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Applikationen wandern zurück ins Rechenzentrum Horrende Cloud-Preise vergraulen Anwender

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Elke Witmer-Goßner

Alles in die Cloud – so lautete das Motto der IT in den vergangenen fünf Jahren. So mancher Manager hat aber nachgerechnet und will seine Anwendungen wieder ins heimische Rechenzentrum holen. Damit steuern Unternehmen direkt auf eine „Data Unification Platform“ zu.

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So mancher Manager hat nachgerechnet und will seine Anwendungen wieder aus der Cloud ins heimische Rechenzentrum holen.
So mancher Manager hat nachgerechnet und will seine Anwendungen wieder aus der Cloud ins heimische Rechenzentrum holen.
(Bild: gemeinfrei, geralt / Pixabay )

Aktuelle digitale Transformationsstrategien führen zurück zur hybriden IT-Umgebung. Das eigene Rechenzentrum, von einigen Analysten bereits für scheintot erklärt, gilt plötzlich wieder etwas. „Unternehmen, die all ihre Geschäftsprozesse schnell in die Cloud verlagerten, stehen nun horrenden Preisen gegenüber oder finden die Arbeit umständlicher als erwartet“, berichtet beispielsweise Ed Macosky, SVP Product & Solutions, Boomi, ein Tochterunternehmen von Dell.

Tatsächlich haben eine ganze Reihe von Providern in diesem Jahr an der Preisschraube gedreht. Beispielhaft sei der Cloud-Storage-Anbieter Dropbox genannt, der Mitte des Jahres die Preise für Dropbox Plus von 9,99 Euro auf 11,99 Euro pro Monat erhöht hat (dafür jedoch mehr Speicherplatz bereitstellte). Auch große Anbieter verlangten mehr für ihre Dienste, oftmals versteckt in den mittlerweile unzähligen Preismodellen, die auch kein Experte mehr auch nur ansatzweise durchschauen kann.

„Im Laufe des nächsten Jahres werden wir sehen, dass viele Unternehmen zum Hybridmodell zurückkehren werden. Trotz der jüngsten Entwicklungen des Cloud Computing kann es immer noch nicht mit einer On-Prem-Lösung mithalten. Dadurch kommt es zu Prozess-Brüchen“, so Macosky weiter.

Bestätigt werden die Aussagen Macoskys durch die Ergebnisse des Nutanix Enterprise Cloud Index 2019, für den die Marktforscher von Vanson Bourne weltweit 2.650 IT-Entscheider zu ihren Geschäftsanwendungen befragt hat. Vanson Bourne bescheinigt den Deutschen „aggressive Pläne“ zur Rückholung von Anwendungen aus der Public Cloud in die eigene Infrastruktur. Tatsächlich berichten aktuell mehr als drei Viertel der deutschen Befragten (76 Prozent), dass Sie in öffentlichen Clouds gehostete Apps wieder ins Rechenzentrum holen wollen. Im europäischen Ausland werden vergleichbare Pläne übrigens lediglich zu 71 Prozent gehegt.

Wozu die Integration?

Ist ausschließlich der Preis ausschlaggebend für den Aufenthaltsort von Daten und Anwendungen? Eher nicht, meint Steve Wood, Chief Product Officer von Boomi. Seiner Meinung nach steht hinter der Rückholaktion eine Integrationsstrategie: „Weltweite Vorschriften im Umgang mit Daten und Datensilos laut DSGVO werden Unternehmen 2020 dazu veranlassen, ihr Daten-Management zu überdenken und sich auf die Integration von Applikationen und Daten zu konzentrieren, um schritthalten zu können.“

Nach Ansicht von Wood wenden sich die cleveren Unternehmen diesem Thema nun zu, um durch fundierte Erkenntnisse Abläufe zu optimieren und so die Geschäftsergebnisse positiv zu beeinflussen. „So eine neue Strategie reduziert den Zeit- und Ressourcenaufwand für den Übergang von Daten von Applikation zu Applikation. Da Unternehmen auch im nächsten Jahr viel Geld und Ressourcen in den Bereich Edge Computing und IoT investieren werden, ist eine entsprechend angepasste Datenstrategie entscheidend“, so Wood.

Um diese Datenstrategie umzusetzen, wird eine neue integrative Plattform nötig werden: „Ich glaube, dass sich innerhalb des nächsten Jahres ein neuer Begriff etabliert, der die Vereinheitlichung von Anwendungen, Personen, Prozessen, Systemen und Geräten definiert: Die Data Unification Platform.“

Kosten sparen – aber wie?

Bis dahin sollten Unternehmen einfach die nächstliegenden Ziele verfolgen und die Kosten optimieren. Bereits Anfang 2019 hatte Flexera aufgezeigt, dass 35 Prozent der Cloud-Ausgaben für Leistungen ausgewiesen wurden, die vom Unternehmen gar nicht im vollen Umfang in Anspruch genommen wurden. Allein die drei führenden Cloud-Anbietern AWS, Azure und Google konnten sich so über „Mehr“-Einnahmen von insgesamt rund 13 Milliarden Euro pro Jahr freuen.

Die Gründe für solche unnötigen Ausgaben seien zuvorderst in vier Bereichen zu suchen:

  • Eine Kreditkarte und eine E-Mail-Adresse reichen, um sich einen Cloud-Service einzurichten. Das verführt aber auch dazu, über den wirklichen Bedarf hinaus zu buchen. Und: Mit jeder neuen Cloud-Anwendung im Unternehmen steigt die Komplexität, auch in Bezug auf Abrechnung und Kosten. Hier ist eine durchdachte Planung die Lösung.
  • Das gilt auch für das Buchen von Cloud-Instanzen. Hier schießen Unternehmen gerne über das Ziel hinaus und bestücken virtuelle Maschinen mit reichlich RAM und CPU-Kernen. In der Folge sind die Instanzen weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus ausgerüstet.
  • Laut Flexera entfallen zudem mehr als ein Drittel der Ausgaben für Cloud-Instanzen auf VMs, die höchstens zu 40 Prozent, in der Regel aber nur zu 20 Prozent genutzt werden. Die Wahl der richtigen VM spart bares Geld.
  • Der vermeintliche Kostenvorteil eines nutzungsbasierten Services wird schnell hinfällig, wenn die tatsächliche Nutzung nicht kontinuierlich überprüft wird. So lässt sich nur schwer erkennen, ob die die Cloud tatsächlich kostengünstiger ist als die Bereitstellung on-premise.

Unternehmen müssen also schon lange vor der Nutzung von Public Cloud-Angeboten abklären, 1. welche Instanzen wo benötigt werden, 2. wie groß die Instanz zu ihrem Äquivalent in der Cloud sein muss, ob sich 3. die Leistungsmerkmale gleichen und 4. welches Preis-Leistungs-Verhältnis letztendlich Sinn macht.

„Es ist finanziell nicht vertretbar, jedem neuesten Tech-Trend hinterherzujagen. Keiner dieser Trends ist ein Wundermittel für die digitale Transformation. Unternehmen sollten sich strategischer aufstellen, indem sie ihre Pläne an die jeweiligen Unternehmensziele und die Unternehmenskultur anpassen. Sie sollten den Schwerpunkt auf eine verkürzte Zeitspanne bis zur Wertschöpfung legen, anstatt auf langfristige Ideen“, rät Macosky abschließend.

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Dr. Dietmar Müller

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