Die Scottish National Party (SNP), die im schottischen Parlament über die Mehrheit verfügt, vollzieht eine Kehrtwende unterstützt nun ein befristetes Moratorium für neue Rechenzentren in Schottland. Die Debatte stellt das Versprechen einer KI-getriebenen Wirtschaft der physischen Realität von Netzanschluss, Energieversorgung und klimapolitischen Zielkonflikten gegenüber.
SNP, die schottische Regierungspartei, hatte sich noch Anfang 2026 gegen ein Datacenter-Moratorium ausgesprochen. Jetzt vollzieht sie eine Kehrtwende, sodass in Holyrood eine Mehrheit für ein temporäres Bauverbot möglich wird.
(Bild: Yves Grandmontagne /DCmag)
Mit dem Votum des SNP-Vorstands hat die Entwicklung eine neue Qualität erreicht: die Partei befürwortet nun ein befristetes Moratorium für neue Rechenzentren in Schottland. Die Bedenken beziehen sich laut Partei auf die Umweltauswirkungen der Hyperscale-Anlagen und den Druck, den diese auf die Energieressourcen ausüben. Die schottische Regierung prüft ihrerseits bereits eine mögliche Aussetzung der Genehmigungsanträge.
Dieses politische Signal wiegt schwer, denn die SNP regiert in Schottland, und die schottischen Grünen drängen seit Monaten in dieselbe Richtung. Damit zeichnet sich eine mögliche Mehrheit für ein Einfrieren der Genehmigungen ab, was Edinburgh in einen offenen Gegensatz zu London bringen würde, das der Ansiedlung neuer digitaler Kapazitäten weitaus wohlwollender gegenübersteht.
Der Leistungsbedarf erreicht eine neue Größenordnung
Im Kern ist es ein Stromthema. Aktivisten in Schottland sprechen inzwischen von einer Pipeline aus 24 Hyperscale-Projekten mit einer Leistung von bis zu 6 GW – mehr als das Anderthalbfache der aktuellen schottischen Spitzenlast. Andere Quellen nennen für die bereits geplanten oder vorgeschlagenen Projekte eine Spanne von 4.749 bis 5.249 MW. Selbst in der niedrigen Annahme übersteigt diese Größenordnung den heute in Betrieb befindlichen Bestand.
Im Juni 2024 zählte Schottland erst elf betriebsbereite Rechenzentren mit einer Gesamtkapazität von rund 10 MW, wie aus den von schottischen NGOs zitierten Unterlagen hervorgeht. Der Kontrast zwischen dem Bestand und der angekündigten Pipeline erklärt, warum die Frage nicht mehr allein industrieller, sondern systemischer Natur ist.
„Grünes" 213-MW-Datacenter scheitert in South Gyle
Mehrere jüngere Fälle zeigen zudem, dass das Thema auf lokaler Ebene bereits an Schärfe gewinnt. In Edinburgh wurde ein 213-MW-Projekt in South Gyle von den Ratsmitgliedern abgelehnt – trotz positiver Stellungnahme der Verwaltung –, weil es die Kriterien für eine „grüne" Entwicklung im Sinne des Planungsrahmens nicht erfülle.
Der Fall ist aufschlussreich: Die Projektträger verweisen auf Verträge über erneuerbaren Strom und das Image eines „grünen" Rechenzentrums, doch die Kommunalpolitiker bezweifeln, dass sich diese Versprechen mit der Realität des Stromsystems vereinbaren lassen. Der Vorgang verdeutlicht auch die Fragilität der Nachhaltigkeitsargumente, wenn der Anschlussbedarf an einem einzigen Standort mehrere Hundert Megawatt erreicht. Im Hintergrund stehen dabei die dieselbetriebenen Notstromaggregate und der Wasserbedarf für die Kühlung.
Der regulatorische Knoten
Der zweite Spannungspunkt ist juristischer Natur. Die schottische Regierung hatte sich bereits zurückhaltend gezeigt, verbindliche Umweltverträglichkeitsprüfungen für Rechenzentren einzuführen, und lehnte Anfang 2026 die Idee eines förmlichen Moratoriums noch ab.
Doch der Druck ist seither deutlich gewachsen: durch kommunale Anträge, Kampagnen von Verbänden und die zunehmende Kritik am Fehlen einer klaren Definition dessen, was ein „grünes Rechenzentrum" überhaupt ausmacht. Diese Unschärfe ist entscheidend: Ohne präzise Kriterien für kohlenstoffarmen Strom, Energieeffizienz, Wasserverbrauch oder die Nutzung von Abwärme bleibt das Etikett „grün" leicht anfechtbar. Es besteht die Gefahr, dass sich das Planungsverfahren in einen Auslegungsstreit verwandelt – mit uneinheitlichen Entscheidungen je nach Kommune und immer längeren Entwicklungszeiten.
Ein Riss zwischen Edinburgh und London
Der schottische Vorgang ist auch ein Signal an das Vereinigte Königreich. Westminster forciert Rechenzentren als Infrastruktur für Wachstum und KI, während Schottland den Schwerpunkt auf die Netzkapazität, die Vereinbarkeit mit den eigenen Klimazielen und die Akzeptanz vor Ort legt. Vor diesem Hintergrund hätte ein schottisches Moratorium eine politische Tragweite, die über seinen geografischen Geltungsbereich hinausreicht.
Hinter dem Wort „Moratorium" verbirgt sich vor allem der Versuch, die Kontrolle über einen Markt zurückzugewinnen, der schneller voranschreitet als die Planung. Schottland will die KI anlocken – muss aber erkennen, dass große Rechenzentren nicht bloß technische Bauten sind: Sie sind Gegenstände der Energie-, Flächen- und Netzpolitik.
Stand: 08.12.2025
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↗*DataCenter-Insider und DCmag sind Medienpartner!
Eine Meldung von Yves Grandmontagne im Rahmen der Medienpartnerschaft von DataCenter-Insider mit DCmag. Hier geht es zur französischen Fassung.