schwer beherrschbar sind.

Frühe Beschaffung als strategisches Instrument

Wie lässt sich mit dieser Ausgangslage umgehen? Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Maßnahme, sondern kann durch verschiedene Stellschrauben in der Bauplanung berücksichtigt werden.

In der Praxis hat sich bewährt, Lieferanten bereits in der Konzeptphase einzubinden. Anstatt darauf zu warten, bis alle technischen Details finalisiert sind, werden Großgeräte heute oft auf Basis von erwarteten Lastbereichen bestellt. Diese Synchronisierung von Beschaffung und Engineering ab dem ersten Tag ist essenziell, um die langen Vorlaufzeiten zu überbrücken.

Ein weiterer Hebel für mehr Resilienz ist ein flexibles, herstellerneutrales Design. Wer sich frühzeitig auf einen einzigen Anbieter festlegt, erhöht seine Vulnerabilität gegenüber dessen spezifischen Lieferproblemen. Ein adaptives Design ermöglicht es hingegen, Komponenten bei Engpässen kurzfristig gegen Alternativen auszutauschen, ohne das gesamte technische Layout überarbeiten zu müssen.

Modulare Bauweise und ihre Grenzen

Auch ein Blick auf modulare Lösungen lohnt sich angesichts des Zeitdrucks. Das Thema gewinnt in Europa an Bedeutung, denn die Vorteile liegen auf der Hand: Eine schnellere Bereitstellung durch industrielle Vorfertigung und eine gleichbleibend hohe Qualität. Dennoch ist Vorsicht vor der Annahme geboten, Modularität allein löse das Lieferkettenproblem.

Modularität kann keine mangelnden Netzanschlüsse oder globale Engpässe bei Transformatoren kompensieren, trotzdem bleibt es ein wertvolles Werkzeug zur Beschleunigung der Bauphase dank ihrer Wiederholbarkeit und Standardisierung. Es ist genau diese Standardisierung, die dabei hilft, Ersatzteile im Bedarfsfall schneller zu beschaffen und die Abhängigkeit von Einzellösungen zu verringern.

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Wenn Komponenten dennoch zu spät kommen

Wenn kritische Bauteile trotz vorausschauender Planung verspätet eintreffen, ist agiles Krisenmanagement gefragt. Bewährte Strategien umfassen die Umstellung von Bauabläufen, um den Fortschritt in anderen Bereichen aufrechtzuerhalten. Sofern das Design es zulässt, könnte auch ein kurzfristiger Wechsel zu alternativen Zulieferern geprüft werden.

Eine weitere Möglichkeit, die aktuell häufiger genutzt wird, ist die gestaffelte Inbetriebnahme: Teile des Rechenzentrums gehen früher in Betrieb, während auf Komponenten für die Vollausstattung noch gewartet wird. Das ermöglicht frühere Erlösgenerierung und gibt Kunden zumindest einen Teil der erwarteten Kapazität.

Temporäre Generatoren können zwar kurzfristige Engpässe in der Netzversorgung überbrücken, es muss jedoch betont werden, dass das eine teure und kurzfristige Maßnahme darstellt, um Netzdefizite zu beheben. Sie ist keine Lösung für den Mangel an kritischen Komponenten. Der Einsatz von Generatoren kann zu zusätzlichen Kosten führen. Daher erfordert diese Option eine besonders kritische und frühzeitige Prüfung.

Früh planen, besser bauen

Die gute Nachricht: Die Herausforderungen in Rechenzentrumsprojekten sind trotz der angespannten Beschaffungslage beherrschbar. Wer heute erfolgreich Rechenkapazitäten in Deutschland schaffen will, muss dafür neben der Energieversorgung auch die Lieferkette von Beginn an als strategischen Erfolgsfaktor begreifen.

Über den Autor:
Alper Tufan ist Director Data Centers bei der internationalen Bauberatung Linesight.

Sein Fazit lautet:„Nur durch eine frühzeitige Identifikation kritischer Bauteile, eine enge Abstimmung mit globalen Zulieferern und eine Abkehr von starren Designs lässt sich die notwendige Resilienz erreichen. Wer das ernst nimmt, baut zuverlässiger, termingenauer und mit weniger ungeplanten Kosten.“

Bildquelle: Linesight

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