Bislang ist die Klimaneutralität der europäischen Rechenzentren vor allem ein frommer Wunsch. Doch angesichts drohender Regulierung kommt die Branche jetzt in Schwung und gründet einen Pakt.
Ein europaweiter Rechenzentrumspakt peilt Klimaneutralität für seine Mitgliedsrechenzentren bis 2030 an.
Der Energie-Effizienzinitiative schlossen sich im Lauf der Zeit 138 Rechenzentrumsbetreiber mit teils mehreren Rechenzentren an. Sie versprachen ein regelmäßiges Energie-Effizienz-Reporting und regelmäßige Verbesserungen auf diesem Gebiet. Doch inzwischen steigen die Erwartungen an Datacenter-Betreiber.
Zur Erinnerung: Bis 2030 will die EU den Ausstoß klimabeeinträchtigender Gase um 55 Prozent heruntergefahren haben. Digitale Anwendungen wie Verkehrslenkung, Home Office, ressourcenschonendes automatisiertes Gebäude-Management und so weiter spielen bei diesem Vorhaben eine wichtige Rolle.
Ergänzendes zum Thema
Das Beispiel Equinix
Equinix schließt sich europäischen Cloud- und Rechenzentrumsanbietern an und verspricht Klimaneutralität bis 2030. Der „Climate Neutral Data Centre Operator Pact“ signalisiere die erste gemeinsame Initiative der Branche, die das Ziel bekräftige, europäische Rechenzentren bis 2030 klimaneutral zu betreiben, heißt es in der entsprechen Verlautbarung.
Die Branche sei entschlossen, eine führende Rolle bei der Umstellung Europas auf eine klimaneutrale Wirtschaft zu spielen, um die europäische Datenstrategie und den europäischen „Green Deal“ zu unterstützen, der Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt machen soll.
Die Vereinbarung sieht auch eine Selbstregulierungsinitiative für die Branche vor, die sich Ziele setzt, um den Übergang zu einer grüneren Wirtschaft in Europa zu erleichtern. Equinix und andere Betreiber, die die Vereinbarung unterzeichnet haben, verpflichten sich unter anderem zu den folgenden messbaren und ehrgeizigen Zielen, die für 2025 und 2030 festgelegt wurden:
Die Verbesserung der Energie-Effizienz
Bezug von 100prozentiger CO2-freier Energie [die es in Deutschland weder in ausreichender Menge, noch ohne Zukauf durch Zertifikate, Atomstrom etc. gibt, Anm. d. Redaktion] In den Jahren 2019 und 2020 hat Equinix für alle seine Standorte in der EU zu 100 Prozent erneuerbare Energie eingekauft und weltweit einen Anteil von über 90 Prozent erneuerbarer Energie erreicht.
Wassereinsparung durch die Auswahl effizienter und geeigneter Kühllösungen
Recycling von Servern, elektrischen Geräten und anderen elektrischen Komponenten
Wiederverwendung der Wärme des Rechenzentrums wo dies praktikabel, umweltfreundlich und kosteneffizient ist
Die Europäische Kommission wird den Fortschritt bei der Erreichung der Ziele der Initiative zweimal im Jahr überprüfen.
Ebenfalls im vergangenen Jahre macht das Umweltbundesamt die Ergebnisse seines Projekts „KPIDCE “) bekannt. Es erarbeitete Parameter zur Bewertung der Umwelteffizienz von Rechenzentren und in einem anderen Projekt für Cloud-Services. Geplant sind nun von der Bundesregierung – neben dem „Blauen Engel“ für Rechenzentren – ein Rechenzentrumskataster und ein Energielabel für Rechenzentren sowie Cloud-Services.
Passiert ist aber bislang außer vielen großen Worten wenig. Es wird wohl dauern, bis das geplante Datacenter-Kataster steht und sich Rechenzentren mit Energielabels schmücken müssen oder dürfen. Dem Blauen Engel für Rechenzentren war bislang ein sehr überschaubarer Erfolg beschieden, etwa weil es keine Möglichkeit gab, Co-Location-Datacenter nach den gegebenen Kriterien zu bewerten.
Das hat den Grünen-Bundestagsabgeorndeten Dieter Janecek kürzlich zu klaren Worten veranlasst. Als Obmann in den Ausschüssen „Wirtschaft und Energie“ sowie „Digitale Agenda“ sowie als Mitglied der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz ist er thematisch gut im Bilde.
Janacek: „Nachhaltigkeit und Digitalisierung müssen zusammen gedacht werden. Das Umweltministerium verfolgt erste Ansätze. Die sind bei weitem nicht genug um das gesteckte Ziel zu erreichen. Da reicht es nicht beim Digitalgipfel groß Reden zu schwingen. Es müssen konsequent Taten folgen!“
Dazu kommt: Die Kunden der Co-Lokation-Rechenzentren wollen ein grüneres IT-Image. Eine Studie von 451 Research im Auftrag von Schneider Electric ergab, dass die große Majorität der Co-Location-Kunden Wert darauf legt, dass ihre Datacenter-Dienstleister nachhaltig arbeiten.
Die Schweizer Rechenzentrumsbetreiber haben mit SDEA (Swiss Datacenter Efficiency Association) bereits einen Verband gegründet, der für nachhaltigere Rechenzentren sorgen soll. In Schweden gibt es mit Fossil Free Datacenter
bereits ein Ökolabel für Rechenzentren mit klaren Vorgaben.
Nun zieht der Rest der europäischen Datacenter-Branche nach. Mitte Januar wurde der Climate Neutral Datacentre Pact geschlossen.
Der Gruppierung gehört so ziemlich alles an, was auf europäischem Boden Rang und Namen im Rechenzentrumsmarkt hat. Die Mitgliederliste umfasst Betreiber wie Equinix, Interxion, AWS, Google, OVHCloud, Atos oder Digiplex und angeblich jetzt auch die zunächst zurückhaltende Microsoft. Dazu kommen Datacenter-Betreiberverbände aus vielen Ländern Europas.
Zahlreiche nationale und europaweite Datacenter-Verbände sind Mitglied des Paktes
(Bild: Climateneutraldatacentre.net)
Auf den ersten Blick hat sich die neue Vereinigung viel vorgenommen: Alle Rechenzentren, die dem Pakt beitreten, sollen spätestens 2030 die Klimaneutralität erreichen. Das ist mehr als die Kohlendioxid-Neutralität, denn auch der Wasserverbrauch, die Vergeudung von Abwärme und kurze Nutzungszyklen tragen zum Ausstoß von Klimagasen bei.
Was ist mit Scope 2 und 3?
Leider ist aus der jungen Website des Verbandes nicht erkennbar, ob auch die Ausstöße in der Lieferkette („Scope 3“) und in nachgelagerten Bereichen, etwa die Geschäftsreisen der Rechenzentrumsmanager („Scope 2“), in die Bewertung mit einfließen sollen. Auch ob Energieverbrauch beim Bau des Datacenter einfließt, bleibt vorläufig offen.
Erst wenn dies alles der Fall ist, kann man nämlich im strengen Sinn von Klimaneutralität sprechen, so der UN Global Compact. Die Vereinigung von weltweit rund 12.000 Unternehmen hat sich vorgenommen, die zwölf nachhaltigen Entwicklungsziele der UN aktiv zu unterstützen, und Klimaneutralität gehört dazu. Im Pakt sind auch große IT-Player wie Intel, Microsoft, HPE, VMware oder SAP.
Stand: 08.12.2025
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Der neue europäische Datacenter-Pakt hat sich vor allem fünf Themen vorgenommen.
Neue Rechenzentren sollen bis 2025 und bestehende bis 2030 eine PUE (Power Usage Effectiveness von 1,3 respektive 1,4 (warme Klimata) erreichen, sobald sie eine Leistung von 50 Kilowatt oder mehr haben.
Zudem soll eine neue Datacenter-Effizienzmetrik entstehen, die in Zusammenarbeit mit Handelsverbänden und externen Akteuren entwickelt wird. Damit liegt hier die Messlatte sogar höher als beim schwedischen Label (1,4).
Bis 2025 sollen Rechenzentren zu 75 Prozent, bis 2030 zu 100 Prozent mit nachhaltig erzeugter Energie versorgt werden. Ob dazu beliebige Grünstrom-Zertifikate ausreichen oder mehr verlangt wird, bleibt derzeit offen.
Drittens soll der Wasserverbrauch sinken. Rechenzentren, die dem Pakt beitreten, sollen sich bis 2022 ein jährliches individuelles Ziel für die effektive Wassernutzung (WUE, Water Usage Effectiveness) setzen, das vom Design des Rechenzentrums abhängt. Neue Rechenzentren sollen ihr Ziel spätestens 2025 und bestehende spätestens 2030 erreichen.
Reparatur, Recycling und Reuse
Sämtliche Server sollen auf ihre weitere Einsetzbarkeit, Reparaturmöglichkeiten und Recycling geprüft werden. Das ist aber gerade bei vielen größeren RZ schon heute der Fall, etwa bei Maincubes in Amsterdam oder bei OVHcloud.
Denn Server- und Storage-Lieferanten schreiben in Verträge mit größeren, aber auch kleineren Kunden bereits Klauseln für Rücknahme bei Neukauf und bringen viele Server nach Aufarbeitung wieder in den Verkauf oder schlachtet sie so weit als möglich hinsichtlich verwendbarer Ersatzteile aus.
Der Verband will aber erklärtermaßen die Menge rezyklierter, reparierter oder einem „zweiten Leben“ zugeführten Server erhöhen. Dafür soll bis 2025 ein Ziel definiert werden, was bedeutet, dass Rechenzrumsbetrieber weitere aus Sicht des Klimaschutzes viel zu lange drei Jahre nur das tun müssen, was sie ohnehin schon tun.
Abwärmenutzung: Guter Wille reicht nicht
Auch im Themenfeld Abwärmenutzung sind die Vorhaben eher sehr gemäßigt: Die Datacenter-Betreiber „werden sich bemühen, Möglichkeiten zu prüfen, sich an Nahwärmenetze oder andere Abnehmer anzuschließen“ oder Abwärme in nahegelegene Systeme einzuspeisen, so die Website des Paktes. Das tun sie manchmal auch heute schon, meist mit negativem Ergebnis.
Denn in Deutschland gibt es viel zu wenige solche Netze. Es gibt für Fern- und Nahwärme weder einen Abnahme- noch einen Abgabezwang. Es gibt keine Regulierung dazu, wer die nötigen Leitungen bauen soll, dazu kommen weitere ungeklärte oder ungünstig gelöste Rechts- und Finanzfragen.
Zudem ist die vorhandene Abwärme meist dank der genutzten Kühlmethoden im Rechenzentrum und Heizverfahren bei den Abnehmern zu kühl, um entsprechend genutzt zu werden. Sie müsste schlicht wärmer sein. Für höhere Temperaturen brauchte aber man, wie Fachleute längst fordern wie einige Demoprojekte zeigen, entweder Flüssigkühlung im Rechenzentrum oder aber eine Wärmepumpe. Auf den Einsatz von Wärmepumpen zu diesem Zweck müssen Rechenzentren derzeit EEG-Umlagen zahlen.
Kleine Rechenzentren sollen sich via Selbstauskunft zertifizieren, größere Dienstleister beanspruchen. Erstes Messjahr wird 2022. Rezertifizierungen sind nur alle vier Jahre nötig. Das ist vergleichsweise lang und wird schleunigen Fortschritt nicht gerade erzwingen.
Wie Alban Schmutz, Vorstand des Verbandes CISPE (Cloud Services Infrastructure Providers in Europe) und Vice President Strategic Development/Public Affairs bei OVHCloud, einem der Gründungsmitglieder, betont, seien die Ziele bewusst nicht zu streng gehalten. „Wir wollen auch die kleineren Rechenzentren an Bord holen“, sagte er anlässlich des aktuellen virtuellen Gaia-X-Summit Ende Januar.
Dass die Branche sich nun selbst Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, ist zweifellos ein Fortschritt. Man wird aber genau beobachten müssen, was der Verband tatsächlich tut. Nur so lässt sich auf die Dauer beurteilen, ob seine Gründung eher eine Feigenblatt-Aktion oder der ernsthafte Versuch ist, etwas zu bewegen.
CISPE, the association of Cloud Infrastructure Services in Europe, Eudca, the European Data Centre Association, Cloud28+, Cloud Community Poland, Danish Cloud Community, Datacenter Industrien, Data Centre Alliance, Dutch Data Center Association, Dutch Hosting Providers Association (DHPA), Eco – Alliance for the strengthening digital infrastructures in Germany, Eurocloud Croatia, Eurocloud France, France Datacenter, Host in Scotland, IKT-Norge, ISPConnect und TechUK