Auf der „Vertiv Week“ in Zagreb dreht sich alles um die Zeit bis zum ersten Token. Wie der Hersteller mit „OneCore“ ganze Rechenzentren aus der Fabrik liefern will und welche technischen Hürden wie 800 Volt Gleichstrom noch bleiben..
4 Meter hoch, 16 Meter lang: Die Container können über Land oder Wasser transportiert werden. Was hinter der Industralisierung des Rechenzentrums steckt, was alles bei Zagreb produziert wird und ein Interview mit Viktor Petik.
(Bild: Vertiv)
Ein Token ist die kleinste Einheit, die ein KI-Modell verarbeitet oder erzeugt, grob ein Wortfragment. Wer KI-Rechenzentren betreibt, verkauft im Kern genau das, sagt Rod Evans, Vice President AI Cloud Infrastructure bei Nvidia. In seiner Keynote bringt er es auf eine einfache Formel: „Vorne kommt Strom rein, hinten kommen Tokens raus.“
Die erste Frage seiner Cloud-Partner laute deshalb: Wie schnell kommt der erste Token? Denn damit werde das Geld verdient.
Vertiv hat daraus ein Kennzahlen-Set erstellt. Paul Ryan, President EMEA von Vertiv, nennt die vier Kennzahlen, die Vertiv eingeführt hat, um die Leistung der KI-Fabriken zu messen:
Dieser vier Kategorien sind der neue Maßstab für Vertiv. Gemessen wird nun auch die Infrastrukturbereitstellung anhand von Token.
(Bild: Vertiv)
Tokens per Second: Wie viele Token werden pro Sekunde erzeugt?
Time to (First) Token: Wie lange dauert es vom Aufbau der Infrastruktur bis zur produktiven KI-Rechenleistung?
Tokens per Watt: Wie viele Tokens werden pro Watt erzeugt?
Tokens per Dollar: Wie hoch sind die Gesamtkosten aus Investition, Betrieb und Lebenszyklus je Token?
Paul Ryan, President EMEA bei Vertiv, in Zagreb: „Wir produzieren KI-Fabriken in Stückzahlen.“
(Bild: Vertiv)
Diese Kategorien sind keine Gegenspieler, stellt Ryan klar, sie ergänzen sich. Denn wer mehr Tokens pro Watt erzeuge, senke somit auch die Kosten pro Token. Noch deutlicher wird der Wandel, wenn es um das Tempo im Rechenzentrumsbau geht: Vor zwei Jahren sei es noch völlig normal gewesen, ein Rechenzentrum mit 10 bis 20 Megawatt (MW) in 18 bis 20 Monaten aufzubauen. Heute sei der Maßstab ein anderer: 50, 100 oder gar 200 MW können innerhalb von sechs bis acht Monaten. Ryan sagt, dass das nicht gehe, wenn man weiter baue wie bisher. Aber woher kommt es, dass die Zeiträume immer knapper werden?
Allein mit Nvidia Vera Rubin bestücktes KI-Rack kostet laut Branchenberichten etwa 7,8 Millionen Dollar. Dieses Geld soll arbeiten, und nicht in der Bauphase stecken bleiben.
Rod Evans (Nvidia) erklärt in seiner Keynote, warum Rechenzentren heute an der Zeit bis zum ersten Token gemessen werden.
(Bild: Vertiv)
Wie groß die Lücke zwischen Plan und Wirklichkeit ist, rechnet Evans vor. In den USA seien für 2026 zwölf Gigawatt neue Rechenzentrumsleistung geplant, für 2027 weitere 36 Gigawatt. Geliefert würden nach seiner Einschätzung rund fünf und sieben Gigawatt, also etwa ein Viertel.
Europa werde einen Teil dieser Lücke füllen. Evans nennt Projekte in Spanien und Portugal, im Norden, aber zunehmend auch in Albanien, Nordmazedonien, Kroatien, Polen und Rumänien. Selbst Nordafrika sei im Gespräch, weil dort Strom und Fläche vorhanden seien.
Hinzu kommt, dass sich die Last verschiebt. Für 2030 erwartet Nvidia mit Verweis auf McKinsey rund 93 Gigawatt globalen Inferenzbedarf. Inferenz heißt: fertige Modelle ausführen, statt sie zu trainieren. Sie müsse dort laufen, wo Nutzer und Daten sind, sagt Evans, und vergleicht das mit dem Web-Caching der Mobilfunkanbieter.
Wie viel wird aktuell in den Rechenzentrumsmarkt investiert?
Die Investitionszahlen liefert Frost & Sullivan. Gautham Gnanajothi, Senior Vice President, wird per Video aus London zugeschaltet. Seine Zahlen: Rund 503 Milliarden Dollar sind 2025 in Rechenzentren geflossen, bis 2035 sollen es 1,46 Billionen werden, ein Plus von 11,2 Prozent pro Jahr.
Gnanajothi räumt selbst ein, dass seine Prognose für 2026 (knapp 600 Milliarden Dollar für den gesamten Markt) von den Hyperscalern überholt wurde. So schnell ändere sich der Markt. Er beschreibt drei Stufen: erst die Nachrüstung bestehender Rechenzentren, dann KI-fähige, modulare Neubauten für 30 bis 80 Kilowatt je Rack, schließlich KI-native Campus mit 80 bis 200 Kilowatt und mehr, dazu mit eigener Energieversorgung.
Und hiermit schlägt Gnanajothi auch die Brücke zur modularen Bauweise. Vertiv nennt es die Industralisierung des Rechenzentrums und zeigt in der Fertigungsstätte in Rugvica, was genau dahintersteckt und wie die Gigafactories von morgen gebaut werden.
Wie entsteht das „OneCore“-Rechenzentrum von Vertiv?
Die Rechenzentrumsbaustelle der Zukunft werde ein Montagehof, erklärt ein Mitarbeiter bei der Führung. Gebaut werde im Werk, und am Rechenzentrumsstandort nur noch zusammengesetzt. Vertiv macht in der Werksführung klar, dass sich hier ein Rechenzentrum nicht mehr als Sammlung von Einzelprodukten, wie etwa USV, Kühlanlagen, Racks, Stromschienen gesehen wird, sondern als ein Gesamtprodukt.
Stand: 08.12.2025
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Chiphersteller, Betreiber und Infrastrukturanbieter sollen von Anfang an an einem Tisch sitzen und das Rechenzentrum planen und zwar mit einem gemeinsamen Ziel: Möglichst viele Token!
Das Portfolio staffelt sich nach Größe:
„SmartMod“ bedient Rechenzentren mit niedriger Dichte;
„MegaMod HDX“ die KI-Fabrik bis zehn Megawatt, komplett modular; und
„OneCore“ beginnt bei zehn Megawatt und bis in den Gigawatt-Bereich skaliert werden.
Der Grund für die Produktlinien: Bei einer Größe von über zehn Megawatt wäre die Zahl der Module zu hoch. Also entsteht eine Gebäudehülle vor Ort, alles andere kommt aus der Fabrik.
Das Referenzdesign hat Vertiv gemeinsam mit Nvidia auf Basis des „DSX“-Designs entwickelt. Betreiber können mit ein oder zwei Hallen starten und bis auf sechs ausbauen, in Schritten von 50 über 100 oder 125 bis maximal 250 MW Leistung.
Ein OneCore-Gigawatt-Standort bedeutet, dass vier Mal 250 Megawatt gebaut werden. Ein Mitarbeiter sagt, dass es hierfür kein Referenzdesign gebe.
Vertiv verspricht sich von seinem Ansatz 50 Prozent kürzere Projektlaufzeiten, 20 Prozent weniger Fläche und 20 bis 25 Prozent geringere Gesamtbetriebskosten.
Zwei Bausteine tragen das System:
Das Vertiv Power Module von innen. Laut einem Mitarbeiter von Vertiv ist es das meistverkaufte Produkt des Herstellers.
(Bild: Vertiv)
Das „Power-Modul“: Hierbei handelt es sich um die ‚Stromzentrale‘. Die Maße: 16 Meter lang, 4 Meter hoch. Für den Transport müssen keine Tunnel oder Brücken gesperrt werden. Das Modul kann auch über den Seeweg transportiert werden. Je rund 2,5 Megawatt, für 250 Megawatt braucht es etwa 100 davon.
„SmartRun“: Statt vieler Einzelkomponenten verschiedener Lieferanten, die auf der Baustelle zusammenfinden, kommt ein im Werk vorgetestetes Gesamtsystem. Das senkt Risiko, Komplexität und Zeit vor Ort.
Bei der Führung war die Serienfertigung in der Halle zu sehen. Früher war das noch anders: Da kamen die Teile einzeln auf die Baustelle. Monteure arbeiteten am Aufbau der Einzelteile in zwei bis vier Metern Höhe. Heute passiert das in der Fabrik. Auf der Baustelle dauert die Installation eine Woche. Bei der Führung durch die Produktionsstätte in Rugvica sagt der Vertiv-Mitarbeiter, dass sich dadurch die Arbeitszeit auf der Baustelle um 80 Prozent verkürzt. Das System wurde von einem Team in Kroatien, in dieser Produktionsstätte, entwickelt. Nach Ryans Worten als erstes am Markt.
Vertiv stellt die Systeme her und testet diese dann auch. Und zwar wird auch virtuell getestet. An einer Station ist ein Gebäudemanagementsystem mit „Nvidia Omniverse“ verbunden. Wird am Modul ein Schutzschalter ausgeschaltet, zeigt der digitale Zwilling sofort, welcher es war. Bei einer großen Anlage spart das vor allem eines: das Suchen nach dem Fehler.
Wir sprechen nicht mehr davon, USVs und Kühler in Stückzahlen zu produzieren. Wir produzieren KI-Fabriken in Stückzahlen.
Paul Ryan, President EMEA bei Vertiv
Jedes Werk sei dabei ein Kompetenzzentrum für eine Technologie, vom Kühler über die USV bis zur Schaltanlage. Entwürfe aus einem Werk würden anschließend in anderen Werken weltweit nachgebaut. Damit die Fabriken liefern können, wächst auch ihr Platz. Passend dazu hat Vertiv den Ausbau seines Standorts in der Slowakei angekündigt.
Vertiv baut Standort in der Slowakei aus
Vertiv erweitert sein Werk in Nové Mesto nad Váhom. In den kommenden 18 bis 24 Monaten sollen dort rund 22.000 Quadratmeter neue Produktionsfläche für Stromversorgung, Schaltanlagen und Wärmemanagement entstehen, darunter Flüssigkeitskühlung für KI-Anwendungen mit hoher Dichte. Der Standort soll zu einem integrierten Fertigungs- und Technologiecampus werden. Zwischen 2027 und 2029 will Vertiv dort Hunderte neue Stellen schaffen.
Doch nicht alles, was Vertiv plant, lässt sich in einen Container schrauben.