Auf dem „Virtual Open Infrastructure Summit“ zeigt die „OpenStack“-Gemeinde mit dem neuen Release 22 einmal mehr, welche Funktionsbreite und Software-Reife die quelloffene Infrastrukturlösung mittlerweile erreicht hat.
Der Name ist Programm: mit dem Release 22 („Victoria“) setzt OpenStack nicht auf Platz, sondern auf Sieg
(Bild: Petra_Bork_pixelio.de)
Corona macht es möglich: So viele Teilnehmer wie in diesem Jahr gab es noch nie auf einem Open Infrastructure (oder OpenStack) Summit, der jährlichen Generalversammlung der Open Stack Foundation. Für die vom 19.10. bis zum 23.10.2020 stattfindende Online-Veranstaltung haben sich rund 10.000 Open-Source-Fans aus 30 Communitys und 120 Ländern angemeldet. Das ist ein absoluter Besucherrekord. Und die virtuellen Besucher dürfen sich auf eine breite Palette von Verbesserungen und Weiterentwicklungen im Open Infrastructure-Bereich freuen; denn auch die Entwickler-Community war in den letzten Monaten sehr aktiv.
Neue Anwendungsszenarien treiben die OpenSource-Community an
Für das OpenStack Release 22 mit dem Codenamen „Victoria“ haben 800 Entwickler aus 160 verschiedenen Organisationen in mehr als 45 Ländern insgesamt 27.000 Code-Änderungen eingereicht. OpenStack sei bei dieser Entwicklungsgeschwindigkeit neben dem Linux-Kernel und „Chromium“ weiterhin eines der drei aktivsten Open-Source-Projekte der Welt, hieß es beim virtuellen Presse-Briefing vor dem Summit.
Die neue OpenStack-Version bringt neben der weiteren Flexibilisierung des OpenStack-Kerns vor allem Verbesserungen der nativen Integration von Kubernetes, neue Elemente für die noch bessere Unterstützung der verschiedenen Architekturen und Standards und elaborierte Lösungen für komplexe Netzwerkprobleme.
Ständig neu hinzukommende Anwendungsszenarien treiben auch im Open-Source-Bereich die Entwicklung an. In jüngster Zeit haben Anwendungsfälle bei KI und hier besonders bei Maschinellem Lernen sowie im Bereich der „Vor-Ort-Datenverarbeitung“ (Edge Computing) und im Industrie 4.0-Sektor („Internet der Dinge“) intensive Entwicklungen bei neuen Prozessor-Architekturen, skalierbarer Automatisierung bis hin zu reinen Hardware-Systemen („bare metal“) sowie bei der Integration mit den verschiedensten Open-Source-Komponenten ausgelöst.
Neues bei Kuryr, Tacker und Ironic
Für alle, die als Entwickler und Anwender mit OpenStack tagtäglich arbeiten, wollen wir die Neuerungen, die „Victoria“ bringt, genauer betrachten:
In „Kuryr“ (dem Verbindungsstück zwischen OpenStack und Container-Vernetzung) ist jetzt die Unterstützung für benutzerspezifische Ressourcendefinitionen (CRDs) implementiert. Kuryr nutzt jetzt keine separaten Informationen (Annotations) mehr zur Speicherung von Daten über OpenStack-Objekte in der Kubernetes-API. Stattdessen werden entsprechende CRDs („KuryrPort“, „KuryrLoadBalancer“ und „KuryrNetworkPolicy“) erstellt.
„Tacker“, ein OpenStack-Dienst für NFV-Orchestrierung (Network Functions Virtualization), bietet jetzt bessere Unterstützung für weitere Kubernetes-Objekte und VNF-LCM-APIs. Außerdem gibt es nun eine zusätzliche Möglichkeit, Kubernetes-Objektdateien und CNF-Definitionen aus Artefakten auszulesen, die im „CSAR“-Paket bereitgestellt werden. Darüber hinaus sind in Tacker die ETSI-NFV-SOL-Standardfunktionen (etwa Lebenszyklus-Management, Skalierun und, VNF-Betrieb) implementiert, und es gibt einen „Fenx-Plugin für rollende VNF-Aktualisierungen mit Fenix und „Heat“.
Der Bare-Metal-Dienst „Ironic“ verzeichnete im Vergleich zur „Ussuri“-Version (Release 21) 66 Prozent mehr „Contributions“. Durch Zerlegung der verschiedenen Implementierungsschritte und Funktionen - wie die Bereitstellung ohne BMC-Zugangsdaten oder ohne DHCP - gibt es bessere Unterstützung für den Standalone-Einsatz in Kubernetes- oder für Edge-Umgebungen.
Neues bei der Unterstützung von Architekturen, Standards und komplexen Netzwerkproblemen
In der neuen OpenStack-Version werden darüber hinaus verschiedene Architekturen und Standards unterstützt:
Die „Cyborg“-API unterstützt jetzt eine Methode, welche die direkte Programmierung von FPGAs mit zuvor hochgeladenen Bitströmen ermöglicht. Die Victoria-Version bietet auch Unterstützung für Intel-QAT- und Inspur-FPGA-Beschleuniger.
„Vitrage“ unterstützt ab „Victoria“ auch das Laden von Daten unter Verwendung der TMF639-Standard-API für Ressourcenverwaltung.
„Octavia“ unterstützt jetzt HTTP/2 über TLS unter Verwendung von Application Layer Protocol Negotiation (ALPN) und erlaubt die Angabe der für „Listeners“ und „Pools“ akzeptierten Mindest-TLS-Versionen.
Auch im Bereich komplexer Netzwerkprobleme hat sich viel getan:
„Neutron“ bietet jetzt einen Metadatendienst über IPv6 an, den Benutzer ohne Konfigurationslaufwerk in reinen IPv6-Netzwerken nutzen können. Außerdem bietet Neutron mit dem neuen Release Unterstützung für flache Netzwerke für verteilte virtuelle Router (DVR, Distributed Virtual Router), Port-Weitergabe (Floating IP) für das „OVN“-Backend sowie Router-Verfügbarkeitszonen in OVN.
Der Lastverteilungsdienst „Octavia“ unterstützt jetzt Version 2 des „Proxy“-Protokolls. Dies ermöglicht bei Verwendung von TCP-Protokollen die Weitergabe von Client-Informationen an Mitglieder-Server. „ProxyV2“ verbessert die Leistung beim Aufbau neuer Verbindungen zu den Mitgliedsservern mit dem PROXY-Protokoll, insbesondere wenn der Netzwerk-Prozess, der auf eingehende Verbindungen wartet, IPv6 verwendet.
Kuryr bietet jetzt Unterstützung für die automatische Erkennung der VM-Bridging-Schnittstelle in verschachtelten Setups.
Mit OpenStack lassen sich unterschiedliche Architekturen implementieren
Einen großen Sprung nach vorn macht auch das OpenStack-Projekt „Kata Containers“. Die neue Version 2.0 bringt deutliche Verbesserungen bei der sicheren Isolierung der Arbeitslasten in den verschiedenen Containern und Vereinfachungen bei deren Verwaltung. Der zusätzliche Clou ist dabei, dass diese Verbesserungen mit einem Algorithmus erreicht werden, der nur ein Zehntel des bisherigen Speichervolumens benötigt. Mit Kata Containers 2.0 lassen sich Anwendungsfälle aus stark regulierten Branchen ebenso abdecken wie solche aus der „Edge-Ecke“, die Verbindung von privater und öffentlicher Cloud ebenso wie „Container als Dienstleistung“.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die OpenSouce-Infrastruktur immer mehr von einem innovativen „Techno-Baukasten“ zu einem stabilen, sehr ernst zu nehmenden und gut handhabbaren Produkt geworden ist. OpenStack ist vermutlich die einzige Infrastrukturplattform, mit der sich unterschiedliche Architekturen gleichermaßen gut implementieren lassen, das heißt von „Bare Metal“ über virtuelle Maschinen bis zu GPU-lastigen Anwendungen und Containern ist alles abgedeckt.
Unternehmen aus allen Branchen – vom Finanzsektor über die Telekom-Riesen dieser Welt bis in den Industriebereich – setzen mittlerweile auf OpenSource. Die Bandbreite der vortragenden Firmen auf dem Virtual Open Infrastructure Summit zeigt dies: das Spektrum reicht hier von der Ant Group des chinesischen Alibaba-Konzerns und der European Weather Cloud über GE Digital und Huawei bis zu Société Générale und Volvo.
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