Politischer Jahresauftakt der German Datacenter Association in Berlin Aus Worten sollen Taten werden – Die GDA und die 'Nationale Rechenzentrumsstrategie'

Von Paula Breukel 5 min Lesedauer

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Beim politischen Auftakt der German Datacenter Association verdichten sich die Konfliktlinien der Branche: knappe Netzanschlüsse, hohe Stromkosten, Energie-Effizienzgesetz und Abwärme. Staatssekretärin Luise Hölscher skizziert den Rahmen der Rechenzentrumsstrategie.

Staatssekretärin Professor Luise Hölscher aus dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung spricht über die „Nationale Rechenzentrumsstrategie“.(Bild:  GDA)
Staatssekretärin Professor Luise Hölscher aus dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung spricht über die „Nationale Rechenzentrumsstrategie“.
(Bild: GDA)

Die German Datacenter Association setzt zum Jahresauftakt klare Prioritäten. Im Mittelpunkt stehen Netzanschluss-Management, Netzentgelte und die Frage, wie sich Rechenkapazität in Deutschland zügig ausbauen lässt, ohne dass Genehmigungen, Stromnetz und Kosten den Hochlauf bremsen. Als Leitmotiv fällt gleich zu Beginn der Satz: „Aus Worten sollen Entscheidungen werden.“

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Rechenzentrumsstrategie als Arbeitsrahmen

Staatssekretärin Hölscher aus dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) ordnet die nationale Rechenzentrumsstrategie als fortlaufend zu aktualisierendes Arbeitsprogramm ein. Sie spricht von einem „Living Document“, das mit Markt, Nachfrage und Technologiepfaden Schritt hält und nicht nach der Veröffentlichung veraltet.

Sie benennt drei Handlungsfelder, Energie und Nachhaltigkeit, Standort und Fläche, Technologie und Souveränität. Als Basis verweist sie auf eine Online-Konsultation mit mehr als 100 Stellungnahmen sowie auf die ressortübergreifende Arbeit mit Bauressort, Wirtschafts und Energieministerium und technologiepolitischen Zuständigkeiten. Ziel bleibt, Rahmenbedingungen so zu verändern, dass Angebot und Nachfrage nach Rechenkapazität schneller zusammenfinden.

Hölscher verknüpft Rechenkapazität mit der Fähigkeit, digitale Verwaltung, Cloud Computing und Künstliche Intelligenz (KI) im Land zu skalieren, ohne kritische Abhängigkeiten zu vertiefen. Als Beispiele für den europäischen Kontext fallen Programme und Strukturen wie GaiaX und EuroHPC. Sie begrüßt auch Tests für neue Chipansätze in Deutschland, darunter neuromorphe Chips, als Signal für Experimentierfelder jenseits reiner Standortpolitik.

Nationale Rechenzentrumsstrategie

Handlungsfelder, Problemlage, Zeitbild

Handlungsfelder: Energie und Nachhaltigkeit; Standort und Fläche, Technologie und Souveränität.

Problemlage: knappe Anschlusskapazitäten, lange Anschlusszeiten, hohe Strompreise inklusive Netzentgelte, heterogene und zähe Genehmigungsprozesse, geringe kommerzielle Kapazitäten für Künstliche Intelligenz (KI) und Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern mit extraterritorialer Wirkung.

Stärken: hohe Versorgungssicherheit, hoher Anteil erneuerbarer Energien, zentrale Lage und Konnektivität, etablierte Cluster-Regionen, hoher technologischer Standard, Forschungsrechenzentren und dichte Co-Location-Strukturen.

Zeitbild: Veröffentlichung als Startpunkt, Maßnahmen sollen binnen zwölf Monaten anlaufen.

Netzanschluss-Management und Kapazitätszuteilung

Peter Pohlschröder, stellvertretender Vorsitzender der German Datacenter Association (GDA), beschreibt den Netzzugang als zentrales Nadelöhr. Der Ausbau des Stromangebots und die Erweiterung der Netze halten aus Verbandssicht nicht Schritt mit dem wachsenden Bedarf. Pohlschröder plädiert für ein Verfahren nach dem Muster 'First ready. First served', also eine Vergabe nach nachweislicher Umsetzungsreife statt nur nach Eingangsdatum, gebunden an Präqualifikationskriterien.

Im Panel spitzt Severin Fischer, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung, die Lage für die Metropolregion zu: Stromnetz und Flächen stehen unter Druck, Voranfragen summieren sich im Berliner Netz auf mehr als ein Gigawatt. In dieser Lage rückt die Verteilungsfrage nach vorn, also wie knappe Anschlussoptionen an Vorhaben gehen, die tatsächlich realisieren.

Stromkosten als Standortthema

Neben der physischen Netzkapazität adressiert die GDA die Kostenebene. Pohlschröder nennt Netzentgelte und Strompreis als Standortfaktor und kritisiert, dass Rechenzentren in aktuellen Entlastungsmodellen nicht verlässlich abgebildet sind.

Er verknüpft das mit der Wachstumserwartung der Branche. Der Verband beziffert die Anschlussleistung von mehr als 2.000 Rechenzentren in Deutschland auf rund 2,5 Gigawatt (GW) und stellt bis 2030 eine Verdopplung in Aussicht.

Energie-Effizienzgesetz und Abwärme als Realitätscheck

Die politische Debatte dreht sich im Panel schnell um Effizienzvorgaben und Abwärmenutzung. Lars Rohwer, Bundestagsabgeordneter der CDU, verankert Rechenzentren nicht nur in Wertschöpfung, sondern auch in Daseinsvorsorge, die zunehmend digital organisiert ist. Zugleich fordert er Tempo bei Rahmenbedingungen, auch mit Blick auf das Energie-Effizienzgesetz. Er kündigt an, dass Netzanschluss-Management kurzfristig im Kabinett landen soll.

Sonja Lemke, Bundestagsabgeordnete der Linken, verschiebt den Fokus auf Akzeptanz und Zweckbindung. Sie fordert, neben Standortfragen klarer zu benennen, wofür Rechenleistung eingesetzt wird, sie verbindet das mit der öffentlichen Wahrnehmung von Nutzen und Risiko. In ihrer Zuspitzung sagt sie, dass sie gegen Rechenzentrumsneubauten, wenn diese dazu dienen pornografische Inhalte zu erstellen.

Die Abgeordnete ordnet die kommunale Perspektive ein, viele Abwägungen laufen vor Ort zusammen, Strom, Wasser, Infrastrukturkosten und ein begrenzte Arbeitsplatzhebel. Sie verweist auf Erfahrungen aus anderen Infrastrukturtypen, etwa Logistik, bei denen Kommunen Folgekosten tragen, ohne im gleichen Maß von Wertschöpfung zu profitieren. Beim Thema Abwärme nennt sie lokale Mehrwertpfade, die an Wärmeplanung, Netze und Abnehmernähe hängen.

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Berlin als Beispiel für Flächen, Strom und Wärmekopplung

Aus Betreibersicht hält Günter Eggers, Director Public Policy bei NTT Global Datacenters und GDA-Vorstandsmitglied, dagegen: Betreiber haben ein eigenes Interesse an Abwärme-Abgabe, weil jede abgegebene Kilowattstunde Wärme Kühlaufwand reduziert. Als Engpass beschreibt er weniger die Bereitschaft zur Abgabe als die wirtschaftliche und regulatorische Fähigkeit, Wärmenetze so auszubauen, dass sie Wärme aufnehmen und verteilen.

Severin Fischer verknüpft die Berliner Wachstumserzählung mit der energiewirtschaftlichen Realität. Er beschreibt Berlin als Innovationsstandort, der Rechenkapazität benötigt und verweist zugleich auf die Begrenzungen im Stadtgebiet, Flächenkonkurrenz, Netzrestriktionen, lange Vorlaufzeiten. Als Vergleich nennt er Größenordnungen aus der Region: Berlin liege bei rund 150 Megawatt, Brandenburg bei etwa 800 Megawatt.

Beim Thema Abwärme verweist Fischer auf konkrete Kopplungsmodelle. Er nennt die Planung, Rechenzentrumskapazität an Kraftwerksstandorte mit Fernwärme anzubinden, sowie ein Projekt in Mariendorf, bei dem ein Stadtquartier Wärme aus Rechenzentren erhält und fossile Heizungen ersetzt. Gleichzeitig betont er, dass Wärme-Einbindung Versorgungssicherheit und verlässliche Liefermodelle voraussetzt, weil Wärmesysteme zusätzliche Abhängigkeiten aufnehmen.

Stromkosten als Standortfaktor

GDA-Vertreter Pohlschröder zeigt sich über die jüngsten Entwicklungen in Sachen Anpassung der Industriestrompreise enttäuscht: Während der Koalitionsvertrag aus Verbandssicht eine Einbeziehung von Rechenzentren in Entlastungsmodelle nahelegt, sieht er Rechenzentren aktuell aus dem Modell herausgefallen. Um den Wachstumserwartungen zu entsprechen und auch im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müsse dieses Hemmnis aus dem Weg geräumt werden, betont er.

Laut Recherchen der GDA befinden sich in Deutschland aktuell über 2.000 Rechenzentren mit einer Anschlussleistung von insgesamt 2,5 Gigawatt (GW). Bis 2030 erwartet die GDA eine Verdopplung der Kapazität.

„2026 State of European Data Centres Report“ der European Data Centre Association (EUDCA)

Aus dem „2026 State of European Data Centres Report“ der European Data Centre Association (EUDCA) geht hervor, dass auch auf europäischer Ebene eine Phase starker Expansion, getrieben durch Künstliche Intelligenz und höhere Dichten, zugleich bremsen Stromverfügbarkeit, Netzanbindung und Genehmigungsprozesse stärker als fehlendes Kapital, beobachtet werden kann.

Im Report steigen die europäischen IT-Power-Kapazitäten von 10.539 Megawatt 2023 auf 14.784 Megawatt 2025; für 2026 bis 2031 erwartet die EUDCA 176 Milliarden Euro kumulierte Investitionen, außerdem stammen 90 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen.

Hier geht es zum Report.

Diese Entwicklungen führen zwar zu deutlich mehr Rechenkapazität, aber auch lange Planung, hohe Investitionen und enge Vorgaben.

Für Standorte wie Berlin läuft alles auf Priorisierung hinaus: knappe Anschlusskapazität, lange Vorläufe, hohe Systemkosten. Die nationale Rechenzentrumsstrategie soll dafür den Rahmen setzen. Ob sie trägt, zeigt sich daran, ob Netzanschluss-Management, Effizienzanforderungen und Wärmekopplung so zusammengeführt werden, dass Projekte planbar und zu realisieren sind.

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