Rund 530 Hektar Wald wurden in Finnland für zwei Google-Rechenzentren gerodet, ohne eine Umweltprüfung abzuwarten. Nach einem Medieneklat entschuldigt sich Google und gelobt Besserung. Behörden haben die Arbeiten gestoppt, die Polizei prüft.
Die Rodungsfläche für den geplanten Google-Campus umgeben von Nadelwald bei Muhos, Finnland, am 1. Oktober 2026.
(Bild: Enthält modifizierte Copernicus-Sentinel-Daten, aufbereitet vom Finnischen Umweltinstitut Syke (1.10.2026), CC BY 4.0.)
Vor der Rodung und danach: Satellitenbilder vom 31. Juli 2025 und 16. Oktober 2026 zeigen die rund 330 Hektar große Kahlfläche in Muhos zwischen dem Fluss Oulujoki und der Leitungsschneise.
(Bild: Modifizierte Copernicus-Sentinel-Daten, aufbereitet von Syke (31.7.2025, 16.10.2026), CC BY 4.0.)
In den Gemeinden Muhos und Kajaani im dünn besiedelten Norden und Nordosten Finnlands wurden für zwei geplante Datacenter-Anlagen von Google rund 330 beziehungsweise 200 Hektar Wald gerodet, insgesamt rund 400.000 Bäume. Tuike Finland Oy, die ausführende Projektgesellschaft und Google-Tochter, hat den Abschluss einer Umweltverträglichkeitsprüfung nicht abgewartet. Auch fehlen weitere Landschaftsarbeits-, Bau- und wasserrechtliche Genehmigungen.
Die finnische Aufsichtsbehörde LVV hat die Arbeiten deswegen vorerst gestoppt. Auf Ersuchen der Behörde sowie aufgrund zweier Anzeigen startete die lokale Polizei in Oulu eine Vorprüfung, bei der dem Anfangsverdacht der Umweltschädigung nachgegangen wird.
Akute Umweltfolgen und langfristige Risiken
Hanna Halmeenpää, Vorsitzende des Naturschutzverbandes Suomen luonnonsuojeluliitto. (Bild: Hanna Halmeenpää / Linkedin)
Die Vorsitzende des Finnischen Naturschutzverbands und ehemalige Grünen-Abgeordnete im finnischen Parlament Hanna Halmeenpää wirft Google „pure Arroganz“ vor. „Sie haben ein riesiges Landgebiet gekauft und einfach drauflosgerodet“, betont sie gegenüber The Guardian. Lokale Umweltschützer warnen vor einer akuten Gefahr für Gewässer, wenn Regen auf den gerodeten Gebieten auf saure Böden treffe und Schadstoffe dann in Flüsse gelangen könnten. Die Aufsichtsbehörde bestätigt, dass bereits anhand der Unternehmensberichte der Oberboden abgetragen worden sei und dass das Abwasser Zeichen der Versauerung zeige.
Der finnische Sender MTV berichtet mit Verweis auf lokale Medien, in Muhos habe Schlamm von der Datacenter-Baustelle einen zuvor klaren Bach verunreinigt. Im Kajaaner Ortsteil Otanmäki seien laut Einwohnern Wölfe aus dem abgeholzten Waldstück in der Siedlung erschienen. Die Aufsichtsbehörde verlangt nun von der Projektgesellschaft einen Wasserbewirtschaftungsplan bis zum 5. November 2026, welcher die Einschaltung einer unabhängigen Überwachungsinstanz sowie ein Risikomanagement für Schwarzschiefer und saure Böden in Muhos vorsehen soll.
Google übernimmt Verantwortung und verspricht Kooperation
Antti Järvinen, Google Country Director Finland. (Bild: Antti Järvinen / Linkedin)
Im Namen des Konzerns übernahm der Finnland-Chef von Google Antti Järvinen gegenüber dem TV-Sender MTV Verantwortung für den Vorfall. Järvinen betonte: „Ich persönlich und das von mir vertretene Unternehmen bedauern diese Situation außerordentlich und möchten dafür um Entschuldigung bitten.“ Es seien „Fehler passiert“. Google habe dennoch Entscheidungen nach bestem Wissen getroffen.
Man sei davon ausgegangen, dass die vorbereitenden Arbeiten auch vor Abschluss des Prüfungsverfahrens rechtlich möglich gewesen seien. Zudem seien nach Google-Informationen ökologisch wertvolle Waldabschnitte von den Rodungen verschont worden. Google kooperiere nun aber mit den Behörden, um Umweltschäden zu verhindern, Baumaschinen seien auf dem Gelände in Muhos im Einsatz, um lokale Gewässer vor Abflüssen aus dem Rodungsgebiet zu schützen. Zudem will Google in Muhos 130 Hektar Wald wieder aufforsten.
Halmeenpääs Umweltschützer-Kollegen widersprechen dieser Darstellung. Ein Vergleich von Satellitenbildern zeige, dass vier als schützenswert ausgewiesene Flächen gerodet wurden. Die finnische Aufsichtsbehörde bezeichnet zugleich die bisherigen Wasserschutzmaßnahmen in Muhos als unzureichend und fordert darüber hinaus von der Projektgesellschaft einen Bericht über den Zustand der Laich- und Ruheplätze des geschützten Moorfrosches nach den Rodungen.
Google investiert über 13 Milliarden Euro in Finnland
Die zwei Rechenzentren sind Teil einer Google-Investition von mindestens 13 Milliarden Euro in vier Standorte in Finnland. Günstiger Strom, kühle Außentemperaturen und reichlich Wasser machen das Land für Hyperscaler attraktiv. Auch nach dem Eklat steht der Bürgermeister von Muhos, Kimmo Hinno, weiterhin hinter dem Google-Projekt, das wichtige Arbeitsplätze für die ländliche Region schaffen könne. Auch die lokale Gastronomie und Hotellerie würden vom Projekt profitieren, so Hinno gegenüber der ARD.
Noch im September 2026 pries Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo das Investitionspaket, welches „dauerhafte Vorteile für beide Seiten“ bringe. Die jüngst bekannt gewordenen Rodungen bezeichnet Orpo als „kalte Dusche“. US-Präsident Donald Trump kritisierte das Investitionspaket scharf und machte vermeintlich einfachere Genehmigungsverfahren in Finnland verantwortlich. Google baue „eine riesige Anlage in Finnland, nur weil sie die Genehmigungsverfahren in den Vereinigten Staaten zu kompliziert finden. Ich bin darüber nicht glücklich und möchte, dass sie umdenken“.
Stand: 08.12.2025
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Jeweils 9 und 8 Datacenter pro Campus
Neun Rechenzentrumsgebäude in zwei Gruppen und drei Bürogebäude auf rund 571 Hektar: der vorläufige Lageplan für den Google-Campus in Muhos, etwa 4 km nordöstlich des Ortskerns. Der schmale Ausläufer im Norden reicht bis an den Fluss Oulujoki, aus dem bei einer Kühlung über Verdunstungskühltürme das Wasser entnommen würde.
(Bild: UVP-Programm Rechenzentrum Muhos (2025), S. 27; Legende übersetzt.)
Über die geplanten Bauzeiten, die Versorgung und die Leistung der zwei Datacenter hält sich Google in der Pressekommunikation bedeckt. Die Investitionen wurden für 2027 und 2028 zugesagt. Anhaltspunkte bieten allerdings die vorgelegten Prüfprogramme der finnischen Google-Tochter (verfasst vom Architektur- und Ingenieur-Dienstleister Sweco) sowie öffentliche Stellungnahmen aus der andauernden Umweltverträglichkeitsprüfung. Den Unterlagen zufolge sollen in Muhos 9 Rechenzentrumsgebäude auf 571 Hektar und in Kajaani-Otanmäki8 Gebäude auf 405 Hektar entstehen. Sollte ein Parallelbau gewählt werden, werde jeder Campus 6 bis 10 Jahre Bauzeit für den Ausbau benötigen. Erste Datacenter-Gebäude könnten in 2,5 Jahren fertiggestellt werden.
Sowohl Muhos als auch Kajaani-Otanmäki sollen über neue Zuleitungen direkt an das 400-Kilovolt-Übertragungsnetz angeschlossen werden. Die Rechenzentren sollen für die Abwärmeabgabe vorbereitet werden, konkrete Anschlusspläne gibt es allerdings nicht.
Für beide Standorte gibt Google zwei mögliche Varianten der Gebäudekühlung an. In beiden Fällen soll eine Wasserkühlung der Raumluft in den Datenräumen zum Einsatz kommen. Die eine Möglichkeit sieht dabei eine Runterkühlung der abgeführten Wärme mit einem offenen Außenkreislauf über Verdunstungstürme vor. Eine Alternative mit geringerem Wasserverbrauch, aber höherem Stromhunger sei die Abkühlung der Wärme mit Kältemaschinen und Trockenkühlern. Welche Variante geeigneter ist, könne „erst zum Bauzeitpunkt“ entschieden werden.
Rund 1 Gigawatt Leistung pro Campus geschätzt
Starkstrom vor der Tür: Das 400-kV-Leitungsbündel des Netzbetreibers Fingrid führt quer durch das Projektgebiet in Muhos, das Umspannwerk Pyhänselkä liegt an der Nordwestecke. Dort soll der Campus mit 400 kV angeschlossen werden.
(Bild: UVP-Programm Rechenzentrum Muhos (2025), S. 43; Legende übersetzt.)
Für die Standorte gibt Google Notstromgeneratoren mit einer Feuerungswärmeleistung über 300 Megawatt an – eine die Umweltverträglichkeitsprüfung auslösende Mindestschwelle. Die geplante Notstromleistung sei dabei „erheblich“ höher. Zur Gesamtleistung bleibt das Programm vage: „Angesichts der Größe und der Leistungsfähigkeit der Anlage wird erwartet, dass der Energiebedarf im finnischen Maßstab erheblich ist.“ In Reaktion forderte die regionale Aufsichtsbehörde (ELY), den Stromverbrauch je Funktion und Bauabschnitt öffentlich zu machen.
Der Naturschutzverband SLL Nordösterbotten hat für Muhos aus den Plänen einen Strombedarf von 1 bis 1,3 GW abgeleitet. Eine redaktionelle Nachrechnung anhand der Angaben zur erwarteten Verdunstung in den Verfahrensunterlagen bestätigt eine Wärmelast von rund 1,1 Gigawatt. Ein Batteriespeichersystem in Kajaani mit 94 Megawatt Leistung soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden.
Gleichzeitig sollen neue Verträge Google in Finnland zu insgesamt 629 Megawatt Windleistung verhelfen. Zudem sichert sich der Konzern für 22 Jahre Energie aus dem Atomkraftwerk Loviisa, welches wohl auch den nahegelegenen Google-Campus in der Stadt Hamina mit 200 bis 300 Megawatt Leistung mitspeisen soll. Bereits bei der Expansion des Rechenzentrums in Hamina rodete 2018–2019 die Google-Tochter Tuike Finland 1,3 Hektar mehr Wald, als genehmigt worden war. Durch die Rodung der Nistbäume und Wanderkorridore waren geschützte Lebensräume des Gleithörnchens zerstört worden. Der Konzern kam aufgrund einer erst später verschärften Gesetzeslage mit einer Verwarnung davon.