Kehrseite der Digitalisierung Deutschland wird digitaler – zu welchem Preis?

Autor: Sarah Gandorfer

Die Covid-19-Pandemie hat die Digitalisierung kräftig angeschoben. Das gilt sowohl für den deutschen Mittelstand, wie auch für Städte und Gemeinden. Vielfach ist sie dringend notwendig. Doch oftmals sind die Kosten höher als der Nutzen der modernen Informationstechnologie.

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Nicht immer ist der Nutzen höher als die Kosten.
Nicht immer ist der Nutzen höher als die Kosten.
(Bild: Elnur - stock.adobe.com)

Die Mehrheit (88 Prozent) der Städte und Gemeinden hat als Reaktion auf die Coronakrise neue Digitalisierungsprojekte verwirklicht. 54 Prozent der 600 vom Bitkom für eine Studie befragten Kommunen, wollen das Digital-Budget für 2021 teilweise kräftig erhöhen.

Dass digitale Technologien und Anwendungen in Zeiten der Pandemie stark zur Aufrechterhaltung des Amtsbetriebs beitragen, sagen drei Viertel (77 Prozent). Für die Digitalisierung will die Mehrheit künftig mehr Geld bereitstellen. Ein Drittel (34 Prozent) rechnet mit einem konstant bleibenden Budget, lediglich 1 Prozent will das Budget kürzen.

Der Mittelstand

Ebenso wird der deutsche Mittelstand digitaler. Das betrifft alle Bereiche der Wertschöpfung wie auch alle Branchen und Firmengrößen. Auch hier erhoffen sich Unternehmen durch mobile und flexible IT Hilfe gegen die Folgen der Pandemie. Zu diesem Ergebnis kommt die Telekom Studie „Digitalisierungsindex Mittelstand 2020/2021“

46 Prozent der befragten Unternehmen haben Geschäftsmodelle, Produkte und Services während der Pandemie angepasst. Fast drei Viertel boten ihren Mitarbeitern an, im Homeoffice zu arbeiten. Entsprechend investierten die Firmen in mobile Endgeräte und mobile Business-Anwendungen. Auch das Gesundheitswesen, das Dienstleistungsgewerbe oder der Handel nutzen verstärkt digitale Lösungen. Diese Schritte haben die Digitalisierung im deutschen Mittelstand insgesamt beschleunigt.

Die Pandemie versetzt der Digitalisierung einen Schub.
Die Pandemie versetzt der Digitalisierung einen Schub.
(Bild: Deutsche Telekom)

Besonders deutlich wird das Tempo bei der Produktivität. Die digitale Transformation erreicht mit 56 Indexpunkten und einem Plus von vier Zählern gegenüber dem Vorjahr einen neuen Höchststand. Beispiele sind verbesserte Arbeitsabläufe und Strukturen. Mobiles und flexibles Arbeiten erleichtert den Transfer von Arbeitsplätzen ins Homeoffice. Dort sind Teams räumlich voneinander getrennt und arbeiten dennoch effizient zusammen.

Auch die Beziehung zum Kunden läuft digitaler ab als früher. Vermehrt wird beispielsweise per Video beraten. Der Indexwert für den Bereich Beziehung zu Kunden steigt im Vergleich zum Vorjahr um drei Punkte auf 58 Zähler.

(Bild: Deutsche Telekom)

Viele Mittelständler haben außerdem ihre Geschäftsmodelle mit digitalen Produkten weiterentwickelt. Hier steigt der Indexwert ebenfalls um drei Punkte auf 51. Konstant wichtig mit 68 Indexpunkten bleiben der Schutz und die Sicherheit von Daten.

Veränderte Investitionen

Die Coronakrise zwingt zum Spagat zwischen Sparen und Investieren. Sinkender Umsatz und begrenzte Budgets führen zu klaren Prioritäten bei Investitionen. Dazu zählen mobile Endgeräte, Tools für Kommunikation und Kollaboration sowie VPN-Lösungen. Auch im Fokus: der Schutz und die Sicherheit von Daten. Tools in der Cloud, privates WLAN und ungesicherte Arbeitsräume im Homeoffice bergen neue Gefahren.

Der Fokus für Investitionen wird neu ausgerichtet.
Der Fokus für Investitionen wird neu ausgerichtet.
(Bild: Deutsche Telekom)

Trotz Krise halten 60 Prozent der Unternehmen an ihrem IT-Budget fest. 18 Prozent der Unternehmen stellen ihre Investitionen dagegen zunächst zurück. Diese Unternehmen finden sich vor allem in stärker von der Krise betroffenen Branchen. Dazu zählen das Gastgewerbe sowie Kunst und Unterhaltung. Ebenso betroffen sind Technologien wie KI, Robotik, Augmented und Virtual Reality (AR/VR), aber auch generell die Digitale Innovationskultur und das Change Management.

Besonders deutlich wird der wirtschaftliche Nutzen bei den digitalen Spitzenreitern. Gemeint sind damit die zehn Prozent der Unternehmen mit dem höchsten Grad der Digitalisierung. 77 Prozent davon haben schnell und flexibel auf die Krise reagiert. Der Wert steigt noch, wenn das Geschäftsmodell bereits vor Beginn der Pandemie weitestgehend digital war. Von den übrigen Unternehmen beschreiben nur 36 Prozent einen vergleichbaren Effekt.

Steigende Kosten durch Digitalisierung

Doch auch die vielgepriesene Digitalisierung hat ihre Kehrseite. Die meisten Unternehmen erhoffen sich durch ihren Einsatz eine Kostensenkung. Allerdings wartet jedes dritte Unternehmen noch auf anvisierte Einsparungen.

ie Gründe dafür sind unterschiedlich. Ein nicht zu unterschätzender Posten sind Personalausgaben. Viele Unternehmen haben massiv in den Aufbau von Knowhow investiert und beispielsweise Data Scientists und andere Digitalspezialisten rekrutiert. Dazu kommen laufende Kosten nach der Einführung neuer IT-Lösungen, die häufig aufgrund längerer Verträge oder aus Sicherheitsgründen eine Zeit lang parallel zur bestehenden Infrastruktur betrieben werden müssen.

Der Mittelstand geht künftig von weiteren Kostensteigerungen aus, so eine Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW): Insgesamt prognostizieren 28 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), dass die Digitalisierung in den kommenden vier Jahren ihre Kosten erhöht. So das Ergebnis der Studie „Potenzialanalyse Reality Check Digitalisierung“ von Sopra Steria und dem F.A.Z.-Institut.

Was unterm Strich herauskommt

Steigende Kosten rechnen sich nur, wenn Unternehmen auf der anderen Seite genügend positive Effekte durch Digitalisierung erzielen. Doch die lassen oftmals auf sich warten: Auf der Habenseite der Digitalisierungsbilanz verbucht nur jedes fünfte Unternehmen zusätzliche Umsätze, beispielsweise durch neue digitale Dienstleistungen oder durch das Erschließen neuer Kundengruppen. Fast ebenso viele (19 Prozent) konnten ihre Profitabilität in Form höherer Gewinne steigern, unter anderem weil sie mithilfe neuer Technologien Abläufe automatisiert haben.

Am häufigsten registrieren Firmen Erfolge bei weicheren Kennzahlen wie Kundenzufriedenheit und Innovationsgeschwindigkeit. Rund 60 Prozent verbuchen signifikante Verbesserungen. Für die Mehrheit der befragten Unternehmen hat es sich ausgezahlt, dass sie Kunden früh in Verbesserungen einbezogen haben, beispielsweise bei der Entwicklung von Apps oder bei der Einführung neuer Online-Geschäftsprozesse.

Zudem hat in jedem zweiten Unternehmen Digitalisierung einen positiven Einfluss auf die Mitarbeiterzufriedenheit. „Das zeigt, dass sich die Entlastung von Routineaufgaben tatsächlich auf die Motivation in den Teams auswirkt“, sagt Frédéric Munch, Leiter von Sopra Steria Next. Als ebenso motivierend erweisen sich neue Formen der Zusammenarbeit und neue Führungsstile in den Unternehmen. 70 Prozent der befragten Entscheiderinnen und Entscheider berichten, dass es sich auszahlt, Teams mit gemischten Qualifikationen zu bilden.

Hausaufgaben nicht gemacht

Die Zufriedenheit steigt jedoch nur, wenn das Personal tatsächlich durch Digitalisierungsmaßnahmen entlastet wird. Das ist allerdings nicht immer der Fall: In 44 Prozent der befragten Unternehmen war die Arbeitslast nach Digitalisierungsprojekten größer als vorher.

Dazu führen häufig technische Anlaufschwierigkeiten und fehlende Benutzerfreundlichkeit der eingesetzten digitalen Lösungen, aber auch strategische Fehlplanungen. Viele Unternehmen führen beispielsweise im Kundenservice neue Online-Kanäle wie Chatbots ein, ohne die Abläufe neu zu organisieren und diese überall dort wo möglich, zu automatisieren. Die Folge: noch mehr Anfragen für die Mitarbeiter.

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Über den Autor

 Sarah Gandorfer

Sarah Gandorfer

Redakteurin bei IT-BUSINESS