Der Hattersheimer Bürgermeister Klaus Schindling im Interview „Dem Charme eines globalen Datacenter-Betreibers sind wir erlegen.“

Redakteur: Ulrike Ostler

Im Jahr 2019 fand NTT Global Data Centers in Hattersheim am Main eine neue Co-Location-Bleibe. Der Bürgermeister der Kommune, Klaus Schindling, zeigt sich erfreut über die Ansiedlung von Rechenzentren. Warum das so ist, erläutert er im Interview mit DataCenter-Insider.

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Der Rechenzentrums-Campus in Hattersheim trägt die Bezeichnung „Frankfurt 4“ und befindet sich in im Südwesten der Stadt. Nach vollständigem Ausbau über 24.000 Quadratmeter IT-Fläche und 80 MW IT-Last in insgesamt fünf, im Interview sechs oder sieben, Rechenzentrumsgebäuden. Der erste Abschnitt wurde 2019 eröffnet.
Der Rechenzentrums-Campus in Hattersheim trägt die Bezeichnung „Frankfurt 4“ und befindet sich in im Südwesten der Stadt. Nach vollständigem Ausbau über 24.000 Quadratmeter IT-Fläche und 80 MW IT-Last in insgesamt fünf, im Interview sechs oder sieben, Rechenzentrumsgebäuden. Der erste Abschnitt wurde 2019 eröffnet.
(Bild: NTT Global Data Centers)

Als die japanische NTT-Delegation zur Eröffnung des ersten Rechenzentrumsbaus in Hattersheim eintraf, wähnte sie sich in Frankfurt am Main. Die Mittelstadt ist ja auch nicht gerade der Nabel der Welt und doch verlegte NTT Global Data Centers EMEA GmbH seinen Firmensitz in die hessische Stadt - wie auch Digital Realty.

Wie kam es zur Ansiedlung des Rechenzentrums in Hattersheim am Main? Und was bedeutet das für ihre Gemeinde mit rund 29.000 Einwohnern?

Klaus Schindling: Wir haben bekannt gegeben, dass wir ein freies Gelände für Gewerbeansiedlungen zur Verfügung stellen können. Und manchmal ist es so: Der Zufall hilft mit. In diesem Falle war es ein Mitarbeiter der Firma E-Shelter [heute Bestandteil von NTT Global Data Centers). Beim ersten Treffen schon stellt sich heraus, dass das Unternehmen eigentlich das gesamte Gebiet benötigen würde.

Da stellt sich zunächst die Frage nach Lärm- und Staubemissionen sowie nach der Verkehrsbelastung. Es stellt sich aber sehr schnell heraus, dass ein Betreiber eines Rechenzentrumscampus da vergleichsweise pflegeleicht ist. Da gibt es keine LKWs, die herumfahren, keine Geruchsbelästigungen und kein Krach.

Die zweite Frage, die es zu beantworten gilt, ist die nach möglichen Einnahmen durch die Gewerbesteuer. Zunächst erscheint ein Rechenzentrum vergleichsweise unattraktiv, da nicht so viele Menschen dort arbeiten. Allerdings gibt es eine Art Peripherie, die für Beschäftigung sorgt, etwa durch einen Sicherheitsdienst ….

Wir haben dann die Vergabe eines so großen Grundstücks, immerhin sind es mittlerweile 100.000 Quadratmeter, an nur ein Unternehmen an den dringenden Wunsch geknüpft, dass dieses Unternehmen seinen Unternehmenssitz von Frankfurt nach Hattersheim verlagert. Denn nach deutschem Recht ist es nun einmal so, dass in die Gemeinde, die den Unternehmenssitz beherbergt, auch der Löwenanteil der Gewerbesteuer fließt. NTT hat sich darauf eingelassen, so dass in Hattersheim inzwischen für neun NTT-Firmen der Firmensitz ist.

Das Gelände bietet Platz für sechs oder sieben Datacenter-Bauten sowie zusätzliche Verwaltungs- und ein Eingangsgebäude. Dazu gehört zudem ein Umspannwerk.

Eines der NTT-Global-Data-Centers-Rechenzentren in Hattersheim: Der Campus liegt rund 10 Kilometers von den bestehenden Standorten „Frankfurt 1“ und „Frankfurt 3“ entfernt.
Eines der NTT-Global-Data-Centers-Rechenzentren in Hattersheim: Der Campus liegt rund 10 Kilometers von den bestehenden Standorten „Frankfurt 1“ und „Frankfurt 3“ entfernt.
(Bild: NTT Global Data Centers)

Macht sich Hattersheim abhängig von einem derart großen Unternehmen?

Klaus Schindling: Wir haben bisher ungefähr Gewerbesteuereinnahmen von rund 15 Millionen Euro pro Jahr – durch viele verschiedene Gewerbetreibende. Jetzt ist es in der Tat so, dass die Risikostreuung abnimmt. Auf der anderen Seite ist die Datacenter- und Kommunikationsbranche innovativ, zukunftsweisend.

Zudem hat es einen immensen Charme, wenn sich ein Global Player hier niederlässt – und das ganze Gelände nimmt. Diesem Charme sind wir erlegen. Wenn man sich selbst nicht den Ruck gibt und zugreift, macht es eben ein anderer. Die Datacenter-Branche sucht nämlich derzeit wie wild.

Wir konnten aber die gewünschten Zugriffsparameter erfüllen: die Nähe zum Flughafen, die Verfügbarkeit großer Strommengen und möglichst kurze Strecken für die Anbindung an den DE-CIX. Deren Leitungen laufen direkt bei uns, entlang der A66, vorbei.

Die Innovations- und Zukunftsfähigkeit, die Rechenzentren bedeuten, höre ich als Vertreterin von DataCenter-Insider gerne. Doch war Ihnen das von Anfang an klar?

Klaus Schindling: Natürlich mussten wir erst Erkundigungen einholen. Aber man muss ja nur nach Frankfurt oder anderen Datacenter-Metropolen schauen, um zu sehen, welche Wachstumsmöglichkeiten die Branche verspricht. Zu diesem Zeitpunkt war Corona noch kein Thema, Aber auch im Zusammenhang mit der Pandemie zeigt sich, dass diese Branche riesige Zuwächse verzeichnen kann.

Apropos Zeit: Können Sie eine zeitliche Einordnung vom ersten Kontakt bis zu dem Zeitpunkt vornehmen, an dem erstmalig Steuereinnahmen an die Gemeinde fließen werden?

Klaus Schindling: Ich habe am 1. Oktober 2016 angefangen. Im November desselben Jahres haben wir uns das erste Mal getroffen. Als klar war, dass wir mit NTT zusammenkommen, bekam das Projekt Priorität und 2017 waren die Verträge fertig. Und jetzt Anfang 2021 bauen die den dritten Rechenzentrumskubus.

Der erste Bauabschnitt des Hattersheimer Datacenter-Campus von NTT Global Data Centers wurde im Juni 2019 fertiggestellt.
Der erste Bauabschnitt des Hattersheimer Datacenter-Campus von NTT Global Data Centers wurde im Juni 2019 fertiggestellt.
(Bild: Google Maps)

Welche Bedenken hat es im Vorfeld gegeben?

Klaus Schindling: Den Klimapreis für einen solch stromfressenden Giganten werden wir nicht mehr gewinnen. Ansonsten waren die Gegenargumente doch sehr verhalten. Aus der Ecke der Grünen waren eher leise Einwände zu vernehmen, was die Versiegelung einer solch großen Fläche angeht, …. Doch schwerwiegende Bedenken hatte auch die Opposition nicht geäußert.

Wie steht es mit der Stromzufuhr? War von Haus aus genügend vorhanden? Die Klimabilanz fiele positiver aus, wenn die Abwärme genutzt würde?

Klaus Schindling: Glücklicherweise war laut des lokalen Energielieferanten Süwag Vertrieb AG & Co. KG von Anfang an genügend Energie lieferbar. Außerdem hat sich NTT von vorneherein um die Abnahme der Datacenter-Abwärme gekümmert, so dass nun ein Wohngebiet mit 500 Wohneinheiten komplett mit dieser Wärme-Energie versorgt wird.

Unsere Stadtwerke betreiben zwei Blockheizkraftwerke, die Wärme für Fernheizungen erzeugen. Doch die Abwärmenutzung ist etwas Neues, weil wir zuvor niemals so große Kühlaggregate in der Gemeinde hatten.

Die Wärmekapazität der Rechenzentren dürfte noch steigen, da der Endausbau noch nicht erreicht ist. Können Sie als Gemeinde die Verwendung beeinflussen also für mehr Stadteilheizungen oder auch direkte Nutzung in Büros oder Gärtnereien zum Beispiel.

Klaus Schindling: Im bereits umgesetzten Fall handelt es sich zwar um keine der Gemeinde-eigenen Wohnungsbaugesellschaften, sie gehören einem freien Investor, aber wir sitzen schon mit am Verhandlungstisch. Und tatsächlich gehen die Überlegungen weiter.

So haben wir im Gemeindegebiet mit Digital Realty noch einen weiteren Datacenter-Betreiber, dem eine Liegenschaft von 140.000 Quadratmeter zur Verfügung steht. Und auch dieser Betreiber ist zu Verhandlungen darüber bereit, was sich mit der Abwärme alles anstellen lässt.

Digital Realty wird auch seinen Firmensitz nach Hattersheim verlegen?

Klaus Schindling: Ja. - Es hilft, dass wir einen Gewerbesteuerhebesatz (2020) haben, der mit 370 Prozent 90 Punkte unter dem von Frankfurt am Main (460) liegt. Da braucht man gar nicht charmant werben, sondern lässt die Zahlen für sich sprechen.

In welcher Höhe erwarten Sie denn Gewerbesteuereinnahmen?

Klaus Schindling: Wenn das Unternehmen voll ausgebaut ist und prosperiert kann schon ein siebenstelliger Betrag dabei herauskommen.

Welche Vorteile erwarten Sie außerdem von der Datacenter-Ansiedlung?

Klaus Schindling: Wir erwarten einiges und sind auch schon aktiv geworden. So haben wir den Verein „Taunus Innovation Campus“ gegründet. https://www.taunus-innovation-campus.com/ NTT ist mit dabei. In dem Projekt geht es darum Digitalisierung für die Bürger erfahrbar und verstehbar zu machen. Dort wird es ein Labor geben, wo gezeigt wird, wie Daten erfasst und gespeichert werden sowie digitale Musterwohnungen vom Partner Krieger und Schramm, in Kooperation mit der Firma Bosch ein kleines Container-Rechenzentrum … Wir wollen auf dem Weg zur Digital City die Menschen mitnehmen. Das sind Themen wie die smarte Parkplatzsuche – und Straßenbeleuchtung, die intelligente Verkehrssteuerung mittels Sensorik, ….

Aus Stockholm beispielsweise ist bekannt, dass Rechenzentren eine große Anziehungskraft auf innovative Geschäftsideen haben. Das wiederum sorgt für neue, neuartige Arbeitsplätze. Erleben Sie diesen Effekt bereits?

Klaus Schindling: Den Effekt bemerken wir auch. Zum Beispiel steigen wir jetzt in die Welt des Co-Working ein. So ein Rechenzentrum hat in der Peripherie ja alles Mögliche an Arbeitsplätzen und -kräften, zum Beispiel Techniker, die übrigens hier auch Wohnraum benötigen. Und da der Firmensitz verlagert wird, ist auch Administration vonnöten.

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